Von Lukas Stock
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Die meisten Iraker interagieren ständig mit Milizen. Von diesen gibt es im Irak Dutzende. Die Milizen verfügen über Hunderttausende Kämpfer, tragen Namen wie Kata'ib Hezbollah oder Badr-Organisation und verdienen eine Menge Geld. Zum Beispiel mit Checkpoints, deren Betreiber bis zu 100.000 US-Dollar am Tag verdienen können. Das heißt, mit Bestechungsgeld und Wegzöllen. Eine Plage, wenn man im Irak von Stadt zu Stadt reisen will.
Der Großteil der Milizen gehört dem schiitischen Islam an. Genauso wie auch der Premierminister Ali al-Zaidi und die größte Regierungsfraktion im Irak. Doch nehmen viele der Milizen ihre Befehle von einer anderen Macht entgegen: dem schiitischen Regime im Iran. Viele der Männer, die heute irakische Milizen anführen, wurden im Iran ausgebildet und sehen sich bis heute als Teil der “Achse des Widerstands” gegen Israel, die USA und ihre Verbündeten. Das stört die Regierung des Irak. Diese würde sich lieber auf Wirtschaftswachstum konzentrieren. Für dieses Ziel besuchte der irakische Premier Ali al-Zaidi am letzten Dienstag Berlin und traf Bundeskanzler Friedrich Merz. Der irakische Premier schlug vor: Irak könne mehr Rohöl nach Deutschland liefern, während Irak deutsche Technologie und Industrieausrüstung einkaufen wolle.
Der irakische Premier will auch eine “Partnerschaft” mit dem reichen Nachbarn Saudi-Arabien aufbauen. Doch am 10. September griffen aus dem Irak gestartete Drohnen die wichtige Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien an. Mit der Pipeline hat Saudi-Arabien versucht, die iranische Blockade der Straße von Hormus zu umgehen. Satellitenbilder zeigen schwarze Flecken in der Wüste. Eine Lebensader für den Petrostaat, durchtrennt. Die Saudis machten in ersten Statements die Milizen im Irak verantwortlich. Ein irakischer Sender berichtet, ein saudischer Offizieller hätte wegen der Angriffe wütend der irakischen Regierung gedroht, zurückzuschlagen. Und auch wenn vier der radikalsten Milizen in einem Statement eine Beteiligung am Angriff leugnen: Solche Angriffe schaden den Handelsplänen des Premiers, mit denen er sein Land aus der Armut ziehen will. Laut einer Studie von 2024 nehmen auch 70 % der Iraker den Einfluss von Iran als Gefahr wahr. Obwohl die meisten von ihnen wie die pro-iranischen Milizen dem schiitischen Glauben angehören. Viele Iraker beschuldigen die Milizen auch, bei den Protesten von 2019 für den Tod von 600 regierungskritischen Demonstranten verantwortlich zu sein. Und die vielen Checkpoints fühlen sich entwürdigend für sie an.
Die Milizen kennen wohl die Vorwürfe. Sie argumentieren, sie könnten sich nicht auflösen und müssten Waffen tragen, solange ausländische Truppen im Land sind. Doch die irakische Regierung hat verhandelt, dass die verbliebenen internationalen und amerikanischen Truppen bis zum 30. September abziehen. Von dem Truppenabzug verspricht sich die irakische Regierung mehr Souveränität.
Ab 2014 entsandten westliche Regierungen einige Tausend Soldaten, um den Irak im Kampf gegen ISIS zu unterstützen. Unter ihnen stellte die USA die größte Fraktion mit ungefähr 5000 Soldaten. Auch Deutschland schickte ab 2016 150 Soldaten, um kurdische Streitkräfte für den Kampf gegen ISIS auszubilden. Vom ISIS verbleiben heute aber nur noch Schläferzellen, die aus Sicht der irakischen Regierung nur noch eine so geringe Gefahr darstellen, dass sie alleine mit ihnen klarkommt. Von den ausländischen Truppen sind die meisten sowieso schon in den letzten Jahren abgereist. Nur rund 200 amerikanische Soldaten verblieben, im Norden stationiert. Fernab der von Schiiten besiedelten Gebiete.
Da die ausländischen Truppen abziehen, will die Regierung nun, dass sich alle Milizen dem Staat unterordnen sollen. Ebenso wie ausländische Truppen bis zum 30. September. Seit Anfang September ist nun aber klar: Das wird nicht klappen. Am 6. September wollte die Regierung eigentlich Verhandlungen mit vier wichtigen Milizen führen, die sich gegen die Reform gestellt hatten. Das berichtet ein irakisches Medium. Doch eine der Milizen erschien nicht. Die Regierung hat die Verhandlungen nun verschoben – ohne ein Datum für neue Verhandlungen zu nennen. Droht nun, was ein Analyst in Al-Jazeera befürchtet, der Iran mit seinen Milizen, die Macht im Irak zu übernehmen? Wo das Land nun wieder auf sich alleine gestellt ist?
Dagegen spricht: Niemand weiß genau, ob der Staat nicht eher davon profitieren würde, wenn manche Milizionäre wie bisher draußen blieben. Denn innerhalb des Staates könnten sie mehr Schaden anrichten als außerhalb. Laut einem irakischen Medienbericht will der Premier 35.000 Milizionäre in Regierungstruppen unterbringen. Auch in der Elitetruppe Counter Terrorism Service CTS. Diese erhält Geld von den USA und wird von amerikanischen Spezialkräften trainiert. Doch ein Analyst des Washington Institute argumentierte bereits 2024, dass iranische Kräfte die CTS zunehmend aushöhlen. 2023 zahlte CTS beispielsweise 12 Millionen US-Dollar an eine Firma aus dem Netzwerk von Kata'ib Hezbollah. Die CTS hätten ebenso Milizionäre mit ihren von den Amerikanern erlernten Kampfmethoden trainiert.
Es wird aber noch komplizierter. Denn formell stehen die irakischen Milizen zu großen Teilen bereits unter Kommando des Staates. Sie gehören in großen Teilen zu den sogenannten PMF, unter dem Vorsitzenden Falih al-Fayyadh und dem Stabschef Abu Fadak. Diese unterstehen wiederum formell dem Premier. Formell, dieses Adjektiv sollte man sich merken. Auch den Namen Abu Fadak, der neben seiner Rolle als Stabschef noch ein zweites Gesicht hat. Doch zuerst lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Nach 2014, als die PMF gegründet wurde.
Damals rollten Hunderte Pick-up-Trucks mit Kämpfern Richtung Bagdad. Über ihnen wehte die schwarze Flagge der Terrororganisation ISIS. Sie hatten die irakische Armee im Norden überrollt. Die irakische Armee besteht hauptsächlich aus Schiiten. Die ISIS-Kämpfer folgen jedoch einer radikalen sunnitischen Ideologie und sehen die Schiiten als Ketzer. Sie massakrierten schiitische Zivilisten und Soldaten, die zuvor noch in Scharen aufgegeben hatten. Im schiitischen Süden Iraks brach Panik aus. ISIS drohte, die Macht zu übernehmen.
In diesem Chaos erließ der hohe schiitische Geistliche Ali as-Sistani eine Fatwa: Alle körperlich fähigen Iraker sollen sich bewaffnen und in den Kampf gegen ISIS ziehen. Eigentlich sollten sie sich der Armee anschließen, die gerade zusammenbrach. Tausende Männer stellten sich stattdessen an, um Milizen beizutreten. Diese vereinigten sich unter dem Namen Quwwāt al-Ḥashd ash-Shaʿbī, die Popular Mobilization Forces. PMF. Die PMF gewannen den Kampf gegen ISIS. Zusammen mit der Armee, und einer internationalen Koalition, für die auch die Amerikaner wieder in den Irak zogen.
Die PMF bestehen bis heute. Sie erhielt vom Staat zuletzt ein Budget von rund 3,5 Milliarden US-Dollar. Die PMF bestehen aus einem losen Netzwerk von rund 73 Brigaden, die von den einzelnen Milizen gestellt werden. Es gibt sunnitische und sogar christliche Brigaden, aber die meisten sind schiitisch – und folgen oft der radikalen Ideologie des Iran. Zum Beispiel die 45., 46. und 47. Brigaden. Sie gehören zur Kata'ib Hezbollah.
Das führt zu paradoxen Situationen, bei denen das Wort formell wieder wichtig wird. Denn während die irakische Regierung mit den USA kooperiert, und die PMF formell der irakischen Regierung unterstehen, bekämpfen PMF-Brigaden die USA.
2024 griff die Miliz, die die 19. PMF-Brigade stellt, eine amerikanische Basis in Jordanien mit Drohnen an. Drei amerikanische Soldaten starben.
2023 entführte Kata'ib Hezbollah die jüdische Princeton-Studentin Elizabeth Tsurkov und ließ sie erst nach 903 Tagen wieder frei.
2026 waren laut einem US-Regierungs-Think-Tank mindestens 36 Brigaden der PMF an Angriffen auf amerikanische Basen mit Drohnen und Raketen beteiligt. Woraufhin die Amerikaner Quartiere der 30., 40. und 52. Brigade der PMF im Irak bombardierten.
Auch Abu Fadak, der zuvor erwähnte Stabschef der PMF, gehört zu Kata'ib Hezbollah. Die USA ordnen ihn als “Specially designated global terrorist” ein. Diesen August berichteten Medien, der Premierminister wolle ihn absetzen. Doch bis heute hat er das Kommando.
Selbst falls sich also Milizen wie Kata'ib Hezbollah vollständig der PMF, also formell der Regierung, unterordnen, selbst dann hätte der Iran wohl weiterhin Einfluss auf sie. Viel ändern würde sich nicht. Die scheinbar paradoxe Situation, dass die PMF zwar der Regierung unterstellt sind, aber trotzdem ihre eigenen Wege gehen, klärt sich auf, wenn man einen genaueren Blick auf die irakische Regierung wirft.
Denn man kann die irakische Regierung kaum mit Regierungen wie in Deutschland und den USA vergleichen. Es gibt keine zentrale Staatsgewalt, die Macht ausübt. Forscher wie Renad Mansour argumentieren, man solle sich die PMF und den irakischen Staat eher wie ein Netz vorstellen. Mit Tausenden einzelnen Akteuren, die Macht ausüben. Die teils durch gemeinsame Interessen verbunden sind. Wie Religion. Oder Clanstrukturen. Oder auch Profitwünschen oder Ideologie. Einzelne Akteure in dem Netz haben mehr Macht und Gewicht als andere: der Premierminister, die größten Parteien, die USA, Iran. Doch ob sich in diesem Netz etwas Macht vom Iran zum Premier oder andersrum verschiebt, das macht wohl keinen großen Unterschied für die meisten Iraker. Bewaffnete Kämpfer werden weiterhin Bürger an Checkpoints aufhalten und Schmiergeld verlangen. Milizen wie Kata'ib Hezbollah werden ihre radikale schiitische Ideologie nicht ablegen, in der Widerstand gegen Amerika und Israel und die Worte der Mullahs die obersten Gebote sind. Und Milizionäre werden wohl auch weiterhin Amerikaner und ihre Verbündeten angreifen. Ob das der Premier wünscht oder nicht.
Doch: Auch wenn sich die Macht im Irak nur ein bisschen zum Premier verschiebt und das erst einmal kaum einen Unterschied macht: Es wäre ein kleiner Schritt zu etwas mehr Ordnung im Irak. Auf den weitere Schritte folgen könnten. Nach vielen Jahren der Wirren und des Bürgerkriegs, die auf den Sturz Saddam Husseins folgten. Als sich hunderte Fraktionen im Machtvakuum breitgemacht haben, das der Diktator hinterließ. Die meisten Iraker dürften es also wohl begrüßen, wenn sich die Milizen dem Premier unterordnen.