
Abduselam Ademnur ist Architekt, Unternehmer, Weltenbummler – und seit 2025 Honorarkonsul Islands in Äthiopien. Alles an dieser Ernennung ist ungewöhnlich. Ebenso überraschend ist, welche Parallelen Island und Äthiopien haben.
In der Talkshow „diplo.international“ des Hauptstadtsenders TV Berlin erzählt Ademnur dem Moderator Ewald König seine außergewöhnliche Geschichte über Reisen mit einem „schwachen Pass“, über Vorurteile an den Grenzen und darüber, wie eine zufällige Begegnung an einer Tankstelle nicht nur sein Leben, sondern auch die Beziehung zwischen Island und Äthiopien veränderte.
Reisen gegen Vorurteile
Auf seinem T-Shirt prangt der afrikanische Kontinent mit der klaren Botschaft: „I come from Africa and I am a tourist.“ (Ich komme aus Afrika – und ich bin Tourist).
Dieses Statement ist bewusst gewählt. Ademnur berichtet, dass er bei seinen Reisen durch Europa immer wieder erklären musste, dass er kein Asylsuchender, sondern Tourist sei. Grenzbeamte verlangten Beweise, stellten viele Fragen – oft mehr als bei anderen Reisenden.
Um diesen Situationen zu begegnen, entwickelte er ein eigenes Konzept: Er zeigt offen, wer er ist. Seine Social-Media-Profile mit zehntausenden Followern, seine Fotos, Videos und inzwischen auch ein Buch über seine Reisen dienen als sichtbarer Nachweis seiner Identität als Reisender. „Mein T-Shirt ist wie mein Pass“, sagt er.
74 Länder – mit einem der schwächsten Pässe der Welt
Ademnur hat bislang 74 Länder bereist – eine beachtliche Zahl, insbesondere für einen äthiopischen Staatsbürger. Denn der äthiopische Pass erlaubt visafreie Einreise in nur rund 20 Länder. Für jedes weitere Land sind zeitaufwendige und oft kostspielige Visa-Verfahren nötig.
Für Ademnur ist das ein deutliches Beispiel globaler Ungleichheit im Reiseprivileg. Trotzdem reist er weiter – nicht nur aus Neugier, sondern mit einer Mission: Er möchte die Welt einmal aus der Perspektive eines Afrikaners zeigen und gleichzeitig beweisen, dass Afrikaner ebenso Touristen, Kreative und Geschichtenerzähler sind wie Menschen aus dem globalen Norden.
Eine Begegnung, die alles veränderte
Der Weg zum Honorarkonsul begann 2018 in Addis Abeba. Während eines landesweiten Ausnahmezustands traf Ademnur zufällig einen isländischen Motorradreisenden, der auf dem Weg von Island nach Südafrika war. Politische Unruhen, ein Militärputsch im Sudan und die Ermordung eines hochrangigen Generals in Äthiopien hatten den Reisenden in eine extreme Situation gebracht.
Ademnur half spontan: Er organisierte die sichere Lagerung des Motorrads, beriet den Reisenden und übernahm Verantwortung – obwohl sich beide zuvor nicht kannten. Der Isländer kehrte erst Monate später zurück und konnte dank dieser Hilfe seine Reise fortsetzen.
Vertrauen, das Brücken schlug
Island unterhält in ganz Afrika nur zwei Botschaften, eine davon in Uganda. In Uganda berichtete der Reisende der isländischen Botschafterin von der außergewöhnlichen Unterstützung, die er in Äthiopien erfahren hatte. Die Botschafterin reiste daraufhin persönlich nach Addis Abeba, um sich zu bedanken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich eine langfristige Beziehung – und schließlich die Frage, ob Ademnur bereit wäre, Island als Honorarkonsul in Äthiopien zu vertreten.
Der Prozess dauerte mehrere Jahre und umfasste intensive Prüfungen auf beiden Seiten. 2025 erhielt Ademnur schließlich offiziell seine Ernennung.
Ein ungewöhnlicher Konsul
Dass ein Äthiopier ein europäisches Land vertritt, sorgte zunächst für Überraschung – auch bei äthiopischen Behörden. Dennoch wurde seine Ernennung nach einem langen Protokollverfahren akzeptiert. Heute unterstützt er isländische Staatsbürger in Äthiopien, nimmt an diplomatischen Veranstaltungen teil und fördert den Austausch zwischen beiden Ländern.
Besonders interessant ist, was die beiden Länder verbindet: die Geothermie. Sowohl Island als auch Äthiopien verfügen über enormes vulkanisches und geothermisches Potenzial – ein Feld mit Zukunft für Kooperation.
Ein ehrenvoller Job für Jahrzehnte
Ademnur ist mit seinen 33 Jahren vergleichsweise jung für einen Honorarkonsul. Die isländische Außenministerin sagte ihm augenzwinkernd, man brauche ihn „für die nächsten 30 Jahre“. Neben seiner diplomatischen Rolle arbeitet er weiterhin als Architekt und Unternehmer in Addis Abeba und plant weitere Reisen und weitere Bücher. Seine Geschichte zeigt, wie persönliche Initiative, Offenheit und Vertrauen Brücken zwischen Kontinenten schlagen können – auch wenn die Brücke zwischen Island und Äthiopien auf den ersten Blick ein etwas exotisches Konstrukt ist.
Die ganze Sendung diplo.international auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=auaLEC5UQ3A
red