Von Fariborz Saremi und Mirko Wittmar

Ein Enthauptungsschlag, wie ihn Israel und die USA gegen die iranische Führung umsetzte, dient einem Zweck: den Gegner durch die schlagartige Ausschaltung seiner Führung so sehr zu lähmen, dass er nicht mehr zu organisiertem Widerstand fähig ist. Dieses Ziel ist eindeutig nicht erreicht, der Krieg dauert länger als gedacht. Auch wenn es gelang, Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei, den Verteidigungsminister sowie eine ganze Reihe führender Angehöriger der Sicherheits- und Streitkräfte auszuschalten, zeigt sich, dass das iranische Regime nach wie vor funktioniert und zu empfindlichen Gegenschlägen in der Lage ist. Somit stellt sich die Frage, welche Szenarien zu einem Kriegsende und zur Zukunft des Iran zum jetzigen Zeitpunkt denkbar sind.
Ein Regimesturz nach langen militärischen Auseinandersetzungen? Eher unwahrscheinlich
Sollten die Angriffe auf den Iran in dieser Intensität weitergehen, werden die Strukturen des Regimes früher oder später in einem solchen Ausmaß zerschlagen sein, dass es nicht mehr in der Lage ist, sich weiterhin gegen den Willen der Bevölkerung zu halten. In diesem Fall würde der Krieg tatsächlich mit dem Sturz des Regimes enden. Dies wäre ein mögliches, wenn auch äußerst optimistisches Szenario. Dies auch keinesfalls in unmittelbarer Zukunft zu erwarten, sondern bestenfalls mittelfristig – eher innerhalb von Monaten als Wochen. Und es ist nicht gesagt, dass die USA und Israel ihre militärischen Operationen so lange aufrechterhalten können.
Bereits jetzt wird erkennbar, dass die Weltwirtschaft erheblichen Schaden davontragen wird. Die Sperrung der Straße von Hormuz, mit dem Ergebnis, dass ca. 20% der weltweiten Mengen an Rohöl und Flüssiggas den Markt nicht mehr erreichen, hat zu einem erheblichen Anstieg der Öl- und Gaspreise geführt, mit großen Schwankungen zudem. Dies trifft insbesondere US-Präsident Donald Trump, der sich innenpolitisch weder eine höhere Inflation noch einen Einbruch der Wirtschaft leisten kann. Angesichts von deutlichen Spritpreissteigerungen in den USA zeichnet sich ab, dass eine solche Entwicklung bereits begonnen hat, und es daher vorstellbar ist, dass Trump den Krieg beendet, ohne seine propagierten Ziele erreicht zu haben, solange er nur einen gesichtswahrenden Ausweg findet. Dazu könnte auch Druck aus den Golfstaaten beitragen, falls diese den Eindruck gewinnen, dass ihre wirtschaftlichen Interessen allzu sehr beeinträchtigt werden. Die jüngsten Äußerungen des US-Präsidenten, der Krieg sei "so gut wie beendet", deuten in diese Richtung.
Dass Trump keineswegs in jedem Fall auf einen Sturz des Regimes hinaus will, zeigt sich auch daran, dass er ein Mitspracherecht bei der Installation einer neuen Führung beansprucht und dabei offen auf Venezuela anspielt. Dort ist es ihm offenbar egal, dass das bei der Bevölkerung verhasste Regime weiter die Macht besitzt, solange es in seinem Sinne handelt. Darüber hinaus hat der Krieg gegen den Iran insofern eine natürliche Grenze, als die Munitionsvorräte der USA und Israels endlich sind. Im Sommer 2025 ging in den letzten Tagen des Krieges in Israel der Vorrat an Abfangraketen zur Neige. Manche iranische Raketen erreichten ihre Ziele, weil die israelische Luftabwehr gezwungen war, zu entscheiden, welche Angriffe sie noch abfangen würde und welche nicht. Trump versichert zwar, die USA hätten „unendliche“ Vorräte und seien in der Lage, die Angriffe beliebig lange fortzusetzen, doch darf dies als Trump-typische Großsprecherei angesehen werden. Informationen aus dem Pentagon bereits kurz vor Kriegsbeginn besagten, dass die Munitionsvorräte deutlich begrenzt sind.
Trifft dieses Szenario ein, endet der Krieg ohne klares Ergebnis, hat aber enormen Schaden weltweit angerichtet. Sollten die USA und Israel dennoch unter Mobilisierung aller Reserven und Missachtung der wirtschaftlichen und politischen Folgen den Krieg entgegen auf lange Sicht fortführen, bekäme Trump erhebliche Probleme bei den Amerikanern, denen er einst versprach, sich aus allen Kriegen zurückzuziehen bzw. sich nicht auf neue einzulassen.
Sollte das Regime der Mullahs wider Erwarten doch fallen, dürfte der überwiegende Teil der iranischen Bevölkerung ein demokratisches System als Alternative wollen. Dazu müssten die Demokratieanhänger allerdings zunächst den Widerstand der Reste des Regimes überwinden, die nicht einfach kampflos aufgeben werden. Eine wie auch immer geartete Neuauflage der Proteste der vergangenen Jahre wäre unabdingbar, die sich gegen einen militärisch zerschlagenen, nicht mehr organisationsfähigen Unterdrückungsapparat durchsetzen müssten. Führungsfiguren aus der Zivilgesellschaft müssten einen Übergang organisieren, um die gröbsten Kriegsschäden zu beseitigen und die Atmosphäre für eine pluralistische politische Kultur zu schaffen. Der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, wäre ein möglicher Kandidat – er verfügt über großen Rückhalt unter den Exil-Iranern und hat in den vergangenen Monaten auch innerhalb des Iran an Popularität gewonnen, genießt allerdings kaum Unterstützung durch die US-Regierung. Die Geschichte derartiger Umstürze zeigt auch, dass Persönlichkeiten, die anfangs populär und einflussreich sind, nur in Ausnahmefällen dauerhaft eine tragende Rolle spielen und stattdessen Leute auftauchen, mit denen niemand gerechnet hat.
Der Fortbestand des Regimes und die sogenannten moderaten Kräfte
Was passiert, wenn das Regime in Teheran diesen Krieg übersteht? Trump würde sich darauf einlassen, wenn 1) die wirtschaftlichen und politischen Kosten der Kriegsfortsetzung für ihn zu hoch würden, 2) Führungsfiguren an die Macht kämen, die er als moderater verkaufen könnte, und 3) der Iran zumindest offiziell auf sein Nuklear- sowie ballistisches Raketenprogramm verzichtet und die Unterstützung der Proxys (Stellvertretertruppen) in der Region aufgibt. Es ist fraglich, ob dies mehr ist als eine theoretische Option. Trump müsste, um einen halbwegs gesichtswahrenden Ausweg zu finden, die letzten beiden Punkte als Erfolge vorweisen können. Dass das Regime sich darauf einlässt, ist höchst unwahrscheinlich. Die Kür von Modschtaba Chamenei, zum Nachfolger seines Vaters, des Obersten Revolutionsführers Ajatollah Chamenei, deutet darauf hin, dass derzeit die Hardliner aus dem Umfeld der Revolutionsgarden die Oberhand haben. Sie dürften sich unter keinen Umständen auch nur zum Schein auf Trumps Vorstellungen einlassen.
Ein weiteres Hindernis wäre Israel. Dort meint die Regierung es im Gegensatz zu Trump bitter ernst mit dem Sturz des Regimes, das in allen seinen denkbaren Schattierungen als eine existentielle Bedrohung gilt. Und dies vermutlich zu Recht: Experten auch außerhalb Israels weisen darauf hin, dass es wirklich „moderate“ Kräfte innerhalb des Mullah-Regimes nicht gibt, sondern lediglich mehr oder weniger pragmatische bzw. fanatische Techniker des Machterhalts. Der tatsächliche Charakter des Regimes ist nicht veränderbar, so lange es existiert. Dementsprechend wäre Israel mit einem Kriegsende ohne klares Ergebnis kaum einverstanden und könnte dabei auch auf Rückendeckung in der US-Administration zählen. Die Heritage Foundation, als deren Repräsentant innerhalb der Regierung Trumps einflussreicher Stabschef Steven Miller agiert, steht eisern hinter Israel.
Putsch ist nicht gleich Putsch
Vorstellbar wäre auch ein Putsch von Teilen der bewaffneten Kräfte. Eine Machtübernahme der Revolutionsgarden käme dann in Frage, wenn diese den Eindruck hätten, die derzeitige Führung wäre zu einem Nachgeben bereit oder unfähig, den Krieg erfolgreich zu führen. In diesem Fall würde der Klerus entmachtet, sich aber ansonsten nichts grundlegend ändern – die Repression würde anhalten, und die tatsächliche Macht bliebe weitgehend in der Hand derselben Leute, da die Revolutionsgarden bereits jetzt zu den entscheidenden Kräften im Land gehören.
Davon würde sich ein Putsch der regulären Streitkräfte jedoch unterscheiden. Da im Iran eine allgemeine Wehrpflicht gilt, setzt sich die Armee aus allen Teilen der Bevölkerung zusammen, lediglich die höheren Offiziersränge dürften linientreu sein. Die Armee wird seit der Revolution von 1979 als ein Unsicherheitsfaktor angesehen, weshalb die Revolutionsgarden ausdrücklich als ein ideologisch zuverlässiges Gegengewicht zu ihnen aufgebaut wurden. Ein erfolgreicher Putsch der regulären Sicherheitskräfte könnte daher durchaus zu grundlegenden Veränderungen führen. Allerdings würden entsprechende Versuche auf den entschiedenen Widerstand der Revolutionsgarden treffen, so dass in diesem Fall ein Bürgerkrieg wahrscheinlicher wäre als eine erfolgreiche Machtübernahme des Militärs.
Das Bürgerkriegsszenario und langfristige Instabilität
Nicht auszuschließen ist auch, dass zwar das Regime der Mullahs fällt, aber kurz- oder mittelfristig nicht durch eine stabile demokratische Regierung ersetzt wird, sondern stattdessen die staatliche Funktionalität des Iran in Gefahr gerät. Im Iran lebt eine ganze Reihe ethnischer Gruppen, unter anderen die Azeri (orientiert in Richtung Aserbaidschan), die Belutschen (orientiert in Richtung Belutschistan auf dem Territorium des Iran und Pakistans), die Kurden im nordwestlichen Grenzgebiet zu den irakischen Kurdengebieten, aber auch Araber, die als mehrheitliche Sunniten dem schiitischen Gottesstaat schon immer verdächtig waren. Die größte dieser Gruppen stellen die Kurden dar, deren Bestrebungen nach Autonomie oder Unabhängigkeit sie bereits häufiger zum Ziel brutaler Unterdrückungsmaßnahmen gemacht hat.
Ein Sturz des Regimes könnte die Kurden ermutigen, ihre Autonomie- oder Unabhängigkeitsbestrebungen zu intensivieren. Ein Bürgerkrieg wäre nicht ausgeschlossen, vor allem, wenn sich weitere ethnische Gruppen diesem Kampf anschließen. Offensichtlich steht die US-Regierung bereits in Kontakt mit bewaffneten iranischen Kurden im Nordirak, um sie zu einem Eingreifen gegen das Regime zu bringen. Im Extremfall wäre ein Zerfall des Iran entlang ethnischer Bruchlinien mit weitreichenden Folgen für die langfristige Stabilität der Region nicht auszuschließen - eine Befürchtung, die unter den Golfstaaten durchaus ernst genommen wird und einer der Gründe, warum sie gegen diesen Krieg waren.
Nach Schätzungen unterstützen derzeit ca. 20-25% der iranischen Bevölkerung nach wie vor das Regime. Diese Menschen würden nach dessen Sturz ja nicht einfach verschwinden, sondern stünden aufgrund ihres religiösen Fanatismus, aber auch des Verlusts von Privilegien jeder anders orientierten Regierung feindlich gegenüber. Aufbauend auf Resten der Pasdaran (Revolutionsgarden) sowie der Basidsch (Freiwilligen-Milizen) könnte dies zu einer Terrorkampagne führen, die Gesellschaft und Staat längerfristig ernsthaft destabilisieren würde, ähnlich der Situation im Irak.
Die gezielte Schwächung des Repressionsapparats
Das einzig sinnvolle strategische Ziel dieses Krieges besteht im Sturz des Mullah-Regimes. Sollte das Regime überleben, würde es seine Fähigkeiten wiederherstellen und seinen bisherigen Kurs nach innen wie nach außen fortsetzen, einschließlich des Nuklearwaffenprogramms, das nach den jetzigen Angriffen endgültig als die einzige Überlebensgarantie betrachtet würde. Allerdings scheint sich die US-Regierung dessen nicht voll bewusst zu sein, wie die inkohärenten, teilweise widersprüchlichen Aussagen aus Washington zeigen. In den offiziellen Verlautbarungen des US-Präsidenten ist von einem Regimewechsel, der noch zu Beginn des Angriffs genannt wurde, keine Rede mehr. Er scheint stattdessen eine Variante seiner Venezuela-Aktion vorzuziehen. Die Errichtung einer Demokratie im Iran stehe für ihn nicht im Vordergrund, es dürfe auch gerne eine Fortsetzung des religiösen Regimes sein, wenn dieses nur mit den USA zusammenarbeite, erklärte er. Modschtaba Chamenei hatte er allerdings vor dessen Ernennung als einen nicht geeigneten Kandidaten bezeichnet.
Nachdem das Mullah-Regime nicht im ersten Anlauf zusammengebrochen ist, hat man in den USA offensichtlich keine klare Vorstellung davon, wie der Krieg beendet werden könnte und welchem Zweck er dienen soll. Stattdessen variiert der Zeithorizont, je nach Kommentator. War anfangs sogar von ein bis zwei Wochen Dauer die Rede, dann von vier bis fünf Wochen, werden mittlerweile von manchen in Washington 100 Tage bzw. der September dieses Jahres als Zeitrahmen genannt. Trump selber will nun, so die jüngste Volte, den Krieg "bald "beenden.
Anders ist die Situation in Israel. Dort nennen Regierung und Militärs den Sturz des Regimes eindeutig und durchgängig als Kriegsziel. Sie wissen dabei einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich. Diesem Kriegsziel scheinen auch die militärischen Aktionen zu entsprechen. Kürzliche Analysen haben ergeben, dass mittlerweile gezielt Einrichtungen des Sicherheitsapparates wie Polizei, Pasdaran und Basidsch angegriffen werden. Hier soll erkennbar die Repressionsinfrastruktur vernichtet oder zumindest geschwächt werden, um der Bevölkerung Handlungsmöglichkeiten gegenüber dem Regime zu verschaffen. Es gibt große und berechtigte Zweifel daran, dass das Mullah-Regime durch einen reinen Luftkrieg beseitigt werden kann. Doch die Zerstörung des Repressionsapparates und ein dann folgender, erneuter Aufstand der Bevölkerung scheint derzeit die einzige Möglichkeit zu sein, das Regime zu stürzen. Dies ist eine sehr vage Hoffnung, doch anderenfalls ist nicht zu sehen, wie dieser Krieg zu einem sinnvollen Ende kommen könnte.