
Japans Botschafterin Mitsuko Shino hat die USA als unverzichtbar für die Sicherheit Europas wie für den Indo-Pazifik bezeichnet. Kein anderes Land könne die USA komplett bei der Erhaltung der internationalen Ordnung ersetzen, sagte die Diplomatin am Montag bei einer Veranstaltung im Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin. Die Sicherheit beider Regionen sei eng miteinander verbunden. „Die Ukraine von heute kann morgen Ostasien sein.“ Japan wolle daher mit Europa und den USA gemeinsam an einer starken und resilienten Zukunft arbeiten.
Die Diplomatin warb für einen pragmatischen Umgang mit den USA. Japan stehe einem mächtigen Nachbarn – China - quasi allein gegenüber, während Deutschland von „26 netten Freunden“ umgeben sei. Als die USA beispielsweise höhere Zolltarife verlangt hätten, habe Japan das größere Bild der Zusammenarbeit gesehen und nicht um jede Kleinigkeit gekämpft. Wenn Europa bessere Beziehungen zu den USA hätten, werde im übrigen auch Japan davon profitieren. Strategische Autonomie bedeute für ihr Land, unabhängig und stark genug zu sein, um eigene Entscheidungen fällen zu können, so Shino. Das müsse aber keine hundertprozentige Unabhängigkeit sein, die auch schlechterdings unmöglich sei.
Ihr Land habe bereits wichtige Weichenstellungen angesichts der veränderten geopolitischen Situation getroffen, indem es nun auch Waffen an vertrauenswürdige Länder wie Frankreich oder Deutschland liefern könne. Tokio ging damit von seiner strikt pazifistischen Exportpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg ab und hofft dabei auch auf Bestellungen aus anderen Staaten für seine Rüstungsindustrie. Japan müsse seine Verteidigungsfähigkeiten modernisieren, so Shino, und wolle mit den Europäern zusammenarbeiten. Aber auch Wirtschaft und Gesellschaft müssten resilienter werden. So habe ihr Land gerade mit Vietnam u.a. eine Zusammenarbeit in Agrarwirtschaft und Energie, mit Australien bei kritischen Rohstoffen ausgemacht. „Japan hat den Glauben an Friedensdiplomatie nicht verloren, aber sich verteidigen zu können ist ein Beitrag dazu.“ China, den größten Konkurrenten und Widersacher Japan, nannte die Botschafterin während der Konferenz so gut wie gar nicht namentlich.
Shino mahnte zugleich mehr Einigkeit bei den Europäern an. Sie konkurrierten zuviel miteinander, Fragmentierung schade Europa aber. Wichtig sei es, ein klares Ziel vor Augen zu haben. Das allerwichtigste Ziel sei Frieden und Stabilität. Kleinere Meinungsunterschiede sollten dabei keine so große Rolle spielen. „Die Vergangenheit können wir nicht ändern und auch nicht andere Menschen, wir Japaner können zum Beispiel nicht bei den US-Präsidentschaftswahlen oder bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt abstimmen“ , erklärte die Diplomatin und spielte damit offenbar auf Meinungsumfragen an, nach denen die rechstpopulistische AfD stärkste Partei in dem Bundesland werden könnte. Aber man könne sich selber ändern, betonte Shino. So lobte sie „bemerkenswerte politische Änderungen“ unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wie die Aussetzung der Schuldenbremse und die Aufstockung des Verteidigungsetats auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Die Konferenz mit dem Titel „Japan-Europe-US-relations inturbulent times“ wurde von Indiana University’s Europe Gateway, d.h. der deutschen Zweigstelle der US-Hochschule, und der Freien Universität Berlin organisiert. gd