
Fünf Jahre nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union kommen sich das Vereinigte Königreich und Deutschland wieder sehr viel näher. Andrew Mitchell, seit eineinhalb Jahren britischer Botschafter in Deutschland, war als Festredner des Sommerfestes der internationalen Wirtschaftskanzlei Noerr am Gendarmenmarkt in Berlin eingeladen. Ihm zufolge entdecken sich beide Länder neu: Gerade in einer Zeit geopolitischer Umbrüche und zunehmender Konflikte „entdecken Großbritannien und Deutschland wieder neu, warum es sinnvoll ist – und eigentlich schon immer sinnvoll war –, engste Partner zu sein“.

Zwar sei Großbritannien kein Mitglied der EU mehr. Dennoch es sei entschlossen, die aktuellen Herausforderungen gemeinsam mit der EU anzugehen. „Unsere Partnerschaft trägt heute ein noch größeres Gewicht. Sie ist von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit und den Wohlstand unserer beiden Nationen, für Europa und für die Welt insgesamt. Sie ist besonders wichtig für die europäische Sicherheit.“
Höchste Verteidigungsausgaben
Der Botschafter zählte Beispiele auf: „Es ist außergewöhnlich, dass unsere beiden Länder die zwei größten Verteidigungsausgaben Europas leisten und die größten Lieferanten militärischer und finanzieller Unterstützung für die Ukraine sind.“
Im Bereich globaler Verantwortung und Übergang zur Klimaneutralität betonte Mitchell: „Wir sind der zweit- und drittgrößte Entwicklungshilfegeber innerhalb der G7 und zugleich die beiden größten Produzenten von Offshore-Windenergie in Europa.“
Die bilaterale Partnerschaft sei auch wichtig für die eng verflochtenen Volkswirtschaften und die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit. „Stellen Sie sich vor, wie bedeutend es für das Vereinigte Königreich ist, dass Deutschland unser zweitgrößter Handelspartner ist.“ 1.500 britische Unternehmen seien in Deutschland tätig, 2.500 deutsche Unternehmen im Vereinigten Königreich. Der bilaterale Handel sichere 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland und 500.000 in Großbritannien.
Tiefgreifender Wandel dank Kensington-Vertrag
Dem Kensington-Vertrag, der kurz vor dem Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im vergangenen Dezember vereinbart worden war, räumte Botschafter Mitchell große Bedeutung ein. Als wüßte er, dass dieser umfassende bilaterale Freundschafts- und Partnerschaftsvertrag in Berlin wenig bekannt ist, forderte er die Gäste des Noerr-Empfangs selbst auf, gleich nach seiner Rede nach dem Vertrag zu googeln. „Das ist ein wirklich historischer Vertrag, der erste seiner Art zwischen unseren beiden Ländern überhaupt“, sagte Mitchell.
„Der Vertrag bedeutet einen tiefgreifenden Wandel in unseren Beziehungen. Er definiert unsere Partnerschaft völlig neu, was wir heute erst ansatzweise begreifen.“ Es gehe um Verteidigung und Sicherheit, Handel, Wissenschaft, Innovation und um die zwischenmenschlichen Beziehungen.
Die Vereinbarung regelt die Zusammenarbeit beider Länder unter anderem in strategischen Aspekten der Sicherheitspolitik, einschließlich Abschreckung und Verteidigung, nukleare Themen, Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung, chemische, biologische, radiologische und nukleare Bedrohungen, Weltraumsicherheit, Terrorismusbekämpfung etc. Auch die Nachrichtendienste werden ihre Kooperation verstärken. Schließlich engagieren sich beide Länder im Krisenmanagement und in Konfliktbeilegung und -prävention und sichern einander konsularische Unterstützung zu. Hier der Wortlaut des Kensington-Vertrags: https://www.bundesregierung.de/resource/blob/2196306/2365450/d44e30f16f6ca8280446bf490fca07b3/2025-07-17-freundschaftsvertrag-de-gb-data.pdf?download=1
Neue Industriestrategie in London
In der Wirtschaft kündigte Mitchell einen neuen Ansatz für die Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft an, der auch Deutschland zugute kommen werde. Er selbst habe die letzten fünf Jahre seiner Karriere als Generaldirektor im Wirtschaftsministerium genau an diesem Thema gearbeitet. „Als Regierung wollen wir aktiver und strategischer mit der Privatwirtschaft zusammenarbeiten. Wir wollen ein handlungsfähiger Staat sein, der Unternehmen zuhört und versteht, was für Wachstum nötig ist.“
Dieser Ansatz stehe im Zentrum der neuen britischen Industriestrategie mit klaren Wachstumsprioritäten und Investitionen in Sektoren für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. „In diesem Geist haben sich die britische und die deutsche Regierung ehrgeizige Ziele zum Abbau übermäßiger Regulierung gesetzt.“
Visafreiheit für Schülergruppen
Mitchell kündigte an, dass ab August Schülergruppen einschließlich der Nicht-EU-Bürger ab August dieses Jahres erstmals wieder visafrei in die Länder reisen können. „Dadurch wird es für junge Menschen einfacher, unsere Länder unmittelbar kennenzulernen.“
Ferner wird gemäß dem Vertrag schon 2030 ein Hochgeschwindigkeitszug eine direkte Verbindung zwischen London, Köln und Frankfurt in weniger als vier Stunden schaffen.
Rückkehr zum Erasmus-Programm
Im Bildungsbereich wird Großbritannien ab 2027 wieder am Erasmus-Programm teilnehmen. Das ermöglicht EU-Studenten wieder einen Studienaufenthalt im Vereinigten Königreich sowie britischen Studenten in der EU.
Der Kensington-Vertrag betreffe nicht nur Großbritannien und Deutschland, sondern auch die EU sowie andere europäische Nachbarn. „Er vervollständigt das Dreieck der Vereinbarungen zwischen den E3-Staaten Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich – also die Lancaster-House-Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich sowie den deutsch-französischen Élysée-Vertrag.“
Steinmeiers Visite im Dezember auf der Insel habe die deutsch-britischen Beziehungen einen großen Schritt nach vorn gebracht. Dieser erste Staatsbesuch eines deutschen Bundespräsidenten seit 27 Jahren habe die außergewöhnliche Breite der Beziehungen gezeigt. Mitchell zitierte den britischen König: „Wie Seine Majestät während dieses Besuchs betont hat: Großbritannien und Deutschland stehen Schulter an Schulter.“
ekö