
Berlins noch Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) saß in der Mitte der ersten Reihe, die Linke-Chefin Elif Eralp nur ein paar Plätze rechts von ihm. Mit ihrem türkischen Hintergrund und den Ambitionen als Bürgermeisterin gehörte sie zu den VIPs, als das historische Abkommen vom 30. Oktober 1961 gewürdigt und die türkische Community gefeiert wurde. Als in der Begrüßungsansprache ihr Name fiel, erhielt Eralp auffallend lang anhaltenden Beifall. Dabei blieb unklar, ob die große Mehrheit unter den anwesenden Berliner Türken Sympathisanten der Linkspartei ist oder ob man ihr Respekt zollen wollte, dass sie es so weit geschafft hatte.

Wegner sagte in seiner Rede: „Das war ein sehr kurzes Dokument, hat aber Deutschland und Berlin nachhaltig verändert.“ Bis 1973 – dem Jahr, in dem Deutschland die Anwerbung stoppte – hatten 900.000 Menschen ihre türkische Heimat verlassen, um hier zu arbeiten. Gemäß Rotationsprinzip sollten sie alle zwei Jahre ausgewechselt werden – ein Prinzip, das nie funktioniert hat. „Bis Mitte der Achtzigerjahre haben sie mit ihrer späteren Rückkehr gerechnet, ein Leben aus dem Koffer geführt und das Gefühl gehabt, nicht dazuzugehören. Sie lebten in einer Gesellschaft, die keine Erfahrung mit Migration und Integration und keine Angebote zur Erlernen der deutschen Sprache hatte“, so Wegner.
Größte türkische Community außerhalb der Türkei
Berlin habe weltweit die größte türkische Community außerhalb der Türkei, sagte der Bürgermeister mit Stolz. „Die Geschichte der türkischen Einwanderer ist eine Erfolgsgeschichte, und aus damaligen Fehlern muss man lernen.“
Diese Geschichte müsse auch in den Schulen und im Bildungssystem vorkommen, schlug Wegner vor, außerdem kündigte er die Errichtung eines „Denkmals für Gastarbeiter“ an. Die Senatorin für Integration, Vielfalt und Antidiskrimierung, Cansel Kiziltepe, schlug zudem die Einrichtung eines Migrationsmuseums und eines Dokumentationszentrums vor.
Eine Ausstellung, die im Roten Rathaus bis 11. November gezeigt wird, und der Festakt am Freitag wurde von mehreren Vereinigungen gestaltet. Ein Panel auf der Bühne im Festaal, besetzt von Vertretern der zweiten, dritten und sogar vierten Generation, erzählte von den Anfängen der ersten Generation und ihrem Leben in kleinen Altbauwohnungen ohne Lift und ohne Bad und mit Kohleofen. Berlin hatten sie sich ganz anders vorgestellt. Einer von ihnen, Enver Den, fasste die Entwicklung zusammen: „Erst waren wir nur die ‚Gastarbeiter‘, dann ‚Ausländer‘, dann immerhin ‚ausländische Mitbürger‘ und schließlich ‚Migranten‘ – aber nie Berliner!“
„Das Beste aus beiden Identitäten“
Für die vierte Nachfolgegeneration sprach die 17jährige Helen Yavuz, Schülerin aus Berlin-Charlottenburg, erzählte vom eingewanderten Urgroßvater mit seinen türkisch-kurdisch-arabischen Wurzeln und ging selbstbewusst auf die Identitätsprobleme zwischen Türkei und Deutschland ein, die viele in den Nachfolgegenerationen immer noch haben: „Ich nehme mir einfach das Beste aus beiden Identitäten heraus!“


Beim Festakt am Freitag Abend hatte die türkische Community das Rote Rathaus ganz fest, wenn auch In entspannter Atmosphäre im Griff. Nur eine Handvoll nichttürkischer Gäste (beispielsweise diplo.news) war dabei, als beim anschließenden Empfang im Wappensaal unzählige Lebensgeschichten erzählt wurden.
ekö