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Wünscht man sich noch „Guten Appetit“ und „Gesundheit“?

Darf denn wirklich nur die Gastgebern guten Appetit wünschen? (Foto: wandtattoo.de)

Nicht über alle Fragen sind sich die Etikette-Experten einig. Von der Diskrepanz zwischen deutscher und internationaler Tischordnung  ̶  sie betrifft ausschließlich die Frage, ob der Ehrengast rechts (international) oder links (deutsch) von der Gastgeberin sitzt  ̶  , habe ich schon im Beitrag zur Tischordnung gesprochen.

Jetzt geht es um den Wunsch „Guten Appetit!“ Alle Benimmbücher halten diesen Wunsch für verpönt; eine kleine Umfrage zeigte mir, dass das besonders in Adelskreisen der Fall ist, die die Regeln der Etikette besonders streng auslegen. Aber auch in meinem grundbürgerlichen Elternhaus wurde dieser Wunsch nicht geäußert. Was meine Mutter stattdessen sagte (außer „gerade sitzen!“, vielleicht aber auch „Lasst es Euch schmecken“) ist mir nicht erinnerlich.

Für dieses Verbot wird eine Reihe nicht besonders stichhaltiger Argumente ins Feld geführt. Mich überzeugt unter ihnen nur, dass alleine die Hausfrau legitimiert ist, den Gästen „Guten Appetit“ zu wünschen, da es ihr Essen ist. Es ist ja tatsächlich fast ein wenig übergriffig, dass die Gäste wünschen, dass das von der Gastgeberin gekochte oder zumindest angebotene Essen ihr selbst schmecken möge.

Sogar im Staatsbankett des Bundespräsidenten

Dennoch hat sich der Wunsch „Guten Appetit“, von allen geäußert, eingebürgert. Selbst bei Staatsbanketten des Bundespräsidenten, das an Achter- oder Zehnertischen abläuft, an denen meist auch ein Mitglied des Bundespräsidialamts als Vertreter des Gastgebers sitzt, sagten einige Gäste „Guten Appetit“ zu mir und zu den anderen, als sie sahen, dass am Tisch des Bundespräsidenten angefangen worden war zu essen.

Ich rümpfte darüber nicht die Nase, sondern erwiderte ein “Danke, gleichfalls“ oder eben das formelhafte „Guten Appetit“. Ich tat das trotz gegenteiliger Erziehung, weil dadurch nicht nur für unseren Tisch, dem ich sozusagen als Gastgeber vorsaß, das Zeichen zum Essen gegeben wurde, sondern weil diese Worte auch etwas Verbindendes hatten. Ohne sie hätte das Essen unterkühlt, vielleicht sogar etwas unsicher begonnen. „Guten Appetit“ sorgte für Klarheit.

Puristen als Appetitverderber

Früher hat man vor dem Essen das Tischgebet gesprochen, das alle, die um den Tisch saßen, kurz vereinte, und ihnen mit „Gesegnete Mahlzeit“ gezeigt, dass man mit dem Essen beginnen durfte. Das heutige „Guten Appetit“ hat aus meiner Sicht genau dieselbe verbindende Funktion, wenn auch in weltlicher Form. Und ist deshalb eigentlich ein schöner Brauch, wenn Puristen auch etwas an ihm auszusetzen haben mögen. Das ist aber egal; das Verbindende ist wichtiger. Hier unterscheide ich mich von der übrigen Benimm-Literatur.

„Guten Appetit“ ist nicht mit „Mahlzeit“ zu verwechseln, das außer bei „Gesegnete Mahlzeit“ privat wohl eher selten gebraucht wird. Dieses knappe Wort wird einem vielmehr regelmäßig von teilweise völlig Unbekannten entgegengeschleudert, wenn man zwischen 11.00 Uhr und 15.00 Uhr auf den langen Gängen einer Behörde unterwegs ist, nicht unbedingt auf dem Weg zur Kantine. Wie soll man reagieren? Nichts zu sagen, kann mit gewissem Recht als unfreundlich angesehen werden. Die Antwort „Ich wünsche Ihnen auch einen guten Appetit“, ist zu lang und dürfte ungehört verhallen. Man hat keine andere Wahl, als mit einem kräftigen „Mahlzeit“ zu antworten, will man nicht als hochnäsig gelten.

„Mahlzeit!“ und die Gefühle der Verbundenheit

Man kann sich sogar richtig dran gewöhnen, denn dieser Ausspruch hat, selbst wenn man noch gar nicht ans Essen denkt, etwas befreiendes und lässt einen für drei Sekunden die Aktenberge im Büro vergessen. Also keine Hemmungen: Schmettern Sie „Mahlzeit!“, und Sie werden sehen, dass sich ein eigenartiges Gefühl der Verbundenheit einstellt.

Mit „Mahlzeit“ ist es ein wenig so wie mit dem „Hallo“, wenn man sich in den bayerischen Alpen auf einem Wanderweg begegnet. Ich empfinde es als unangenehm, Entgegenkommende mit den Augen zu verfolgen, aber grußlos an ihnen vorbeizugehen. Ich sage dann „Hallo“ oder „Guten Tag“, fühle mich wohler und halte den anderen für einen Stoffel, wenn er nicht antwortet; Frauen sind da übrigens viel kommunikativer als Männer.

Stumme Wanderer in den Bergen

Stumme Wanderer sind meistens Touristen, die sich noch nicht aus dem „Stadtmodus“ gelöst haben, vielleicht aus dem zurückhaltenderem Norden Deutschlands. Dagegen ist ein „Grüß’ Gott“ schön und zeigt, dass man sich eingelebt hat; ein „Grüezi“ lässt hingegen vermuten, dass Sie sich in den Schweizer Alpen wähnen.

Am praktischsten ist aber das knackige „Servus“. Es ist eigentlich sogar besonders höflich. Denn jeder, der in der Schule lateinische Vokabeln pauken musste, weiß, dass servus „der Sklave“ heißt, der Gruß also das altertümliche „Ihr Diener“ aufleben lässt (ohne dass das die meisten wissen und wollen).

Niesen als göttliches Zeichen

Zu meinem Erstaunen gilt auch der Wunsch „Gesundheit!“, wenn jemand geniest hat, bei vielen Autoren der Benimm-Literatur als verpönt. Als Grund wird angegeben, man kommentiere nicht Körpergeräusche anderer. Bei einigen, die mir da gleich in den Sinn kommen, stimme ich uneingeschränkt zu. Aber Niesen gehört meines Erachtens nicht in die Kategorie der Geräusche, derer man sich schämen muss. Das Niesen hier einzureihen halte ich sogar für völlig kulturlos. Denn bei den alten Griechen galt ein Niesen als glücksbringendes Zeichen.

Das kann man in Xenophons „Anabasis“ nachlesen, dem „Zug der Zehntausend“. Als der aufrührerische Prinz Kyros seine Streitmacht mit den griechischen Söldnern inspizierte, musste einer von diesen niesen. „Zeus ist mit uns“, war die Reaktion aller (zu Unrecht, wie sich später herausstellte). Aber Niesen galt als positives göttliches Zeichen; dies zu ignorieren, gab es keinen Grund.

Lustbetont und empathisch

Wer nicht auf die alten Griechen zurückgreifen will, erinnert sich vielleicht an Hauffs Märchen „Zwerg Nase“. Dieser arme Kerl war verhext und von einem Zauberer mit einem kleinen buckligen Körper und einer riesigen Nase ausgestattet worden. Dafür war er ein begnadeter Koch. Als solcher rettete er eine besonders schöne Gans vor dem Kochtopf. Es stellte sich heraus, dass diese die von einem Feind ihres Vaters verzauberte Tochter des Zauberers war, der ihn verwandelt hatte. Sie erinnerte sich daran, dass ein Kraut, das in einer Vollmondnacht unter einem bestimmten Baum zu pflücken war, die Verzauberung von Zwerg Nase rückgängig machen konnte. Er pflückte es zu angegebenem Zeitpunkt am angegebenen Ort. Es funktionierte. Das Kraut hieß „Niesmitlust“. Offensichtlich war das Niesen auch vor 200 Jahren positiv konnotiert und hatte sogar etwas Lustbetontes, wie der Gebrauch des Schnupftabaks zeigte.

Da sage mir noch einer, dass Niesen etwas Unedles und nicht in unserer Kultur verankert sei! Der Wunsch „Gesundheit“ nach einem Niesen ist vielmehr Ausdruck schöner mitmenschlicher Empathie, nicht ein Hinweis auf ein unedles Körpergeräusch. Glauben Sie nicht der herrschenden Meinung, dass man sich diesen schönen Wunsch verkneifen sollte.