
Interview von Gudrun Dometeit
Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Arktis als neuen sicherheitspolitischen Hotspot bezeichnet, die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas als „Frontlinie des globalen Großmachtwettbewerbs”. Ist das übertrieben, wird da eine Entwicklung herbeigeredet, die nicht der Realität entspricht?
Da ist schon was dran. Die Arktis hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Im Kalten Krieg war sie der Hotspot für die nukleare Abschreckung, denn Atom-U-Boote der Sowjetunion und der USA lagen versteckt unter dem arktischen Eis. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war die Region 30 Jahre lang durch Kooperation geprägt, auf die andere Krisen keinen Einfluss hatten. Das änderte sich über Nacht 2022 mit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Allerdings hat sich Russland schon vorher in der Arktis stärker militärisch aufgestellt, und auch China hatte sich mehr engagiert. Ausschlaggebend war jedoch der Krieg in der Ukraine und der NATO-Beitritt von Schweden und Finnland. Seitdem stehen Russland in der Arktis sieben NATO-Staaten gegenüber. Der Begriff Frontlinie trifft damit in gewisser Weise zu. Allerdings hätten wir die Diskussion nicht in dieser Form ohne die Erwärmung der Arktis. Damit ist die russische Küste nun erreichbar und angreifbar, und es stellen sich neue Sicherheitsfragen.
Der Klimawandel vollzieht sich in der Arktis viermal stärker als im globalen Durchschnitt. Er kann enorme Auswirkungen auf die Temperaturen in West -und Nordeuropa durch die Veränderung des Golfstroms haben. Gibt es eigentlich technische Möglichkeiten, den Wandel einzudämmen – wie manche recht sonderbare Vorschläge suggerieren?
Theoretisch ist das möglich, aber die EU spricht sich in ihrer neuen Arktis-Strategie klar gegen dieses sogenannte Geoingeneering aus. Manche Ideen sind wirklich abstrus, zum Beispiel die ganze Antarktis mit einer schwarzen Plane zu bedecken. In der Wissenschaft ist man sich relativ einig, dass man nicht in das System eingreifen sollte. Allerdings finanzieren manche reiche Sponsoren Untersuchungen in dieser Richtung. Aber es gibt ja auch andere Herangehensweisen, zum Beispiel CO2-Speicherung in Island, wo das klimaschädliche Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnommen und im Boden gespeichert wird. Wir wissen aus Eiskernen ziemlich genau, wie der CO2-Gehalt der Atmosphäre in der Erdgeschichte war. Wir müssen drei Millionen Jahre zurückgehen – bis wir den gleichen CO2-Gehalt wie heute finden. Solange war der CO2-Gehalt immer niedriger. Damals war der Meeresspiegel um mehrere Meter höher als heute, und es war viel wärmer.
Der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck hat gerade ein Buch geschrieben, in dem er sich u.a. mit dem Zusammenhang zwischen Klimawandel und politischen Ereignissen beschäftigt Abkühlung, Vulkanausbrüche, Missernten trugen zum Untergang des Römischen Reiches bei. Die schnelle Erwärmung der Arktis, die neue Handelsrouten und leichtere Rohstoffförderung eröffnet, könnte laut Habeck den geopolitischen Machtkampf der Großmächte prägen.
Ich denke, damit hat er recht. Das erste Mal, dass die Politik verstanden hat, was in der Arktis passiert, war 2005. Da erschien eine Studie des Arktischen Rates und des International Arctic Science Committee, die die Auswirkungen der Erwärmung wissenschaftlich beleuchtete. Sie hat viele wachgerüttelt und ist noch heute super aktuell. 2007 setzte Russland auf dem Nordpol die russische Flagge, um zu dokumentieren: Die Arktis gehört uns. Zwei Jahre später veröffentlichte China seine erste Arktis-Strategie und bezeichnete sich als “Near Arctic State”. 2007 haben wir auch zum ersten Mal viel weniger Meereis im September gesehen, als alle Modelle vorhergesagt hatten. Je weniger Meereis, desto besser die Zugänglichkeit zur Arktis, desto besser der Zugang zu Ressourcen, zu Schifffahrtsrouten. Damit fing eigentlich alles an.

Die vor wenigen Tagen veröffentlichte EU-Arktis-Strategie trägt den Aspekten Sicherheit und Wettbewerb sehr viel Rechnung. An ihr war auch das Alfred-Wegener-Institut (AWI) beteiligt. Wurden dessen Vorschläge ausreichend berücksichtigt, oder kommt die Forschung zu kurz?
Eigentlich waren wir relativ zufrieden mit dem, was da zur Forschung drinsteht. Einige unserer Punkte haben wir wiedergefunden. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf Sicherheit, aber die Aspekte Klima und Umwelt sind immer noch da und damit auch das Thema Forschung. Auch die neuen Leitlinien Deutscher Arktispolitik von 2024 fokussieren sich auf Sicherheitspolitik, betonen aber, dass Wissenschaft, Klima und Umweltschutz nicht vergessen werden sollten. Wir brauchen das Klimawissen, und Frühwarnsysteme, um uns vorzubereiten und die Menschen in der Arktis vorwarnen zu können. Durch veränderte Niederschläge im Frühjahr bildet sich beispielsweise auf dem Schnee eine Eisschicht. Damit finden die Rentiere, von denen die Sami in Nordeuropa leben, keine Nahrung mehr. Der Erfahrungsschatz der indigenen Völker soll in die Wissenschaft einfließen.
Nun bemisst sich der Stellenwert von politischen Aufgaben in der Regel am Geld. Die EU will einen sogenannten “Maritime Security Hub” einrichten, panarktische Datenkabel bis Grönland installieren und künftig sogar eine EU-Eisbrecherflotte schaffen. Die Mittel sind aber begrenzt. Mehr Sicherheit auf Kosten der Forschung?
Konkrete Kosten für solche Projekte enthält die Strategie nicht. Anders ist das in Sachen Forschungsförderung, die so weiterlaufen soll wie bisher. Die EU hat sie in den vergangenen Jahren jedes Jahr mit ungefähr 100 Millionen Euro finanziert. Das ist viel Geld. Von diesen meistens sehr großen Forschungsprojekten, die zwischen drei und 15 Millionen Euro liegen und über vier Jahre laufen, hat das AWI etliche koordiniert und ist an vielen beteiligt. Über das Horizon Europe-Programm werden jetzt auch Norwegen, Island, Grönland, die Färöer und Kanada einbezogen.
Können Sie Projekte nennen, die über die Arktis hinausweisende Bedeutung haben?
Eines ist Polarin, ein Forschungsinfrastruktur-Netzwerk, das die Zusammenarbeit von Polarstationen, Eisbrechern, Observatorien verschiedener Länder koordiniert. Es ist eines der großen EU-Projekte, das vom AWI geleitet wird und nicht nur für die Arktis sondern auch für die Antarktis gilt. Das zweite Beispiel ist Arctic Passion bzw. dessen Nachfolger Beyond Arctic Passion, ein wichtiges Vorhaben, an dem ich selber beteiligt war. Dabei geht es um den Aufbau eines Beobachtungssystems für die Arktis, in dem alle Daten zusammengetragen werden. Ein weiteres Projekt, das unser Potsdamer Institut koordiniert, betrifft die Entwicklung des Permafrost.

Stichwort Permafrost: Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland haben Deutschland und andere EU-Staaten nach 2022 eingestellt. Sind da nicht wertvolle Daten zum Klimawandel verloren gegangen?
Gerade für uns hier am AWI in Potsdam war Russland tatsächlich bis 2022 der engste Kooperationspartner. Ich selber habe acht Expeditionen nach Sibirien geleitet und mit russischen Kollegen zusammen geforscht. Es war für uns schon ein Schock, als die Forschungskooperation von heute auf morgen eingestellt wurde. Wobei auch in der Wissenschaft die meisten verstehen, dass man mit Russland momentan nicht zusammenarbeiten kann. Wir haben aber nach wie vor persönliche Kontakte. Das ist nicht unbedingt einfach. Aber es ist wichtig, die Brücken nicht komplett abzubrechen, weil es hoffentlich irgendwann wieder eine Zusammenarbeit geben kann. Der Zusammenbruch der institutionellen Kooperation ist allerdings ein Problem. Die Hälfte der Arktis gehört zu Russland. Dort haben wir keinen Zugriff mehr auf die Daten, und die fehlen uns natürlich. Auch die russische Expertise ist wichtig gewesen.
2020, während der Corona-Zeit, war unser Eisbrecher Polarstern ein ganzes Jahr lang in der Arktis eingefroren und hat dort über den Winter extrem wichtige Daten gesammelt. Der russische Beitrag war dabei essentiell. Andere Eisbrecher, die helfen sollten, wie ein schwedischer und auch ein chinesischer, konnten nicht fahren. Da haben die Russen gesagt: Okay, wir helfen Euch mit unseren Eisbrechern. Das wäre heute nicht mehr denkbar. Auch bei langen Datenreihen zum Permafrost – seit Jahrzehnten werden in Bohrlöchern Temperaturen gemessen - gibt es nun Lücken. Wenn man ein Modell rechnen will, braucht man Daten der gesamten Arktis. Wenn die Hälfte fehlt, hat man Schwierigkeiten, das muss man ehrlich zugeben.
Wäre die Wiederaufnahme der Arktis-Zusammenarbeit ein möglicher Einstieg für eine Wiederannäherung zwischen Europa und Russland? Sozusagen Eisdiplomatie, um das Eis zu brechen?
In diesem Monat hat es bei der Arctic Circle Assembly, einem Forum von Politikern, Unternehmern, Wissenschaftlern, in Reykjavik große Diskussionen darüber gegeben. Aber es sind vereinzelte Stimmen, die dafür plädieren, mit Russland trotz allem zusammenzuarbeiten. Aus der Politik kam harte Ablehnung. Und die Mehrheit der Wissenschaftler unterstützt die Politik.
Wie sehen Sie das selber persönlich?
Es ist in der Wissenschaft genauso wie im Sport. Ich möchte da auch nicht die russische Fahne auf dem Podium sehen, wenn daneben ein Ukrainer mit einer ukrainischen Fahne steht.

In Russland verbindet sich die Arktis mit einem Mythos, der heroischen Nordflotte, die den Zugang zum Atlantik und zum Pazifik sichern soll. Nun wird plötzlich diese riesige lange Küste frei. Müsste man russischen Sicherheitsbedenken künftig mehr Rechnung tragen?
Sie haben recht, in Russland herrscht immer noch dieses heroische Denken aus Sowjetzeiten. Dabei ist der nördliche Seeweg schon seit Jahren genutzt worden. Deswegen ja auch die Flotte der russischen Eisbrecher. In seiner berühmten Murmansk-Rede hat Michail Gorbatschow 1987 Zusammenarbeit mit dem Westen bei Umweltschutz und Abrüstung in der Arktis angeregt. Daraus sind im Prinzip die Abrüstungsverträge hervorgegangen, und die Gründung des Arktischen Rat und des International Arctic Science Committee. Er kündigte damals auch die Bereitschaft Russlands an, den nördlichen, über eigenes Hoheitsgebiet führenden Seeweg für andere Schiffe zu öffnen. Natürlich hat Moskau verlangt, für die Durchfahrt einen russischen Eisbrecher als Begleitung zu chartern. Vereinzelt fuhren Schiffe durch, aber seit den Sanktionen ist der Seeweg durch russische Gewässer für westliche Reedereien tabu. Jetzt nutzen nur die Russen diese Route, um Gas aus der Arktis abzutransportieren, vereinzelt chinesische Schiffe und zuletzt ein südkoreanisches. Vor einigen Jahren hieß es noch, dies sei der Alternativweg zum Suezkanal, weil viel kürzer, und ohne Piraten. Das sei die Zukunft.
Dabei ist der Bedarf an sicheren Handelswegen ja eher größer geworden, wenn man die Situation im Roten Meer oder in der Straße von Hormus betrachtet …
Wenn wir davon ausgehen, dass wir vielleicht schon in 20 Jahren den ersten komplett eisfreien Sommer in der Arktis haben werden, dann wird natürlich die zentralarktische Route durch den arktischen Ozean, die direkt über den Nordpol führt, interessant. Da fährt man nicht mehr durch russische Hoheitsgewässer. Das ist hohe See, da hat jeder freie Durchfahrt.
Auch China hat sich einfach mal zur globalen polaren Macht bis 2030 erklärt, obwohl es mindestens 1000 Kilometer von der Polarregion entfernt liegt. Es hat klare wirtschaftliche und strategische Interessen wie etwa Energieinfrastrukturprojekte in Sibirien und die Verkürzung der Handelsroute zwischen Asien und Europa. Wie kam es eigentlich dazu?
In der chinesischen Arktis Strategie tauchte 2009 plötzlich der Begriff “Near Arctic State” auf. Das hat bei den Arktis-Anrainern mehr als Stirnrunzeln hervorgerufen. China hat versucht über Kooperation mit Anrainerstaaten an Ressourcen zu kommen, zum Beispiel auf Grönland. Es hat sich auch als großer wissenschaftlicher Akteur mit Forschungseisbrechern aufgestellt.
Bahnt sich da nicht der nächste grundlegende Konflikt an: China will den Klimawandel in der Arktis für sich nutzen, zum Beispiel zur Rohstoffgewinnung, während Europa ihn eher aufhalten und zumindest Rohstoffe wie Gas, Öl oder Kohle nicht fördern will.
Das sehe ich auch so. Aber wenn Sie China nennen, dann müssen Sie natürlich auch Russland nennen und die USA. Russland ist zwar Gründungsmitglied im Arktischen Rat und immer sehr engagiert, aber letztendlich hat es die Arktis vor allen Dingen als Lagerstätte von Ressourcen betrachtet, von Öl, Gas, Diamanten, Metallen. Und das Interesse der USA an Grönland hat natürlich auch mit den Rohstoffen zu tun.
Ist Europa mal wieder zu zögerlich, weil es den Fokus auf Sicherheit und Klimawandel legt, während andere die Rohstoffe abräumen wollen und man selber doch eigentlich auch zum Beispiel bei seltenen Metallen diversifizieren will?
Das ist ein spannender Punkt. Die früheren EU-Strategien waren alle stark auf Umweltschutz, Rechte der indigenen Bevölkerung, Wissenschaft ausgerichtet und haben solche Themen eigentlich gar nicht behandelt. Und jetzt zum ersten Mal steht dort explizit drin, dass EU-Bürger in der Arktis leben. Man hat jetzt verstanden, dass die Arktis ein Teil Europas, ein Teil der EU ist. Mit Finnland, Schweden und dem Königreich Dänemark. sind drei Anrainerstaaten EU-Mitglieder. Der EU ist bewusst geworden, dass sie damit viel mehr Interessen in der Arktis hat als nur Klima und Umweltschutz.
Rechnen Sie mit neuen Ansprüchen von US-Präsident Donald Trump auf Grönland?
Ich hoffe, dass mit dem Sicherheitsabkommen, dass er mit den Dänen unter Einbeziehung der Grönländer abgeschlossen hat, erstmal Ruhe herrscht. Im Augenblick haben die USA wohl andere Probleme. Ob sich das wieder ändert, kann ich schwer einschätzen. Die Reaktion der EU war ziemlich klar, ihre Drohung mit Gegenmaßnahmen hat gewirkt.
Am morgigen Donnerstag beginnt in Montreal ein zweitägiger EU-Kanada Gipfel, und es ist auch die Rede von gemeinsamen Arktisprojekten. Welche könnten oder sollten das sein?
Es gibt ja schon ein konkretes Beispiel, das sind die U-Boote, die Deutschland an Kanada liefern wird. Die Teilnahme am Forschungsprogamm Europe Horizon habe ich schon erwähnt. Für uns als Institut ist Kanada mittlerweile ein entscheidender Partner geworden, auch weil die wissenschaftlichen Fragestellungen, gerade zum Thema Permafrost, ähnlich sind. Wir hatten ja mit Russland Expeditionen geplant, wir haben Studenten und Doktoranden, die mussten sich über Nacht umorientieren. Viele von diesen Projekten sind dann nach Kanada ausgewichen, teilweise auch nach Alaska oder nach Grönland, aber doch im wesentlichen nach Kanada, weil da die Geografie, die Umwelt und die Geologie relativ ähnlich sind.
Deutschland ist auch kein direkter Anrainerstaat der Arktis und hat wie China nur einen Beobachterstatus im Arktischen Rat. Wo genau liegen die deutschen Interessen?
Forschung ist ein zentrales Thema für Deutschland. Wir betreiben mehr Arktisforschung als die meisten Anrainerstaaten – allein durch das AWI, das mit über 1500 Mitarbeitenden eines der weltweit größten Forschungsinstitute für die Polarregon ist. Veränderungen der Ozeanzirkulation im Nordatlantik oder der Anstieg des Meeresspiegels durch das Schmelzen des grönlandischen Eises betreffen Deutschland direkt. Das heißt, die heißen trockenen Sommer, die wir zuletzt erlebt haben, lassen sich unmittelbar in Verbindung setzen zu dem, was in der Arktis passiert. Hauptsächlich dadurch, dass der Temperaturgradient zwischen Nordpol und Äquator immer kleiner wird. Das führt zur Veränderung der atmosphärischen Zirkulationsmuster und damit des Golfstroms, der für uns so wichtig ist und unser Klima und Wetter beeinflusst.
Das Auftauen des Permafrostes setzt weitere Treibhausgase frei, weil in diesem gefrorenen Boden sehr viel Kohlenstoff eingebunden ist, der dann als CO2 in die Atmosphäre entweicht und die Klimaerwärmung noch weiter vorantreibt. Das heißt, wir haben ein Interesse daran zu verstehen, was hier passiert..

ist denn eigentlich Russland in der Lage oder überhaupt willens mit den Auswirkungen der auftauenden Permafrostböden und eben Freisetzung von Treibhausgasen fertig zu werden?
Die Expertise gibt es in Russland sicher. In Jakutsk beschäftigt sich ein Institut, mit dem wir zusammengearbeitet haben, nur mit Permafrost. Man hat dort zum Beispiel Technologien entwickelt, um auf Permafrost zu bauen. Man muss jedes Gebäude tief im Boden verankern, damit es nicht, wenn der Boden im Sommer auftaut, versinkt oder zusammenbricht. Aber man sieht jetzt schon die Probleme. Vor etwa zwei Jahren ist ein großer Dieseltank auf Permafrostboden zusammengebrochen. Es gab eine riesige Umweltkatastrophe, wobei das auch daran lag, dass der Tank wahrscheinlich einfach verrottet war. Neben Jakutsk beschäftigen sich noch zwei wissenschaftliche Zentren schwerpunktmäßig mit Permafrost, eines in Fairbanks, Alaska und unseres in Potsdam.
Ist Deutschland mit seiner Interessenvertretung, u.a.dem Deutschen Arktisbüro, gut genug aufgestellt? Sollte Berlin beispielsweise in Grönland wie Frankreich und Kanada mit einer diplomatischen Vertretung präsent sein?
Das Arktisbüro ist Teil des Alfred-Wegener-Instituts. Wir vertreten nicht die Bundesregierung sondern die Forschung. Wir sollen Wissenschaft und Politik besser vernetzen. Deutschland wird in der Arktis durch das Auswärtige Amt vertreten. Wir haben aber keinen nach außen hin sichtbaren Arktisbotschafter wie zum Beispiel Frankreich. Oft ernennen sie einen hochrangigen einstigen Politiker dazu. Eine solche Sichtbarkeit haben wir nicht, aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht, weil in Frankreich kritisiert wird, dass diese Galionsfiguren zuviel nach eigenen Ideen handeln. Und ein deutsches Konsulat in Nuuk - das wäre doch eher Symbolpolitik.
im Jahr 2032/ 33 wird das fünfte internationale Polarjahr stattfinden. Was genau passiert da? Und wie wird, wenn Sie in eine kleine Glaskugel schauen, die Region dann aussehen?
Das ist eine gute Frage, an der ich gerade selber arbeite. Ich habe das Polarjahr in 2007/8 mitorganisiert und bin natürlich daran interessiert, wie das nächste aussieht. Jedenfalls ist es ein heiß diskutiertes Thema momentan. Denn ein Polarjahr funktioniert eigentlich nur, wenn alle Länder zusammenarbeiten, also auch Russland und China mit dabei sind. Manche sagen, das sei eine Chance für Wissenschaftsdiplomatie. Sie beziehen sich dabei auf das Geophysikalische Jahr 1957/ 58 mitten im Kalten Krieg. Daraus ist letztlich der Antarktisvertrag hervorgegangen. Es ist das Paradebeispiel für Wissenschaftsdiplomatie. Das zweite Problem besteht in den USA, die nach dem Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen die Förderung der Klimaforschung stark eingeschränkt haben. Aber der Klimawandel muss für das Polarjahr natürlich das zentrale Thema sein. Diese Situation könnte sich bis 2032 ändern, wovon die meisten eigentlich ausgehen, das Problem mit Russland eher nicht. Dabei hat Russland Interesse teilzunehmen und bereits ein Komitee gebildet. Auch wir in Deutschland haben das gemacht, die ersten Projekte gehen schon im nächsten Jahr los. Es ist ein riesiges internationales Event, das immer auch so etwas wie ein Erbe hinterlässt.