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Energiegewinnung unter geopolitischem Druck: Hilft die Kernfusion?

Tagung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) offenbart viele Bedenken am Hype um unsicheren Energielieferanten
February 22, 2026
February 22, 2026
Energie als Dauerbrennerthema (Foto: Screenshot)

„Energiefragen bleiben uns in einer Dimension erhalten, die wir uns noch gar nicht vorstellen können“, prophezeit Robert Wolf vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) – doch die Kernfusion scheint dabei für Heilsversprechen nicht viel zu taugen. Diesen Eindruck vermittelte eine Tagung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zur Zukunft der Energieversorgung, in der Kritiker vor überzogenen Erwartungen warnten.

Gleich zu Beginn meinte Claudia Kemfert, Leiterin der Energieabteilung am DIW, die Kernfusion komme als neuer Energielieferant „in einigen Jahren“ – das heiße es allerdings schon seit Jahrzehnten. Das Energieversprechen sei verfehlt, trotz jahrzehntelanger Investitionen bleibe die Kernfusion energiewirtschaftlich irrelevant. „Die Kernfusion dürfte zu spät kommen, vielleicht 2040 oder 2050“, sagte Kemfert. „Dann sind wir aber schon so weit mit der Energiewende, dass sie keine Rolle mehr spielen wird.“ 

Nach Ansicht der Wissenschaftlerin sei die Kernfusion weniger ein energiepolitisches als vielmehr ein innovations- und technologiepolitisches Thema. Kemfert findet, für die angestrebte Klimaneutralität bis 2045 werde die Kernfusion keinen substantiellen Beitrag leisten können. Zu viele technische Fragen seien offen, zu groß seien die wirtschaftlichen Unsicherheiten. 

Das Panel der Kernfusionsexperten (v.l.n.r.): Prof. Claudia Kemfert, Leiterin der Energieabteilung im DIW; Charlotte Dering, Projektmitarbeiterin der Nachwuchsforschungsgruppe AT-OM; Sophie Spitzer, Lead Business Development & Market Strategy bei Marvel Fusion; Prof. Robert Wolf, Leiter des Bereichs Stellarator-Heizung und -Optimierung am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (Foto: Miran Kwak) 

Doch für Innovationen und technologische Fortschritte in Nischenprodukten sei die Fusionsforschung durchaus nützlich. Sie helfe in der Entwicklung der Magnetforschung, der Lasertechnologie, bei neuen Hochleistungsmaterialien und bei Fortschritten in Simulation, Plasmaphysik und Hochvakuumtechnik. Diese Technologien werden bereits heute in Industrie und Medizin angewendet. Die Kernfusion wird daher auch als Innovationstreiber mit Spillover-Effekten betrachtet.

Die Veranstaltung in Berlin brachte Wissenschaftler und Vertreter der Industrie zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage: Kann Kernfusion – nicht zu verwechseln mit der klassischen Kernspaltung – einen realistischen Beitrag zur Energiewende leisten? Oder kommt sie einfach zu spät? Die Debatte war kontrovers, die unterschiedlichen Sichtweisen zur Rolle der Kernfusion prallten aufeinander. Nicht nur Claudia Kemfert, auch Charlotte Dering von der Technischen Universität (TU) Berlin, Co-Autorin der DIW-Studie, betonte, die energetische Nutzung der Kernfusion sei nicht absehbar.

Es ging in der Konferenz nicht nur um weitgehend ungelöste technische und ökonomische Themen, sondern auch um regulatorische Fragen. In mehreren Staaten – USA, Großbritannien und Japan – wird Fusion regulatorisch nicht unter dem klassischen Atomrecht, sondern unter Industrie- bzw. Strahlenschutzrecht eingeordnet. Eine entsprechende Anpassung wird auch in Deutschland diskutiert.

Würde die Kernfusion eines Tages dennoch als Energielieferant brauchbar sein, hätte sie einige Vorteile gegenüber der herkömmlichen Atomenergie. Vor allem in Fragen der Sicherheit wird hervorgehoben: In der Kernfusion gibt es keine selbsterhaltende Kettenreaktion wie bei der Kernspaltung. Wird die Energiezufuhr gestoppt, endet die Reaktion. Dadurch sei ein Szenario wie mit einem Reaktorunfall (GAU) gilt physikalisch als so gut wie ausgeschlossen.

Aktivierte Strukturmaterialien weisen zudem deutlich kürzere Halbwertszeiten auf als hochradioaktive Abfälle aus der Kernspaltung, sodass langfristige Endlagerproblematiken vermieden werden könnten.

Der globale Energiebedarf wird durch Industrie, Rechenzentren und Künstliche Intelligenz weiter steigen, die Kernfusion bleibt jedoch trotz jahrzehntelanger Investitionen energiewirtschaftlich irrelevant. Das DIW sieht das Ziel der Bundesregierung, in Deutschland den ersten funktionstüchtigen Fusionsreaktor der Welt anzuschließen, für unrealistisch.

Ein Argument der Befürworter: Vor dem Hintergrund der neuen Geopolitik verspricht die Kernfusion eine weitgehende Energiesicherheit auch in turbulenten Zeiten. Und sie verweisen auf US-Präsident Donald Trump, der ebenfalls in Fusionsenergie eingestiegen sei. Mit seiner Trump Media and Technology Group (TMTG) wolle er in sechs Jahren ebenfalls das weltweit erste kommerzielle Fusionskraftwerk an den Start bringen.

Sophia Spitzer vom Start-up Marvel Fusion, das mit Siemens Energy und der Colorado State University kooperiert, fragte: „Wo ist unsere Vision?“ Das Start-up hat von privaten und öffentlichen Gebern 380 Millionen Euro an Kapital eingesammelt. Für Anfang der 2030er Jahre sei ein Prototyp geplant, „mit dem wir zum ersten Mal die Schwelle zur Energiegewinnung überschreiten wollen. Und Mitte der 30er kommt ein kommerzielles Kraftwerk", ist Spitzer überzeugt. Deutschland habe schon so viele Entwicklungen verpasst und habe jetzt die Chance. „‚Wie lang dauert das?‘ und ‚Wann kommt das endlich?‘ sind typisch deutsche Fragestellungen. In Amerika würde man fragen: Was muss ich tun, damit es kommt? Wir müssen uns ans Machen machen!“

ekö