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News and Views on Foreign Relations and Diplomacy

Vom Stempel zum Chip: Die rasante Evolution des Reisepasses

Diplomaten reisten nach Nauheim, um die Produktion von Hochsicherheitsdokumenten für 170 Länder zu besichtigen
May 7, 2026
May 6, 2026
Der grüne Reisepass der Bundesrepublik Deutschland (re.) gehört längst der Vergangenheit an

Früher handgeschriebene Booklets, heute Hochsicherheitsdokumente: Die rasante technische Entwicklung von Reisepässen und digitalen Identitätssystemen stieß auf großes Interesse zahlreicher Vertreter von Botschaften und Konsulaten, die auf Einladung des Unternehmens Diletta Maschinentechnik anlässlich seines 70-Jahr-Jubiläums ins hessische Nauheim gekommen waren. Nauheims Bürgermeister Marc Friedrich meinte, noch nie habe Nauheim so viel internationale Präsenz an einem Tag erlebt. diplo.news war als Medienpartner von Diletta dabei.

 

Seit sieben Jahrzehnten stattet Diletta die Regierungen von 170 Ländern mit Produkten der Identitäts- und Sicherheitstechnik aus. Zum Jubiläumsempfang führten Geschäftsführer Udo Nikolai und Seniorchef Reinhard Nikolai die diplomatischen Gäste durch das Unternehmen und zeigten die Entwicklungsstufen der Dokumentensicherheit.

 

Gäste von Botschaften und Konsulaten staunten über den hohen Sicherheitsstandard heutiger Pässe

 

Beschrieben und gestempelt

 

Was heute als selbstverständliches Hochsicherheitsdokument gilt, begann erstaunlich einfach: Reisepässe wurden von Hand ausgefüllt oder mit einfachen Schreibmaschinen beschriftet und gestempelt. Der Weg vom Papierdokument zum digitalen Identitätsnachweis ist eine Geschichte technischer Innovation und unternehmerischen Muts.

 

„In einer Zeit, in der Start-ups kommen und gehen, sind 70 Jahre eine Ewigkeit", sagte Firmenchef Udo Nikolai in seiner Begrüßungsrede. "Heute sind wir ein Global Player, aber unsere Wurzeln liegen im Keller eines ganz gewöhnlichen Wohnhauses." Damals sei es noch nicht um Hochsicherheitstechnologie für staatliche Dokumente gegangen, sondern um die Reparatur von Büromaschinen und Büromöbeln. „Man könnte sagen: Wir haben gelernt, Technik zu reparieren und instand zu halten, bevor wir gelernt haben, sie neu zu erfinden. Dieser pragmatische ‚Kellergeist‘ begleitet uns bis heute.“

Die Chefs des Familienunternehmens: Udo (li.) und Reinhard Nikolai

 

„Die Kunden wollten Passschreibmaschinen haben“, erinnertsich der Seniorchef. Also importierte man zunächst Modelle aus der Schweiz. Doch diese Geräte seien sperrig gewesen, groß wie ein Tisch, teuer und in der Bedienung umständlich. „Mir war schnell klar: Das kriegen wir besser hin.“

 

Der entscheidende Schritt auf dem Weg zum globalen Marktführer gelang mit einer selbst entwickelten Passschreibmaschine, die mit der sogenannten Scheckschrift arbeitete – einer besonders sicheren Schrift aus feinen Punktstrukturen, die sich beim Anschlag ins Papier einprägten. Das Modell war extrem erfolgreich. „Das war der Moment, in dem wir erkannten: Wir können etwas, das sonst niemand kann“, so Udo Nikolai. Die Firma hält mit ihren Erfindungen zahlreiche Patente.

 

So wurde das Familienunternehmen Marktführer bei Passpersonalisierungsmaschinen. „Wann immer irgendwo auf der Welt ein Grenzbeamter einen Pass scannt oder ein Bürger sein neues Dokument in Händen hält, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Diletta daran beteiligt war.“

 

 

Innovationen dank Kunden und Fälscher

 

Die Entwicklung wurde auch durch konkrete Wünsche der Kunden angetrieben. So verlangte etwa Persien in den Zeiten des Schahs nach Pässen in persischer Schrift – und zudem im damals unüblichen Querformat. Bis dahin gab es Reisepässe nur im Porträtformat, also hochkant. Die Umsetzung dieser Anforderungen wurde auch wirtschaftlich ein großer Erfolg.

 

Mit der Zeit spezialisierte sich Diletta konsequent auf Pass- und Sicherheitsdokumente. Die technologische Entwicklung verlief in Etappen. Anfangs mussten die Pässe wie Briefpapier eingelegt und Zeile für Zeile beschrieben werden – ohne standardisierte Zeilenabstände. Danach folgten elektrische Maschinen, die besser auf die Passseiten abgestimmt waren. Ende der 1970er Jahre kamen die ersten elektronischen Systeme mit Monitoren auf, danach hybride Geräte, die Schreiben und Drucken kombinierten. In den 1990er Jahren gelang der Durchbruch des Tintenstrahldrucks – Fotos konnten direkt gedruckt statt eingeklebt werden. 2004 kam die RFID-Technologie auf mit biometrischen Daten und integrierten Chips. Mit diesen Innovationen wandelte sich der Pass grundlegend vom einfachen Booklet zum digitalisierten Sicherheitsdokument.

 

 

Der Reisepass als Hightech-Produkt

 

Ein moderner Reisepass enthält heute weit mehr als nur persönliche Angaben. Der unscheinbare Chip, eingebettet zwischen zwei Seiten, speichert biometrische Daten und macht das Dokument maschinenlesbar. Hinzu kommen hochauflösende Inkjet-Druckverfahren mit speziellen Sicherheitsfarben – darunter pigmentierte und fluoreszierende UV-Tinten.

 

Auch die Gestaltung hat sich verändert. Der klassische deutsche Reisepass mit dem grünen Cover war im Hochformat ausgeführt, das später vom sogenannten Landscape-Format verdrängt wurde. Dieses Querformat bietet mehr Platz für Sicherheitsmerkmale und Datenintegration.

 

Das zweite Foto ist nur mit UV-Licht zu sehen. Für Fälscher eine Herausforderung

Besonders wichtig ist die Personalisierungsseite: Sie enthält nicht nur das sichtbare Foto, sondern auch ein unsichtbares Bild, ein „Ghost Image“, das erst unter UV-Licht sichtbar wird. Ebenso erscheinen die zusätzlichen Sicherheitsmerkmale wie eine zweite Passnummer nur bei entsprechender Beleuchtung. Diese Mehrschichtigkeit erschwert auch raffinierten Fälschern das Handwerk.  

 

Vom Hersteller zum Systemanbieter

 

Aus dem einst kleinen, inhabergeführten Betrieb ist inzwischen ein global agierendes Hightech-Unternehmen geworden. In rund 170 Ländern sind heute mehr als 45.000 Systeme im Einsatz. Das Portfolio reicht längst über Passdrucker hinaus.

 

Diletta entwickelt komplette Lösungen zur Personalisierung von Identitätsdokumenten – darunter Reisepässe, Personalausweise, Visa undFührerscheine. Auch Systeme für Personenstandsdokumente wie Geburts- oder Sterbeurkunden gehören dazu – nicht zu vergessen die Zertifikate, die diplo.news den Diplomaten für die erfolgreiche Teilnahme an den Medienworkshops überreicht.

Reinhard Riffel (m), Geschäftsführer des Bayerischen Hauptmünzamts, und Patrizius Janocha (r), Director International Sales, fachsimpeln mit Seniorchef Reinhard Nikolai

 

Nauheims Bürgermeister Marc Friedrich (m) und Trung To (r), Director of Global Sales und Repräsentant in Berlin, folgen der Rede Udo Nikolais

Hinzu kommen Technologien für die Grenzkontrolle: automatisierte Kontrollsysteme (ABC), elektronische Schleusen (eGates), die man von Flughäfen kennt, sowie mobile Einreisekontrollkits. Diese tragbaren Systeme kombinieren Passlesegeräte, Fingerabdruckscanner und Gesichtserkennung in einem robusten Koffer. Sie ermöglichen es, Identitäten auch unter schwierigen Bedingungen schnell und zuverlässig zu überprüfen. Da das Unternehmen alle technischen Bestandteile selbst entwickelt und produziert, ist es von Zulieferern total unabhängig und von Lieferkettenproblemen unberührt.

 

Der Herausgeber von diplo.news, Ewald König (m), am "indonesischen" Tisch (Fotos: diplo.news/Miran Kwak)

 

Sicherheit im digitalen Zeitalter

 

Die modernen elektronischen Kontrollsysteme an Grenzen, Flughäfen und Bahnhöfen sorgen für schnelleren Ablauf und höchste Sicherheit. Dazu gehört auch die "Lebenderkennung", die verhindert, dass Fingerabdrücke von Verstorbenen verwendet werden. Der Reisepass, früher ein handgestempeltes Büchlein, ist heute ein komplexes digitales und biometrisches Hochsicherheitsdokument. Der achtzigjährige Reinhard Nikolai ist von Mechanik und Elektronik immer noch so gefangen, dass er fast täglich ins Werk kommt:„Ich geh‘ gern an die Maschinen, nehme die Teile in die Hand, suche immer Verbesserungen und möchte Impulse geben.“

 

 

ekö