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News and Views on Foreign Relations and Diplomacy

„Wir brauchen Investitionen, wir brauchen Technologie“

Indonesiens neuer Botschafter Abdul Kadir Jailani sieht in der neuen Wirtschaftspartnerschaft mit der EU einen Wendepunkt / Gespräch mit diplo.news
July 18, 2026
July 18, 2026
Botschafter Abdul Kadir Jailani (r.) im Gespräch mit dem Moderator Ewald König in der Sendung „diplo.international“ (Screenshot TV Berlin)

Botschafter Abdul Kadir Jailani hat nicht nur seinen neuen Posten in Berlin angetreten, sondern auch die ganz neue Botschaft seines Landes in der Tiergartenstraße im klassischen Botschaftsviertel bezogen. Das Gebäude wurde erst vor wenigen Monaten fertiggestellt. Als ehemaliger Vize-Außenminister des viertgrößten Landes der Welt, gleichzeitig das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, bringt Jailani großes Gewicht in die bilateralen Beziehungen. 

„Wir sind reich an Rohstoffen. Indonesien ist einer der weltgrößten Nickelproduzenten“, sagt der Botschafter. „Aber wir brauchen Investitionen, wir brauchen Technologie!“ In diesem Bereich, aber auch bei erneuerbaren Energien und dem Ausbau der Energieinfrastruktur sollten deutsche Unternehmen eine Rolle spielen.

Die neue indonesische Botschaft in der Tiergartenstraße, direkt neben der japanischen Botschaft, nach dem Entwurf der gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

„Großes Potenzial, das noch genutzt werden muss“

Die bilateralen Beziehungen seien zwar sehr gut. „Ich sehe keine großen Probleme.“ Aber sie könnten in einigen Bereichen verbessert werden: „Es gibt noch großes Potenzial, das genutzt werden muss. Es ist unsere Verantwortung, gemeinsam daran zu arbeiten.“

Ein bedeutendes Thema seien die Fachkräfte. Indonesien sei eine Quelle für Fachkräfte. "Wir entsenden unsere Arbeitskräfte bereits in viele Länder. Jetzt streben wir an, die Zahl unserer Arbeitskräfte, die ins Ausland gehen, besonders nach Europa, zu erhöhen. Deutschland sehen wir als eines der potenziellen Zielländer für unsere Fachkräfte. Wir arbeiten daran.“ 

Dennoch gebe es dabei Herausforderungen. Die größte davon sei das Sprachenproblem. „Auch die Bürokratie mag ein Problem sein, aber das ist etwas, an dem wir gemeinsam arbeiten können.“ Beim jüngsten Besuch des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Jakarta sei genau dieses Thema besprochen worden, wie man den zwischenmenschlichen Austausch verstärken könne. „Wir wissen, dass Deutschland ein sehr gutes Bildungssystem hat. Von dem sollten wir wirklich profitieren.“ Auf den Besuch Steinmeiers würden, so der Botschafter, weitere hochrangige Kontakte zwischen beiden Ländern folgen. Konkret ist ein Gegenbesuch des indonesischen Präsidenten in Deutschland zu erwarten.

Blick ins Atrium im Inneren der Botschaft (Foto: König)

Marktöffnung mit Europa: ein Wendepunkt

Dass Indonesien und die Europäische Union die Verhandlungen über die umfassende Wirtschaftspartnerschaft zwischen beiden Seiten abgeschlossen haben, ist für Botschafter Jailani „eine sehr große Entwicklung“. „Hoffentlich kann dieses Abkommen, eine Art Freihandelsabkommen, in naher Zukunft unterzeichnet und Anfang nächsten Jahres vom Europäischen und vom indonesischen Parlament ratifiziert werden. Es ist unser Ziel, dass es nächstes Jahr in Kraft treten kann.“

Damit erhofft sich Indonesien, mit der EU wirtschaftlich stärker integriert zu werden. „Das ein Wendepunkt, weil es Indonesien als einen der größten Märkte für Europa öffnet – und umgekehrt!“

Das Abkommen enthalte auch ein Automobilkapitel, durch das europäische Länder mehr Autos in das 280-Millionen-Einwohner-Land Indonesien exportieren könnten. „Ich glaube, Deutschland mit seiner starken Automobilindustrie kann da eine größere Rolle spielen.“ Deutschland könne das durchaus brauchen. 

Mit China habe Indonesien ebenfalls ein Abkommen mit einer umfassenden regionale Wirtschaftspartnerschaft, an der alle ASEAN-Länder beteiligt seien. „Wir sind gemeinsam in einem riesigen Handelsblock, dem Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP). (Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um das größte Freihandelsabkommen der Welt, 2022 in Kraft getreten, und umfasst die ASEAN-Staaten sowie Australien, China, Japan, Neuseeland und Südkorea.)

Das Gemälde von Tena Astawa „Relations Between the Two Countries“ (2024) erstreckt sich über sechs Meter und wurde eigens für die Botschaft in Berlin geschaffen, die hier rechts vom Brandenburger Tor zu sehen ist (Foto: König)

ASEAN als Fundament der Außenpolitik 

ASEAN, der Verband der südostasiatischen Nationen, hat für Indonesien enorme Bedeutung – nicht nur, weil die Hauptstadt Jakarta der Sitz dieser Organisation ist. „Für Indonesien ist ASEAN immer der Grundstein unserer Außenpolitik. Das bedeutet, dass unser nationales Interesse immer eng verbunden und verknüpft ist mit den Interessen der Region, nämlich wie man regionale politische Stabilität und wirtschaftlichen Wohlstand verwirklichen kann.“

„Außerdem müssen wir in der Lage sein, ASEAN als unser Vehikel zu nutzen, um die größeren Interessen zu verfolgen. Durch eine sehr aktive Rolle in ASEAN können wir unseren diplomatischen Einfluss nutzen“, meint Jailani.

ASEAN sei nicht nur eine internationale Organisation. „Es ist eigentlich unsere Identität bei der Gestaltung unserer Außenpolitik.“ Als ASEAN 1967 gegründet wurde, habe es weder ein Sekretariat noch einen Hauptsitz gegeben. Erst als neun Jahre später, also 1976, Indonesien den Vorsitz übernahm, wurde in der ASEAN-Charta Jakarta als Sitz festgelegt. 

Typisches ASEAN-Foto: Wo immer Botschafter der ASEAN-Staaten zusammenkommen, zeigen sie vor den Fotografen gerne ihre Verbundenheit – wie zum Beispiel hier beim Empfang zum philippinischen Nationalfeiertag. Gab es jemals ein solch demonstratives Foto auch von Botschaftern der EU-Länder? (Foto: König)

Natürlich gebe es auch Widersprüchen innerhalb der ASEAN, bestätigt der Botschafter – und verweist auf ein Buch von Kishore Mahbubani, einem singapurischen Diplomaten. Das Buch trägt den Titel „The ASEAN Miracle“. Darin argumentiert der Autor, dass es ASEAN eigentlich verdient hätte, für den Nobelpreis nominiert zu werden und zu gewinnen. 

ASEAN sei demnach eine der regionalen Organisationen, denen es sehr erfolgreich gelinge, Frieden und Sicherheit in der Region zu wahren. „Ich möchte hier betonen: Trotz vieler Dynamiken untereinander, trotz vieler territorialer Streitigkeiten und Differenzen zwischen den ASEAN-Mitgliedern war Südostasien in den letzten Jahrzehnten eine der stabilsten Regionen der Welt. Das ist eine Tatsache, die wir anerkennen müssen.“

Natürlich habe nicht nur Indonesien ein starkes Bekenntnis zu diesem ASEAN-Prinzip. "Alle ASEAN-Mitgliedsländer pflegen den Dialog und die Zusammenarbeit. Unsere Erfolgsgeschichte beruht auf unserer harten Arbeit.“

Den ASEAN-Vorsitz haben derzeit die Philippinen inne. Im Berliner ASEAN-Ausschuss, in dessen Rahmen sich die hiesigen Botschafter regelmäßig zu Konsultationen treffen, habe derzeit Indonesien die Führung, die sie in Kürze an Malaysia übergeben wird.

Die Talkshow „diplo.international“ mit Indonesiens Botschafter Abdul Kadir Jailani wurde im Hauptstadtsender TV Berlin gesendet und kann hier gesehen werden: 

https://www.youtube.com/watch?v=DeeSU-X9_PU