Kolumne von Michael Backfisch

Donald Trump wird immer wieder als der mächtigste Mann der Welt bezeichnet. Doch dies ist eine Fiktion. Der US-Präsident mag über das schlagkräftigste Militär auf dem Planeten verfügen. Die Überlegenheit bei Arsenal und Personal lässt sich aber nicht in politische Gestaltungskraft, geschweige denn Dominanz übersetzen.
Der Kern des Dilemmas: Trump lebt in einer Parallelwelt, die auf Illusionen basiert. Der Präsident denkt, er sei der Meister des Universums und alle Regierungen müssten nach seiner Pfeife tanzen. Dabei wird er von einem mittelalterlichen Machtprinzip angetrieben. Drohung führt demnach zu Unterwerfung. „Es wird keinen Deal mit Iran geben außer der bedingungslosen Kapitulation“, polterte er noch Anfang März.
Trumps Machtrausch speist sich aus vermeintlich schnellen Erfolgen. Beim Zwölftage-Krieg im Juni 2025 richteten die bunkerbrechenden Bomben der amerikanischen Luftwaffe an drei iranischen Nuklearanlagen massive Schäden an. Da das Mullah-Regime nicht zurückschlug, fühlte sich Trump als Triumphator. Beim handstreichartig durchgezogenen Venezuela-Szenario Anfang Januar entführte die US-Elite-Einheit Delta Force den Staatschef Nicolás Maduro. Dessen Nachfolgerin Delcy Rodríguez kooperierte und öffnete die heimische Ölindustrie für amerikanische Investoren. Der Präsident erlebte seinen „Ich kam, sah und siegte“-Moment. Julius Cäsar in Washington.
Doch Trumps Muskelspiele funktionieren im aktuellen Konflikt mit Iran nicht. In den Gesprächen mit dem Regime fährt der Präsident einen irrlichternden Kurs, der sich ständig ändert. Vor anderthalb Wochen drohte er: „Für Iran tickt die Uhr, und sie sollten sich besser schnell bewegen, sonst wird von ihnen nichts mehr übrig bleiben.“ Am vergangenen Samstag zog er den Olivenzweig aus der Tasche. Ein Rahmenabkommen sei „weitestgehend“ ausgehandelt, betonte er. Letzte Details sollten „in Kürze“ bekanntgegeben werden. Einen Tag später drückte Trump wieder auf die Bremse. Er habe seine Leute angewiesen, „beim Deal nichts zu überstürzen, da die Zeit auf unserer Seite ist“.
Hü-hott-hü. Der Amerikaner hat kein Konzept, keinen Plan, keine Strategie. Es drängt der Verdacht auf, dass Trump, der viele Jahre im Entertainment-Business des Reality-TV zu Hause war, vor allem eines will: ständig Schlagzeilen produzieren. Er betreibt eine Sensations-Maschinerie, die das Publikum permanent in Atem halten soll. Es geht um Effekte, weniger um Ergebnisse. Dies kommt Trumps Egomanie zupass. Aber das ist keine Politik.
Der Chef des Weißen Hauses irrt sich gewaltig, wenn er behauptet, Amerika und nicht Iran habe unendlich viel Zeit. Die Wahrheit ist: Das Mullah-Regime zögert die Verhandlungen mit Washington hinaus, weil es weiß, dass Trump unter Druck steht und Ergebnisse liefern muss. Gegenwärtig haben beide Seiten offenbar nur den Willen zu einer Grundsatzvereinbarung über eine 30- bis 60-tägige Waffenruhe. Ausgangspunkt: Die für den Ölhandel wichtige Straße von Hormus soll geöffnet und die US-Blockade iranischer Häfen aufgehoben werden. Aber schon hier steckt der Teufel im Detail. So will Teheran von jedem Schiff Gebühren für sogenannte „Navigations-Dienstleistungen“ kassieren, was Trump ablehnt. Dessen Kernforderung, die Beschränkung des iranischen Atomprogramms, soll erst später besprochen werden.
Die ursprünglichen Kriegsziele Trumps haben sich zum großen Teil verflüchtigt. Der Präsident hatte sich von Israels Premier Benjamin Netanjahu unter irrigen Annahmen zu gemeinsamen Luftschlägen gegen Iran überreden lassen. Netanjahus windige Reißbrett-Logik: Zerstörung des iranischen Raketenprogramms, Tötung des Obersten Führers, Volksaufstände, Zusammenbruch des Regimes, Installierung eines säkularen Präsidenten. Eine Kaskade der Selbsttäuschung, die an die naive Idee von US-Präsident George W. Bush erinnerte, mit der Irak-Invasion 2003 eine Demokratie per Knopfdruck zu schaffen.
Was Trump und Netanjahu völlig falsch einschätzten, war die Resilienz und die Eskalationsbereitschaft des iranischen Regimes. In einer Situation existenzieller Bedrohung schreckte die politische Führung in Teheran nicht davor zurück, die Straße von Hormus zu schließen und die Weltwirtschaft als Geisel zu nehmen. Sie wird diesen Hebel auch im Fall neuer Konflikte nicht aus der Hand geben. Sie wird nicht zögern, das Wohlstands-Modell der Golfstaaten zu torpedieren und den Nahen Osten in Flammen zu setzen, sollten Trump und Netanjahu Iran erneut großflächig attackieren. Für das Überleben des Systems tut sie alles. Nach Einschätzung amerikanischer Geheimdienst besitzt Iran immer noch rund 70 Prozent seines Raketenbestandes, unterirdische Silos und Hunderte Schnellboote. Waren in der Ära von Ali Chamenei noch pragmatische Konservative wie Sicherheitsratschef Ali Laridschani an der Spitze zu finden, besteht die aktuelle Machtelite aus einer verschworenen Clique radikalisierter Militärs und Geheimdienstler der Revolutionsgarden. Sie ist stärker und gewaltbereiter als zuvor.
Es überrascht, dass in den derzeitigen Gesprächen Teheran die Agenda zu setzen scheint. Das Regime präsentiert immer wieder seine Maximalforderungen wie Aufhebung der Sanktionen, Rückerstattung der eingefrorenen Gelder im Ausland oder Beendigung des Krieges in Libanon. Trump versuchte zu Beginn dieser Woche Stärke zu demonstrieren, indem er iranische Raketenabschussbasen und Boote – angeblich Minenleger – bombardieren ließ. Doch er weiß: Überreizt er seine Attacken, riskiert er iranische Vergeltungsschläge. Die globalen Märkte würden verrückt spielen.
Die Iraner kennen die innenpolitischen Zwänge Trumps genau. Dessen Zustimmungswerte sind im Keller. Der Iran-Krieg hat die Inflationsrate und die Benzinpreise nach oben getrieben. Die Mehrheit der Amerikaner will keine militärische Konfrontation mit dem Mullah-Regime. Anfang November finden die Zwischenwahlen zum Kongress statt. Verlieren die Republikaner eines der beiden Häuser, kann Trump wichtige Gesetze kaum noch durchbringen. Der Präsident will die für ihn ungünstige Stimmung mit Mega-Events drehen. Vom 11. Juni bis zum 19. Juli trifft sich die Welt zur Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko. Es soll ein globales Festival der guten Laune werden. Die 250-Jahr-Feier von Amerikas Unabhängigkeit will Trump zu einer gigantischen Patriotismus-Show machen.
Für diese Jubel-Veranstaltungen wäre eine Fortsetzung des Iran-Krieges Gift. Die Führung in Teheran weiß, dass Trump einen schnellen Abschluss braucht. Sie sitzt am längeren Hebel. Erreicht Trump nur die Öffnung der Straße von Hormus, hätte er lediglich den Stand vor Kriegsbeginn wieder hergestellt. Das ließe sich kaum als Sieg verkaufen. Für alles andere werden die Iraner einen hohen Preis verlangen. Durchaus möglich, dass am Ende eine löchrige Übereinkunft herauskommt, die unter dem in der Obama-Ära ausgehandelten Atomabkommen von 2015 liegt. Aber bereits heute sind die Konsequenzen des mit großem Tamtam begonnenen Krieges eine Riesen-Blamage für Trump.