
Bei Rüstungsimporten denkt man in erster Linie an die USA. Doch nahezu unbemerkt entwickelt sich Südkorea zu einem der größten Waffenexporteure der Welt. Das Land ist inzwischen – nach den USA – der zweitgrößte Waffenlieferant der europäischen NATO-Staaten. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges steigt die internationale Nachfrage nach südkoreanischen Waffensystemen rasant an. Nicht nur in der Rüstungsindustrie, sondern auch in der Cyber- und Weltraumsicherheit ist Europa einer der wichtigsten Märkte für die Südkoreaner.
Kann man aus 400 Kilometern Höhe ein Mobiltelefon oder eine Kaffeetasse identifizieren? Ja, man kann, wenn man spezielle Satelliten mit synthetischem Aperturradar und ultrahoher Auflösung einsetzt. Das maßstabgetreue Modell dieses sogenannten „Very Low Earth Orbit Ultra High-Resolution Synthetic Aperture Radar Satellite“ stand im Mittelpunkt der jüngsten Fachmesse ADEX, der Seoul International Aerospace & Defense Exhibition, die mit Rekordzahlen aufwartete: 600 Rüstungsunternehmen aus 35 Ländern, für die die Ausstellungsfläche stark erweitert werden musste.
Verfolgt man die Berichterstattung koreanischer Medien, wird man nicht nur über die Expansion informiert, sondern erfährt auch die Gründe dafür. Südkorea hat die Sorge, unter Präsident Donald Trump könnte sich das US-Militär aus Südkorea zurückziehen. Jüngst betonte Südkoreas Präsident Lee Jae-myung die große Bedeutung einer selbstständigen Verteidigung. Die Zeiten friedlichen Zusammenlebens seien vorbei. Jedes Land müsse bereit sein, sich selbst zu schützen.
Dass die Entwicklung unbemannter Waffensysteme mit künstlicher Intelligenz (KI) im Mittelpunkt stehen, hat unter anderem auch sehr pragmatische Gründe. Südkorea gehört seit Jahren zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate. Wenn Korea daher verstärkt auf unbemannte Systeme setzt, geht es nicht nur um möglichst modernste Kriegsführung, sondern hat das auch mit dem Rückgang der Truppenstärke zu tun. Daher sind für Präsident Lee KI, Drohnen und Robotik die Schlüsselbereiche künftiger Waffensysteme. Das Land erhöht seine Investitionen in Hightech-Waffen.
Immer engere Beziehungen zur NATO
Mittlerweile ist Südkorea der zweitgrößte Waffenlieferant der europäischen NATO-Staaten. Es versorgt sie vor allem mit Fahrzeugen und Artillerie. Die Verteidigungskooperation mit Europa nimmt laufend zu, die Beziehungen zur NATO werden immer enger. Dennoch will die Regierung auf die Balance achten, um nicht Russland und China zu verärgern. Mit China strebt Lee problemlose Beziehungen an.
Südkorea verzeichnet seit dem Überfall Russlands in der Ukraine einen starken Anstieg der internationalen Nachfrage nach seinen Waffensystemen. Der Bedarf an schneller Nachrüstung führten zu Großaufträgen, insbesondere mit Polen. Polen ist dabei der größte Abnehmer und machte 46 Prozent der südkoreanischen Rüstungsexporte aus.
Verteidigungs-Sondergesandter für Europa
Um die Exporte weiter anzukurbeln, ernannte Lee sogar einen Sondergesandten für die Verteidigungsindustrie für Europa. Er soll Medienberichten zufolge Geschäfte im Wert von mehr als 56 Milliarden US-Dollar sichern. Nicht nur mit dem Sondergesandten, auch mit Präsentationen moderner Hightech-Waffensysteme auf Fachmessen wird sich Südkorea in den kommenden Jahren noch weitere Lieferverträge sichern können. Durch kurze Lieferzeiten, NATO-kompatible Qualität und wettbewerbsfähige Preise stehen die Chancen gut.
Schon frühere Präsidenten haben das wirtschaftliche Potenzial des Waffenmarktes erkannt und Südkorea zu einem der weltweit führenden Rüstungsexporteure machen wollen. Lee setzt diese Politik fort, um einen größeren Anteil am globalen Rüstungsmarkt zu gewinnen.
Präsident Lee versprach mutige Investitionen in Forschung und Entwicklung im Verteidigungs- und Luftfahrtsektor bis 2030, um Schlüsseltechnologien zu sichern und fortschrittliche Waffensysteme zu entwickeln. „Bis 2030 werden wir dafür ein noch nie da gewesenes Budget bereitstellen, das alle bisherigen Erwartungen übertrifft“, sagte Lee. Allein 2026 werden knapp 48 Milliarden US-Dollar investiert. Dabei geht es auch um auf die nukleare Bedrohung durch Nordkorea und dessen Raketenprogramm. Mit der Forschung im Verteidigungs- und Luftfahrtbereich sollen die notwendigen Fähigkeiten für eine eigenständige Raumfahrtentwicklung aufgebaut werden. Dazu gehört nicht nur der Satelliten-Blick in die Kaffeetasse aus 400 Kilometern Höhe.
ekö