Kolumne von Michael Backfisch

Donald Trump lebt in einer Parallelwelt. Wenn es nach dem US-Präsidenten geht, ist der Iran-Krieg so gut wie vorbei. Nach den mehrwöchigen amerikanisch-israelischen Attacken sei die Islamische Republik de facto erledigt, behauptet er. Sie verfüge weder über eine Luftwaffe noch über eine Marine. Iran habe nur die Wahl zwischen einer schnellen Kapitulation, einer Bombardierung „in die Steinzeit“ oder einem ökonomischen Exitus per US-Seeblockade.
Doch gut acht Wochen nach dem Beginn des Krieges ist das Regime immer noch da. Und es gebärdet sich nationalistischer und radikaler als in der Ära des getöteten Obersten Führers Ali Chamenei. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi leistete sich am vergangenen Wochenende sogar den Luxus, bei seiner Reise in die pakistanische Hauptstadt Islamabad die auf gepackten Koffern sitzenden US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner abblitzen zu lassen.
Trump ist mit seinem Konzept der Diplomatie des Zwangs gescheitert: Gigantische Drohkulissen mögen als Geschäftspraktiken auf dem rauen New Yorker Immobilienmarkt in den 80er- und 90er- Jahren funktioniert haben, als Trump den supergroßen Deals nachjagte. Doch gegenüber der politischen Führung in Teheran beißt der US-Präsident auf Granit. Die tonangebenden Revolutionsgarden bieten dem mächtigsten Mann der Welt die Stirn. Sie lassen dessen Ultimaten schulterzuckend verstreichen und stellen Bedingungen für Gespräche.
Zwei völlig verschiedene Verhandlungsstile prallen aufeinander. Trump will mit maximalen Einschüchterungen die schnelle Vereinbarung zu seinen Bedingungen. Er lechzt nach der spektakulären Schlagzeile, die ihn als magischen Konfliktlöser und Friedensstifter feiert. Er schimpft, tobt und poltert – aber er erreicht nichts. Er bewegt sich in einem Karussell aus Selbsttäuschung, Wunschdenken und Allmachtsfantasie. Er missdeutet Iran.
Im Gegensatz dazu verfolgen die Machthaber in Teheran eine Strategie des langen Atems. Sie verhandeln detailversessen, sind hartnäckig und haben unendlich viel Geduld. Dies lässt sich am internationalen Atomabkommen von 2015 ablesen, dem zweieinhalbjährige Gespräche vorausgingen. Die Übereinkunft umfasste mehr als 160 Seiten mit fünf technischen Anhängen. Riesige Delegationen aus Spezialisten legten die Grenzen der iranischen Urananreicherung, die Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sowie die Sanktionserleichterungen fest. Trumps Vorstellung, mit Iran ein Nuklearpapier im Schnellverfahren abzuschließen, ist die Illusion eines sich der Realität verweigernden Egomanen.
Die Fehleinschätzung des amerikanischen Präsidenten ist vielschichtig. So hat Trump nicht auf dem Schirm, dass die Islamische Republik auf eine Geschichte von Resilienz und Leidensfähigkeit zurückblickt. Im ersten Golfkrieg von 1980 bis 1988 hielt sie dem durch Amerika hochgerüsteten Irak unter schwersten Verlusten stand. Heute kämpft das Regime in einer ähnlich verzweifelten Situation um sein Überleben.
Mit Blick auf die schiere Größe der militärischen Kapazitäten liegen zwischen Iran und der XXL-Übermacht aus USA und Israel Welten. Es ist eine Schlacht, die die Islamische Republik nicht gewinnen kann. Und dennoch hat sich Iran in einem asymmetrischen Krieg eingerichtet – mit punktuellen Angriffen auf Ziele im Persischen Golf und kalkulierten Eskalationen.
Trotz der massiven Schäden durch die mehrwöchigen Attacken der Vereinigten Staaten und Israels verfügt das Regime noch immer über ein beträchtliches Arsenal. Die „New York Times“ zitiert amerikanische Geheimdienstmitarbeiter und Militärs, nach deren Schätzungen Iran rund 40 Prozent seiner Kampfdrohnen, mehr als 60 Prozent seiner Raketenwerfer und bis zu 70 Prozent seiner Raketen aus der Vorkriegszeit verbleiben. Westliche Sicherheitskreise taxieren den Bestand auf mehrere Tausend Drohnen und Raketen.
Eine Schlüsselrolle spielen die über das ganze Land verteilten unterirdischen „Raketenstädte“. Auf Videos der iranischen Revolutionsgarden sind riesige Kolonnen mit Lastwagen zu sehen, auf deren Ladeflächen sich Raketen, Raketenwerfer und Drohnen befinden. Die Waffenlagerstätten sind bis zu 500 Meter tief in den Boden eingegraben und liegen oft unter bergigem Gelände. Selbst für die bunkerbrechenden Bomben der Amerikaner ist das Terrain nur schwer zu erreichen. Ein iranischer Raketenabschuss aus dem Untergrund kann schnell erfolgen: Die Lkw fahren nur kurz aus der „Raketenstadt“ heraus, die Rakete wird abgeschossen, danach geht es wieder unter die Erde.
Noch einfacher sind Militär-Operationen mit Drohnen. Die Flugkörper können auch auf dem freien Feld installiert und abgefeuert werden. Zerstörte Abschussrampen – relativ kleine, einfache Gerüste – lassen sich innerhalb von ein bis zwei Stunden reparieren.
Mehrere Hundert Schnellboote sind eine weitere wichtige Waffe der Iraner. Diese Schiffe können mit bis zu 200 Stundenkilometern über das Meer düsen und sind für Satelliten und Radargeräte kaum zu erkennen. Starten sie ihre „Moskito“-Attacken auf Öltanker und Frachter, bricht in Reedereien und Versicherungsgesellschaften schnell Panik aus. Die zwischen 14 und 17 Meter langen Boote der „Mosquito“-Flotte lassen sich leicht an der über 1700 Kilometer langen iranischen Küste verstecken. Nicht nur wegen ihrer überschaubaren Größe, sondern auch, weil die Revolutionsgarden Unterwasser-Stützpunkte errichtet haben.
Hinzu kommt die erpresserische Instrumentalisierung der Straße von Hormus, einem zentralen Nadelöhr für den globalen Ölhandel. „Die Iraner brauchen nicht unendlich viel Militärmaterial. Für sie reicht es, wenn sie zweimal pro Woche nach Dubai oder Doha schießen, um auf den Märkten Angst und Schrecken zu erzeugen“, sagt Hans-Jakob Schindler, Chef der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project. Die Sorge, dass Öl, Düngemittel, petrochemische Produkte oder Helium nicht mehr aus dem Persischen Golf geliefert werden können, hat sich zum wichtigsten Machtinstrument des Mullah-Regimes entwickelt. Es nimmt die Weltwirtschaft als Geisel.
Trumps Kalkül, das iranische Regime durch die Seeblockade ökonomisch auszubluten, dürfte kaum aufgehen. Teheran wird mit gezielter Ausweitung der Eskalation dagegenhalten und mit der Angst vor einer globalen Rezession spielen. Klüger wäre es, wenn Trump die Iraner mit Konzessionen zu einer Freigabe der Straße von Hormus locken würde. Etwa: Aufhebung der Seeblockade und/oder minimale Urananreicherung für zivile Kernenergie und medizinische Forschung unter lückenloser internationaler Aufsicht. Die Iraner selber sollen laut dem US-Nachrichtenportal Axios einen neuen Vorschlag übermittelt haben, der die Freigabe der Straße von Hormus, eine Aufhebung der Seeblockade und einen möglichst langen oder dauerhaften Waffenstillstand vorsieht. Nukleargespräche würden jedoch erst danach zu einem späteren Zeitpunkt beginnen.
Nach Ansicht von Danny Citrinowicz, dem ehemaligen Leiter der Iran-Abteilung des israelischen Militärgeheimdienstes, gibt es nur eine vernünftige Option für eine Lösung des Konflikts. Die US-Regierung werde irgendwann vor der „unausweichlichen Wahl stehen: Eskalation oder Zugeständnisse“, schreibt der Nahostexperte. Selbst ein begrenzter Militärschlag werde Iran kaum zur Kapitulation bewegen. „Wahrscheinlicher ist, dass er eine Eskalation auslöst und die Krise, die er eigentlich eindämmen will, verschärft.“ Je eher Washington erkenne, „dass Druck ohne politisches Ziel eine Strategie ohne Ausweg ist, desto besser stehen die Chancen, einen endlosen Konflikt zu vermeiden“, so Citrinowicz.
Henry Kissinger, Außenminister und Nationaler Sicherheitsberater unter US-Präsident Richard Nixon, hatte die Fehldeutung seiner Regierung im Vietnamkrieg messerscharf analysiert. „Wir führten einen militärischen Krieg; unsere Gegner führten einen politischen. Wir strebten physische Zermürbung an; unsere Gegner zielten auf unsere psychische Erschöpfung ab“, erklärte Kissinger. „Dabei verloren wir eine der Grundregeln des Guerillakriegs aus den Augen: Der Guerillakämpfer gewinnt, wenn er nicht verliert. Die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt.“ Dem aktuellen Iran-Krieg liegt ein ähnlicher asymmetrischer Konflikt zugrunde. Doch im Trump-Kabinett, so scheint es, kann sich niemand an die Kissinger-Doktrin erinnern.