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Finnland als Europas Vorbild für Sicherheit und Resilienz

Botschafter Kai Sauer im Gespräch: „Sicherheit beginnt nicht erst beim Militär, sondern im Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft“ 
July 25, 2026
July 25, 2026
In Friedenszeiten eine Co-Cart-Bahn, in Krisenzeiten ein Bunker. 90 Prozent der Finnen würden in Schutzräumen unterkommen (Foto: City of Helsinki)

Finnland ist seit seinem NATO-Beitritt im Jahr 2023 ein wichtiger Pfeiler der europäischen Sicherheitsarchitektur. Das finnische Sicherheitskonzept war Hauptthema des „Diplomatischen SalonsDie Welt zu Gast in Eberswalde“, einer Veranstaltungsreihe der Hoeck-Stiftung. Diesmal war der finnische Botschafter Kai Sauer eingeladen. 

Rezept für Gesamtsicherheit: Was Deutschland lernen kann

Als Finnland 2023 der NATO beitrat, rückte das Land schlagartig ins Zentrum der europäischen Sicherheitspolitik. Die eigentliche Stärke des nördlichsten EU-Mitglieds liegt jedoch nicht in modernen Waffensystemen, sondern beruht auf dem Konzept der umfassenden Sicherheit. 

Finnland hat die Wehrpflicht nie abgeschafft. In Friedenszeiten agieren 12.000 aktive Streitkräfte. Im Kriegsfall können kurzfristig 280.000 Soldaten mobilisiert werden. Insgesamt stehen 870.000 Reservisten zur Verfügung – bei lediglich 5,6 Millionen Einwohnern. Sicherheit beginne nicht erst bei der Armee, so der Botschafter, sondern sei Sache der gesamten Gesellschaft.

Die Grenze zu Russland ist 1.343 Kilometer lang. Sie verläuft zwischen Gewässern und Wäldern. Zur Zeit ist sie geschlossen. Die finnische Regierung begründet die Schließung damit, dass Russland hybride Kriegsführung betreibe und Migranten ohne gültige Papiere ins Grenzgebiet zwischen beiden Ländern schleuse.

Außerdem investiere Helsinki dauerhaft mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung. Bis 2029 werden die Verteidigungsausgaben sogar auf drei Prozent erhöht. 

Resilienz als nationale Kultur

Cyberangriffe, Desinformation, Sabotage kritischer Infrastruktur oder instrumentalisierte Migration – Finnland betrachtet all diese Bedrohungen als Teil eines gemeinsamen Sicherheitsbildes. Deshalb arbeiten Regierung, Streitkräfte, Kommunen, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft eng zusammen. Damit soll die Funktionsfähigkeit des Staates auch in Krisenzeiten sichergestellt werden. „Der gesamtgesellschaftliche Ansatz für Sicherheit und Abwehrbereitschaft hat bei uns eine lange Tradition“, so Botschafter Sauer. „Alle Gefahren werden berücksichtigt.“ 

Besonders hob der Botschafter die „psychologische Resilienz“ hervor. Die Finnen wüssten, wie sie sich in Krisen verhalten müssten. „In Finnland sind die Bereitschaft und die Krisenresistenz der Bürger auf einem guten Niveau. Es gibt eine gemeinsame Kultur der Bereitschaft, die auf einem tiefen Vertrauen in die Behörden beruht.Die Bürger seien das Rückgrat dieser Bereitschaft, so Sauer. Die Bereitschaft werde in „normalen“ Zeiten aufgebaut.

Sicherheit mit Massenkommunikation 

Dazu gehöre die starke Förderung von Medienkompetenz. „Medien sind in Finnland als Teil relevanter Unternehmen der Versorgungssicherheit unter der Nationalen Behörde für Versorgungssicherheit in einem Forum organisiert, in dem Privatfirmen und Regierung gemeinsam an der Massenkommunikationssicherheit arbeiten.“ 

Dazu kommen noch die Nationale Sicherheitslehrgänge: In dreiwöchigen Kursen werden Vertreter aus Regierung, Verwaltung und dem Privatsektor auf ein gemeinsames sicherheitspolitisches Verständnis geschult. Vertrauen in staatliche Institutionen gilt als sicherheitspolitische Ressource. Dazu kommt, was in anderen Staaten weniger ausgeprägt ist: der unbedingte Verteidigungswille. 

Schutzräume für fast alle

Zum finnischen Sicherheitsmodell gehören auch ganz praktische Vorsorgemaßnahmen. Landesweit existieren 54.000 Schutzräume, in denen 4,8 Millionen Menschen untergebracht werden können. Auch kritische Unternehmen werden systematisch in die Sicherheitsplanung einbezogen.

Mit dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens habe sich auch die strategische Bedeutung der Ostsee verändert, erläuterte Sauer. Unterseekabel, Energieverbindungen und Schifffahrtswege stünden heute stärker im Fokus als je zuvor. Gleichzeitig verstehe sich Finnland als Brücke zwischen der Ostsee und der Arktis, einer Region von wachsender geopolitischer Bedeutung. 

In der Fragerunde, moderiert von Gastgeber Martin Hoeck, ging es vor allem um den Vergleich zwischen Finnland und Deutschland. Aber auch Zukunftsfragen wie eine mögliche Bahnverbindung zwischen Berlin und Helsinki wurden diskutiert. Der Botschafter erläuterte die Planungen für die europäische Bahnverbindung Rail Baltica sowie die langfristige Vision eines Eisenbahntunnels zwischen Tallinn und Helsinki, der Finnland künftig noch enger an das europäische Schienennetz anbinden würde. 

ekö