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Wie wichtig sind die Tischmanieren?

Was in alten Büchern steht, kann immer noch gültig sein (Foto: Archiv)

„Tischmanieren sind eines der sichersten Zeichen dafür, ob jemand als Kind erzogen worden ist.“ (Asserate in seinem Buch Manieren). Sie sagen viel über Erziehung, Elternhaus und soziales Herkommen aus. Wobei ich von einer bürgerlichen Erziehung spreche, die sich zumindest in der Vergangenheit am Adel orientierte; es ist diese sogenannte „gute Erziehung“, die in der Gesellschaft akzeptiert und zur Konvention geworden ist. Dabei gibt es natürlich dennoch regionale oder situationsbedingte Abweichungen.

An den Tischmanieren wird das Benehmen der Menschen am ehesten gemessen; nach ihnen werden sie in „Schubladen gesteckt“. Das ist einerseits ein wenig altmodisch, da formbetont  ̶  Rücksichtnahme im persönlichen Umgang ist wichtiger als die richtige Handhabung von Messer und Gabel  ̶  , aber so ist es nun einmal. Insbesondere bei der älteren Generation.

Halbnackt und schlürfend

Gutes Benehmen bei Tisch ist allerdings auch eine Form der Rücksichtnahme. Zumindest in Räumen sollte man mit bekleidetem Oberkörper bei Tisch sitzen; nicht immer ist der Anblick unbedeckter, vielleicht auch noch schwitzender Haut appetitfördernd.

Wenn jemand über dem Suppenteller hängt und die Suppe schlürft, sieht das alles andere als dynamisch aus, von der Geräuschkulisse ganz zu schweigen; Sie sollten sich das für das anstehende Vorstellungsgespräch mit anschließendem Essen merken.

Dasselbe gilt, wenn jemand seine Gabel mit aufgesetztem Ellenbogen zum Mund führt. Es ist eine Frage der Ästhetik, und diese ist, ob wir wollen oder nicht, auch weitgehend Teil der allgemeinen Konvention. Daraus folgt: Gute Tischmanieren machen die Gesellschaft eines Menschen angenehm. Und sie sind karrierefördernd; niemand wird jemanden für die Außenkontakte einstellen, wenn er sich bei den Essen mit Geschäftspartnern nicht gut zu benehmen weiß.

Ellbogen gehören nicht in die Rippen des Sitznachbarn

Langer Rede kurzer Sinn: Sie machen alles richtig, wenn Sie (angemessen) bekleidet zu Tisch gehen, gerade sitzen, die Arme eng am Körper führen und beide Hände auf den Tisch legen und zwar bis kurz über das Handgelenk. Über dem Teller zusammengesunkene Gestalten mit rundem Rücken sind ein zu trauriger, alles andere als dynamischer Anblick.

Auch beim Schneiden eines zähen Schnitzels sollten Sie Ihre Ellenbogen am Körper halten und nicht Ihrem Nachbarn in die Rippen rammen. Früher wurde einem das in strengen Haushalten dadurch beigebracht, dass man beim Essen ein Buch auf dem Kopf balancieren (gerade sitzen!) und vielleicht sogar (zusätzlich?) zwei dünne Bücher zwischen Arm und Oberkörper eingeklemmt halten musste, um die Ellbogen nicht nach außen wandern zu lassen.

Diese Zeiten sind vorbei, wohl auch die, dass der Haushaltungsvorstand den auf den Tisch gestützten Ellbogen des Sohnes aufhob und mit schmerzhaftem Nachdruck auf die Tischplatte sausen ließ. Diese alten Erziehungsmaßnahmen zeigen jedoch, als wie wichtig eine gute Haltung bei Tisch angesehen wurde.

Was macht die Hand unterm Tisch?

Und es ist eine Frage der Transparenz, dass, solange Sie bei Tisch sitzen, auch Ihre linke Hand auf diesem ruht. Verschwindet sie unter dem Tisch, fragt man sich, was Sie mit ihr machen. Jedenfalls bei uns, nicht aber in den USA. Da ist das nämlich üblich (was die Frage allerdings nicht beantwortet). Darüber mehr bei der Benutzung des Messers.

Wir können das ja aber alles und widmen uns mit Appetit der Suppe. Ohne zu schlürfen und ohne zu heftig auf den Löffel zu blasen, um sie abzukühlen. Im Gegensatz zu den Engländern stecken wir den Suppenlöffel mit der Spitze in den Mund. Die Briten tun das mit der Längsseite des Löffels, doch sind diese zu diesem Zweck auch kleiner und anders geformt.

Was tun mit dem letzten Rest der Suppe?

Es ist verpönt, den Suppenteller anzuheben, um den letzten Rest Suppe auf den Löffel zu bekommen  ̶  meines Erachtens zu Unrecht, denn auch das kann man elegant machen. Für die von mir sehr geschätzte Gräfin Schönfeldt, Autorin des lesenswerten Buchs „Anstand“, ist das zwar „ein Zeichen ungezügelter Gier“, doch gibt es meines Erachtens keinen Grund dafür, den Suppenteller mit schwappendem Bodensatz in die Küche zurückgehen zu lassen.

Wird die Suppe in Suppentassen serviert, kann man den Rest der Suppe aus der Suppentasse trinken; dafür hat sie nämlich Henkel. Verzichten Sie aber bitte darauf, das auch beim Suppenteller zu tun.

Wir halten das Messer in der rechten Hand, schneiden mit ihm und führen den abgeschnittenen Bissen mit der Gabel in der linken Hand zum Munde. Das bedarf einiger Übung, die gerade Kindern schwerfällt, aber man kann es so gut lernen, dass es ganz automatisch geschieht.

Das Messer, die Gabel, der Colt

Die Amerikaner tun das allerdings nicht. Sie schneiden das Fleisch zwar mit der rechten Hand und halten es mit der Gabel in der linken Hand dafür fest, legen dann aber das Messer beiseite und nehmen die Gabel in die rechte Hand, um das abgeschnittene Stück aufzuspießen und in den Mund zu führen. Die linke Hand lassen sie derweil unter die Tischplatte auf den Schoß gleiten.

Man sagt, das geschehe, weil Amerikaner früher immer bereit gewesen sein mussten, den Colt zu ziehen. Davon profitierten dann aber nur die Zeitgenossen, die auch links ziehen und schießen konnten; deswegen bin ich nicht ganz sicher, ob die Erklärung stimmt. Vielleicht war es nur eine Erleichterung bei der Kindererziehung. Wobei es tatsächlich Wichtigeres gibt, als die Gabel in diesen Fällen in der linken Hand zu halten; bei uns ist es allerdings eine feste Regel geworden.

Im Zweifel mit Messer

Jedoch nicht immer. Wird ein Essen serviert, das man nicht schneiden muss, etwa ein Auflauf oder ein Reisgericht, wird nach alter Regel gar kein Messer auf den Tisch gelegt und das Essen mit der Gabel in der rechten Hand gegessen.  Diese Vorschrift findet sich schon in Benimmbüchern früherer Jahrhunderte.

Der Grund dafür war wohl, dass man die Benutzung des Messers bei Tisch einschränken wollte, weil das zum Zerschneiden des Wildbrets bei Tisch gedachte Messer früher zu häufig auch zur Fortführung einer alten Fehde eingesetzt wurde. Dennoch würde ich heute auch in solchen Fällen ein Messer decken und dem Gast überlassen, ob er dies, wie zunehmend üblich, zum Zusammenschieben der letzten Essensreste auf dem Teller nutzt.

Der Kampf mit der Kartoffel

Früher war es ein Fauxpas erster Güte, Kartoffeln mit dem Messer zu schreiben. Die Päpstin des guten Benehmens in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, Erica Pappritz, nannte es in ihrem tonangebenden Buch Etikette „barbarisch“. Ich hoffe, sie hat damit nicht die Dänen gemeint, denn diese kennen, wie viele andere Ausländer auch, diese urdeutsche Regel nicht.

Was mich dazu bringt, sie heute auch nicht mehr als zwingend zu betrachten. Doch Achtung: Ältere Mitbürger halten das Zerschneiden der Kartoffel mit dem Messer noch immer für eine der gravierendsten Verletzungen der Tischmanieren. Sehen Sie also in wohlverstandenem Eigeninteresse davon ab, wenn Sie zum ersten Mal bei Ihren künftigen Schwiegereltern eingeladen sind, egal was Sie von dieser Regel halten. Es könnte Ihre Chancen mindern.

Puristen und die Bratensauce

Und zerquetschen Sie mit Ihrer Gabel nicht die Kartoffel auf Vorrat, um eine größere Menge von ihnen mit der Bratensauce zu verrühren. Dass schmeckt zwar prima, aber die Regel ist und bleibt, dass man mit der Gabel nur einen Bissen von der Kartoffel abtrennt, diesen zerquetscht und ihn dann meinetwegen diskret mit der Bratensauce mischt. Wobei Sie, wenn Sie die Sauce nehmen, diese über das Fleisch gießen, nicht über die Kartoffeln.

Ich nehme an, die Sauce dient seit alters her vor allem dazu, das Fleisch saftiger zu machen. Beides passt ja auch zusammen. Kurz: Sauce und Kartoffeln sind für Puristen eine heikle Kombination. Der vornehme Mensch zermatscht Kartoffeln eigentlich gar nicht mit der Gabel. Leider.

Gruß von den Barbaren

Ich kann mich gut an ein kleines Bild erinnern, auf dem ein Schiffbrüchiger in altmodischer Kleidung ein Messer zieht, um sich im Meer gegen einen heranschwimmenden Hai zu verteidigen. Darauf sagt dieser: „Aber Herr Knigge, Fisch mit Messer?“ Die Regel, Fisch nicht mit dem Messer zu schneiden, gilt also fort, obwohl die Klinge des Messers nicht mehr durch das Eiweiß des Fisches anläuft.

Der Grund für diese Regel ist zudem, dass man verhindern will, dass das scharfe Messer die Gräten des Fisches beim Zerlegen zerschneidet und sie dadurch weniger leicht auffindbar und das Essen schwieriger macht.

Was also tun? Manche mögen schön verziertes altes Fischbesteck geerbt haben, bei dem das Messer eine andere Form hat und stumpf ist. Wenn Sie als Hauptgericht Fisch servieren, ist die Zeit gekommen, dieses einmal hervorzuholen. Sonst decken und nutzen Sie zwei Gabeln.

Sollte ein Barbar (ich übertreibe à la Pappritz) normale Messer gedeckt haben, benutzen Sie sie vorsichtig, um das Auffinden der Gräten nicht noch schwieriger zu gestalten. Ein Beinbruch ist das aber auch nicht. Geräucherten und eingelegten Fisch schneidet man übrigens mit dem normalen, scharfen Messer.

Die Tücken der Salatblätter

Umstritten ist, ob man Salat schneiden darf. Genauer gesagt: Eigentlich darf man es nicht. Als jemand, der in seinem Berufsleben nach vielen Essen mit Salat seine Krawatte zur Reinigung bringen musste – von wegen „free meal“, kostenloses Essen! – , bin ich für das Schneiden großer Salatblätter. Sie haben nämlich die unangenehme Eigenschaft, sich auch dann, wenn man sie mit der Gabel sorgfältig gefaltet hat, auf dem Weg zum Mund wieder zu öffnen und wie ein kleines mittelalterliches Belagerungsinstrument die Sauce gegen Hemd und Krawatte zu schleudern. Um dem zu entgehen, bin ich fast zu allem bereit. Es ist aber verpönt, wenn auch praktisch.

Das Tabu mit den Spaghetti

Spaghetti mit Sauce Bolognese stellen einen vor ähnliche Probleme. Hier ist der Gebrauch eines Messers aber tabu. Die Chancen, bei diesem Essen mit sauberer Hemdbrust nach Hause zu gehen, stehen also weiterhin fifty-fifty. Wenn man sie schon nicht schneiden darf, darf man sie dann wenigsten mit der Gabel in einem Löffel drehen, auch wenn die Italiener das nicht tun? Ich meine, bei uns darf man. Zumal die Spaghetti bei uns nicht, wie in Italien, in diesen tiefen Tellern serviert werden, in denen man die Wölbung des Tellerrandes zum Drehen der Gabel benutzen kann und soll. Und bei uns ist es auch verpönt. abgebissene Spaghetti wieder auf den Teller zurückgleiten zu lassen.

Wie man Messer und Gabel ablegt

Man legt Messer und Gabel auch ja einmal beiseite, etwa um zu trinken. Dann legt man das Besteck, so, wie man es in der Hand hatte, auf den Teller (Fachleute nennen es in Anlehnung an das Ziffernblatt einer Uhr die „Zwanzig nach acht-Position“).

Falsch ist es, die Griffe von Messer und Gabel auf den Tisch, den restlichen Teil des Bestecks auf den Teller zu legen. Dieses „Brückenbauen“ ist aus zwei Gründen verpönt. Einmal nimmt es viel Platz, vielleicht auch den des Nachbarn, in Anspruch. Zum andern besteht die Gefahr, dass die Bratensauce gemächlich am Griff entlang auf das Tischtuch läuft bzw. tropft.

Wenn man sein Besteck zwischen zwei Gängen behalten soll, gibt es sogenannte „Messerbänkchen“, auf denen man sein Besteck ablegen soll. Möglichst so, dass das Tischtuch sauber bleibt. Die meisten halten das für besonders elegant; ich würde vorziehen, ein zweites Set Bestecke für den nächsten Gang zu decken. Aber das kann bei einer größeren Anzahl Gäste natürlich schwierig sein.

Was die Stellung des Bestecks signalisiert

Die Stellung des Bestecks gibt übrigens auch einen Hinweis darauf, ob man zu Ende gegessen hat oder noch einmal zulangen möchte. Wird das Besteck so hingelegt, wie man es in der Hand gehalten hat, also in der oben erwähnten „Zwanzig nach acht-Position“, zeigt man an, dass man es weiter benutzen, also noch etwas essen will.

Legt man aber Messer und Gabel parallel nebeneinander, entweder mit den Griffen nach unten (6 Uhr) oder leicht nach rechts verschoben (5 Uhr) auf den Teller, signalisiert man damit, dass man das Besteck nicht mehr benutzen will.

Regeln für die Weingläser

Auch für das Trinken gibt es gewisse Regeln. Mit dem ersten Schluck Wein sollten Sie warten, bis einer der Gastgeber (idealerweise) allen zugeprostet oder still und heimlich (weniger formvollendet) selbst vom Wein genippt hat. Das ist das Zeichen für Sie, dass Sie von jetzt an trinken können, wann Sie wollen, gleichgültig auch, ob vom Weißwein zum Rotwein gewechselt wird.

Die Zeiten, in denen nur der Gastgeber den Gästen zuprosten durfte, die das nach gebührender Zeit zu erwidern hatten, sind vorbei. Nur beim Sekt/Prosecco/Champagner zum Nachtisch sollten Sie vielleicht wieder auf die Gastgeber oder vielleicht einen der Gäste warten. Dieser könnte die Zeit zwischen Hauptgericht und Dessert für seine Dankesrede vorgesehen und nur darauf gewartet haben, dass die Gläser vollgeschenkt wurden, damit alle gemeinsam auf das Wohl der Gastgeber trinken konnten.

Sonst gibt es beim Trinken nur noch eine wichtige Regel: Wischen Sie sich vor jedem Schluck mit der Serviette den Mund ab. Sonst kann man am Rand Ihres Glases, dort, wo Sie getrunken haben, die gesamte Speisefolge des Abends ablesen. Und das sieht nicht sehr appetitlich aus.