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Wenn Menschen zur Tauschware werden

„Dieses verfluchte wunderschöne Land“ – US-Reporter Evan Gershkovich über Ohnmacht und Verzweiflung in 491 Tagen russischer Haft, überraschende Gesten der Menschlichkeit und den Fluch der Geschichte, der auf Russland lastet
October 26, 2026
October 26, 2026
Evan Gershkovich begrüßt US-Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris am 1. August 2024 auf der Joint Base Andrews in Maryland. Die US-Regierung hatte sich intensiv um die Freilassung des Reporters aus Russland bemüht. Ohne die Einwilligung Deutschlands, dafür den russischen FSB-Agenten und verurteilten Mörder Wadim Krassikow aus der Haft zu entlassen, wäre dies allerdings nicht gelungen (Foto: dpa picture alliance/Nur Photo/Bryan Olin Dozier)

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Von Gudrun Dometeit

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Ohnmächtig zu sein, sich in den Händen einer Staatsgewalt zu wissen, die nicht nach Fragen von individueller Schuld oder Unschuld urteilt, sondern einschüchtern und abschrecken will, ist kein schönes Gefühl. Im März 2024 machte ich mich auf den Weg nach Kasan, der Hauptstadt Tatarstans, einer muslimischen Republik rund 800 Kilometer südöstlich von Moskau. Die Republik genoss lange eine gewisse Eigenständigkeit, mit eigenem Kreml, einer monumentalen Moschee, zweisprachigen Straßenschildern und Denkmälern zu Ehren des Schöpfers einer tatarischen staatlichen Hymne. Ich wollte an einer internationalen Veranstaltung teilnehmen, danach u.a. mit Angehörigen der Universität und Vertretern der deutschen Minderheit reden und drei Tage später mit dem Nachtzug nach Moskau weiterreisen.

 

Doch am Abend der Abfahrt tauchten plötzlich zwei junge Typen in Jeans und Turnschuhen auf, wiesen sich mit schnell gezückten Ausweisen als Polizisten aus und forderten mich auf, in ein Zivilfahrzeug zu steigen und mitzukommen. Warum? Ich wisse schon, warum. Ich weigerte mich, in ihr Auto zu steigen und nahm stattdessen den Wagen, den ich bestellt hatte, und dessen Fahrer schon vor dem Hotel wartete. Auf einer abgelegenen Polizeistation folgte eine rund dreistündige Befragung durch mittlerweile drei Sicherheitsleute. Der Vorwurf: Keine oder nicht die richtige Akkreditierung als Journalistin. Wofür genau und wo ich die richtige hätte bekommen sollen, sagte keiner. Ich war offiziell angemeldet oder hatte ganz offen um Genehmigungen gebeten und war mit einem Journalistenvisum gereist. Vermutlich hatte ich etwas zu lange mit Studenten eines neuen IT-Parks geplaudert.

 

Während der Befragung musste ich an Evan Gershkovich denken, Reporter des Wall Street Journal, der ein Jahr zuvor bei einer Recherchereise in Jekaterinburg wegen angeblicher Spionage festgenommen und ins berüchtigte Lefortowo-Gefängnis nach Moskau gebracht worden war. Würden sie einen solch absurden Vorwurf auch bei mir vorbringen? Gott sei Dank nicht. Mich entließ man mit einer Strafe von umgerechnet weniger als 20 Euro, die während meines Aufenthalts zu zahlen war. Nicht ohne den Hinweis, dass ich das als eine Art gelbe Karte zu betrachten hätte. In letzter Sekunde erwischte ich klopfenden Herzens meinen Zug nach Moskau. Geschrieben habe ich über die - nicht mit Gershkovichs Erfahrungen zu vergleichende, gleichwohl unangenehme - Episode damals auf Rat eines Anwalts und nach einem Gespräch in der deutschen Botschaft in Moskau nichts. Andere Journalisten steckten gerade in größeren Schwierigkeiten, die Spannungen zwischen dem Westen und Russland stiegen beinahe täglich.

 

Amerikaner als Verhandlungschips im Machtpoker

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„Im Hintergrund hatte zwischen Russland und uns längst ein geiseldiplomatisches Spiel begonnen“, sagt Gershkovich bei einer Veranstaltung in der Berliner dpa-Zentrale. Der US-Reporter wurde im Juli 2024 zu 16 Jahren Haft verurteilt und einen Monat später nach 16 Monaten im Gefängnis gegen den Berliner Tiergartenmörder und FSB-Agenten Wadim Krassikow ausgetauscht.  „Russland begann Amerikaner festzusetzen und sie als Verhandlungschips zu benutzen.“ Über diese Zeit hat der US-Reporter nun ein ausgesprochen lesenswertes Buch („Dieses verfluchte wunderschöne Land“) geschrieben - es ist nachdenklich, spannend, persönlich, mit Einblicken, die weit über den harten Gefangenenalltag hinausgehen.

 

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Geteilte Gefühle gegenüber Russland: Evan Gershkovic im Gespräch mit Journalistinnen in der Berliner dpa-Zentrale - der Amerikaner lebt inzwischen in der Bundeshauptstadt (Foto: Dometeit)

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Vor der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 hätten ausländische Journalisten noch relative Freiheit genossen, erzählt der 36-Jährige über seine Korrespondentenzeit. Ab 2017 arbeitete er für die Moscow Times, die französische Nachrichtenagentur AFP und schließlich für das amerikanische Wall Street Journal. Das Äußerste, was passieren konnte, sei der Rauswurf aus dem Land gewesen, wenn den Zensoren etwas nicht passte. Der Kreml habe den Anschein eines „normalen Landes“ erwecken wollen. Nach dem Einmarsch erfolgten drakonische Zensurmaßnahmen und das Verbot, das Wort Krieg für die „Spezielle Militäroperation“ zu verwenden. Inländische Medien und Journalisten mussten hohe Geldstrafen bezahlen, wenn sie gegen die Auflagen verstießen, oder landeten im Gefängnis. Wer konnte, verließ das Land. Ausländische Berichterstatter diskutierten anfangs noch darüber, ob die Behörden mit gleicher Härte gegen sie vorgehen würden. „Aber niemand, ich glaube wirklich niemand hat damit gerechnet, dass sie so weit gehen würden“, sagt Gershkovich.

 

Im Lefortowo-Gefängnis, das dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB untersteht, wurde dem US-Reporter schnell klar, dass er offenbar für einen Geiselaustausch vorgesehen war. Er sei nicht gefoltert worden, seine Bewacher hätten offen über Austausch gesprochen. Briefe und Essenspakete von Familie und Freunden, regelmäßige Besuche seiner Anwältinnen und der US-Botschafterin, sogar die Ausleihe kremlkritischer Literatur aus der Gefängnis-Bibliothek waren möglich. Und dennoch schwankte seine Gemütslage zwischen überschwänglich und verzweifelt. Dazu gehörte das „überwältigende Schuldgefühl“, in eine Falle getappt zu sein. Und das Bewusstsein, ein Bauer in einem Schachspiel zu sein. „Ich wusste, dass ich die mit Abstand besten Bedingungen im russischen Strafvollzug genoss, und ich vergaß nie, dass ich Tauschgut war, welches in makellosem Zustand gehalten werden musste.“  

 

Mit einer schnellen Freilassung rechnete Gershkovich nicht – besonders als er erfuhr, dass Russlands bekanntester Oppositioneller Aleksej Nawalny im Februar 2024 während der Haft gestorben war. Er sollte zusammen mit Gershkovich und dem ehemaligen US-Soldaten Paul Whelan, der schon fünf Jahre in Haft verbracht hatte, gegen Krassikow ausgetauscht werden. Die US-Administration unter Joe Biden und die Bundesregierung von Olaf Scholz erreichten schließlich einen neuen Deal: Krassikow und sechs andere Russen aus mehreren europäischen Staaten gegen 16 westliche Bürger und russische Regimekritiker. „Ich dachte, ich bleibe für eine echt lange Zeit im Gefängnis, weil ich nicht erwartet habe, dass Berlin jemals auf dieses Geschäft eingehen würde.“ Krassikow war in Deutschland wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

 

In seiner Zelle - Nr. 85, Etage 2, Flügel 3 - begann Gershkovich Gedanken, Ereignisse und Gespräche in einem Tagebuch festzuhalten – es ist der Stoff, aus dem sein Buch gemacht ist. Ungeheuer präzise und oft humorvoll beschreibt er den Gefängnisalltag, seinen Zellengenossen Serjoga und dessen manchmal gewöhnungsbedürftige Witze, die Wärter, denen sie Spitznamen geben, wie man Plow mit Hilfe eines Wasserkochers zubereitet. Der Reporter, Sohn russisch-jüdischer Eltern, lernt den Gefängnisslang und ein besseres Russisch, als er es je in seinem Elternhaus in den USA gesprochen hat. Gespräche mit Bewachern und Ermittlern führt er eher wie Interviews  und versucht dabei nach eigener Aussage eine unparteiische journalistische Sichtweise zu wahren. „Als guter Journalist ist es dein Job, Menschen nicht auf Platitüden oder Stereotypen zu reduzieren. Der FSB sieht von außen wie ein Monolith aus. Aber dann trifft man auf einzelne Personen mit differenzierten Ansichten und unterschiedlichen Gründen, warum sie für den Geheimdienst arbeiten. Zu versuchen, sie zu verstehen, fand ich faszinierend. Und ich wollte auch gegen die eigenen Vorurteile anschreiben.“

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Russlands Unfähigkeit, sich aus der Geschichte zu lösen

Es macht einen großen Teil der Faszination des Buches aus,dass der Autor trotz seiner 491 Tage in russischer Haft nicht in moralische Empörungstiraden und Anklagen verfällt. Manches klingt sogar eher wie eine Liebeserklärung. Er habe sich vielen Russen oft näher gefühlt als den Amerikanern, schreibt er über seinen Jobstart in Moskau. „Ich war zwar anderswo aufgewachsen, aber es gab etwas, das mich an diesem Land sofort anzog; es fühlte sich an wie eine Welt, die ich schon lange kannte. Seine Geschichte war zwar tragischer, aber ich spürte, dass es auch geerdeter war; seine Menschen konnten mit den Strömungen um sie herum schwimmen und bewahrten dabei dennoch eine Tiefe, die mir bekannt und vertraut vorkam“, heißt es im Buch.

 

Er habe geteilte Gefühle gegenüber Russland, räumt er im Gespräch ein. Dessen Titel ist dafür bezeichnend. „Verflucht“ sei das Land, weil es unfähig sei, sich von seiner Geschichte zu lösen, weil die Versuche, sich auf Dauer zu reformieren, stets scheiterten und weil sich offenbar seit sehr langer Zeit eine große Mehrheit der Russen aus der Politik ausgeklinkt hätten, sagt Gershkovich. Mit einem großen Aufstand in nächster Zeit rechnet er daher nicht. Der Tod Nawalnys, glaubt er, habe die Hoffnung auf ein freieres Russland vernichtet. Es sei aber zu kurz gegriffen, sich nur mit einer Regierung zu beschäftigen und sie als brutale Diktatur zu brandmarken. „Dennoch bin ich damals natürlich ohne Illusionen über den Zustand des Landes nach Moskau gegangen.“  

 

Die Schönheit Russlands – sie verbindet Gershkovich mit seinem russischsprachigen Elternhaus und mit „den schönsten Jahren seines Erwachsenenlebens“. In Russland lernte er seine Partnerin kennen, gewann er gute Freunde. Er liebe die Art, wie man mit den Russen diskutieren könne, über Liebe, Tod oder Ehre, ganz anders als in den USA. „Letztlich ist ein Land sehr viel komplexer als nur seine Taten, die es begangen hat. Ich habe versucht, Russland über die Beschreibung von Menschen näherzubringen und nicht einfach festzustellen, dass es ein schrecklicher Ort ist.“

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Nach seiner Haft brauchte Gershkovich dennoch ein halbes Jahr, um deren Folgen - Panikattacken, Wut, Schlafstörungen – mit Hilfe von Therapeuten zu überwinden. Auslandsreporter, besonders in Kriegszonen, seien oft Adrenalin-Junkies, die über der Jagd nach ihrer Story die Gefahr aus den Augen verlören, räumt er selbstkritisch ein. „Wie Frösche im Kochtopf, die nicht merken, wenn die Temperatur langsam erhöht wird.“ Eine Inhaftierung werde er gewiss nicht noch einmal riskieren, vor allem wegen des Kummers, den er seiner Familie bereitet habe. Gershkovich lebt inzwischen mit seiner Freundin Mascha in Berlin, in der Stadt, in die er eigentlich schon vor seiner Inhaftierung umziehen wollte.

 

Ein Interview mit ihm lehnte Russlands Präsident Wladimir Putin nach seinen Aussagen ab. Und wenn er doch noch die Gelegenheit bekäme, wie würde die erste Frage lauten? „Ich würde ihn gerne fragen, wo er sein Land in 10 oder 15 Jahren sieht, woher eigentlich das wirtschaftliche Wachstum kommen soll. Denn er spricht nur von der Größe Russlands durch Ausweitung des Territoriums“, antwortet Gershkovich. „Manche russische Unternehmer sagen“, fügt er noch hinzu, „sie fühlten sich wie in einem Flugzeug, das jeden Moment auf dem Boden aufschlägt und das sie nicht verlassen können.“

 

Es ist eine überraschend sachliche, professionelle Antwort, keine, in der ein Vorwurf wegen der eigenen verlorenen Lebenszeit mitschwingt. Im Laufe der Monate nach seiner Rückkehr habe er sich von dem Wanja im Gefängnis wieder zu Evan - dem mittlerweile preisgekrönten US-Reporter - verwandelt, seine russische Seite habe sich nach und nach zurückgezogen. „Manchmal stelle ich mir jedoch vor, dass wir alle wieder bei der Datsche in Peredelkino ums Feuer herumstehen. Petja, Polina und Josh lachen über irgendetwas. Mascha schneidet frische Gurken und Tomaten. Ich hüte den Grill.“

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Evan Gershkovich, Dieses verfluchte wunderschöne Land,

DVA/Penguin Random House (This cursed beautiful land/Crown Publishers, NY),

496 Seiten, Hardcover 28 Euro