
Der österreichische Wirtschaftsdiplomat Michael Scherz hat von seinen vierzig Berufsjahren insgesamt zwölf Jahre in Deutschland gewirkt. In der Talkshow diplo.international in TV Berlin bilanziert er die bilateralen Handelsbeziehungen und analysiert die ökonomische Entwicklung in Deutschland. diplo.news fasst das Gespräch zusammen.

Herr Scherz, Sie verlassen jetzt Deutschland. Ihr Nachfolger war bisher österreichischer Handelsdelegierter in Vietnam. Von Vietnam nach Berlin ist manches gewöhnungsbedürftig. Wie erklären Sie ihm die Mentalität der Deutschen? Gibt es etwas, was Sie hier nie verstanden haben?
Ja: die Verliebtheit ins Problem. Es gibt hier eine starke Lust auf Probleme, wo wir Österreicher pragmatischer dran gehen. Gewisse Dinge kann man halt nicht ändern. Wir machen weiter und machen etwas anders. Es gibt hier ein sehr starkes Problembewusstsein. Und ein bisschen mehr Optimismus würde auch nicht schaden.
Zu den deutsch-österreichischen Wirtschaftsbeziehungen: Wir leben in einer Krise, Deutschland lebt in einer Rezession. Es hieß immer, wenn Deutschland einen Schnupfen hat, werden die kleinen Nachbarländer wie Österreich sehr krank. Soweit sind wir noch nicht, aber wie sieht es heute aus?
Ja, das hat man immer gesagt. Wir haben zwar Anfang der 2010er Jahre eine gewisse Abkoppelung erlebt, da war Österreich doch besser dran als Deutschland. Aber ich bin nicht so pessimistisch, was die mittel- und langfristigen Chancen der deutschen Wirtschaft anbelangt. Wir sind in einem massiven Transformationsprozess bei allem. Und auch die gesamte deutsche Wirtschaft, besonders energieintensive Branchen wie Automobilindustrie oder Maschinenbau, haben stark zu kämpfen. Davon sind wir als starke Zuliefere rmassiv betroffen.
Auf der anderen Seite entsteht in Deutschland sehr viel Neues. Man sollte im Auge behalten, dass es jetzt nicht nur mit ein paar Branchen bergab geht, sondern dass wir als Österreicher in wichtigen Zukunftsbranchen Deutschlands besonders gute Chancen haben.
Natürlich gibt es Handlungsbedarf, besonders in der Entbürokratisierung, von der schon seit Jahrzehnten gesprochen wird. Doch ich glaube an die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft. Allerdings macht es Brüssel oft noch viel schwieriger. Zum Beispiel das Lieferkettensorgfaltsgesetz ist - trotz guter Absicht - irre. Wir sind nicht allein auf der Welt. Wir sind international im Wettbewerb mit China und den USA und machen wir uns weniger wettbewerbsfähig. Umso schwieriger wird es, mithalten zu können. Wir müssen mit den anderen auf Level Playing Field spielen, also mit Gewährleistung fairer Wettbewerbsbedingungen. Wir müssen darauf achten, dass in der Automobilindustrie nicht die Chinesen mit hohen Subventionen den europäischen Markt überschwemmen und ihn völlig verzerren.
Oft sind solche Vorschriften aus Brüssel gut gemeint, aber unrealistisch, wirklich schwierig und wettbewerbsverzerrend. In Deutschland ist man ehrgeizig und will noch besser sein, als es Brüssel vorschreibt.
Die Lippenbekenntnisse zur Entbürokratisierung erzeugen das Gefühl, es kommt unten gar nicht mehr an und wird nicht mehr umgesetzt. Es wäre sehr hilfreich, würde man die Fenster richtig aufmachen und es richtigdurchziehen lassen. Es gäbe noch viel Potenzial, vor allem in den Sozialsystemen, bei Förderungen und so weiter, um hier frischen Wind hereinzubringen. Manchmal liest man wirklich abstruse Verordnungen.
Bitte erklären Sie uns: Was macht denn ein Handelsrat?
Wir versuchen die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zu beleben, Unternehmen zu unterstützen und Steine aus dem Weg zu räumen. Wir bieten Plattformen für die Unternehmen, um in Deutschland mehr Geschäft zumachen und die richtigen Partner zu finden. Generell geht sehr viel geht in die Imagewerbung Österreichs als Wirtschaftspartner Deutschlands.
Österreich hat ja wie Deutschland weltweit ein großes Netz an Botschaften. Aber auch die österreichische Wirtschaft, die Sie vertreten, hat ein riesiges diplomatisches Netzwerk – sogar ein größeres Netzwerk als die Bundesrepublik.
Wir sind in knapp 70 Ländern der Welt vertreten, als Handelsabteilung immer als Teil der österreichischen Vertretungsbehörde, also der Botschaft oder des Generalkonsulats. Wir sehen es sehr wichtig an, nahe am Puls der Wirtschaft des jeweiligen Landes zu sein, in dem wir arbeiten, um möglichst viele interessante Informationen aufnehmen zu können.
Das Erfolgsgeheimnis unseres Berufs ist auf jeden Fall das Netzwerk. Das ist das Entscheidende, obwohl heute Vieles auch digitalisiert erledigt werden kann. Die Künstliche Intelligenz verspricht viele Erleichterungen. Aber ein persönliches Netzwerk ist ein Alleinstellungsmerkmal für die Wirtschaftsdiplomatie. Wenn man sich kennt, spricht man ganz anders miteinander. Das kann die KI nicht ganz ersetzen.

Hat Ihr Beruf generell eine Zukunft?
Ich glaube schon. Das wirtschaftliche Wohlergehen einer kleinen Volkswirtschaft wie der österreichischen hängt stark von der internationalen Präsenz ab. Natürlich verändert sich das Berufsbild. Wenn ich zurückdenke, in Bukarest haben wir noch Telex geschrieben und um 17 Uhr gelbe Streifen Richtung Österreich geschickt.
Aber auch jetzt wird unsere Organisation stark in Anspruch genommen. Wir betreuen jedes Jahr ca. 60.000 österreichische Unternehmen. Allein in Deutschland sind es 6.000, die durch unsere Büros in Düsseldorf, München und Berlin bedient werden.
Die Suche nach Nachwuchs wird immer schwieriger, weil junge Leute die Welt schon kennen. Früher hatte man solche Berufe gern ergriffen, um die Welt kennenzulernen. Würden Sie jungen Leuten raten, sich zu bewerben?
Durchaus. Auch für mich war damals das Hauptmotiv, in die Welt hinauszukommen. Ich war davor nur in England und einmal in den USA. Das war’s schon. Heute bewerben sich Leute mit 25, die schon auf der ganzen Welt waren, oft sogar Monate oder Jahre. Das hat sich geändert, aber es ist immer noch eine höchst interessante Tätigkeit mit Zukunft, auch wenn sie wenig familienfreundlich ist. Sie verlangt hohe Flexibilität vom Partner, der gewisse Zugeständnisse machen muss.
Wie entwickeln sich die deutsch-österreichischen Wirtschaftsbeziehungen?
Mit dem EU-Beitritt, der Öffnung des Ostens und der Einführung des Euro hat Österreich massiv an internationaler Wettbewerbsfähigkeit dazugewonnen. Österreich ist durch den EU-Beitritt eines der Top-Exportländer der Welt geworden. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Sechs von zehn Euro verdient die österreichische Wirtschaft im Ausland. Wir sind der siebentwichtigste Handelspartner Deutschlands. Wenn man sich die Größenordnung ansieht, welche Länder unter den Top 10 sind, sind wir mit Abstand das kleinste Land und trotzdem so stark. Uns hilft auch diestarke Verflechtung im Tourismus, wo Deutsche viele Produkte im Lebensmittel-und Getränkebereich kennenlernen und nachfragen.
Wir teilen mit Deutschland auch den starken Mittelstand mit noch relativ hohem Produktionsanteil. Deutschland und Österreich liegen noch bei 20 Prozent Anteil der Produktion am Bruttoinlandsprodukt, wogegen die meisten europäischen Länder nur zehn Prozent oder noch weniger Anteil haben. Wir setzen stark auf Warenproduktion und Dienstleistungen.
Hinzu kommt das Phänomen mit vielen Nischenweltmeistern, Unternehmen, die fast niemand kennt, Champions, die in ihrer Branche Weltmarktführer sind, zum Beispiel Gleisverlegemaschinen – die längsten Schienen der Welt kommen aus Österreich – oder Maschinen, die Waffeln erzeugen.

Es heißt, Österreich sei in Sachen Digitalisierung weiter als Deutschland. Und die Deutschen geben das sogar zu.
In der Digitalisierung der Industrie ist Deutschland sicher ganz hervorragend aufgestellt. Wo Deutschland Schwächen hat, ist bei der Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung. Da ist Österreich tatsächlich weiter.
Haben Sie von anderen ausländischen Kollegen, die in Deutschland eingesetzt sind, den Eindruck, dass sie an der deutschen Bürokratie verzweifeln?
Unser Verhältnis ist privilegiert, da wir uns sehr gut kennen. In Deutschland muss man nicht lange erklären, was Österreich ist. Das ist unser Vorteil. Wir haben einen anderen Umgang miteinander und dadurch auch gute Zugänge, die andere sich eher mühsam erarbeiten müssen. Hin und wieder fragen Kollegen, ob sie nicht mitgehen und etwas gemeinsam machen können.
Insgesamt waren Sie zwölf Jahre in Deutschland auf Posten. Wann und wo und wie war das?
Ich war von 2011 bis 2017 in München am Generalkonsulat zuständig für Bayern und Baden-Württemberg. In diesen starken Bundesländern im Süden nimmt Österreich eine sehr wichtige Rolle ein. Wir sind unter den Top-Partnern dieser Bundesländer – besonders Tirol, Salzburg und Oberösterreichin Bayern und Vorarlberg auch in Baden-Württemberg. Seit September 2020 war ich in Berlin, von wo wir alle anderen Bundesländer sowie bundesweite Angelegenheiten betreuen.
In welchen anderen Staaten waren sie noch eingesetzt?
Begonnen hat die Karriere 1985 in Rumänien noch unter Staatspräsident Ceausescu. Anschließend war ich dann in Jakarta, Johannesburg, Paris und New York als Handelsattaché und dann als Handelsrat in Sarajewo, Padua, München und Berlin. Anfangs gab es noch etwas Kurioses, das es heute nicht mehr gibt: Man wurde zur Urlaubsvertretung in andere Plätze geschickt. Wenn der Kollege in Kuwait oder in Lagos auf Urlaub war, wurde jemand von uns Jungen dorthin gesetzt. So war ich drei Wochen in Lagos und fünf in Kuwait. Das gibt es seit dem Mobiltelefon natürlich nicht mehr.
Wo war es am meisten herausfordernd?
Herausfordernd ist es überall. Besonders interessant war es für mich, nach dem Friedensvertrag von Dayton (1995) unser Büro in Sarajewo aufzubauen. Da fuhr ich hin, ohne jemals dort gewesen zu sein. Ich war gut gebrieft und habe im Holiday Inn in Sarajewo, dem berühmten gelben Gebäude im Stadtzentrum, zwei Zimmer bezogen, eines als Büro und eines zum Schlafen. Das war ein Sonntagabend. In dieser Nacht war ich der einzige Gast, weil alle anderen am Montag kamen und am Freitag gingen.
Diese fünf Jahre in Sarajewo waren eine tolle Zeit, weil es unmittelbar nach dem Krieg steil nach oben ging. Und wie überall in West- und Mitteleuropa war Österreich einer der wichtigsten Partner. Wir waren der größte Handelspartner hinter Deutschland, aber vor Deutschland der größte Investor.
Aber auch Deutschland hatte ganz besondere Herausforderungen, wir waren zeitweise im Dauerkrisenmodus. Das zeigte, dass es auch in unseren Ländern, wo doch alles großartig bergauf ging, plötzlich vorbei war. Wir waren schon froh, wenn es stagnierte oder leicht gewachsen ist. Dieses Gefühl h at sich dann in Berlin nochmals verstärkt.
Pragmatisch gefragt: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Handelsattaché, Wirtschaftsrat, Handelsdelegierter etc.? Sind das verschiedene Bezeichnungen für eigentlich das Gleiche?
Attaché ist der niedrigste Rang in der diplomatischen Hierarchie. Das wird man als erstes. Dann wird man Rat, also Wirtschafts- oder Handelsrat, je nachdem, wie ein Land aufgestellt ist. Aber im Prinzip ist es immer die gleiche diplomatische Bezeichnung.
Für sie wird auf deutscher Seite viel gemacht. Es gibt einen Verein der Handelsräte, die Unternehmer oder Messen besuchen. Aber wir sind ja selbst fast auf jeder deutschen Messe mit österreichischen Unternehmen präsent. Auf den Weltleitmessen sind wir auch mit Gruppenständen mit einheitlichem Österreich-Design vertreten. Das ist für die einzelnen Unternehmen günstiger, wenn sie am Tag vor der Messe kommen und alles wie bestellt vorfinden.
Wie ist denn ein Handelsrat in einer Botschaft eingebunden? Er arbeitet ja nicht für das Außenministerium.
Er ist ein voller Teil der Botschaft, ähnlich wie der Verteidigungs- bzw. Militärattaché, der ja auch von einem anderen Ministerium entsandt wird. Die Handelsabteilung mit ihren zehn Mitarbeitern hat eine eigene Etage in der Botschaft.
Wir treffen uns jede Woche zur Besprechung in der Botschaft ,in Anlassfällen auch fünfmal am Tag. In dieser großen wöchentlichen Besprechung berichtet jeder seine Wahrnehmung, aus dem Wirtschaftsbereich, aus der Wissenschaft, der Kultur, dem Militär. Wir arbeiten da ganz pragmatisch zusammen, vertrauen einander, nützen die Stärken und das Netzwerk der anderen und bespielen es gemeinsam. Wir sehen uns als ein Team Austria. Aber nach außen hin ist der Botschafter der Chef.
Nach diesem Gespräch in diplo.international verabschiedete sich Dr. Michael Scherz in den Ruhestand, übergab sein Amt an Stefan Stantejsky, bisher Österreichs Handelsdelegierter in Vietnam, und überdieselte nach Österreich.
ekö