
Nach mehr als 25 Jahren gibt es Euractiv nicht mehr. Das Logo im markanten Gelb hat ausgedient. Das paneuropäische Online-Medium, das in zwölf Sprachen berichtet hat, wurde vor wenigen Tagen vom neuen Eigentümer Mediahuis zum „Rapporteur“. Euractiv ist nicht eingegangen. Es wurde abgewürgt.
Bisherige Euractiv-Teams mit Schwerpunkt Osteuropa sind nun Partnerredaktionen von diplo.news. Das neue Netzwerk „Focus Europe“ besteht aus ehemaligen Euractiv-Partnern, nämlich:
POLEN: Focus Europe
Das bisherige Euractiv Polen (gegründet 2009) heißt jetzt Focus Europe.
Chefredakteurin und CEO ist die Europaexpertin Karolina ZBYTNIEWSKA, Lehrbeauftragte an der Universität Warschau
Website: FocusEurope.pl.
SLOWAKEI: euBrief
Das bisherige Euractiv Slowakei (gegründet 2003) heißt jetzt euBrief.
Herausgeber: Radovan GEIST
Lehrbeauftragter an der Comenius Universität, Slowakei
Website: https://eubrief.sme.sk
TSCHECHIEN: Update EU
Das bisherige Euractiv Tschechien (gegründet 2004) heißt jetzt Update EU
Herausgeber: Jan VITASEK
Website: www.update-eu.cz
BULGARIEN: EU alive
Das bisherige Euractiv Bulgarien heißt jetzt EU alive
Website: eualive.net
Herausgeber: Georgi GOTEV
Mit Sitz in Brüssel und Sofia
RUMÄNIEN: Express
Das bisherige Euractiv Rumänien (gegründet 2004) heißt jetzt Express
Website: espress.ro
ITALIEN: Focus Europe Italia
Das bisherige Euractiv Italien (gegründet 2011) heißt jetzt Focus Europe Italia
Herausgeber: Prof. Roberto CASTALDI, Assistant Professor an der eCampus University u.a.
Website: www.focuseurope.it

Pionier unter den digitalen Medien
Euractiv wurde 1999, als viele noch nichts mit dem Internet anzufangen wussten, als digitales Medium gegründet. Christophe Leclercq, damals Beamter in der Europäischen Kommission – er war Koordinator für die Informationsgesellschaft in der Generaldirektion Wettbewerb – hatte die Schwächen der EU-Information erkannt und wollte die Lücke füllen. Mit dem neuen Medium in Brüssel wollte er den Lesern europäische Themen näher bringen und europäische Debatten und Entscheidungen, die das Leben der Menschen beeinflussen, erläutern, und zwar nicht in der Brüssel-Sprache.
Die Idee dieses Netzwerkes war einzigartig: Viele Artikel aus der Brüsseler Zentrale und den nationalen Landesredaktionen wurden in zwölf Sprachen übersetzt und den Euractiv-Teams der anderen Länder übergeben. Dadurch erfuhren die Leser nicht auf Englisch, sondern in ihrer eigenen Landessprache, was in der EU-Bubble wichtig war.
Bei der Gründung erklärte Christophe Leclercq: „Wir sind nicht nur ‚Kommissions-Beobachter‘, sondern bringen die politischen Debatten auch auf die nationale Ebene.“
2004 bezog Euractiv sein Hauptquartier im Internationalen Pressezentrum unmittelbar neben dem dominanten Gebäude der EU-Kommission am Berlaymont. Mindestens einmal im Jahr fand dort das Netzwerktreffen aller Euractiv-Chefs der Mitgliedsländer statt.
Das Netzwerk entwickelte sich kontinuierlich. In immer mehr europäischen Hauptstädten entstanden Euractiv-Büros. Das Büro in Berlin wurde relativ spät, nämlich 2009, gegründet.

In Brüssel stand gleichsam für alle Netzwerkpartner der Schreibtisch, von dem aus die Netzwerkdirektoren die einzelnen Redaktionen unterstützten, ebenso wie die Kollegen aus den Hauptstädten einander unterstützten.
Als sich 2015 das US-Medium Politico von Washington nach Brüssel erweiterte, hatte Euractiv eine große Konkurrenz zu fürchten. Doch mit seinem Alleinstellungsmerkmal mit den vielen nationalen Sprachen behauptete sich das gelbe Medium gegenüber dem neuen Herausforderer.
Der niederländische Medienkonzern Madiahuis wollte seine Kompetenz in Europapolitik stärken und bekam Appetit. Mediahuis kaufte Euractiv im Jahr 2023. Drei Jahre lang übte sich der neue Eigentümer in Transformation und krempelte alles um. Zuletzt war es nicht mehr wieder zu erkennen. Für die Euractiv-Landesredaktionen in den diversen Hauptstädten schien die weitere Existenz gesichert, als sie mit Mediahuis Franchiseverträge abschlossen. Doch bald kündigte Mediahuis die Franchiseverträge und stellte vom System mit den erfahrenen und lokal bestens vernetzten Landesbüros des Partnernetzwerks um auf das klassische System mit Korrespondenten wie in den meisten anderen Medien. Der letzte Schritt war nun noch die Namensänderung. Das gelbe Euractiv-Logo ist seit einigen Tagen Geschichte. Nun heißt es Rapporteur. Rapporteur bietet seine Artikel nicht wie Euractiv kostenlos an, sondern arbeitet mit einer Bezahlschranke.
Hier schreibt ein Journalist, der die ersten fünf Jahre lang das Deutschland-Büro (2009-2014) als Chefredakteur und Herausgeber geleitet hat. Der damalige Geschäftsführer Joachim Weidemann und ich rekrutierten großartige Redaktionsmitglieder. Wie bezogen Räumlichkeiten im Haus der Bundespressekonferenz im Berliner Regierungsviertel. Im selben Geschoss, in dem auch diplo.news seinen Sitz hat.
Die Darstellung des neuen Eigentümers Mediahuis, Euractiv habe „mehr aktivistisch als journalistisch“ gearbeitet, weise ich - wie alle anderen Mitglieder des Euractiv-Netzwerks – mit Nachdruck zurück. Journalismus und Aktivismus gehören getrennt, und das haben wir bei Euractiv streng beachtet. Für die ehemaligen Euractiv-Partner lebt das Vermächtnis von Christophe Leclercq weiter.
Ewald König