Search

diplo.news

News and Views on Foreign Relations and Diplomacy

Nordkorea verfolgt neue Doppelstrategie

„Kontrollierte Spannungen in dauerhaft feindlicher Koexistenz“ / Neue Staatsideologie gibt die Vereinigung auf und erklärt Südkorea zum Feind / Analyse von Dr. Park Eun-joo vom Koreanischen Institut für Nationale Wiedervereinigung
July 26, 2026
July 27, 2026
Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un im Februar 2026

In jüngster Zeit hat Nordkorea zwei deutlich gegensätzliche Entwicklungen zugleich erkennen lassen. Einerseits institutionalisiert es die Abkehr von den innerkoreanischen Beziehungen durch die Erklärung, Nord- und Südkorea seien „zwei feindliche Staaten“. Andererseits scheint es die Spannungen zu dämpfen, indem es ungewöhnlich positiv auf die von Südkorea geäußerte Entschuldigung im Zusammenhang mit einem Drohnenvorfall reagiert hat.

Diese widersprüchlichen Entwicklungen sollten nicht lediglich als kurzfristige Kurswechsel oder vorübergehende Reaktionen verstanden werden. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass Nordkorea eine Doppelstrategie verfolgt: Einerseits wird die Feindschaft strukturell verfestigt, andererseits wird versucht, eine Eskalation lokaler Spannungen gezielt zu steuern und einzudämmen.

Strukturierte Feindseligkeit

Nordkoreas feindselige Politik gegenüber Südkorea beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf rhetorische Bekundungen. Vielmehr richtet Pjöngjang seine Strategie neu aus, um das grundlegende Wesen der innerkoreanischen Beziehungen neu zu definieren.

Dieser Wandel zeigt sich deutlich in der jüngsten Charakterisierung der Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea als „Beziehung zwischen zwei feindlichen Staaten“, verbunden mit der faktischen Aufgabe langjähriger Leitbegriffe wie Wiedervereinigung, Versöhnung und Zusammenarbeit.

Diese Entwicklung stellt weit mehr dar als eine bloße sprachliche Anpassung. Gleichzeitig wurde angekündigt, sämtliche auf die Wiedervereinigung bezogenen Konzepte aus der staatlichen Politik zu entfernen. Institutionelle Veränderungen verstärken diesen Wandel zusätzlich. Die Umstrukturierung und Verkleinerung der für innerkoreanische Angelegenheiten zuständigen Behörden sowie die Einschränkung entsprechender Politikfelder machen deutlich, dass die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea nicht länger als eigenständige politische Aufgabe betrachtet werden.

In ihrer Gesamtheit weisen diese Entwicklungen auf einen grundlegenden Wandel des Wesens der innerkoreanischen Beziehungen hin. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, wie sich die Beziehungen wiederherstellen lassen, sondern wie Spannungen unter den veränderten Bedingungen dauerhaft stabil und nachhaltig gesteuert werden können.

Kalkulierte Flexibilität

Dass sich der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung öffentlich für einen Drohnenvorfall entschuldigt hat – „Obwohl dies keine Handlung unserer Regierung war, bedaure ich gegenüber Nordkorea die unnötigen militärischen Spannungen, die durch ein derart unverantwortliches Verhalten verursacht wurden“ –, wurde auf nordkoreanischer Seite mit ungewöhnlich versöhnlichem Ton aufgenommen. Die rasche und vergleichsweise positive Reaktion auf die Erklärung Südkoreas stellt eine bemerkenswerte Abweichung Nordkoreas von den jüngsten Verhaltensmustern dar. Gleichwohl wäre es aber verfrüht, darin ein Zeichen einer Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen zu sehen. Denn Nordkorea forderte auch Südkorea auf, „jegliche Versuche einer Kontaktaufnahme aufzugeben“.

Obwohl Feindseligkeit weiterhin die grundlegende Strategie ausmacht, scheint in Pjöngjang ein klares Bewusstsein dafür zu bestehen, dass ein unkontrolliertes Abgleiten in einen militärischen Konflikt weder wünschenswert noch strategisch vorteilhaft wäre. Obwohl sich Nordkorea strukturell von den innerkoreanischen Beziehungen zunehmend distanziert, scheint es zugleich eine unnötige Verschärfung der Lage vermeiden zu wollen.

Neubestimmung des Friedensbegriffs

Somit ist Frieden zunehmend nicht mehr als Ergebnis verbesserter Beziehungen zu verstehen, sondern vielmehr als ein Zustand, der darauf ausgerichtet ist, Konflikte zu verhindern und Stabilität trotz fortbestehender Feindschaft zu gewährleisten. Diese Entwicklung macht eine grundlegende Neubestimmung des Friedensbegriffs erforderlich: An die Stelle des traditionellen Paradigmas der Annäherung sollte das Konzept der Koexistenz treten. Denn Koexistenz setzt weder die Wiederherstellung gegenseitigen Vertrauens noch die Normalisierung der Beziehungen voraus. Vielmehr geht sie davon aus, dass gegenseitige Feindseligkeit fortbesteht. Dabei geht es um das Management einer stabilen Teilung und vor allem um Verhinderung von Konflikten.

Die jüngsten Entwicklungen sollten nicht lediglich als Phase erhöhter Spannungen oder als vorübergehende Krise interpretiert werden. Vielmehr weisen sie auf die Entstehung eines neuen Musters hin, in dem Konflikte selbst innerhalb eines strukturell feindlichen Verhältnisses aktiv gesteuert werden. Dies deutet darauf hin, dass sich die Koreanische Halbinsel in einer umfassenden Übergangsphase befindet.

Frieden wird zunehmend als ein Zustand verstanden, der durch die kontrollierte Steuerung von Konflikten unter Bedingungen fortbestehender Gegnerschaft aufrechterhalten wird.

Anfang eines neuen Gleichgewichts

Die gegenwärtige Lage sollte daher nicht ausschließlich als Krise betrachtet werden. Vielmehr markiert sie die Anfangsphase eines neuen Gleichgewichts, das durch eine „feindliche Koexistenz“ gekennzeichnet ist. Die Koreanische Halbinsel scheint sich auf eine neue Form der Stabilität zuzubewegen, die sich als „kontrollierte Spannungen innerhalb einer dauerhaft feindlichen Beziehung“ beschreiben lässt.

Frieden auf der Koreanischen Halbinsel ist daher nicht länger nur als erstrebenswerter Endzustand zu verstehen, sondern als ein kontinuierlicher Prozess des Konfliktmanagements.

Die Autorin Dr. Park Eun-joo

Dr. Park Eun-joo ist Associate Research Fellow am Korea Institute for National Unification (Koreanisches Institut für Nationale Wiedervereinigung, KINU) in Seoul. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre sowie Internationale Organisationen an der Sookmyung Women's University und erwarb anschließend den Master- und Doktorgrad im Fach Nordkoreastudien an der Korea University, wo sie als Gastwissenschaftlerin am Institut für Öffentliche Politik tätig ist. Zudem ist sie Mitglied verschiedener Gremien der südkoreanischen Regierung.