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News and Views on Foreign Relations and Diplomacy

„In Afrika sind Stromausfälle häufig, aber in Deutschland…“

Blackout in Berlins Villenviertel: Nur wenige Botschaften und Residenzen betroffen
January 7, 2026
January 6, 2026

Von Silvia Meixner und Ewald König

Frostiges Pressegespräch im gut geheizten Raum: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (li.) und sein Senatorenteam beantworten Journalistenfragen. Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf hat eine Hotline eingerichtet: 030 9029-93333. In der Polizei ist die „Verbindungsstelle für Diplomatische Einrichtungen“ der Ansprechpartner für Botschaften. Die scheint jedoch schwer erreichbar zu sein. (Foto: x.com/RegBerlin)

Obwohl der Berliner Südwesten mehrere Botschaften und viele Residenzen beherbergt, scheinen die Diplomaten Glück im Unglück zu haben. Sie sind vom Stromausfall infolge des Anschlags wenig betroffen.

In Berlin litten Montag Nachmittag immer noch rund 100.000 Menschen in 30.000 Haushalten unter den Auswirkungen eines mutmaßlich von der linksextremen „Vulkangruppe" verübten Anschlags auf die Berliner Stromversorgung. Betroffen sind Menschen aus Steglitz-Zehlendorf im Südwesten der Stadt – wo auch viele Diplomaten arbeiten und wohnen.

Noch nicht vom Winterurlaub zurück

Die Botschaft von Jemen gehört zu den diplomatischen Vertretungen, die im Gebiet ohne Stromversorgung liegen. Botschafter Loai Al-Eryani erzählt diplo.news: „Wir hatten am ersten Tag des Stromausfalls für ein paar Stunden keinen Strom, keinen Internetzugang. Nach einiger Zeit funktionierte glücklicherweise wieder alles." Die jemenitische Botschaft befindet sich in der Schmidt-Ott-Straße. Von Kollegen habe er bislang noch keine Schadensmeldungen vernommen. Möglicherweise liegt dies daran, dass noch nicht alle Diplomaten vom Winterurlaub zurückgekommen sind.

Im Büro des Staatssekretärs Florian Hauer, der in der Berliner Senatskanzlei für alles Internationale zuständig ist, haben sich keine verzweifelten Botschaftsmitarbeiter gemeldet. „Aber wir wären auch nicht dafür zuständig“, heißt es.

Auch die Berliner Polizei hat in den vergangenen Tagen keine Hilfsanfragen erhalten. Die Verbindungsstelle für diplomatische Einrichtungen des Zentralen Objektschutzes, die für die Sicherheit von Botschaften und Residenzen verantwortlich ist, verzeichnete sogar ein ruhiges Wochenende. „Bei uns haben sich keine Botschaften gemeldet, niemand brauchte offenbar Unterstützung", so eine Sprecherin auf Anfrage von diplo.news. Die Diplomaten profitierten offenbar wie die Berliner Bürger von den verstärkten Kontrollfahrten der Polizei in den betroffenen Straßen. Darüber hinaus gebe es bei einem Notfall wie diesem allerdings keine besonderen Vorkehrungen für Diplomaten.

Duschen bei Bekannten

Im Dienst gut versorgt, abends dicke Decken und warme Socken – das ist die aktuelle Lage eines Mitarbeiters der Botschaft der Republik Tschad. Das Botschaftsgebäude befindet sich außerhalb der vom Stromausfall betroffenen Gebiete, seine Privatwohnung ist jedoch seit Tagen ohne elektrische Versorgung. „Ich lebe seit vierzig Jahren in Deutschland, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. In Afrika sind Stromausfälle sehr häufig, in Deutschland hingegen ungewöhnlich", sagt er gegenüber diplo.news. Seine Kinder seien tagsüber in der Schule. Zum Duschen seien sie bei Bekannten zu Gast. „Ich lade tagsüber alle Geräte, bei denen das möglich ist, im Büro auf", erzählt er. Gut ausgerüstet kehrt er abends dann in sein dunkles und kaltes Zuhause zurück.

Auch der Heimflug ausgefallen

„Direkt vor Berlin war ich in einem afrikanischen Entwicklungsland auf Posten“, erzählt ein Botschaftsrat aus einem ostasiatischen Land. „Dort erlebten wir ähnliche Ausfälle öfters.  Aber hier habe ich das nicht erwartet. Für einen halben Tag lang kann das ja passieren, aber so lang?“

Am Samstag hatte er mit seiner Familie noch versucht, im Reihenhaus in Zehlendorf auszuharren. „Aber das war unmöglich. Wir konnten nicht zu Hause übernachten, nicht einmal der Hund!“ So übersiedelte die Familie samt Hund in ein Hotel in Steglitz und hofft, dass die Versicherung die Kosten übernimmt. Da er als Diplomat hier keine Steuern bezahle, glaube er nicht, dass ihm die Stadt Berlin genauso wie den anderen Betroffenen die Hotelspesen ersetzen werde.

Ganz schlimm getroffen hat es die 19jährige Tochter, die in London studiert. Sie sei nach Berlin zum Familienbesuch gekommen und im eisigen Reihenhaus gelandet. Dann klappte auch der Heimflug nicht: Wegen Schneefalls wurde ihr London-Flug storniert, sodass sie um zwei Uhr nachts nochmals zur Familie habe zurückfahren müssen.

Für den 16jährigen Sohn beginnt morgen, Mittwoch, wieder der Unterricht in der Internationalen Schule, daher hofft die Familie, morgen ins Haus zurückziehen zu können. Der Diplomat selbst kann sich tagsüber in der Botschaft im Bezirk Tiergarten, wo er in der Politischen Abteilung arbeitet, aufwärmen. Seine Frau aber beschwere sich nicht, sie passe sich an, schildert er.

Zehnseitiges Bekennerschreiben

Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat die Ermittlungen zu dem Brandanschlag übernommen, der zu dem großen Stromausfall geführt hat. Seit vergangenem Samstag sitzen die Betroffenen abends im Dunkeln, die meisten Menschen haben weder Heizung noch warmes Wasser. „Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen" lautet der Titel des zehnseitigen Bekennerschreibens jener Täter, die die Berliner Polizei nach aktuellem Stand der Ermittlungen derzeit im Visier hat.

Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) spricht von „Links-Terrorismus" und verurteilte „diesen menschenverachtenden Anschlag, der bewusst und gezielt Menschenleben gefährdet – und das in einer Region, wo es viele ältere Menschen gibt beziehungsweise Menschen in Pflegeheimen."

Am Montag kündigte der Berliner Senat Unterstützung der Bundeswehr an, die unter anderem beim Aufbau von Suppenküchen helfen soll. Berliner Polizei und Feuerwehr sind unermüdlich im Einsatz, um die Betroffenen zu unterstützen. In Notunterkünften können Bürger auf Feldbetten übernachten oder ihre Mobiltelefone aufladen.

Stromgeneratoren aus anderen Bundesländern

Laut Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) sind derzeit alle verfügbaren Stromgeneratoren im Einsatz, aus anderen Bundesländern sind weitere angefragt. Einige Schulen und Kindertagesstätten sind geschlossen. Montag Nachmittag waren noch 30.000 von ursprünglich rund 45.000 Haushalten betroffen. Die vollständige Versorgung soll Donnerstag Nachmittag wiederhergestellt sein.