Suchen

diplo.news

News and Views on Foreign Relations and Diplomacy

Alarmismus ist fehl am Platz

Wie groß ist die russische Bedrohung in der Arktis tatsächlich, welchen Sinn macht eine Raketenabwehr, und was ist Deutschlands künftige Rolle in der Region? Fragen und Antworten zur Grönland-Debatte
January 26, 2026
January 24, 2026

Von Michael Däumer

Die US-Militärbasis Pituffik, früher Thule Air Base, auf Grönland existiert seit 1951 im Rahmen eines Vertrages mit Dänemark. Zu ihren Aufgaben gehören die Weltraumüberwachung, Unterstützung wissenschaftlicher Forschung und Erkennung ballistischer Rakteten (Foto: Peterson and Schriever Space Force Base)

1.    Grönland, Arktis und die neue Geopolitik: Überbewertung oder strategische Zeitenwende?

Die derzeitige Debatte um Grönland wirkt auf den ersten Blick überhitzt. Drohungen aus Washington, hektische Gipfeldiplomatie in Davos, neue europäische Strategieversprechen – all das nährt den Eindruck einer eskalierenden Krise. Bundesaußenminister Johann Wadephul warnte jüngst vor Überdramatisierung. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob es sich um ein überschätztes Problem handelt oder um einen Vorboten tiefgreifender geopolitischer Verschiebungen in der Arktis.

Kurzfristig ist die militärische Lage auf Grönland stabil. Die USA verfügen dort seit Jahrzehnten über militärische Infrastruktur, derzeit konzentriert auf die Pituffik Space Base. Russland hat zwar seine militärischen Aktivitäten in der Arktis intensiviert, richtet diese aber primär auf den eigenen Küstenraum aus. Ein unmittelbares militärisches Bedrohungsszenario für Grönland oder Europa ist nicht erkennbar. In diesem engen Sinne hat Wadephul recht: Akute Alarmrhetorik ist fehl am Platz.

Gleichzeitig wäre es ein Fehler, die Debatte als bloße Trump’sche Provokation abzutun. Die Arktis entwickelt sich strukturell zu einem geopolitischen Kernraum – durch den Klimawandel, neue Seewege, Ressourcenfragen und ihre wachsende Bedeutung für Frühwarn-, Raketenabwehr- und Satellitensysteme. Die Zuspitzung ist weniger eine Krise als eine Verdichtung langfristiger Trends.

2.   Wie könnte eine EU-Arktisstrategie aussehen?  

Vor diesem Hintergrund ist die von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Davos angekündigte umfassende EU-Arktis-Sicherheitsstrategie ein überfälliger Schritt. Bislang war die EU in der Arktis politisch präsent, strategisch jedoch fragmentiert. Nationale Interessen – etwa Dänemarks, Frankreichs oder Deutschlands –dominierten, ohne in ein kohärentes sicherheitspolitisches Konzept eingebettet zu sein.

Eine glaubwürdige EU-Strategie müsste drei Elemente verbinden: erstens sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit, zweitens wirtschaftliche und infrastrukturelle Investitionen, drittens klare politische Solidarität mit den arktischen Partnern – insbesondere Grönland und Dänemark. Von der Leyens explizite Betonung der nicht verhandelbaren Souveränität Grönlands ist daher kein symbolischer Akt, sondern ein notwendiges politisches Signal.

3.   Eine eigene europäische Eisbrecherflotte: realistisch oder Symbolpolitik?

Die Ankündigung einer eigenen europäischen Eisbrecher-Flotte wirkt ambitioniert, ist aber nicht völlig unrealistisch. Mehrere EU-Staaten verfügen bereits über einschlägige maritime Kompetenzen, allerdings zumeist zivil oder national organisiert. Der Aufbau einer gemeinsamen Flotte würde Jahre dauern, erhebliche Investitionen erfordern und politisch koordiniert werden müssen.

Kurzfristig ist eine operative EU-Eisbrecherflotte unrealistisch. Mittel- bis langfristig könnte sie jedoch ein zentraler Baustein europäischer Präsenz und Krisenreaktionsfähigkeit in der Arktis werden – weniger als militärisches Instrument, sondern als Infrastruktur-und Souveränitätsprojekt.

4.   Ist die nationale Sicherheit der USA in der Arktis tatsächlich bedroht?

Die USA begründen ihr verstärktes Interesse an Grönland mit nationaler Sicherheit. Diese Argumentation ist nicht frei erfunden, wird aber häufig überzeichnet. Russland modernisiert seine nukleare Zweitschlagsfähigkeit, China zeigt zunehmendes Interesse an arktischen Routen und Technologien. Für die USA ist Grönland deshalb vor allem ein Frühwarn- und Sensorraum, nicht primär ein Aufmarschgebiet.

Die Bedrohung ist strategisch-technisch, nicht territorial. Es geht um Raketenabwehr, Satellitenkontrolle und Informationsdominanz – weniger um klassische militärische Konfrontation.

5.   Was hat es mit dem von Donald Trump angekündigten „Golden Dome“ auf sich?

In diesem Zusammenhang steht der diskutierte Plan, Teile des US-Raketenabwehrsystems „Golden Dome“ auf Grönland zu stationieren. Dabei handelt es sich nicht um ein einzelnes System, sondern um eine integrierte Architektur aus Sensoren, Abfang- und Kommunikationskomponenten. Grönlands geographische Lage macht es hierfür besonders geeignet.

Politisch ist dieser Plan heikel, weil er Grönland noch stärker in globale strategische Rivalitäten einbindet – rechtlich jedoch wäre eine solche Stationierung nur mit Zustimmung Dänemarks und Grönlands möglich.

6.   Hat das US-Interesse an Kanada auch mit dem Wunsch zu stärkerer arktischer Kontrolle zu tun?

Das US-Interesse an Kanada ist eng mit der Frage der Nordwestpassage verbunden. Während Kanada diese als eigene Binnengewässer betrachtet, sehen die USA sie als internationale Wasserstraße. Aufgrund der weiterhin bestehenden Divergenzen in dieser Frage haben die USA das UN-Seerechtsabkommen (UNCLOS) von 1982 bis heute nicht ratifiziert. Mit dem Rückgang des Eises gewinnt jedoch diese Route erheblich an Bedeutung für Handel und Militär. Grönland, Kanada und Alaska bilden aus US-Sicht einen zusammenhängenden strategischen Raum, in dem Fragen der Kontrolle, Durchfahrt und Abschreckung neu verhandelt werden.

7.   Kommt Island als Nächstes ins Spiel?

Island besitzt aufgrund seiner Lage im Nordatlantik weiterhin hohe strategische Relevanz, insbesondere für See- und Luftüberwachung. Anders als Grönland ist Island jedoch souverän, NATO-Mitglied und politisch fest eingebunden. Es ist daher kein realistisches Ziel für ähnliche Debatten, wird aber sicher stärker in arktische Sicherheitsüberlegungen eingebunden werden.

8.   Wie muss Deutschland seine Arktispolitik verändern?

Für Deutschland stellt sich die Frage, ob die Arktis-Leitlinien von 2024 ausreichen. Sie markieren einen wichtigen Fortschritt, bleiben jedoch bewusst unverbindlich. Angesichts der neuen Dynamik wird Berlin seine Rolle klarer definieren müssen: als sicherheitspolitischer Unterstützer der europäischen Arktispräsenz, als wirtschaftlicher Partner Grönlands und als diplomatischer Akteur in westlichen Kooperationsformaten jenseits des blockierten Arktischen Rates.

Eine Überarbeitung der Leitlinien ist daher weniger eine Frage des Ob, sondern des Wann.

9.   Schlussfolgerung

Die Grönland-Debatte ist weder bloße Überbewertung noch unmittelbare Krise. Sie ist Ausdruck einer strategischen Verschiebung, in der die Arktis von einem Kooperationsraum zu einem geopolitischen Schlüsselgebiet wird. Die Herausforderung für Europa – und insbesondere für Deutschland – besteht darin, darauf nicht reaktiv, sondern strategisch zu antworten.

Michael Däumer ist Berater für Arktische Sicherheitsfragen und ehemaliger deutscher Vertreter im Arktischen Rat beim Auswärtigen Amt (2014-2018)