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Trump verliert den Nahen Osten

Der Iran-Krieg hat das Vertrauen in den amerikanischen Schutzschirm erschüttert. Die Golfstaaten versuchen, ihre Sicherheit zu diversifizieren
August 14, 2026
August 14, 2026

Darauf einen Handschlag: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (v.l.n.r.), der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman und Pakistans Regierungschef Shebaz Sharif haben soeben nahe der heiligen Pilgerstadt Mekka eine Verteidigungsallianz aus der Taufe gehoben (Foto: picture alliance/Zumapress.com/Saudi Press Agency)

Von Michael Backfisch

Für den Nahen Osten galt Amerikas Schutzschirm jahrzehntelang als die Lebensversicherung schlechthin. Von Jordanien über Katar bis Saudi-Arabien waren rund 50.000 US-Soldaten an diversen Stützpunkten stationiert. Mit Washington gab es eine Sicherheitsabsprache in zwei Richtungen: Die Vereinigten Staaten liefern Waffen und verteidigen arabische Länder – sowie Israel – im Falle eines Angriffs. Diese kaufen im Gegenzug Militärgüter für viele Milliarden Dollar und investieren über ihre Staatsfonds in den USA. Öl-Großmächte wie Saudi-Arabien sagten außerdem zu, ihre Energiepolitik nach den Bedürfnissen der amerikanischen Wirtschaft auszurichten.

Im Zuge des Iran-Krieges zerbröselt das 1000-Prozent-Vertrauen der Araber in die Verteidigungs-Kapazität der größten Militärmacht der Welt. Die Länder rund um den Persischen Golf hatten US-Präsident Donald Trump bekniet, die Islamische Republik nicht anzugreifen. Doch Trump, noch berauscht vom Ich-kann-doch-alles-Gefühl nach der handstreichartigen Entführung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro Anfang Januar, ließ sich von Israels Premier Benjamin Netanjahu die Idee vom Blitzkrieg-Sieg gegen Iran aufschwatzen. Mullah-Regime weg, iranische Atompläne weg, Raketenprogramm weg, regionale Verbündete weg, lautete die trügerische Formel des Israelis.

Doch Tump biss sich an der Widerstandskraft des Iran die Zähne aus. Das Regime radikalisierte sich im Zuge des Krieges. Mit dem Rücken zur Wand setzte es nach Belieben dieRegion in Brand, attackierte US-Militärbasen, Meerwasserentsalzungsanlagen, Kraftwerke oder Flughäfen. Durch die Blockade der für den Ölhandel wichtigen Straße von Hormus nahm Teheran die Weltwirtschaft als Geisel. Der asymmetrische Krieg schuf ein David-gegen-Goliath-Syndrom.

Die Staaten des Nahen Ostens sind in doppelter Hinsicht alarmiert. Der vermeintlich allmächtige Verbündete Amerika hat sich gegen Iran als unsicherer Kantonist erwiesen. Darüber hinaus stürzte Trump den Golf in noch mehr Instabilität. Vor diesem Hintergrund markiert der in Mekka geschlossene Verteidigungspakt zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan eine neue Epoche. Er bringt die einzige G20-Wirtschaft des arabischen Raums, die zweitgrößte Armee der Nato und den einzigen Nuklearstaat der muslimischen Welt zusammen. Die neue Allianz folgt der Nato-Maxime, wonach ein Angriff auf ein Land ein Angriff auf alle ist. Was dies in der Praxis bedeutet, muss sich allerdings erst noch erweisen. Es ist nicht gesagt, dass Pakistan auf der Seite Saudi-Arabiens eingreifen würde, wenn die mit Iran verbandelte Huthi-Miliz Ölanlagen im Königreich attackiert. Oder dass Türken und Saudis der Regierung in Islamabad beispringen würden, wenn der Grenzkonflikt zwischen Pakistan und Indien eskaliert.

Das Bündnis ist nachhaltiger angelegt und sendet verschiedene Signale. Richtung Washington heißt die Botschaft: Die Region kann sich nicht mehr restlos auf Amerika verlassen und muss ihre Sicherheit in die eigenen Hände nehmen. Richtung Teheran soll der Dreier-Pakt abschreckend wirken. Angriffe auf Ziele am Golf sind eine Gefahr für die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Region, die existenziell vom Export von Öl, Gas, Düngemitteln sowie kritischen Rohstoffen wie Helium abhängt. Iran müsste also mit einer komplexen Antwort rechnen. Richtung Jerusalem will die Allianz verdeutlichen, dass sie Netanjahus expansive Agenda einer „Neuordnung des Nahen Ostens“ mit selbst verliehenen Interventionsrechten in Palästina, Libanon, Syrien oder Iran auf dem Schirm hat. Mit dem Luftschlag gegen die Auslandsvertretung der Hamas in der katarischen Hauptstadt Doha im September 2025 hat Israel für viele im Nahen Osten eine rote Linie überschritten. Dass insbesondere die Türkei mit dem scharfen Netanjahu-Kritiker Recep Tayyip Erdogan Teil der Dreier-Übereinkunft ist, dürfte dem israelischen Premier nicht gefallen.

Saudi-Arabien hat bereits vor einiger Zeit begonnen, die Bande zu den USA zu lockern. Seit knapp einem Jahr hat das Königreich ein bilaterales Verteidigungsabkommen mit der Atommacht Pakistan. Pakistanische Kampfjets und Soldaten sind im Wüstenstaat stationiert. Das bedeutet nicht, dass sich der Nahe Osten sicherheitspolitisch von den Vereinigten Staaten abkoppelt – er wird weiterhin amerikanische Waffen kaufen. Aber er diversifiziert sich. Er sucht neue Partner und hat auch keine Scheu, die Fühler nach Russland oder China auszustrecken. Mit Blick auf die Wirtschaft geschieht das auch schon. Amerikas All-Dominanz in der Region erodiert.