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UNRWA steht vor einem Finanzierungsdilemma

Die EU und Deutschland sind die größten Geldgeber / Golfstaaten haben die Hilfe fast völlig beendet / UNWRA-Generalkommissar a.i. Chrstian Saunders zu Gast in der diplo.academy
October 13, 2026
October 13, 2026
Christian Saunders, amtierender Chef der UNWRA, erläutert die aktuelle Lage der Agentur vor Teilnehmern der diplo.academy und von diplo.news

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Der kommissarische Generalkommissar des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), Christian Saunders, warnte, dass der Organisation rund 70 Millionen US-Dollar an Finanzierung fehlen. Wenn nicht bald zusätzliche Gelder eingehen, müsse eine große Zahl von Beschäftigten entlassen werden. Bei einem Gespräch in der diplo.academy sprach er außerdem über das Ausmaß des Wiederaufbaus im Gazastreifen, Deutschlands veränderte Haltung gegenüber dem Hilfswerk sowie die Vorwürfe Israels gegen UNRWA und dessen Widerstand gegen die Rolle der Organisation.

„Uns fehlen immer noch rund 70 Millionen US-Dollar, denn ich kann mit dieser Hand nicht mehr ausgeben, als ich mit dieser Hand bekomme“, sagte Saunders. „Wenn wir nicht bald zusätzliches Geld erhalten, muss ich Kürzungen vornehmen.“ Da etwa 90 Prozent des Budgets in Gehälter flössen, würden diese Kürzungen bedeuten, dass „eine ziemlich große Zahl von Menschen“ entlassen werden müsste.

Der Kreis der Geldgeber ist kleiner geworden. Die Vereinigten Staaten und Schweden gehören zu den Ländern, die ihre Finanzierung von UNRWA eingestellt haben. Auch die Golfstaaten haben ihre Unterstützung nahezu vollständig eingestellt: Vor dem Krieg steuerte jedes dieser Länder rund 15 Millionen US-Dollar bei. Saudi-Arabien zahlt inzwischen nur noch zwei Millionen US-Dollar, während die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Zahlungen vollständig eingestellt haben.

In der Rangliste der 20 größten Geldgeber für 2025 (Stand: 31. Dezember 2025) ist Katar mit zehn Millionen US-Dollar das einzige aufgeführte Golfstaatenland. Kuwait steuert zwei Millionen US-Dollar und Oman eine Million US-Dollar bei. Die Europäische Union und Deutschland sind inzwischen die größten Geldgeber.

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UNWRA-Chef Christian Saunders mit Gastgeber Ewald König (Fotos: diplo.news / Ellis de Leon)

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Der Wiederaufbau des Gazastreifens wird Jahrzehnte dauern

Saunders erklärte, der Wiederaufbau des Gazastreifens werde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Einem Bericht der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) vom September zufolge werden für die Erholung und denWiederaufbau des Gazastreifens schätzungsweise 71,5 Milliarden US-Dollar benötigt. Der Wiederaufbau dürftemindestens zehn bis 20 Jahre dauern. Dem Bericht zufolge wurden seit Oktober 2023 schätzungsweise 92 Prozent derWirtschaftsgebäude und -einrichtungen beschädigt oder zerstört.

Die Zerstörung der Infrastruktur hat dazu geführt, dass große Teile des Gebiets anfällig für weitere humanitäre Krisensind. Besonders besorgniserregend ist der bevorstehende Winter. Saunders warnte vor schweren Überschwemmungen,wie sie bereits 2025 aufgetreten seien. „Die Menschen, die jetzt in Zelten auf dem Boden schlafen, werden dann in diesemWasser schlafen“, sagte er.

Rund 82 Prozent der Gebäude im Gazastreifen – etwa 200.000 Bauwerke – sind beschädigt. Seit Kriegsbeginn wurden 95Prozent der Schulen beschädigt oder zerstört. Die meisten von ihnen dienen inzwischen als Notunterkünfte. Das neueSchuljahr hat vor wenigen Tagen begonnen. UNRWA bietet mehr als einer halben Million Menschen psychologischeUnterstützung an, überwiegend Kindern, die unter Depressionen und Traumata leiden.

Auch die Landwirtschaft wurde massiv geschädigt. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation derVereinten Nationen (FAO) sind nur noch drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Gazastreifen sowohlzugänglich als auch unbeschädigt. Dieser Anteil ist seit Oktober 2025 um weitere 25,5 Prozent zurückgegangen.

„Obwohl im vergangenen Jahr der sogenannten Waffenruhe mehr Lebensmittel ins Gebiet gelangt sind und die Menschenderzeit nicht mehr hungern, erhalten sie keine ausgewogene Ernährung. Denn Obst und Gemüse sind praktisch nichtverfügbar“, sagte Saunders.

Saunders betonte, dass sich der Wiederaufbau nicht auf die Reparatur von Gebäuden und die Lieferung von Hilfsgüternbeschränken dürfe. Die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Wiederherstellung von Lebensgrundlagen seienentscheidend für die langfristige Erholung des Gazastreifens – insbesondere für junge Menschen.

„Wenn wir uns auf die Lebensgrundlagen konzentrieren, wenn wir uns auf Arbeitsplätze für junge Menschenkonzentrieren, verringern wir die Gefahr einer Radikalisierung“, sagte er.

Deutschlands Haltung gegenüber UNRWA

Saunders zufolge hat sich Deutschlands Haltung gegenüber UNRWA im Laufe der Zeit positiv verändert, weil das Landdie Reformbemühungen der Organisation zunehmend wahrgenommen habe. UNRWA arbeite daran, die Abhängigkeit derPalästinenser von Nichtregierungsorganisationen und anderen Staaten zu verringern. Saunders ist überzeugt, dassDeutschland verstanden habe, dass es wesentlich kostengünstiger sei, Menschen dort zu unterstützen, wo sie leben, unddadurch die Stabilität der gesamten Region zu erhalten.

Die deutsche Unterstützung war allerdings an Reformen geknüpft.

Im Januar 2024 stellte Deutschland die Bewilligung neuer Mittel für UNRWA im Gazastreifen ein, nachdem Israel zwölfBeschäftigte des Hilfswerks beschuldigt hatte, an dem Angriff vom 7. Oktober beteiligt gewesen zu sein.

Im April 2024 erklärte Deutschland, die Zusammenarbeit im Gazastreifen wieder aufnehmen zu wollen. Vorausgegangenwar der Colonna-Bericht, eine unabhängige Untersuchung zur Neutralität von UNRWA. Das Auswärtige Amt forderte dieOrganisation auf, die Empfehlungen des Berichts unverzüglich umzusetzen. Das israelische Außenministeriumbezeichnete die Entscheidung als „bedauerlich und enttäuschend“.

Im November 2025 enthielt sich Deutschland erstmals bei einer Abstimmung der Vereinten Nationen über dieVerlängerung des UNRWA-Mandats. Die Abstimmung fand im Vorfeld der abschließenden Entscheidung der UN-Generalversammlung Anfang Dezember statt.

Wie der Spiegel berichtete, erklärte Außenminister Johann Wadephul, die Enthaltung solle verdeutlichen, dassDeutschland eine „deutliche Veränderung“ erwarte – insbesondere bei der Arbeit von UNRWA in den palästinensischenGebieten.

Zum Stand vom 31. Dezember 2025 war Deutschland nach der Europäischen Union der zweitgrößte Geldgeber vonUNRWA.

Israels Vorwürfe und die Schließung von UNRWA-Einrichtungen

UNRWA zufolge wirft Israel der Organisation und ihren Beschäftigten bereits seit der Zeit vor dem 7. Oktober 2023 vor,von der Hamas unterwandert zu sein oder Verbindungen zum Palästinensischen Islamischen Dschihad zu haben. Dieisraelische Regierung hat außerdem behauptet, das Hilfswerk lagere Waffen in seinen Schulen und unterhalte Gebäude,unter denen Tunnel angelegt worden seien.

Die israelische Regierung übermittelte eine Liste mit 100 UNRWA-Beschäftigten, die angeblich Mitglieder desmilitärischen Arms bewaffneter palästinensischer Gruppen seien.

Saunders erklärte, er habe im September 2025 einen Brief geschrieben, in dem er um weitere Beweise gebeten habe. EineAntwort habe er nicht erhalten. Gleichzeitig verwies er darauf, dass UNRWA der israelischen Regierung seit fast zweiJahrzehnten Listen seiner vor Ort tätigen Beschäftigten zur Verfügung stelle.

Er schloss jedoch nicht aus, dass einzelne Mitarbeiter Sympathien für die Hamas gehabt haben könnten.

„Würde ich meine Hand dafür ins Feuer legen und sagen, dass es niemanden gibt, der die Hamas unterstützt oder ihrgeholfen hat und bei UNRWA beschäftigt war? Nein, das werde ich nicht“, sagte Saunders.

UNRWA verfügt weder über eine eigene Polizeitruppe noch über einen Nachrichtendienst. Daher seien dieMitgliedstaaten dafür verantwortlich, strafrechtliche Ermittlungen wegen Aktivitäten bewaffneter Militanterdurchzuführen und gegebenenfalls Strafverfolgungsmaßnahmen einzuleiten.

Das UNRWA-Hauptquartier in Ostjerusalem wurde inzwischen abgerissen. Dies geschah im Zusammenhang mit denVorwürfen, die Organisation sei von der Hamas unterwandert worden. Israelische Sicherheitskräfte haben Einrichtungendes Hilfswerks demontiert und dessen Eigentum beschlagnahmt.

Dazu gehört auch das Ausbildungszentrum Kalandia in Ostjerusalem, in dem junge Palästinenser früher beruflicheQualifikationen erwerben konnten. Das Gelände soll künftig als Museum der israelischen Streitkräfte (IDF), alsRekrutierungsbüro und als Büro des israelischen Verteidigungsministers genutzt werden.

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UNRWA bleibt ein zentraler Akteur im Gazastreifen

UNRWA ist seit 77 Jahren in Palästina tätig und die größte Organisation sowie der wichtigste Dienstleister imGazastreifen. Das Hilfswerk beschäftigt rund 10.500 Menschen in seinem Einsatzgebiet Gaza und insgesamt etwa 30.000Beschäftigte in Jordanien, Libanon, Syrien, dem Gazastreifen und dem Westjordanland einschließlich Ostjerusalems.

Nach Angaben von Saunders hat die nächstgrößere UN-Organisation im Gazastreifen lediglich 200 Beschäftigte.

Saunders zufolge vertritt Israel die Auffassung, dass UNRWA bei der Erholung und dem Wiederaufbau des Gazastreifenskeine Rolle spielen sollte.

„Meine Einschätzung ist, dass dies eindeutig politisch motiviert ist“, sagte er.

Saunders ist überzeugt, dass UNRWA aufgrund seiner langjährigen Präsenz und Erfahrung weiterhin eine entscheidendeRolle bei der humanitären Hilfe und beim späteren Wiederaufbau des Gazastreifens spielen kann.

Ob die Organisation ihre Arbeit fortsetzen kann, wird seiner Einschätzung nach jedoch davon abhängen, ob ausreichendfinanzielle Mittel zur Verfügung stehen, der Zugang zum Gebiet gewährleistet ist und UNRWA dort tatsächlich tätig seindarf.

Er erwarte nicht, dass Israel oder die Vereinigten Staaten UNRWA öffentlich unterstützen würden. „Aber wenn sie unsden nötigen Handlungsspielraum geben können, damit wir arbeiten und beim Wiederaufbau helfen können, dann ist dasalles, was wir brauchen“, sagte Saunders.

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Gülfem Dodur, Ellis de Leon