
Die kenianische Sozialunternehmerin und Ernährungswissenschaftlerin Wawira Njiru hat mit ihrer Organisation Food4Education ein Modell für die Schulverpflegung entwickelt, das weit über die Ausgabe von Mahlzeiten hinausgeht. Was 2012 mit einer kleinen Spendenaktion und 25 Kindern begann, ist zu einer Organisation mit Tausenden Beschäftigten gewachsen. Heute versorgt Food4Education täglich Hunderttausende Schülerinnen und Schüler. Njiru versteht Schulverpflegung nicht als Wohltätigkeit, sondern als wirtschaftliche Infrastruktur, die lokale Bauern, Lieferanten, Familien und ganze Gemeinden stärkt. Für diesen Ansatz wurde sie 2026 mit dem Deutschen Afrikapreis ausgezeichnet, der ihr heute, Mittwoch, in Berlin überreicht wird.
Sie waren noch sehr jung, als Sie Food4Education gegründet haben. Was hat Sie dazu bewegt, sich ausgerechnet der Schulverpflegung zu widmen?
Ich bin in Kenia aufgewachsen und wollte etwas verändern – vor allem im Bildungsbereich. Meine Eltern hatten selbst Unterstützung erhalten, um eine Ausbildung zu bekommen. Meine Mutter konnte dank eines Stipendiums zur Schule gehen. Ich wollte etwas tun, das den Lebensweg eines Kindes verändern kann.
Während meines Studiums der Ernährungswissenschaften in Australien fragte ich Lehrer an den öffentlichen Schulen, die meine Eltern besucht hatten, was das größte Problem ihrer Schüler sei. Die Antwort war: Die Kinder haben Hunger. Für mich war klar: Das ist ein grundlegendes Bedürfnis, das erfüllt werden musste. Ich organisierte in Adelaide eine kleine Spendenaktion, sammelte 1.250 Dollar und schickte das Geld nach Kenia. So begann ich mit 25 Kindern.
Ich war immer der Überzeugung: Wenn man ein Problem für jemanden lösen kann, sollte man es versuchen.
Wann wurde Ihnen klar, dass aus dieser kleinen Initiative eine große Organisation werden könnte?
Ein wichtiger Moment war 2016. Damals wuchs die Zahl der Kinder, die wir versorgten, von etwa 50 auf 300 und anschließend auf 1.000. Wir hatten begonnen, auch die Eltern um einen Beitrag für die Mahlzeiten zu bitten. Als ich sah, dass sie bereit waren, dafür zu bezahlen, und dass die Kinder jeden Tag wiederkamen, wurde mir klar: Wir bieten etwas an, das wirklich gebraucht wird.
Später kamen die ersten zentralen Küchen hinzu. Mit jeder weiteren Küche erhielten wir neue Daten und konnten Kosten, Abläufe und Ergebnisse vergleichen. So wurde deutlich, dass sich unser Modell auf viele Schulen übertragen lässt. Auch die Einführung unserer Technologie Tap2Eat, mit der die Eltern über mobile Bezahlsysteme zu den Mahlzeiten beitragen können, war ein wichtiger Schritt.
Wie sehen die Kinder Sie eigentlich? Als Gründerin du Unternehmerin, als eine Art Mutter – oder als die Frau, die ihnen das Essen ermöglicht?
Für viele bin ich einfach irgendeine Frau. Die Menschen, die für die Kinder wirklich zählen, sind diejenigen, die ihnen jeden Tag das Essen zubereiten und bringen. Sie kennen die Köche, die Fahrer und die Menschen, die die Mahlzeiten ausgeben. Für sie sind diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Helden.
Ein Fahrer erzählte mir einmal, dass ein Kind ihn in einem Geschäft ganz stolz seinem Vater vorgestellt habe: „Das ist der Mann, der mir jeden Tag mein Essen bringt.“ Solche Geschichten berühren mich sehr. Wir haben inzwischen rund 6.000 Beschäftigte. Sie sollen stolz auf ihre Arbeit sein und in ihren Gemeinden als wichtige Menschen wahrgenommen werden. Ich könnte diese Arbeit niemals allein leisten.
Sie haben nun den Deutschen Afrikapreis erhalten. Kannten Sie die Deutsche Afrika Stiftung vorher?
Nein. Als die Stiftung mich kontaktierte, war ich überrascht. Ich hatte Deutschland noch nie besucht und fragte mich zunächst, wie man überhaupt auf uns aufmerksam geworden war.
Besonders gefreut hat mich, dass die Auszeichnung nicht nur die Versorgung der Kinder würdigt, sondern auch das, was wir in Kenia aufgebaut haben: eine wirtschaftliche Infrastruktur, die Bauern und Lieferanten einbindet und Lebensmittel an zahlreiche Schulen verteilt. Das war für mich ein sehr guter Grund für diese Anerkennung. Ich habe mich geehrt und dankbar gefühlt.
Zeigt Ihre Arbeit, dass Afrika nicht nur Empfänger von Entwicklungshilfe sein sollte, sondern auch ein Ort eigener Innovation und Expertise ist?
Das hoffe ich. Afrika zeigt gerade, dass wir bereit sind, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Als ich begann, wollte ich ein Problem in meiner eigenen Gemeinde lösen. Ich wollte nicht darauf warten, dass jemand von außen kommt und es für uns erledigt. Viele Afrikaner tun heute genau das.
Die internationale Gemeinschaft sollte diese Entwicklung wahrnehmen und mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten. Viele von ihnen wollen nicht nur kleine Projekte umsetzen, sondern wachsen und sehr viel mehr Menschen erreichen. Unser Ziel ist es, allein in Kenia eine Million Kinder täglich zu versorgen. Wir schauen uns auch andere Länder an.
Partnerschaften sind entscheidend. Wenn ich nach Deutschland käme, um hier Kinder zu verpflegen, könnte ich das nicht einfach ohne deutsche Organisationen, ohne Kenntnis des Systems und der örtlichen Gegebenheiten tun. Genauso muss Zusammenarbeit in Afrika funktionieren: mit lokalen Partnern und einem Verständnis für die jeweiligen Realitäten. Afrika besteht aus 54 sehr unterschiedlichen Ländern.
In Deutschland wird Afrika in Spendenkampagnen häufig über Bilder von Armut und hungernden Kindern dargestellt. Ist das ein Problem?
Natürlich gibt es in Teilen Afrikas große Herausforderungen. Auch unsere Arbeit ist notwendig, weil Kinder Schwierigkeiten haben, Zugang zu ausreichender Ernährung zu bekommen. Aber es kommt darauf an, wie man darüber spricht und welche Bilder man vermittelt.
Wir bei Food4Education fotografieren Kinder nicht, bevor sie ihr Essen bekommen. Wenn man sie auf unseren Bildern sieht, haben sie bereits gegessen. Sie sind glücklich, lächeln und genießen ihre Mahlzeit
Wir wollen nicht nur Probleme zeigen, sondern auch Potenzial und Lösungen. Die besten Lösungen entstehen meiner Überzeugung nach häufig vor Ort – und sie können anschließend auch in anderen Teilen der Welt Anwendung finden. Afrika ist ein Kontinent mit 1,5 Milliarden Menschen. Man sollte ihn nicht auf Bilder von Armut und Verzweiflung reduzieren. Es gibt Probleme, aber ebenso enorme Möglichkeiten.

Sie sagen, Schulverpflegung sei keine Wohltätigkeit, sondern wirtschaftliche Infrastruktur. Warum ist Ihnen diese Unterscheidung so wichtig?
Wer möchte schon als bloßer Empfänger von Wohltätigkeit gesehen werden? Das kann Menschen entmündigen. Sie fühlen sich dann nicht als Beteiligte, sondern als diejenigen, die etwas bekommen.
Infrastruktur dagegen wird Teil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Wenn wir Schulverpflegung als Infrastruktur aufbauen, profitieren davon nicht nur die Kinder. Auch Bauern, Lieferanten und ganze lokale Wirtschaftskreisläufe werden gestärkt.
Mehr als 80 Prozent unserer Produkte beziehen wir lokal. Nur Reis importieren wir. Als ich anfing, hatte ich gar keine Möglichkeit, Lebensmittel zu importieren. Ich musste also lernen, mit Marktfrauen und kleinen Bauern zusammenzuarbeiten.
Ich denke dabei an eine Frau namens Mary. Sie begann, uns mit relativ kleinen Mengen zu beliefern. Inzwischen hat sie einen Toyota Hilux gekauft und plant, einen Lastwagen anzuschaffen. Innerhalb von etwa zwei Jahren hat sich ihr Geschäft deutlich entwickelt. Sie kann ihre Familie unterstützen und anderen Menschen Arbeit geben. Genau das meine ich mit wirtschaftlicher Infrastruktur.
Welche Rolle sollten Deutschland und Europa bei der Unterstützung afrikanischer Lösungen spielen?
Deutschland und die europäischen Länder können eine wichtige Führungsrolle übernehmen. Es geht darum, Menschen dabei zu unterstützen, ihr Potenzial zu entfalten. Schulverpflegung schafft dafür eine Grundlage: Kinder erhalten die notwendige Ernährung und können sich besser auf ihre Bildung konzentrieren.
Gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze und Einkommen. Eltern, Lieferanten und andere Beteiligte profitieren wirtschaftlich. Internationale Partner sollten deshalb stärker in lokale Organisationen und afrikanische Lösungen investieren.
Manchmal werden Konzepte außerhalb des Kontinents entwickelt, ohne die örtlichen Gegebenheiten ausreichend zu berücksichtigen. Das funktioniert nicht immer. Entscheidend ist, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Partnerschaften auf Augenhöhe zu schaffen. So können afrikanische Innovationen auch über den Kontinent hinaus Wirkung entfalten.
Haben Sie selbst Vorbilder oder Modelle aus anderen Ländern übernommen?
Ja. Als wir über eine Ausweitung unserer Arbeit nachdachten, recherchierte ich erfolgreiche Schulverpflegungsprogramme weltweit. Besonders interessant fand ich das indische Modell. Die Bedingungen sind zwar nicht identisch, aber die Herausforderungen hinsichtlich Bevölkerungsdichte und geografischer Gegebenheiten sind teilweise vergleichbar.
Dort werden zentrale Küchen genutzt, in denen das Essen zubereitet und anschließend mit Lastwagen an mehrere Schulen verteilt wird. Diese Idee haben wir übernommen und gemeinsam mit unserem Team in Kenia an die örtlichen Bedingungen angepasst. Auch Japan hat ein sehr erfolgreiches Schulverpflegungssystem.
Es ist also eine internationale Geschichte: Ich habe in Australien studiert, mich von einem Modell aus Indien inspirieren lassen und das Konzept gemeinsam mit einem kenianischen Team weiterentwickelt.
Muss auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit ihre bisherige Arbeitsweise überdenken?
Ich denke schon. Sie sollte stärker von den lokalen Realitäten und den Menschen vor Ort ausgehen. Food4Education basiert auf einer Partnerschaft zwischen Eltern, Regierung und privaten Unterstützern. Rund 60 Prozent unserer Kosten werden lokal getragen. Die Spender machen also einen kleineren Teil unserer Finanzierung aus.
Wichtig ist außerdem, die Menschen nicht nur als Begünstigte zu betrachten, sondern als Beteiligte. Wir fragen regelmäßig Eltern, Kinder und Lehrer, ob sie mit dem Essen zufrieden sind und welche Wirkung sie in den Schulen beobachten. Wir erheben dazu auch Zufriedenheitswerte und lassen die Ergebnisse unabhängig überprüfen.
Ich würde mir wünschen, dass auch andere Entwicklungsorganisationen systematisch fragen: Sind die Menschen, für die wir etwas tun, mit unserer Arbeit tatsächlich zufrieden? Und bekommen sie die Möglichkeit, offen Kritik zu äußern?
Sie wollen bis 2027 täglich eine Million Kinder in Kenia erreichen. Was sind die größten Hindernisse auf dem Weg dorthin?
Wir müssen in diesem Jahr 200 Küchen bauen. Das ist eine große logistische und organisatorische Aufgabe. Hinzu kommen Herausforderungen bei der Beschaffung von Lebensmitteln, steigende Preise und Wetterereignisse wie El Niño.
In manchen Regionen fehlt es an grundlegender öffentlicher Infrastruktur. Wir müssen beispielsweise die Wasserversorgung sicherstellen. Manchmal entsteht eine Küche in einer Gemeinde, in der es zuvor kaum Zugang zu Wasser gab. Auch die Rekrutierung und Ausbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist anspruchsvoll. Wir beschäftigen wie gesagt derzeit 6.000 Menschen und müssen unser Team weiter auf 10.000 ausbauen.
Man könnte sagen: In Afrika baut man manchmal das Auto, während man schon fährt – und gleichzeitig noch die Straße, auf der es fahren soll. Das macht die Arbeit herausfordernd, aber auch besonders.
Sie haben in Australien studiert und sind anschließend nach Kenia zurückgekehrt – obwohl viele Menschen Ihnen davon abrieten. Was hat Sie diese Entscheidung gelehrt?
Ich ging mit 19 Jahren nach Australien. Meine Eltern bezahlten das erste Semester, danach arbeitete ich in mehreren Jobs, unter anderem in Pflegeheimen und in der Betreuung von Menschen mit Behinderungen. Das hat mich viel über Fürsorge und Dienst am Menschen gelehrt. Man muss seine Arbeit auch dann gut machen, wenn man nicht immer ein Dankeschön bekommt. Außerdem wurde ich unabhängig.
Food4Education gründete ich, als ich 21 war und noch in Australien studierte. Die Rückkehr nach Kenia war keine selbstverständliche Entscheidung. Meine Eltern und viele andere waren der Meinung, dass ich in Australien bleiben sollte. Sie hatten gehofft, dass ich dort ein gutes Leben aufbauen würde.
Aber ich wollte zurück. Das hat mich gelehrt, eigene Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. Vor allem habe ich in Kenia erfahren, wozu ich fähig bin: etwas aufzubauen, das Menschen dient und Arbeitsplätze schafft.
Wenn mir heute jemand erzählt, dass er dank seiner Arbeit bei uns ein Haus bauen oder sein Kind auf die Universität schicken konnte, berührt mich das sehr. Wäre ich in Australien geblieben, hätte ich vielleicht ein Auto und eine Hypothek – und das wäre alles gewesen. In Kenia konnte ich etwas schaffen, das weit über mich selbst hinausgeht.
Es ist Ihr erster Besuch in Deutschland. Welchen Eindruck nehmen Sie mit?
Ich habe mich hier sehr wohlgefühlt. Alle waren freundlich, neugierig und interessiert. Meine Eltern sind mit mir hier, auch meine Großmutter. Sie ist ungefähr 80 Jahre alt. Bei einem gemeinsamen Abendessen sagte sie, sie hätte sich nie vorstellen können, einmal für einen solchen Anlass nach Deutschland zu kommen. Das hat mich sehr bewegt.
Ich finde es inspirierend, wie viele Menschen in Deutschland wirklich wissen wollen, was in Afrika geschieht und wie bessere Partnerschaften möglich sind. Ich hoffe, dass dieser Preis dazu beiträgt, afrikanische Organisationen sichtbarer zu machen und den Austausch zwischen Deutschland und Afrika zu stärken.
Das Interview führte Ewald König