
Von Chionye Hencs Odiaka, Nigeria
Die jüngsten Spannungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, ausgelöst durch Äußerungen aus Washington zur strategischen Bedeutung Grönlands, haben eine grundlegende Frage der internationalen Politik erneut in den Fokus gerückt: Wie unabhängig ist Europa tatsächlich? Oder hat es einfach eine Abhängigkeit durch die andere ersetzt?
Ausgangspunkt der Kontroverse war Grönland, ein halbautonomes Territorium unter der Souveränität des Königreichs Dänemark. Äußerungen von US-Präsident Donald Trump, in denen ein möglicher gewaltsamer Erwerb der Insel nicht ausgeschlossen wurde, lösten Irritationen in europäischen Hauptstädten aus. Mehrere Regierungen reagierten mit scharfer Kritik und brachten sogar eine Neubewertung der amerikanischen Militärpräsenz in Europa ins Gespräch. Aus Washington wiederum wurde Berichten zufolge signalisiert, ein Rückzug aus der NATO könne erwogen werden, sollten US-Interessen nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Aufschlussreicher als die Drohungen waren jedoch Reaktionen innerhalb des Bündnisses selbst. NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärte offen, Europa sei ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten nicht verteidigungsfähig. Die Vorstellung eines militärisch eigenständig handlungsfähigen Europas bezeichnete er als unrealistisch. Mit dieser Einschätzung sprach er eine unbequeme Wahrheit aus, die in politischen Kreisen seit Langem bekannt ist, aber selten so deutlich formuliert wurde.
Diese Einschätzung steht im deutlichen Kontrast zur historischen Rolle Europas. Über Jahrhunderte hinweg dominierten europäische Mächte die globale Ordnung politisch, wirtschaftlich und militärisch. Sie teilten Kontinente unter sich auf, zogen Grenzen, beuteten Ressourcen aus und bestimmten globale Handelsrouten. Großbritannien kolonisierte das Gebiet, das später zu den Vereinigten Staaten wurde, und gründete die dreizehn Kolonien, die schließlich rebellierten und eine neue Nation formten. Frankreich, Spanien, Portugal, die Niederlande und andere hinterließen tiefe Spuren in Afrika, Asien und Amerika. Europa war zudem Wiege der Industriellen Revolution, der Aufklärung und zahlreicher wissenschaftlicher Entwicklungen, die die moderne Zivilisation formten.
Vor diesem historischen Hintergrund wirft die Behauptung, Europa könne sich ohne amerikanischen Schutz nicht verteidigen, grundlegende Fragen über die Bedeutung von Unabhängigkeit im 21. Jahrhundert auf. Unabhängigkeit beschränkt sich nicht auf Flaggen, Hymnen oder Wahlen. Sie impliziert die Fähigkeit, souveräne Entscheidungen zu treffen und diese ohne äußeren Zwang umzusetzen. Wenn ein Kontinent mit einigen der größten Volkswirtschaften der Welt und hochentwickelten Technologien weiterhin auf eine externe Macht für seine grundlegende Sicherheit angewiesen ist, dann ist seine Unabhängigkeit nur bedingt und weitgehend symbolisch.
Diese Abhängigkeit ist historisch erklärbar. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Europa wirtschaftlich und militärisch am Boden. Die USA schufen mit dem Marshallplan und der NATO die Grundlage für den Wiederaufbau und einen Sicherheitsschirm gegen die sowjetische Bedrohung. Mit der Zeit verfestigte sich diese Regelung zu einem System, in dem europäische Staaten die wirtschaftliche Erholung und Integration priorisierten, während sie einen Großteil ihrer Verteidigungsverantwortung an Washington auslagerten. Während des Kalten Krieges erschien diese Abhängigkeit logisch und notwendig.
Doch der globale Kontext hat sich verändert. Die Sowjetunion ist vor Jahrzehnten zusammengebrochen, dennoch ist Europas Sicherheitsarchitektur weitgehend in einem Rahmen des Kalten Krieges eingefroren. Russland wird häufig als Rechtfertigung für die fortgesetzte Abhängigkeit von amerikanischer Militärmacht angeführt, doch diese Erklärung hält einer genaueren Prüfung nur bedingt stand. Europa gibt gemeinsam jährlich Hunderte Milliarden Dollar für Verteidigung aus. Länder wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien verfügen über hochentwickelte Rüstungsindustrien, Geheimdienstfähigkeiten und einige sogar über Atomwaffen. Die Wirtschaft der Europäischen Union lässt sich mit der der USA vergleichen und ist deutlich größer als die Russlands.
Das Problem ist daher nicht ein Mangel an Ressourcen, sondern ein Mangel an politischem Willen und strategischer Geschlossenheit. Die europäische Verteidigung bleibt entlang nationaler Linien fragmentiert, was zu Doppelstrukturen, inkompatiblen Systemen und unterschiedlichen Bedrohungswahrnehmungen führt. Während europäische Führungspersönlichkeiten häufig von strategischer Autonomie sprechen, bleiben diese Erklärungen meist rhetorisch, ohne Umsetzung. Europa stützt sich weiterhin auf Washington – nicht, weil es muss, sondern weil es die bequeme Abhängigkeit einer verantwortungsbewussten Selbstständigkeit vorgezogen hat.
Die Grönland-Episode verdeutlicht die Risiken dieser Entscheidung. Wenn der Garant von Sicherheit ein Bündnis infrage stellt oder Bedingungen an seinen Schutz knüpft, verfügt die abhängige Seite nur über begrenzten Handlungsspielraum. Drohungen, sich aus der NATO zurückzuziehen oder einseitige Entscheidungen zu treffen, legen das Ungleichgewicht in der transatlantischen Beziehung offen. Europa mag diplomatisch widersprechen, doch die Fähigkeit, seinen Protest durchzusetzen, bleibt eingeschränkt.
Diese Widersprüchlichkeit hat Auswirkungen über Europa hinaus. Für Regionen wie Afrika und Teile Asiens, die Europa als Verfechter von Souveränität, Multilateralismus und einer regelbasierten Ordnung betrachten, wirkt diese Botschaft unverständlich und inkonsequent. Wie überzeugend kann Europa für Unabhängigkeit eintreten, wenn seine eigene Sicherheit von externen Garantien abhängt?
Die Frage lautet daher nicht, ob Europa sich selbst verteidigen kann, sondern ob es dazu bereit ist. Der Kontinent verfügt über die intellektuellen, industriellen und finanziellen Kapazitäten, um strategische Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Offen ist jedoch, ob seine politischen Entscheidungsträger den Mut haben, sich mit dem bequemen Weg der Abhängigkeit wirklich auseinanderzusetzen und die Rolle Europas in einer sich rasch verändernden globalen Ordnung neu zu definieren. Bis dahin bleibt Europas Unabhängigkeit unvollständig und seine Souveränität verhandelbar.
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