
Ex-Botschafter Wolfgang Ischinger, amtierender Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), gab im Gespräch mit diplo.news und einer Gruppe von Auslandskorrespondenten einen Überblick über die bevorstehende Konferenz, die von 13. bis 15. Februar 2026 stattfindet.
Knapp tausend offizielle Teilnehmer werden erwartet, rund tausend Journalisten sind akkreditiert und 500 Beobachter angemeldet. Da der Bayerische Hof nur über wenig mehr 300 Zimmer verfügt, sind alle Hotels im Umkreis belegt. Die Staats- und Regierungschefs werden direkt im Bayerischen Hof untergebracht, damit die Polizei und Personenschützer den Überblick behalten.
Die MSC bewältigt das Event mit mehr als hundert fest angestellten Mitarbeitern und zusätzlich mehreren Hundert Freiwilligen.
Nahostpolitik: „EU in ein tiefes Loch gefallen“
Ischinger ärgert sich über die Rolle Europas in den großen Konflikten. Früher habe das Nahost-Quartett versucht, im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln. Das Quartett bestand aus den USA, Russland, der Europäischen Union und den Vereinten Nationen.
„Aber jetzt sitzt die EU wie eine Topfpflanze in der dritten Reihe. Das finde ich unangemessen. Wieso sitzen wir am Rand des Spielfelds und schauen zu, obwohl es unsere Nachbarn sind?“ fragt Ischinger. Die gleiche Sorge habe er, wenn er an die Ukraine und an das jüngste Gipfeltreffen in Abu Dhabi denke. Die Europäer seien außen vor.
Seit dem Hamas-Überfall auf Israel sei Europa trotz seiner langjährigen Nahostpolitik „in ein tiefes Loch gefallen“. Seine Generation habe erlebt, wie Europa über Jahrzehnte hinweg versucht habe, an einer kohärenten Nahostpolitik und einer Friedenspolitik mitzuwirken. Und jetzt sei Europa nicht einmal mehr Mitglied des Nahost-Quartetts.
Erzieherische Wirkung für US-Politiker
Ischinger hob die erzieherische Wirkung der MSC für amerikanische Abgeordneten hervor. „Die sitzen in ihren amerikanischen Wahlkreisen. Es ist höchste Zeit, dass die von uns zu hören bekommen, was wir von der amerikanischen Außenpolitik halten.“ Für die Abgeordneten sei die MSC ein „educational contribution“, ein Beitrag zur Bildung. Er erwarte sich, dass die amerikanischen Teilnehmer aus München mit der Erkenntnis zurückreisten, dass Europa für sie wichtig sei und nicht sich selbst überlassen bleiben solle.
Gerade für die USA sei die MSC einzigartig. „Nirgendwo auf der Welt hat man jemals die Chance, zehn oder zwanzig Senatoren in einem Raum zu haben. In Washington muss man froh sein, wenn man pro Tag einen oder zwei zu sehen kriegt. Der einzige Platz auf der ganzen Welt ist der Bayerische Hof in München.“ Das Interesse an der MSC sei in Washington auf dem Capitol Hill und in der Administration ungebrochen sehr hoch.
Wann tritt Jens Stoltenberg sein Amt an?
Ischinger wurde zur künftigen Führung der MSC sowie zu seiner persönlichen Funktion an der Spitze der Institution gefragt. Denn die Personalpolitik in der Chefetage ist erklärungsbedürftig. Zunächst war Ischinger – als Nachfolger von Horst Teltschik – von 2008 bis 2022 Vorsitzender der MSC. Dann folgte Christoph Heusgen in dem Amt. Der frühere außenpolitische Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel verantwortete jedoch nur drei Ausgaben der MSC. Parallel gewann Ischinger, der im Hintergrund weiterhin die Fäden zog, den scheidenden NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg als neuen Vorsitzenden. Der nahm zwar den Vorsitz an, trat das Amt aber nicht an. Seither lässt den Vorsitz ruhen, solang er in Norwegen als Finanzminister gebraucht wird.
Ischinger klärte die Journalisten auf: Er wisse, dass sich Stoltenberg „fully committed“ fühle, also voll und ganz engagiert. „Er muss aber in Norwegen noch seine Hausaufgaben erledigen.“ Er rechne damit, „dass Stoltenberg irgendwann im Lauf dieses Jahres anruft und sagt: ‚I am coming‘.“ Dann sei seine eigene Rolle als Interimsvorsitzender zu Ende.
ekö