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Alarmruf aus dem Jemen: „Niemand schaut mehr hin!“

Vize-Außenminister Mustapha Noman über seine Tour durch ein Europa, das Entwicklungshilfe abbaut und Rüstung aufbaut
January 20, 2026
December 18, 2025

Von Ewald König und Darya Koppel 

Jemens Vize-Außenminister Mustapha Noman spricht mit diplo.news über die humanitäre Katastrophe in seinem Land (Foto: Miran Kwak)

Der Jemen macht seit Jahren durch einen Bürgerkrieg von sich reden, in dem auch ausländische Player eine große Rolle spielen. So unterstützte bisher der Iran die schiitischen, militärisch gut ausgebildeten Huthi-Rebellen im Norden, die immer wieder Handelsschiffe im Roten Meer sowie Gebiete in Israel angreifen. Saudi-Arabien stand bisher hinter der international anerkannten Regierung im Süden, zu der Vize-Außenminister Mustapha Noman gehört. Der erfahrene Diplomat reist derzeit durch die wichtigsten Hauptstädte Europas, um auf die prekäre Lage seines Landes aufmerksam zu machen. Die 35 Millionen Einwohner leiden unter schlimmsten humanitären Bedingungen, dreiviertel der Bevölkerung hungert. Trotzdem beherbergt das Land 100.000 legale und 600.000 illegale Migranten. 

In Berlin sprach Noman mit Vertretern des Auswärtigen Amts, des Verteidigungsministeriums und des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die geplanten einschneidenden Kürzungen in der deutschen Entwicklungshilfe treffen auch den Jemen. Im Gespräch mit diplo.news und in der Sendung diplo.talk des Hauptstadtsenders TV Berlin beklagt er sich über mangelnde internationale Hilfe und Empathie. „Niemand schaut mehr hin. Die Welt schaut auf neuere Kriege und Krisengebiete. Das Schlimmste daran ist, dass wir uns daran gewöhnen. Wir haben uns daran gewöhnt, was im Jemen passiert, in Gaza, im Sudan, in Syrien, in der Ukraine“, sagt er.

„Auch ich gehöre zu den Menschen, die in den ersten Tagen von diesen Bildern in Gaza wirklich geschockt waren. Aber mit der Zeit wurden sie alltäglich. Man sieht das jetzt seit zwei Jahren jeden Tag. Wir haben aufgehört, hinzuschauen. Denn was sieht man noch? Es gibt nichts Neues.“ Es gebe nur mehr Traurigkeit, mehr Wut, mehr Verzweiflung – „und noch weniger Kraft, überhaupt hinzusehen.“

„Wie tief kann die Menschheit noch sinken?“

„Jetzt haben wir im Sudan gesehen, was die Milizen der Rapid Support Forces getan haben, die Vergewaltigungen, die Verstümmelungen, die Tötungen. Wie tief kann die Menschheit noch sinken, während die Welt einfach zuschaut? Nein, niemand unternimmt etwas, um diesen Krieg zu beenden. Niemand.“

Saudi-Arabien habe versucht, US-Präsident Donald Trump zu überzeugen, sich zu engagieren. Er habe ja behauptet, er könne Kriege beenden – „sogar zwischen Ländern, die gar nicht im Krieg miteinander stehen. Er erfindet das einfach. Aber wenn die Vereinigten Staaten es nicht tun und wenn sich Europa zurückzieht und wegen der Budgetbeschränkungen nicht stärker engagiert, wer kann dann helfen?“

V.l.n.r.: Jemens Botschafter in Deutschland, Loai Aleryani, Vize-Außenminister Mustapha Noman und diplo.news-Herausgeber Ewald König (Foto: Miran Kwak)

Das betreffe nicht nur die deutsche Regierung. In allen Hauptstädten erlebe er dasselbe. „Ich trage überall dieselbe Botschaft vor. Wir brauchen Hilfe – für uns, aber sie würde auch Europa nutzen. Denn würden sie uns helfen, würde sich das positiv auf Sicherheit und Stabilität in der Region auswirken.“

Der Jemen dürfe nicht aufhören, weiter an Türen klopfen und die Stimme zu erheben. „Das ist alles, was wir tun können. Wir können keine Regierung zwingen, uns zu helfen. Wir versuchen zu erklären, wie die Situation ist, und dass sie verstehen, wovon wir sprechen.“ Noman fügt hinzu: „Glauben Sie mir, es ist nicht einfach, überall hinzugehen.“

Der Minister räumt ein, dass sein Land nicht mehr die Priorität habe. "Der Sudan kommt häufiger in den Nachrichten vor. Aber hat jemand geholfen? Hat jemand gesagt: ‚Hey Leute, ihr müsst damit aufhören!‘?“

„Es ist verrückt“, klagt Noman. „Das geht seit Jahren so. Es herrschen Hungersnot und Angst, es gibt Vergewaltigungen, Verstümmelungen, alles." Glücklicherweise habe man im Jemen nicht die Gräueltaten gesehen wie im Sudan, nicht das Ausmaß an sexueller Gewalt, an Massenvergewaltigungen oder an wahllosen Massakern wie im Sudan. 

„Als wäre es ein Dracula-Film“

„Alle schauen nur zu, als wäre es einer dieser Dracula-Filme. Man denkt kurz: ‚Das ist traurig‘, und schaltet um auf ein anderes Programm. Die westliche Welt entwickelt sich gerade zu einer sehr kaltherzigen Gesellschaft. Es gibt kaum noch Empathie. Niemand kümmert sich. Man beschäftigt sich mit KI und so vielen anderen Themen.“

Noman erzählt „einen sehr traurigen Witz“ aus dem Jemen: In den jüngsten Statistiken liege der Jemen auf Platz zwei der ärmsten Länder der Welt. Der Sudan stehe an erster Stelle. „Und die Jemeniten machen sich sogar darüber lustig und sagen, wir müssten uns mehr anstrengen, um wieder Nummer eins zu werden. Ich weiß, es ist traurig, aber so fühlen die Menschen: Wir fühlen uns von allen im Stich gelassen.“

Er sage das nicht, „um irgendjemanden oder irgendwelche Länder zu beschuldigen“. Aber die Staaten hätten ihren Fokus eben auf etwas anderes gerichtet. „Ich bin mir sicher: Wenn der Krieg im Sudan noch drei Jahre andauert, werden sie auch das vergessen. Dann wird irgendwo ein weiterer Krieg ausbrechen. Das ist das Problem mit den Prioritäten des Westens, mit den Budgetkürzungen, während gleichzeitig mehr Geld in die Verteidigung gesteckt wird.“

Dieses Geld stamme aus den Mitteln, die für arme Länder vorgesehen gewesen seien. „Wir sehen also mehr Armut, mehr Hungersnöte. Die Bilder aus dem Jemen oder dem Sudan sind wirklich herzzerreißend, Menschen ausgezehrt wie Skelette. Man sieht die Fotos, schweigt darüber und unternimmt nichts.“

Auswanderer gehen nach Saudi-Arabien

„Wäre es nicht besser, diese Länder zu entwickeln, anstatt immer mehr Flüchtlinge aufzunehmen und für ihre Gesundheitsversorgung, Bildung, die Sozialleistungen und Infrastruktur aufzukommen? Würde man zehn Prozent davon in die Herkunftsländer investieren, würden die Menschen gar nicht erst daran denken zu kommen. Warum sollten sie ihre Freunde und Familien, ihr Leben zurücklassen?“ 

Aus dem Jemen seien nicht viele Auswanderer nach Europa gegangen. Die meisten seien ins Nachbarland Saudi-Arabien ausgewandert, weil sie mit dem Auto fahren oder mit Kamelen oder sogar zu Fuß die Grenze überqueren könnten. Nach Europa sei es viel schwieriger.

Noman zieht einen Vergleich zwischen seinem Land und Syrien. Deutschland unter Bundeskanzlerin Angela Merkel habe eine Million Syrer aufgenommen, doch es lebten maximal 20.000 Jemeniten in Deutschland, obwohl der Jemen sehr viel größer sei. „Das liegt daran, dass die Jemeniten gar nicht gehen wollen. Sie hängen an ihrem Land und wollen bleiben.“

Kein Interesse in den USA

Von den USA sei nichts zu erwarten, findet der stellvertretende Außenminister. Die Vereinigten Staaten hätten sich im Grunde überall zurückgezogen. „Sie interessierten sich nicht für Jemen, nur für das Rote Meer.“ Um das zu verdeutlichen, schildert Noman: „Ich war im vergangenen Mai in Washington, D.C. Dort habe ich mich mit Leuten aus dem Außenministerium, dem Bereich Nationale Sicherheit, dem Weißen Haus, dem Pentagon und mit USAID getroffen, bevor die Vertretung dort vollständig geschlossen wurde. Leider musste ich feststellen, dass das Interesse am Jemen nicht groß war. Sie verstanden gar nicht, was dort vor sich geht, und es hat sie auch nicht interessiert. Vermutlich weil sie dort keine Geschäfte machen können. Sie sind völlig auf Orte fixiert, an denen sie Geld verdienen können. Sie wollen Geld verdienen, ohne auch nur einen Cent dafür auszugeben. Trump sieht die Welt als ein Stück Land, das er entwickeln, wo er neue Gebäude und schöne Türme bauen kann. Ein Land, das kein Geld hat, interessiert ihn nicht.“

Terrorgefahren im maritimen Handelsweg

Die dringendsten Bedürfnisse der jemenitischen Bevölkerung seien Lebensmittel und Arbeitsplätze. Die Hungersnot breite sich im ganzen Land aus, sowohl im Norden unter den Huthis als auch in anderen Teilen des Landes unter der legitimen Regierung. Wenn eine Gesellschaft, deren Mehrheit Hunger leide, instabil werde, führe das zu inneren Unruhen, was wiederum zur Folge habe, dass in diesem Teil der Arabischen Halbinsel mehr terroristische Gruppen aktiv würden. „Ich sage das nicht, um zu drohen, etwa: ‚Wenn ihr uns nicht helft, werden wir zu Terroristen‘, sondern ich versuche nur, das Bild klar zu machen: Wir brauchen Hilfe. Dem Jemen zu helfen, liegt nicht nur in unserem Interesse, sondern auch im Interesse der internationalen Gemeinschaft und der Region.“ 

Die terroristischen Aktivitäten würden sich auch im Roten Meer niederschlagen, wo der maritime Handelsweg durch Huthi-Angriffe auf die Handelsflotten gefährdet ist. Die dortige Unsicherheit sei für Deutschland sogar dramatischer als für den Jemen selbst. Noman: „Wenn der Jemen nicht stabil ist, wird es im Roten Meer selbst niemals Stabilität geben.“