Kolumne von Michael Backfisch
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Donald Trumps Ego kennt bekanntlich keine Grenzen. Der US-Präsident sieht sich als Weltenlenker und Friedenfürst. Er ist überzeugt, dass sein Wort beim Publikum als ehernes Gesetz ankommt – egal, ob wahr oder falsch. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Clarksville im Bundesstaat Tennessee am vergangenen Samstag rief Trump seinen jubelnden Anhängern zu: „It’s amazing. I can say the stupidest things, and you clap!“ Auf Deutsch übersetzt: „Es ist erstaunlich. Ich kann die dümmsten Dinge sagen und ihr applaudiert trotzdem!“ Die Leute klatschten tatsächlich.
Auch im Ukraine-Krieg ist seine Wirklichkeitsversion die verbriefte Wahrheit, glaubt der Präsident. Am Wochenende verkündete er eine sofortige „Energie-Waffenruhe“ zwischen den Kriegsparteien. Also das Ja beider Seiten zum Stopp der Angriffe auf Energieanlagen. Eine gemeinsame Vereinbarung wurde jedoch weder durch Moskau noch durch Kiew bestätigt. Auf diesen Widerspruch hingewiesen, erklärte Trump: „Sie haben zugestimmt, weil ich gesagt habe, dass sie zugestimmt haben.“ Währenddessen gingen die russischen Attacken auf ukrainische Kraftwerke weiter.
Kurz vor den Zwischenwahlen zum US-Kongress am 3. November betrachtet sich Trump noch immer als Heilsbringer. „Tut so, als stünde ich auf dem Stimmzettel“, forderte er seine Fans bei einem Auftritt im Bundesstaat Nebraska auf. Und er machte großspurige Versprechungen: „Sehr bald wird der Iran-Krieg vorbei sein, dann werden die Ölpreise einbrechen. Sie werden niedriger sein als vor dem Krieg.“
Die Sätze klingen eher nach Selbstbeschwörung. Selbst in Nebraska, das als verlässliche Hochburg der Republikaner gilt, ist Trumps Politgemälde kein Selbstläufer mehr. Der amtierende republikanische Senator Pete Ricketts liegt in Umfragen nur knapp vor dem Gewerkschaftsführer Dan Osborn, der als Unabhängiger antritt. In dem Bundesstaat macht sich zunehmend Skepsis breit. Wie im ganzen Land. Das „goldene Zeitalter“, das Trump bei seiner Amtseinführung im Januar 2025 versprochen hatte, ist im Alltagsleben vieler Amerikanerinnen und Amerikaner nicht angekommen.
Vor allem die stark gestiegenen Spritpreise reißen Löcher in die Budgets. Grund ist der von Trump angezettelte Iran-Krieg. Der nationale Durchschnittspreis für eine Gallone (knapp 3,8 Liter) Normalbenzin beträgt Mitte Oktober mehr als 4,30 Dollar, Anfang Februar waren es noch 2,87 Dollar. Eine Gallone Diesel kostet im nationalen Schnitt über 6,20 Dollar – knapp 70 Prozent mehr als vor Beginn des Iran-Krieges. Für ein riesiges Land wie die Vereinigten Staaten, in dem die Menschen viele Strecken mit dem Auto zurücklegen, sind die Zahlen ein beträchtlicher Kostenfaktor.
Nicht nur der Halt an der Zapfsäule, auch der Einkauf im Supermarkt sorgt bei vielen US-Bürgern für Verdruss. Die hohen Lebensmittelpreise liegen auch in Trumps Zoll- und Migrationspolitik begründet. Die Zölle werden weitgehend an die Verbraucher durchgereicht. In der Landwirtschaft herrscht aufgrund von Trumps rigider Abschiebepolitik ein gravierender Mangel an Arbeitskräften. Hinzu kommt die Verteuerung der Energie. In etlichen Regionen stiegen die Strompreise rasant an. Viele Firmen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) haben Rechenzentren hochgezogen, die große Mengen an Elektrizität brauchen.
Was vielen Amerikanern zudem die Stimmung verhagelt, sind die teuren Kredite für Immobilien, Autos und andere Güter. So kletterten die Hypothekenzinsen mit fester 30-jähriger Laufzeit Mitte Oktober auf rund 7,4 Prozent, der höchste Wert seit fast drei Jahren. Der Kauf einer Eigentumswohnung oder eines Hauses gilt in den Vereinigten Staaten als wichtiges Element der Kapitalanlage. Angetrieben wurden die Bauzinsen von den Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen, die den höchsten Stand seit 24 Jahren erreichten.
Die Inflationsrate stieg im September auf 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. „Aber es fühlt sich nach viel mehr an: doppelt so hoch, würden wohl die meisten Amerikaner annehmen. Der Iran-Krieg ist sehr unpopulär“, betont Klaus Larres von der University of North Carolina in Chapel Hill. In den vergangenen fünf Monaten lag das durchschnittlichen Lohnwachstum für einfache Arbeitnehmer häufig unter der Inflationsrate. Wenn weniger Geld in der Kasse ist, sinkt die Kaufbereitschaft. Der vielbeachtete Index der University of Michigan zum Verbrauchervertrauen stürzte im Mai auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen.
Der Präsident scheint den Preisschub bei Artikeln des täglichen Lebens auszublenden. Er preist die Vereinigten Staaten als „das heißeste Land der Welt“, das unter seiner Führung zum Mekka der Investoren geworden sei. Dabei sind die allgemeinen Daten zur US-Konjunktur durchaus solide. Die Wirtschaft wuchs in den beiden ersten Quartalen 2026 um mehr als zwei Prozent. Für das dritte Quartal sagt die Federal Reserve Bank of Atlanta gar ein Plus von 3,6 Prozent voraus. Die Arbeitslosenquote bewegt sich um historisch niedrige 4,2 Prozent. Die Börsen eilen von einem Höchststand zum nächsten, befeuert durch die exorbitanten Gewinnerwartungen der KI-Unternehmen.
Zwischen dem von Trump verbreiteten großen Bild und der individuell wahrgenommenen Lebenswirklichkeit vieler US-Bürger liegen Welten. Für viele ist das ein Déjà-vu. Im Rennen um das Weiße Haus im Sommer 2024 stellte der demokratische Präsident Joe Biden die florierende US-Konjunktur als Aushängeschild seiner Wirtschaftspolitik heraus. Unter dem Schlagwort „Bidenomics“ verwies er auf robuste Wachstumsraten von um die drei Prozent und die Schaffung von Millionen neuer Arbeitsplätze. Die Inflationsrate, die infolge von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg im Juni 2022 die Neun-Prozent-Marke überspringen hatte, sackte im Sommer 2024 auf unter drei Prozent ab.
Doch in der Bevölkerung kam die Botschaft von Biden nicht an. „Die gefühlte Inflation der Amerikanerinnen und Amerikaner ist nicht identisch mit den wirtschaftlichen Makro-Daten. Waren, die dauernd gekauft werden (‚high-frequency purchases‘), tragen viel mehr zum subjektiven Inflationseindruck bei als die Einkäufe dauerhafter Güter wie etwa Autos oder Möbel“, sagt Welf Werner, Direktor des Heidelberg Center for American Studies (HCA) der Uni Heidelberg. „Lebensmittel und Energie sind 2024 besonders schnell besonders teuer geworden.“ Der instinktgetriebene Wahlkämpfer Trump nutzte dies gnadenlos aus und haute dem damaligen Präsidenten die hohen Preise als „Biden-Inflation“ um die Ohren.
Trump scheint bei den Zwischenwahlen zum Kongress 2026 ebenfalls in die Falle der „Bezahlbarkeit“ zu tappen. Karine Jean-Pierre, unter Biden Pressesprecherin des Weißen Hauses, zieht heute ein selbstkritisches Fazit. „Die Wahrheit ist: Wir hatten eine abgestandene Botschaft und veraltete Modelle, um sie zu vermitteln. Das kam Biden und letztendlich auch Kamala Harris teuer zu stehen. Präsident Trump begeht nun einen Fehler, der noch verheerendere Folgen hat“, schrieb sie in einem Gastkommentar für die „New York Times“. Hinzu kommt die Dominanz der sozialen Medien, die Empörung begünstigen, nicht aber Genauigkeit. „Ein TikTok-Video über hohe Preise, das mit einem Handy in einem Supermarktgang oder vor einer Tankstelle aufgenommen wurde, könnte mehr Aufmerksamkeit erregen als alles, was ich bei den täglichen Pressekonferenzen im Weißen Haus gesagt habe, oder als jedes Interview, das ein Kabinettsmitglied in den Sonntags-Talkshows gegeben hat“, unterstreicht die frühere Biden-Sprecherin.
Kurz vor den Zwischenwahlen zum Kongress ist Trump für seine Partei nicht Zugpferd, sondern Bremsklotz. Langjährige republikanische Bastionen wie Texas, Ohio, North Carolina oder Alaska wackeln. Das Rennen im Öl- und Gas-Staat Texas gilt als besonders spannend. Nach dem Umfrage-Durchschnitt der Nachrichtenwebsite Real Clear Politics führt der demokratische Senatskandidat James Talarico derzeit mit mehr als zwei Prozentpunkten vor dem Republikaner Ken Paxton. Der enge Verbündete von Trump beschwerte sich kürzlich bei einem privaten Treffen mit Parteispendern über Gegenwind aus Washington. Laut einer Audioaufnahme, die dem Nachrichtenportal Axios zugespielt wurde, sagte Paxton auf die Frage, welche Themen seinen Wahlkampf bremsen würden: „Es ist der Krieg, es sind die Benzinpreise, es ist der Diesel.“
Schönreden, verdrängen, gesundbeten: Biden hat diese Art der Wirklichkeitskosmetik im Sommer 2024 versucht. Sie wird Trump im Herbst 2026 kaum helfen.