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Deutschlands Zeitenwende: Südkorea als strategischer Partner der Verteidigungsindustrie

Seit Jahrzehnten haben Deutschland und Südkorea durch Handel, Investitionen, technologischen Austausch und die gemeinsame historische Erfahrung der nationalen Teilung eine starke Beziehung aufgebaut. Jetzt hat diese Beziehung eine strategisch noch bedeutsamere Dimension erhalten.
November 3, 2026
November 3, 2026
Friedrich Merz war dieser Tage auch in Südkorea. In Seoul begrüßte der Präsident Südkoreas, Lee Jae-myung, den Bundeskanzler an seinem Amtssitz. Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler

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Während Europa mit seiner schwersten Sicherheitskrise seit dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert ist, hat sich Südkorea zu einem wichtigen Partner beim Wiederaufbau der europäischen Verteidigungsindustriekapazitäten entwickelt. Für Deutschland und Korea bietet sich damit die Gelegenheit, eine langjährige Wirtschaftsbeziehung in eine strategisch noch bedeutsamere Partnerschaft umzuwandeln.

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Deutschlands Zeitenwende

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Der umfassende Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022 stellte die strategischen Annahmen auf den Kopf, die die deutsche Sicherheitspolitik jahrzehntelang geprägt hatten. Berlin konnte nicht länger darauf vertrauen, dass wirtschaftliche Verflechtungen russische Aggressionen eindämmen würden, oder den Frieden in Europa als selbstverständlich betrachten. Gleichzeitig hat die Unsicherheit über den künftigen Umfang und die Zuverlässigkeit der amerikanischen Sicherheitszusagen die Debatte über Europas Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen, verschärft. Dies hat die politischen Prioritäten der europäischen Staaten grundlegend verändert: Verteidigung, Abschreckung und industrielle Widerstandsfähigkeit stehen nun im Zentrum der strategischen Planung Europas.

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Deutschlands Antwort darauf war die Zeitenwende, ein historischer Wendepunkt in seiner Außen- und Sicherheitspolitik. Sie beinhaltete die Verpflichtung, die Bundeswehr zu stärken, die militärische Beschaffung zu beschleunigen und mehr Verantwortung für die europäische Sicherheit zu übernehmen. Das Ausmaß dieses Wandels spiegelt sich in den steigenden Verteidigungsausgaben wider. Deutschlands gesamte Verteidigungsausgaben erreichten 2025 rund 86,5 Milliarden Euro (96,2 Milliarden US-Dollar), während sich der Haushalt für 2026 auf etwa 108,2 Milliarden Euro beläuft, einschließlich der Mittel aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Damit liegen sie mehr als doppelt so hoch wie die regulären Verteidigungsausgaben im Jahr 2022.

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Doch Geld allein kann keine militärische Einsatzbereitschaft gewährleisten. Nach Jahren der Unterinvestition sieht sich Deutschland mit Verzögerungen bei der Beschaffung, industriellen Engpässen und unzureichenden Produktionskapazitäten konfrontiert. Deutschland und Europa insgesamt müssen dringend ihre Bestände an Munition, Artillerie, gepanzerten Fahrzeugen und Luftverteidigungssystemen auffüllen und gleichzeitig ihre Produktionskapazitäten ausbauen, um den Anforderungen eines gefährlicheren Sicherheitsumfelds gerecht zu werden und sicherzustellen, dass die europäische Industrie die für eine nachhaltige Abschreckung erforderliche Ausrüstung herstellen, warten und nachliefern kann. Hier kann Südkorea eine wichtige Rolle spielen.

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Von Rüstungsexporten zu einer industriellen Partnerschaft

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Die südkoreanische Verteidigungsindustrie hat ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, fortschrittliche Technologie, wettbewerbsfähige Preise sowie eine schnelle Produktion und Lieferung miteinander zu verbinden. Ihre bedeutenden Verteidigungsabkommen mit zahlreichen europäischen Ländern zeigen, dass koreanische Hersteller in der Lage sind, dringende europäische Anforderungen in großem Umfang zu erfüllen. Zu einem Zeitpunkt, an dem europäische Regierungen ihre Militärbestände auffüllen und ihre Produktion ausweiten wollen, sind diese Stärken von strategischer Bedeutung.

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Dementsprechend sind die Möglichkeiten für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Korea im Bereich der Verteidigungsindustrie erheblich. Der deutsche Markt erfordert jedoch einen maßgeschneiderten Ansatz. Der deutsche Verteidigungssektor verfügt über eigene industrielle Traditionen, etablierte Zuliefernetzwerke, Beschaffungsstrukturen und strategische Prioritäten. Der Eintritt in diesen Markt umfasst daher mehr als das Anbieten wettbewerbsfähiger Produkte oder die Reaktion auf dringende Ausrüstungsanforderungen.

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Koreanische Unternehmen müssen die spezifischen Bedürfnisse der Bundeswehr verstehen, Vertrauen zu deutschen Industriepartnern und Beschaffungsbehörden aufbauen und ein langfristiges Engagement für die deutsche Verteidigungsindustrie unter Beweis stellen. Lokale Partnerschaften, Investitionen in Produktions- und Instandhaltungskapazitäten sowie die Zusammenarbeit mit etablierten deutschen Zulieferern sind entscheidend für den Aufbau einer nachhaltigen Marktpräsenz.

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Die Herausforderung und zugleich die Chance besteht darin, über einzelne Exportverträge hinauszugehen und eine Strategie zu verfolgen, die die industriellen Stärken Koreas mit den Sicherheitsanforderungen und industriellen Prioritäten Deutschlands in Einklang bringt und so einen dauerhaften Mehrwert für beide Seiten schafft.

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Eine lange Tradition deutsch-koreanischer Beziehungen in der Verteidigungsindustrie

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Eine solide Grundlage ist bereits vorhanden, um die deutsch-koreanischen Beziehungen in der Verteidigungsindustrie weiterzuentwickeln und daraus eine strategische Partnerschaft in diesem Bereich zu machen. Deutschland hat historisch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der südkoreanischen Verteidigungsindustrie durch Technologietransfers und industrielle Zusammenarbeit gespielt. Deutsches Fachwissen in den Bereichen Marinesysteme, Antriebstechnik, Getriebe und Spezialkomponenten hat zu den militärischen Fähigkeiten Koreas beigetragen.

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Die U-Boot-Kooperation ist ein besonders anschauliches Beispiel: Technologietransfers und die lizenzgebundene Produktion halfen Südkorea dabei, eigene Fähigkeiten aufzubauen, die das Land anschließend durch zunehmend eigenständige Entwicklung und Fertigung weiterentwickelte. Diese Erfahrung bietet eine wichtige Lehre und verdeutlicht den langfristigen Wert industrieller Zusammenarbeit und von Technologietransfers.

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Nachdem Südkorea während seiner industriellen Entwicklung von deutschem Fachwissen profitiert hat, ist das Land nun in der Lage, fortschrittliche Verteidigungstechnologien und Fertigungskapazitäten in Deutschlands Zeitenwende einzubringen.

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Vielversprechende Bereiche für die Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie

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Angesichts der besonderen Anforderungen der deutschen und der gesamten europäischen Verteidigungsindustrie gehören zu den vielversprechendsten Kooperationsbereichen die integrierte Luft- und Raketenabwehr, insbesondere mehrschichtige Verteidigungsfähigkeiten, Abfangraketen, Radarsysteme und Systeme, die bestehende Plattformen wie Patriot ergänzen und deren Verfügbarkeit inzwischen sehr begrenzt ist.

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Darüber hinaus bestehen sowohl ein Bedarf als auch Potenzial für eine Zusammenarbeit in den Bereichen Lenkwaffen und Präzisionswaffen (wie fortschrittliche Raketen, weitreichende Wirkmittel und kostengünstige Präzisionswaffen), der Abwehr unbemannter Luftfahrtsysteme (Counter-UAS), unbemannter und autonomer Systeme sowie Artillerie, Raketenwerfer und Munition.

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Koreanische Investitionen in Produktionsstätten in Deutschland könnten dazu beitragen, Kapazitätsengpässe zu verringern und koreanische Hersteller stärker in das europäische Ökosystem der Verteidigungsindustrie einzubinden. Deutsche Unternehmen könnten ihrerseits spezialisierte Technologien, Komponenten, technisches Fachwissen und Zugang zu etablierten industriellen Netzwerken beisteuern.

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Gemeinschaftsunternehmen, lokale Produktion und sorgfältig gestaltete Vereinbarungen zum Technologietransfer könnten Lieferketten verkürzen und die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr sowie anderer europäischer Streitkräfte unterstützen, während deutsche Unternehmen ihre internationalen Partnerschaften ausbauen und Zugang zu zusätzlichen Fertigungskapazitäten erhalten könnten.

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Wo sich die Interessen decken, könnten beide Seiten auch Möglichkeiten auf Drittlandsmärkten verfolgen. Der Wettbewerb zwischen deutschen und koreanischen Unternehmen um internationale Aufträge wird weiterhin Realität bleiben. Wettbewerb und Zusammenarbeit schließen sich jedoch nicht gegenseitig aus; beide können integrale Bestandteile einer strategischen Partnerschaft sein, die sich darauf konzentrieren sollte, Bereiche zu identifizieren, in denen eine engere Zusammenarbeit einen größeren Mehrwert und bessere Ergebnisse erzielen kann, als es jede Seite allein könnte.

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Die politischen Grundlagen der industriellen Zusammenarbeit

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Die Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie kann nicht wie ein gewöhnliches kommerzielles Vorhaben behandelt werden. Entscheidungen über Investitionen, Technologietransfer, Produktionskapazitäten und Beschaffung haben direkte Auswirkungen auf die nationale Sicherheit und erstrecken sich häufig über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Unternehmen werden kaum erhebliche Ressourcen bereitstellen, wenn Beschaffungsprioritäten unvorhersehbar bleiben, Vorschriften unsicher sind oder politische Unterstützung mit jedem Regierungswechsel zurückgezogen werden kann.

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Da die Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie nicht von den umfassenderen Sicherheitsbeziehungen zwischen Deutschland und Südkorea getrennt werden kann, sollten beide Länder diese Zusammenarbeit in eine umfassendere bilaterale strategische Partnerschaft einbetten. Dies erfordert ein dauerhaftes politisches Engagement auf beiden Seiten. Regierungen können kommerzielle Risiken nicht ausschließen. Sie können jedoch einen stabilen politischen Rahmen schaffen, innerhalb dessen Unternehmen fundierte langfristige Entscheidungen treffen können.

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Einrichtung einer Taskforce für die Verteidigungsindustrie

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Ein praktischer Schritt wäre die Einrichtung einer regelmäßigen hochrangigen deutsch-koreanischen Taskforce für die Verteidigungsindustrie. Trotz einer langjährigen Geschichte technologischer und industrieller Zusammenarbeit haben sich die bilateralen Beziehungen in der Verteidigungsindustrie bisher weitgehend durch einzelne Beschaffungsprogramme, Technologietransfers und Partnerschaften auf Unternehmensebene entwickelt.

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Da die Beziehungen in der Verteidigungsindustrie in eine neue Ära eintreten, könnte eine eigens eingerichtete koreanisch-deutsche Taskforce für die Verteidigungsindustrie eine stärker strukturierte Plattform schaffen, die Regierungsbehörden, Rüstungshersteller, Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen miteinander verbindet.

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Die Taskforce könnte Prioritäten für gemeinsame Forschung und Entwicklung, industrielle Investitionen, lokale Fertigung und die Zusammenarbeit in Lieferketten festlegen und gleichzeitig regulatorische Herausforderungen in den Bereichen Beschaffung, Exportkontrollen, Zertifizierung, industrielle Sicherheit und Interoperabilität angehen. Sie könnte außerdem Partnerschaften zwischen etablierten Rüstungsherstellern und innovativen kleinen und mittleren Unternehmen sowie Start-ups erleichtern und dazu beitragen, neue Technologien in praktische Industrieprogramme umzusetzen.

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Ein solcher Rahmen würde die bilaterale Koordinierung stärken und gleichzeitig die deutsche Verteidigungsindustrie sowie die weiterreichenden europäischen Anforderungen unterstützen.

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Die Zeitenwende in eine dauerhafte Partnerschaft umwandeln

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Deutschland und Südkorea haben bereits gezeigt, was Technologietransfers und industrielle Zusammenarbeit bewirken können. Der nächste Schritt besteht darin, auf diesen Erfahrungen aufzubauen und eine Partnerschaft zu schaffen, die auf Gegenseitigkeit, gemeinsamer Verantwortung und einem langfristigen strategischen Ziel beruht.

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Auf diese Weise kann die Zeitenwende mehr werden als nur ein Wendepunkt in der deutschen Sicherheitspolitik. Sie kann auch den Beginn eines neuen Kapitels in den deutsch-koreanischen Beziehungen markieren, eines Kapitels, das die europäische Abschreckung stärkt und eine langjährige Wirtschaftsbeziehung in eine dauerhafte strategische Partnerschaft umwandelt.

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Der Autor Eric Ballbach (Foto: SWP)

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Dr. Eric J. Ballbach ist Korea Foundation Fellow in der Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Seine Forschung konzentriert sich auf die Außen- und Sicherheitspolitik Nord- und Südkoreas, insbesondere auf die Beziehungen zwischen der EU und der NATO und Korea, die europäisch-koreanische Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie, das Sanktionsregime gegen Nordkorea und die militärische Modernisierung Nordkoreas. ‍