
Er hatte wohl einen der härtesten Jobs, den das Auswärtige Amt in den vergangenen Jahren zu vergeben hatte, und der nächste wird auch nicht einfacher: Nach drei Jahren tauscht Alexander Graf Lambsdorff in Kürze seinen Botschafterposten in Moskau durch den in Israel. Die deutsch-russischen Beziehungen sind seit Beginn des Ukrainekrieges, in dem Deutschland sich mit immer stärkerer finanzieller und militärischer Hilfe auf die Seite der Ukraine gestellt hat, mittlerweile auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt. Und als unbeirrbarer Unterstützer Israels - trotz Gaza-und Irankrieg - sieht sich Deutschland heftiger internationaler Kritik ausgesetzt. Für Lambsdorff, lange Europaparlamentarier und Bundestagsabgeordneter der FDP, war Moskau der erste Posten an der Spitze einer diplomatischen Vertretung. Als Politiker gehörte er zu den schärfsten Kritikern des russischen Einmarsches.
Als er in Moskau angekommen sei, habe die Hoffnung bestanden, dass der Ukrainekrieg während seiner Amtszeit zu Ende gehen und man zu irgendeiner Art von konstruktiver Zusammenarbeit gelangen könne, erklärte der 59-Jährige in einem Online-Gespräch der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Stattdessen erreiche der Krieg nun immer mehr Moskau, und Russland entwickle sich zu einem „single-issue-country“, in dem jede politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung vom Krieg beeinflusst sei. „Jedes Feld, das wir hier bearbeiten, ist mit dem Krieg verbunden.“ Nach innen nehme die politische Repression zu - obwohl es nach wie vor Dissidenten gebe. Aber wer nicht konform sei, müsse mit Verfolgung rechnen.
Gleichzeitig nimmt Lambsdorff eine zunehmende Kriegsmüdigkeit in der russischen Bevölkerung wahr – auch verursacht offenbar durch die zunehmend schwierigeren Lebensumstände. Wegen der internationalen Sanktionen und der immer häufigeren ukrainischen Angriffe insbesondere auf die Energie-Infrastruktur bildeten sich lange Schlangen an den Tankstellen, die Schwarzmeerregion werde als Urlaubsziel für viele immer unattraktiver, die Halbinsel Krim falle dafür quasi nun ganz aus.
Den Umgang mit seinen Kontakten im russischen Außenministerium nannte der Diplomat, dessen Vorfahren einst auch hohe Funktionen im russischen Staats- oder Militärapparat einnahmen, auf persönlicher und professioneller Ebene einwandfrei. Die Bereitschaft zu ernsthaften Gesprächen über die Beendigung des Ukrainekrieges kann er indes nach eigenen Worten nicht erkennen.
Die Zeit für Diplomatie sei jedoch immer gegeben. Der in London im Juni zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz, dem britischen Premier Keir Starmer und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron vereinbarten Fünf-Punkte-Plan sei dafür eine gute Grundlage dafür. Der Plan fordert eine sofortige Waffenruhe, keine gewaltsame Veränderung von Grenzen, rechtsverbindliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine, eine Blockade russischer Vermögen bis zur Leistung von Reparationen sowie eine zentrale Rolle Europas bei den Verhandlungen. Nach diesem sogenannten E3-Gipfel hat es eine Unterredung der Botschafter dieser Länder im russischen Außenministerium gegeben, auf dem laut Lambsdorff auch der Fünf-Punkte-Plan ein Thema war.
Im Hinblick auf eine immer wieder diskutierte nukleare Bedrohung des Westens durch Russland sieht Lambsdorff zumindest zur Zeit keine Hinweise für Planungen in der russischen Administration. Grund dafür könnte auch Druck aus China sein, das ein hohes Eskalations- und Proliferationspotential durch den Einsatz nuklearer Waffen fürchte.
Gefragt nach seiner persönlichen Einschätzung Russlands vor dem Hintergrund des eigenen familiären deutsch-baltischen Hintergrunds meinte Lambsdorff: „Ich mag das Land und die Menschen, aber die Politik nicht.“ Der Botschafter wurde in seiner Amtszeit mehrere Male ins russische Außenministerium einbestellt, unter anderem wegen Auseinandersetzungen um russische Medien in Deutschland und zuletzt wegen eines Treffens des CDU-Parlamentariers Roderich Kiesewetter mit dem tschetschenischen Separatisten Ahmed Sakajew in Kiew. Letzteren betrachtet Moskau als Terroristen.
Lambsdorffs Nachfolger wird in diesem Sommer der 64-jährige Clemens von Götze, ein sehr erfahrener Diplomat mit diversen Stationen als Botschafter, unter anderem in Brüssel, Israel, Japan, China und zuletzt in Mexiko.
gd