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News and Views on Foreign Relations and Diplomacy

Die (Ohn)Macht der Diplomatie

Das ZDF begleitete für eine Dokumentation weltweit Diplomaten - darunter in den USA, in Syrien, Singapur, Israel und natürlich in Berlin. Es soll ein Blick hinter die Kulissen eines Berufs sein, der in Krisenzeiten umso wichtiger wird, aber auch für seine Verschwiegenheit bekannt ist. Heinrich Kreft, langjähriger Insider des diplomatischen Dienstes, hat sich die Serie für diplo.news angesehen und auf Realitätsnähe geprüft
April 20, 2026
April 20, 2026

Von Heinrich Kreft, Botschafter a.D.

Außenminister Johann Wadephul (CDU) bespricht mit dem Leiter des Leitungsstabes, Henning Speck, und der Sprecherin des Auswärtigen Amts, Kathrin Deschauer, eine Rede - hier ein Ausschnitt aus der Dokumentation

Als jemand, der vier Jahrzehnte im Auswärtigen Dienst verbracht hat, schaut man eine Reihe wie „Die Diplomaten – Inside Auswärtiges Amt“ mit einem doppelten Blick: dem professionellen und dem biografischen. Man erkennt vieles wieder – und wundert sich zugleich über die Auswahl, die Dramaturgie und die unvermeidlichen Auslassungen.

Zunächst zum Offensichtlichen: Die Dokumentation ist sauber gemacht. Sie bietet Einblicke, die es so im deutschen Fernsehen selten gibt. Kameras in Lagezentren, vertrauliche Gespräche, Reisen, Krisenreaktionen – all das vermittelt Dynamik und Bedeutung. Für ein breites Publikum erfüllt die Reihe damit eine wichtige Funktion: Sie macht sichtbar, dass Außenpolitik nicht etwas Abstraktes ist, sondern tägliche Arbeit unter Zeitdruck, oft unter Unsicherheit, gelegentlich unter Risiko.

Und doch liegt hier bereits die erste Schieflage. Die Serie zeigt vor allem die Ausnahme, nicht die Regel. Sie lebt von zugespitzten Situationen, von Krisen und Karrieren, von politischer Nähe und internationaler Bühne. Zugegeben leben wir spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine in einer Zeit der Multikrisen, wie wir sie seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland nicht gesehen haben, zu denen auch die Kriege im Nahen Osten und das seit dem erneuten Amtsantritt Donald Trumps zerrüttete und doch für uns so wichtige transatlantische Verhältnis gehören. Doch auch heute ist der Alltag der meisten der rund 13.000 Beschäftigten in Berlin und an über 200 Auslandsvertretungen deutlich nüchterner. Er besteht aus Akten, Abstimmungen, Berichten, Personalfragen, Visafällen, Verwaltungsarbeit – kurz: aus der zähen Substanz, ohne die die spektakulären Momente gar nicht möglich wären. Diese „graue“ Seite kommt kaum vor. Das ist dramaturgisch verständlich, aber analytisch unzureichend.

Hinzu kommt eine zweite Verzerrung: die implizite Hierarchisierung. Im Mittelpunkt stehen naturgemäß die Außenminister, Botschafterinnen und Botschafter sowie exponierte Posten. Das vermittelt leicht den Eindruck, Diplomatie sei - einmal vom Minister abgesehen - primär das Geschäft von Spitzenbeamten. Wer den Dienst kennt, weiß: Er ist ein hochgradig arbeitsteiliger Apparat. Der Erfolg einer Mission hängt oft weniger von der Brillanz eines Einzelnen ab als von der Verlässlichkeit vieler – von ReferentInnen, KonsularbeamtInnen, Sicherheitsleuten, Lokalbeschäftigten. Diese kollektive Dimension bleibt unterbelichtet.

Positiv hervorzuheben ist dagegen, dass die Reihe die wachsende Komplexität moderner Außenpolitik sichtbar macht. Klassische Diplomatie – also vertrauliche Gespräche zwischen StaatsbeamtInnen – ist nur noch ein Teil des Geschäfts. Hinzu kommen u.a. Krisenmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, wirtschaftliche Interessenvertretung, Fragen von Migration, Klima, Wissenschaft und Technologie. In dieser Hinsicht trifft die Dokumentation einen realen Nerv: Der Beruf hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Die Grenzen zwischen Innen und Außen sind porös geworden, die Taktzahl ist gestiegen, die Erwartung an schnelle Reaktion ebenso.

Allerdings hätte man sich an dieser Stelle mehr analytische Tiefe gewünscht. Die Reihe zeigt, dass Außenpolitik komplex ist – sie erklärt aber selten warum. Strukturelle Spannungen bleiben angedeutet: etwa das Verhältnis zwischen politischer Leitung und Fachabteilungen, zwischen Zentrale und Auslandsvertretungen, zwischen kurzfristigem Krisenmodus und langfristiger Strategie. Auch die Frage, wie Entscheidungen tatsächlich zustande kommen – wer welchen Einfluss hat, welche Zwänge wirken – wird eher umspielt als durchdrungen. Das ist kein Vorwurf an einzelne Protagonisten, sondern ein Defizit des Formats.

Ein weiterer Punkt betrifft die Selbstdarstellung. Das Auswärtige Amt erscheint als lernende, reflektierte Organisation, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist. Das ist nicht falsch – aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Jede große Verwaltung kennt Trägheiten, Reibungsverluste, interne Konflikte. Die Kunst bestünde darin, diese Ambivalenzen sichtbar zu machen, ohne in pauschale Kritik zu verfallen. Die Dokumentation bleibt hier vorsichtig. Man spürt die Nähe zur Institution, die Bereitschaft, Zugang nicht durch zu viel Distanz zu gefährden.

Besonders interessant – und zugleich problematisch – ist die Darstellung von Krisen. Sie werden als Momente höchster Professionalität inszeniert: schnelle Abstimmung, klare Entscheidungen, engagierte Teams. Das gibt es, ohne Zweifel. Wer jedoch länger im Dienst war, weiß auch um die andere Seite: Unsicherheiten, unvollständige Informationen, politische Vorgaben, die nicht immer konsistent sind. Diplomatie ist selten so geradlinig, wie es im Rückblick erscheint. Gerade hier hätte eine stärkere Reflexion der eigenen Grenzen der Darstellung gutgetan.

Trotz dieser Einwände ist die Reihe sehenswert: Sie öffnet ein Feld, das in der Öffentlichkeit oft unterbelichtet ist. Sie zeigt Menschen, keine abstrakten „Diplomaten“ und vergisst auch die Partner nicht, die auch heute noch oftmals ihren Beruf zumindest zeitweise aufgeben müssen und Kinder, die z.B. Schulunterricht in einer Fremdsprache besuchen müssen. Sie vermittelt auch – zumindest ansatzweise – die Spannung zwischen nationalen Interessen, internationalen Verpflichtungen und individuellen Überzeugungen. Für Schüler und Studierende mag sie das Interesse an einer Laufbahn im Auswärtigen Dienst wecken – was ganz im Sinne der Personalabteilung des AA sein dürfte.

Für ein fachkundiges Publikum bleibt jedoch ein ambivalenter Eindruck. Man erkennt die Realität – aber in einer verdichteten, selektiven Form. Man vermisst die Breite, die Langsamkeit, die Routine. Kurz gesagt: Die Dokumentation zeigt das Auswärtige Amt im Ausnahmezustand, nicht im Normalbetrieb. Sie ist damit eher ein Fenster als ein Spiegel.

Vielleicht ist das unvermeidlich. Fernsehen verlangt Zuspitzung, Personen, Dramaturgie. Der diplomatische Alltag hingegen ist oft unspektakulär, manchmal monoton, aber gerade darin liegt seine Stabilität. Wer verstehen will, wie Außenpolitik tatsächlich funktioniert, muss beides sehen: die offensichtlichen Krisen, die wir alle aus den Nachrichtensendungen kennen und mit denen sich unsere Außenpolitik auseinandersetzen muss und die unsichtbare Kärrnerarbeit der Etappe, die als Grundlage für die erfolgreiche Interessenvertretung unseres Landes unverzichtbar ist.

In diesem Sinne ist die Dokumentation „Die Diplomaten“ gelungen. Sie lädt ein, genauer hinzuschauen und somit die Herausforderungen, vor denen unsere Außenpolitik steht, besser zu verstehen – und das ist, bei aller Kritik, ihr größter Verdienst.

Der Autor Prof. Dr. Heinrich Kreft ist Programmdirektor in der internationalen Diplomatenausbildung des Auswärtigen Amts, war u.a. Botschafter in Luxemburg, Gesandter in Madrid und stellvertretender Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt. Bis 2025 lehrte er als Inhaber des Lehrstuhls für Diplomatie an der Andrassy Universität in Budapest. Er ist Buchautor und Co-Präsident des Diplomatic Council, einem internationalen Netzwerk aus Diplomatie, Wirtschaft und Politik.

Die vierteilige ZDF-Dokumentation "Die Diplomaten - Inside Auswärtiges Amt" kann in der ZDF-Mediathek heruntergeladen werden.