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Aserbaidschan will nicht nur als Energielieferant Europas definiert werden

Auch die Handelsrouten und der Mittlere Korridor kommen Deutschlands strategischen Interessen entgegen
September 24, 2026
September 24, 2026

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Oped von Kamala Mammadova

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Der Krieg in der Ukraine, die Instabilität im Nahen Osten und die Unterbrechungen globaler Lieferketten haben die europäischen Länder gezwungen, ihre Vorstellungen von Sicherheit zu überdenken. Sicherheit wird nicht mehr allein durch militärische Fähigkeiten oder Verteidigungspolitik definiert, sondern umfasst auch Energieversorgung, Verkehrswege, Logistiknetzwerke, widerstandsfähige Lieferketten, digitale Infrastruktur, Technologie und den Zugang zu neuen Märkten.

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Für Deutschland hat dieser Wandel besonderes Gewicht. Berlin bemüht sich darum, seine Energiequellen zu diversifizieren, alternative Verkehrswege zu stärken und seine wirtschaftlichen Partnerschaften auszuweiten. Hier wird die strategische Bedeutung Aserbaidschans sichtbar.

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Mehr als nur Gas

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Deutschland betrachtet Aserbaidschan bisher hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt der Energieversorgung. Das ist wenig überraschend. Aserbaidschanisches Gas gelangt über den Südlichen Gaskorridor auf die europäischen Märkte. Die Diversifizierung der Energieversorgung wird immer wichtiger, seit sich Europas Energielandschaft grundlegend verändert hat. Doch Aserbaidschan will seine Beziehungen zu Europa nicht allein über seine Rolle als Energielieferant definieren lassen.

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Daher umfasst die neue Gemeinsame Erklärung eine breitere Agenda: Erdgas, erneuerbare Energien, grünen und CO₂-armen Wasserstoff, Energieeffizienz, Infrastruktur, Digitalisierung, industrielle Modernisierung, Wissenschaft und neue Technologien. Die Gemeinsame Erklärung wurde in Berlin am 21. Juli unterzeichnet, als der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz besuchte. Sie umfasst die strategische Agenda für die bilaterale Partnerschaft sowie die Vereinbarung über einen Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsrat.

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Im Sommer unterzeichneten Präsident Ilham Aliyev (li.) und Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin eine "Gemeinsame Erklärung" (Foto: Bundesregierung/Sandra Steins)

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Energie gegen Marktzugang

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Deutschland verfügt über Technologien, industrielle Expertise und Investitionskapazitäten, die Aserbaidschan in einer neuen Phase seiner wirtschaftlichen Entwicklung benötigt. Hier treffen die Interessen beider Länder aufeinander. Deutschland sucht Diversifizierung. Aserbaidschan sucht Technologie, Investitionen und verlässliche langfristige Partner. Die Beziehungen bewegen sich allmählich über die Zusammenarbeit in einigen Bereichen hinaus hin zu einer langfristig angelegten Partnerschaft, die auf einer breiteren Palette strategischer Interessen beruht.

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Wie der Mittlere Korridor die Landkarte verändert

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Auch die Geografie gewinnt zunehmend an Bedeutung. Neue Handels- und Verkehrswege verändern die Verbindungen zwischen Europa und Asien. Besonders vielversprechend ist der Mittlere Korridor, der China und Zentralasien über das Kaspische Meer und den Südkaukasus mit Europa verbindet.

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Aserbaidschan liegt im Zentrum dieses Netzwerks. Baku verfügt über einen internationalen Seehafen, Eisenbahnverbindungen nach Georgien und in die Türkei, eine umfangreiche Straßeninfrastruktur sowie die Alat Free Economic Zone. Aserbaidschan will die geografische Lage in einen wirtschaftlichen Vorteil verwandeln und sich als Logistikdrehscheibe zwischen Europa und Asien positionieren.

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Für Deutschland ist dies zunehmend relevant. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, wie verwundbar Handels- und Verkehrsnetze werden können, wenn sie zu stark von einer begrenzten Zahl von Routen abhängig sind. Vor diesem Hintergrund ist der Mittlere Korridor mehr als nur eine zusätzliche Transportmöglichkeit. Er könnte Teil einer neuen wirtschaftlichen Architektur werden, die Europa mit Eurasien verbindet.

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In einem Interview mit First News Media verwies der aserbaidschanische Botschafter in Deutschland, Nasimi Aghayev, auf das wachsende Interesse deutscher Logistik- und Verkehrsunternehmen an der Entwicklung des Mittleren Korridors, einschließlich einer möglichen Beteiligung am Ausbau des internationalen Seehandelshafens von Baku. Dies würde Aserbaidschan zu einer Drehscheibe machen.

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Was haben deutsche Unternehmen davon?

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Politische Erklärungen bestimmen den Ton bilateraler Beziehungen; ihre Beständigkeit hängt jedoch von der wirtschaftlichen Substanz ab. Der neue Deutsch-Aserbaidschanische Wirtschaftsrat soll den wirtschaftlichen Dialog systematischer gestalten.

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Die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit gehen weit über den Energiesektor hinaus. Erneuerbare Energien, industrielle Produktion, digitale Technologien, Verkehr und Logistik, Landwirtschaft, Infrastruktur und Zukunftstechnologien sind potenzielle Kooperationsfelder.

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Auch die Projekte in den von Aserbaidschan zurückgewonnenen Gebieten bieten Möglichkeiten für deutsche Unternehmen. Hier kann sich die deutsche Wirtschaft an einem umfassenden Transformationsprozess zu beteiligen. Aserbaidschan sieht in Karabach und Ost-Sangesur ein großes Potenzial für erneuerbare Energien. Solar- und Windenergie, intelligente Stromnetze, Energiespeicherung, Wasserwirtschaft, Abfallverarbeitung, Elektromobilität und energieeffizientes Bauen gehören zu den Bereichen, in denen deutsche Expertise relevant sein wird.

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Frieden wird zum Wirtschaftsfaktor

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Die sich verändernde politische Landschaft im Südkaukasus ist ein weiterer Grund dafür, dass Berlin Baku größere Aufmerksamkeit schenken sollte. Jahrzehntelang hatte der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien die politischen und wirtschaftlichen Realitäten der Region bestimmt. Diese Landschaft beginnt sich nun zu verändern.

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Deutschland hat die Fortschritte im Friedensprozess zwischen Aserbaidschan und Armenien begrüßt. Friedrich Merz bezeichnete die zwischen den beiden Ländern erzielten Vereinbarungen als historischen Schritt und betonte, dass ein dauerhafter Frieden im Südkaukasus nicht nur im Interesse der Region, sondern auch Deutschlands und der Europäischen Union liege.

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So können neue Verkehrsverbindungen und neue Märkte entstehen und Investoren langfristiger planen. Der Frieden im Südkaukasus ist daher nicht nur eine Frage der regionalen Sicherheit, sondern auch eine Frage der europäischen Konnektivität.

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Die größte Herausforderung ist Information

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Die neue Partnerschaft steht jedoch vor einem Hindernis, das sich weder durch Infrastrukturprojekte noch durch den Wirtschaftsrat lösen lässt, nämlich die gegenseitige Wahrnehmung. In Deutschland wird Aserbaidschan noch immer häufig durch das Prisma des Südkaukasuskonflikts betrachtet. Die öffentliche Diskussion über das Land erfasst die Veränderungen der vergangenen Jahre zu wenig.

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Zwischen Aserbaidschan und der deutschen Gesellschaft besteht eine „Informationsmauer“, die das gegenseitige Verständnis und die Kenntnis voneinander einschränkt. Diese Mauer lässt sich nicht durch diplomatische Kampagnen beseitigen. Gefordert sind kontinuierliches Engagement, akademischer Austausch, berufliche Kontakte, Begegnungen zwischen Journalisten und Experten, kulturelle Projekte und direkte persönliche Beziehungen. Die Gesellschaften müssen die Chance erhalten, einander jenseits politischer Krisenmomente zu verstehen. Strategische Beziehungen entstehen nicht nur auf Regierungsebene.

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Pragmatische Interessen

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Deutschland und Aserbaidschan haben nicht die gleiche politische Weltanschauung und nicht dieselbe Interpretation in internationalen Fragen. Aber was sie zunehmend verbindet, ist die pragmatisch wachsende Überschneidung strategischer Interessen.

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Deutschland benötigt verlässliche Energiepartner, neue Handelswege und widerstandsfähigere Verbindungen nach Zentralasien. Aserbaidschan braucht Zugang zu europäischen Märkten, deutsche Technologie, Investitionen und langfristige Wirtschaftspartner.

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Deutschland hat ein Interesse an einem stabilen Südkaukasus, und Aserbaidschan will regionale Stabilität in wirtschaftliche Entwicklung umwandeln. Deutschland sucht neue Chancen für seine Unternehmen. Aserbaidschan sucht Partner für seine wirtschaftliche Transformation.

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Fortschritte im Friedensprozess zwischen Aserbaidschan und Armenien können weitere wirtschaftliche Möglichkeiten in der Region eröffnen. Wie weit die Zusammenarbeit gehen wird, bleibt abzuwarten. Der Dialog zwischen Berlin und Baku wird breiter.

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Deutschland und Aserbaidschan haben übrigens historische Verbindungen. Deutsche Siedler kamen im 19. Jahrhundert in das heutige Aserbaidschan, leisteten Beiträge zu Landwirtschaft und Industrie und hinterließen bleibende Spuren. Auch dieses Erbe kann als weitere Brücke zwischen beiden Gesellschaften dienen.

Kamala Mammadova

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Die Autorin ist aserbaidschanische Journalistin und Medienmanagerin. Sie ist Chefredakteurin von 1news.az, einer der führenden Online-Nachrichtenplattformen Aserbaidschans, und engagiert sich in der Peace Bridge Initiative, einer grenzüberschreitenden Dialogplattform für Aserbaidschan und Armenien.

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