
Wie geht man vor, wenn man sich als Migrant selbstständig machen möchte?
Der typische Finanzierungsweg führt zunächst zur Hausbank, bei der man seine Kontoverbindung hat und mit der man die weiteren Schritte bespricht. Eine andere Option ist direkt das Finanzierungsportal der Deutschen Bürgschaftsbanken aufzusuchen und den Finanzierungswunsch dort in einer Anfrage abzubilden. Wir haben das Programm BBBwelcome für Geflüchtete entwickelt, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, für ihre Existenzgründung eine Finanzierung über die Bank zu bekommen.
Als Bürgschaftsbank vermitteln wir dann eine Hausbank. Zusammengefasst: Hat man eine Hausbank, ist der Weg zur Hausbank der beste; hat man noch keine, kann man mit unserer Hilfe im Finanzierungsportal eine Bank finden.
Kennen die Botschaften in Berlin dieses Projekt? Wäre es wichtig, dass Diplomaten davon wissen?
Ja, das kann auf keinen Fall schaden. Sicherlich kommt nicht jeder nach Deutschland mit dem Wunsch, sich hier selbstständig zu machen. Aber wenn man die Absicht hat, ein Unternehmen zu gründen oder in ein Unternehmen einzusteigen, kann die BürgschaftsBank Berlin bei dem Schritt unterstützen.
Haben Sie mit BBBwelcome schon die Handelsattachés und Handelsräte der Botschaften informiert?
Das hängt davon ab, mit wem man spricht und ob die Person bereits Erfahrung mit solchen Anfragen hat. Wir möchten uns nicht aufdrängen, sondern lediglich darauf aufmerksam machen, dass diese Möglichkeit besteht.
Wie erfolgreich ist BBBWelcome?
Wir sind erst am Anfang, daher gibt es für das Programm BBBWelcome noch relativ wenig Fälle. Eigentlich hätten wir anfangs mit mehr Anfragen gerechnet.
Woran liegt das?
Möglicherweise kommen die Anfragen schon bei den Hausbanken nicht an, so dass sie dann auch nicht zu uns in der BBB weitergeleitet werden können. Das Programm muss eben noch bekannter werden. Aber es ist auch denkbar, dass in dieser Zielgruppe die Finanzierung anders läuft – nämlich aus der Familie und der Verwandtschaft heraus.
Welche Nationalitäten sind die wichtigsten?
Am stärksten kommen sie aus den typischen Fluchtregionen. In der Regel sind es wirklich Antragsteller mit Migrationshintergrund. Das Programm richtet sich an Nicht-EU-Bürger. Denn EU-Bürger verschaffen sich die Finanzierung eher in ihren Heimatländern. Aber unsere Statistik ist noch nicht so aussagekräftig.
Wie ist das in anderen Bundesländern?
Bundesweit ist das Bürgschaftsprogramm einzigartig und BBBwelcome gibt es nur in Berlin.
Wer war der Initiator? Die Bank oder der Senat?
Das haben wir als BBB gemeinsam mit dem Berliner Senat initiiert. Wir haben geprüft, welche sinnvollen Angebote wir noch – gerade für den Berliner Markt – anbieten können. Dabei haben sich die beiden Themen BBBwelcome und BBBsocial aufgezeigt: Während BBBwelcome Geflüchteten die Möglichkeit bietet, für ihre Existenzgründung Finanzierung über die Bank zu bekommen, ist BBBsocial für Sozialunternehmen gedacht, die in Berlin ebenfalls sehr verbreitet sind. Berlin hat 20 Prozent aller Sozialunternehmen in Deutschland.
Werden es eines Tages andere Bundesländer nachahmen?
Ich glaube nicht, weil das ein allzu eingegrenztes Geschäftsmodell ist. Wir haben in der Regel Nachfragen von 100.000 bis 200.000 Euro Finanzierungsrahmen. Das sind keine Riesensummen. Daher sind nur wenige Banken bereit, für diese geringen Volumen ein eigenes Geschäftsfeld aufzumachen.
Welche Branchen finden sich da?
In der Regel ist es der klassische Berliner Dienstleistungssektor, gefolgt vom Einzelhandel bis hin zur Gastronomie. Das hatten wir auch so erwartet. Es weicht eigentlich nicht groß von der Berliner Wirtschaftsstruktur insgesamt ab. Handwerk ist übrigens auch dabei.
Haben die Unternehmen dieser Zielgruppe auch schon Angestellte? Schaffen sie Arbeitsplätze?
Meist sind es keine One-Man-Shops oder One-Woman-Shops. Aber es handelt sich eher um kleine Unternehmen, natürlich auch mit Angestellten. Das korreliert auch mit den Kreditbeträgen.
Muss man mehr Aufklärungsarbeit leisten? Muss man sagen: Kommt doch ganz normal zur Bank?
Gerade wenn man mit einem Unternehmen beginnt und noch nicht die Endformation erreicht hat, die man als Unternehmer erreichen möchte, ist es natürlich schlau, sich rechtzeitig auch mit den Banken in Verbindung zu setzen. In solchen Konstellationen brauchen wir selbstverständlich auch einen gewissen Eigenkapitalbeitrag, der vorhanden sein sollte.
Wie hoch sollte das durchschnittliche Eigenkapital sein?
Das hängt von der Höhe ab. Bei 200.000 Euro kalkulieren wir etwa zehn Prozent, also rund 20.000 Euro – das ist eine durchaus sinnvolle Benchmark. Bei größeren Summen, beispielsweise einer Million, lässt sich diese Faustregel jedoch nicht einfach übertragen; dort sind zehn Prozent in der Praxis meist nicht realistisch.
Was kann die Förderung individuell bewirken?
Wenn man sich in einer solchen Situation ein Stück weit von der eigenen Familie emanzipieren möchte, kann das ein geeigneter Ansatz sein. Das gilt insbesondere für Kulturkreise, in denen es für Frauen oft schwieriger ist, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Unser Programm kann dabei unterstützen, mehr Unabhängigkeit zu gewinnen und den eigenen Weg zu gehen – auch mit dem Selbstbewusstsein: „Ich schaffe das alleine.“
Aktuell ist das allerdings noch eher eine theoretische Überlegung, da bisher keine Frau als Unternehmerin an unserem Programm teilnimmt. Grundsätzlich bietet es jedoch eine gute Möglichkeit, mehr Eigenständigkeit zu entwickeln.
Hatten Sie schon Ausfälle zu verzeichnen?
Die meisten Fälle halten durch. Aber wir hatten leider auch schon Ausfälle. Diese haben aber nichts mit Abschiebung, Ausweisung oder einer Nichtverlängerung des Aufenthaltstitels zu tun, sondern eher mit der Wirtschaftlichkeit im Dienstleistungssektor.
Warum beteiligt sich der Senat bei dem Projekt?
Für Berlin spricht eine gewisse Vielfalt. Wir haben gerade aus den Geflüchteten eine sehr hohe Bereitschaft, auch selbstständig tätig zu sein. Das wollen wir befördern. Man sollte es nicht daran scheitern lassen, dass aus formalen Gründen eine Existenzgründung nicht fliegt. Ich glaube, das hat der Senat als Aufgabe erkannt. Ich kann das nur unterstützen. Wir haben in dem Bereich viele durchaus risikobereite Unternehmer. Das zu fördern und ihnen die Möglichkeit zu geben, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ist durchaus eine Aufgabe, der sich so eine Stadt stellen darf. Und das macht der Senat ja mit BBBwelcome tatsächlich.
Hat sich das auch schon in der Ausländerbehörde herumgesprochen?
Das kann ich nicht beurteilen. Wir bespielen selbstverständlich unsere Netzwerke. Aber angesichts der allgemeinen Informationsflut kann es sein, dass dies noch nicht bei allen angekommen ist. Wir wollen keine sogenannten Notgründungen haben, etwa nach dem Motto: „Ich kann nichts anders und versuche das einfach mal.“ Man sollte schon eine gewisse Erfahrung in der Branche mitbringen.
Was ist, wenn jemand nur 10.000 Euro beantragt?
Engagements von 5.000 oder 10.000 Euro fallen uns schwer. Da sind wir mit unseren relativ komplexen Genehmigungsmodellen nicht der richtige Ansprechpartner.
Mikromezzanin – was ist das?
Mikromezzanin ist eine spezielle Form der Finanzierung, die sich insbesondere an kleine Unternehmen und Existenzgründer richtet. Es handelt sich dabei um sogenanntes Mezzaninkapital, also eine Mischform zwischen Eigen- und Fremdkapital. Der Vorteil liegt darin, dass dieses Kapital wirtschaftlich wie Eigenkapital wirkt, ohne dass klassische Sicherheiten erforderlich sind. Dadurch verbessert sich die Bonität des Unternehmens, was wiederum den Zugang zu weiteren Finanzierungen, etwa durch Banken, erleichtern kann. Gerade für Gründer oder kleinere Betriebe, die noch nicht über ausreichende Sicherheiten verfügen, ist Mikromezzanin daher ein wichtiges Instrument, um Investitionen zu tätigen und ihr Vorhaben auf eine solide finanzielle Grundlage zu stellen.
Wie lange kann es vom Antrag und bis zur Auszahlung dauern?
Sobald wir alle Unterlagen haben, geht es sehr schnell. Dann liegt unsere Bearbeitungszeit sogar unter zwei Wochen. In unseren Ausschüssen mit dem Senat wird alle 14 Tage über die Anträge beraten. Wenn ein Businessplan oder andere Dokumente fehlen, verzögert sich der Prozess und es kann mehrere Wochen dauern.
Wäre es für den Antragsteller hilfreich, wenn er von einem Anwalt oder Berater begleitet wird?
Es ist nicht zwingend erforderlich, dass der Antragsteller von einem Anwalt begleitet wird. Die Unterstützung durch einen erfahrenen Unternehmensberater kann jedoch sehr hilfreich sein. Solche Berater übernehmen oft eine wichtige Vermittlungsfunktion innerhalb der Community.
Beispielsweise werden viele Gründer mit türkischem Hintergrund von Herrn Emre Kiraz betreut, der insbesondere bei der Erstellung von Businessplänen unterstützt. Gerade dieser Bereich stellt für viele eine Herausforderung dar und ist je nach Vorerfahrung häufig Neuland. Für uns ist es jedoch entscheidend, belastbare und nachvollziehbare Businesspläne zu erhalten. Daraus sollte klar hervorgehen, welche Margen geplant sind und wie der Absatzmarkt eingeschätzt wird. Diese Aspekte müssen wir sorgfältig prüfen.
Wir arbeiten zudem mit weiteren Unternehmensberatern zusammen. Deren Unterstützung ist wichtig, da sie dazu beitragen, die Erwartungen der Antragsteller realistisch zu steuern und zu kanalisieren. Zwar können wir selbst einschätzen, welche Anforderungen erfüllt werden müssen. Die Berater sind jedoch besonders gut darin, auf Basis unserer Vorprüfung einzuschätzen, wie hoch die Erfolgsaussichten eines Antrags sind. In der Praxis zeigt sich, dass der Senat nur äußerst selten Fälle ablehnt, die von uns entsprechend vorbereitet wurden.
Wie viel Kapital waren beim Auflegen des Projekts einmal vorgesehen oder erwartet?
Da es erstmalig ist, hatten wir keine klaren Erwartungen. Das Programm BBBwelcome und das Programm BBBsocial haben zusammen einen Rahmen von 50 Millionen Euro. Das wurde in Übereinstimmung mit dem Senat bewusst zusammengelegt, um nicht auf der einen Seite etwas zu blockieren, was auf der anderen Seite vielleicht genutzt werden könnte. In diesem Rahmen hatten wir gedacht, dass wir die Hälfte mit BBBsocial füllen, also 25 Millionen Euro. Wir haben aber noch zu wenig Gefühl, wie groß die Lücke zwischen den beiden Programmen ist.
BBBwelcome würde ich einen Problemlöser nennen; eine gute Option, wenn jemand ein konkretes Problem hat, ihm zu raten: „Geh zur Bürgschaftsbank, die hat dafür das geeignete Programm.“ Große Banken suchen große Tickets mit wenig Risiko. Hier haben sie zwar wenig Risiko, aber keine großen Tickets. Manche Banken versuchen, solche Geschäfte grundsätzlich zu vermeiden, selbst wenn wir die Bürgschaft dafür geben. Es ist einfach zu kleinteilig und für die Banken kein Geschäftsmodell. Sie erkennen keinen Benefit.
Wer wäre in der BBB der konkrete Ansprechpartner?
Herr Marwin Meißner, unser Bereichsleiter Firmenkunden, kann das koordinieren, aber auch alle anderen Firmenkundenberater sind in der Lage, das Programm zu bearbeiten: https://be.ermoeglicher.de/de/ueber-uns/kontakt/ansprechpartner/
Was ist, wenn die Kreditlaufzeit und das Bleiberecht der ausländischen Gründer kollidieren?
Das ist schwierig. Unser Programm ist nur dann hilfreich, wenn Kreditlaufzeit und Aufenthaltsstatus zusammenpassen. Ansonsten ist es wirklich schwierig. Besonders wenn Sie eine Investitionsfinanzierung, die meist acht bis zehn Jahre läuft, haben. Wenn ein Aufenthaltsstatus nach zwei Jahren endet, passt das nicht zusammen.
Also am besten über das Finanzierungsportal einfach einen Finanzierungsantrag stellen oder einfach einen Termin vereinbaren und zu uns kommen, dann sehen wir, was wir machen können: https://be.ermoeglicher.de/de/ueber-uns/kontakt/kontaktformular/
Das Gespräch mit BBB-Geschäftsführer Steffen Hartung führte Ewald König.