
Interview von Gudrun Dometeit
Sie schreiben in Ihrem kürzlich erschienenen Buch "Mit Gott gegen die Demokratie", der christliche Nationalismus sei eine der gefährlichsten Ideologien der Welt. Was genau verstehen Sie unter dem Begriff, und was macht ihn aus Ihrer Sicht so gefährlich?
Gefährlich ist, wenn sich diese Ideologie mit einer exekutiven Macht verbindet, wie aktuell der des Weißen Hauses. Christlicher Nationalismus ist die religiöse Überhöhung des eigenen Landes, der eigenen Nation. Das hat es in den USA zwar schon immer gegeben - Stichwort “God'sown Country” -, aber in den vergangenenJ ahren hat sich die Bewegung radikalisiert. In der Vergangenheit achtete sie zumindest noch die Regeln der Demokratie. Nun verbindet sie ihre Allmachtsfantasien jedoch mit jemandem, der seine Macht nicht durch Rechtsstaat, Gewaltenteilung und Machtbegrenzung beschränkt sehen will. Ein Systemsprenger im Weißen Haus hat sich verbunden mit einer religiösen Ideologie - das ist die neue Qualität von Donald Trump und seiner MAGA-Bewegung
Sind die USA der Trendsetter eines weltweiten Trends?
Der Heilige Donald: Auf seinem Truth Social-Kanal veröffentlichte Donald Trump in der vorigen Woche diesen Ki-generierten Post und löste damit heftige Proteste aus. Er habe sich aber nicht als Jesus Christus sondern als Heiler darstellen wollen, rechtfertigte er sich. Inzwischen wurde der Post offensichtlich gelöscht. (Foto: NYT/Truth Social)
Tatsächlich sehen wir in großen Teilen der Welt, wie sich Religionen politisch oder umgekehrt politische Ideologien religiös aufgeladen haben. Und das immer zu Lasten demokratischer Grundsätze. Wir sehen das in der Verbindung von russisch-orthodoxer Kirche und Putin-Diktatur oder zuletzt der illiberalen Demokratie von Viktor Orban. Religiöse Extremisten sind eine starke antidemokratische Kraft. in der israelischen Regierung. Hindu-Nationalismus, politischer Islam – all das gehört zu diesem Trend. Im Unterschied zu dem Soziologen Hartmut Rosa, der gesagt hat, Demokratie brauche Religion, sage ich: Religion braucht die Zähmung durch die Demokratie. Sonst neigt sie dazu, ihre Werte absolut zu setzen und ihren Wahrheitsbegriff auch gegen Widerstände durchzusetzen.
Ist die Radikalisierung des christlichen Nationalismus in den USA nicht wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Religiosität, Missionarstum und rücksichtslose Durchsetzung nationaler Interessen sozusagen zu ihrer DNA gehören? Nicht wenige Politiker, einschließlich US-Präsidenten, stammten aus der Prediger-Szene. Haben wir den religiösen Hintergrund in diesem Hightech-Land einfach immer unterschätzt?
Die USA wurden von teils sehr religiös geprägten Menschen gegründet, deren Vorfahren wegen ihrer religiösen Überzeugung aus Europa geflohen waren. Deren historische Prägung führte zu der Einsicht, dass es in den USA schnell zum Bürgerkrieg kommen würde, wenn die unterschiedlichen religiösen Gruppen um politische Macht streiten würden. Die Trennung von Staat und Religion war also keine säkulare Erfindung, sondern eine Selbstbeschränkung von teils sehr frommen Menschen, die um die destruktiven Kräfte von Macht und Religion wussten. Dieser Grundsatz wurde noch unter Ronald Reagan in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts respektiert. Damals verbündete sich schon einmal eine politisch straff organisierte religiöse Rechte mit einem Präsidenten, der diese Gruppe als Machtbasis nutzte. Reagan hat die Grenzen der Verfassung aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Im Ergebnis blicken die christlichen Nationalisten auf ein Jahrhundert zurück, in dem sie in den von ihnen angezettelten Kulturkämpfen unter den Bedingungen einer Demokratie fast alle verloren haben – weil ihre Ziele schlicht nicht mehrheitsfähig waren. Inzwischen setzt diese Minderheit nur noch auf Macht und nicht mehr auf Mehrheiten..

Ist es tatsächlich eine Minderheit? Wie mächtig muss man sich diese Bewegung vorstellen?
Es ist sogar eine deutlich schrumpfende Minderheit. Bei den Evangelikalen gibt es den gleichen Trend wie bei den sogenannten Mainline Protestants, also Lutheranern, Methodisten, Anglikanern u.a., die sich der Moderne geöffnet haben - ebenso wie bei den Katholiken. Die Evangelikalen machen heute noch etwa 15 Prozent der Bevölkerung aus – im Vergleich zu 25 Prozent vor etwa 15 Jahren. Sie bilden den harten Kern der religiösen Rechten. Im Unterschied zu den anderen Kirchen ist sie sehr gut organisiert und entwickelt eine hohe Mobilisierungskraft. Wenn sie einem Präsidentschaftsbewerber oder Senatskandidaten Unterstützung verspricht, dann erreicht sie ganz andere Reichweiten.
Mit Trump verbindet man alles mögliche aber keine religiösen Moralvorstellungen. Warum setzt die religiöse Rechte ausgerechnet auf ihn?
2016 war er noch eine Notlösung, er galt als das kleinere Übel. Die Führer der religiösen Rechten haben Trump ihren Wunschzettel überreicht, und er, der eigentlich gar keine eigene Agenda hatte, versprach, das abzuarbeiten. Einiges hat er geliefert, vor allen Dingen die neuen konservativen Mehrheiten am Supreme Court. Bei den Primaries 2023/24 gab es mit dem Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, einen Musterschüler der evangelikalen Nationalisten, der sich in einem Video als das Ergebnis des achten Schöpfungstages präsentierte. Trump warb hingegen mit dem Versprechen “Ich bin Eure Rache”. Das war die Steigerung vom Klassenstreber zum Systemsprenger. Also zu jemandem, der die Wut, die sich gegenüber einer sich immer weiter liberalisierenden Gesellschaft aufgestaut hatte, in politische exekutive Macht verwandeln sollte. Das Ziel ist, das Rad der Geschichte viel weiter zurückzudrehen, als das jeder andere republikanische Präsidentschaftskandidat hätte leisten können.
Mittlerweile sieht sich Trump offenbar, wie aus jüngsten Posts mit Jesus-artigen Darstellungen hervorgeht, selber als Erlöser oder Heiler. Glaubt er das wirklich, oder ist dies das Werk des begnadeten Showmenschen?
Als Trump 2016 gewählt wurde, musste man das irgendwie theologisch deuten. Man hat im Alten Testament das Beispiel des Perserkönig Kyros gefunden, der das Volk Israel aus der babylonischen Gefangenschaft befreit hat und kam auf die Idee, Gott suche sich manchmal nicht-fromme Menschen, um den Frommen Gutes zu tun. Ab dem Moment konnte Trump so sein, wie er ist. Man hat gar nicht mehr versucht, ihn zu bekehren, sondern hat ihn als den göttlichen Gesandten, der die Agenda der Frommen abarbeitet, glorifiziert. Das passte dann wunderbar zu Trumps narzisstischer Persönlichkeit. Er sollte sogar bleiben, wie er ist, weil er diese Brachialität ja brauchte, um nach der Wahl 2025 umzusetzen, was die Strategen im "Projekt 2025" festgehalten hatten. Damit wird die Gesellschaft ideologisch immer weiter in Richtung des Weltbildes der christlichen Nationalisten verändert und ein autoritärer, an manchen Stellen auch totalitärer Staat geschaffen. Inzwischen kann Trump offenbar nicht mehr zwischen einem Gesandten Gottes und dem Erlöser selber unterscheiden, wie er auch sonst jedes Maß verloren und das Gespür für seine Anhängerschaft verliert. Die Grausamkeiten bei den Deportationen von Migranten hat man ihm durchgehen lassen. Aber nun, da er sich selbst zum Messias stilisiert, ist ein Shitstorm in der religiösen Szene ausgebrochen, den er offensichtlich völlig unterschätzt hat.
Vom "Projekt 2025" der konservativen Heritage Foundation hatte sich Trump anfangs distanziert. Sie schreiben aber, mittlerweile seien über 50 Prozent der Vorschläge umgesetzt. Also doch eine klare Handlungsanleitung?
Hinter all den Dekreten, die Trump unterzeichnet hat, stecken Leute wie Vize-Stabschef Stephen Miller und der Budgetdirektor des Weißen Hauses, Russell Vought, der das Program minutiös mit ausgearbeitet hat und jetzt zielgerichtet umsetzt. Dazu gehört der Abbau von Behörden, aber vor allem die Steuerung von Geldern. Wenn der Kongress einmal den Haushalt bewilligt hat, ist er allein in der Hand des Weißen Hauses, und der Budgetdirektor kann über das Kleingedruckte der Finanzierungs-richtlinien Dinge unterstützen oder andere behindern. Am deutlichsten wird das im Bildungssystem, wo die Zerschlagung des öffentlichen Systems durch den Entzug von Bundesmitteln erfolgt und gleichzeitig Parallelstrukturen wie christliche Privatschulen und Homeschooling finanziell unterstützt werden. Das wird die Gesellschaft langfristig mehr verändern als vieles andere.
Wer gehört innerhalb der US-Regierung zu den Hauptexponenten des christlichen Nationalismus? Kriegsminister Pete Hegseth, der sich Kreuzzügler-Symbole tätowieren ließ? Und was genau steht auf deren Agenda?
Es ist ein austariertes Machtsystem aus einem effektiven Technokraten wie Vought, der sich selbst als christlicher Nationalist beschreibt, einem brutalen Systemsprenger wie Miller, der für die Migrationspolitik und den Sicherheitsapparat zuständig ist und einem Posterboy wie Pete Hegseth, der an der Spitze von drei Millionen Soldaten steht und im Namen des Kampfes gegen Wokeness die US-Armee zu einer weißen, maskulinen Armee mit christlicher Ideologie umformt. Die Inszenierung des Irankrieges als Religionskrieg erfolgt ganz massiv aus dem Pentagon.
Hegseth gehört zu einem theokratisch ausgerichteten Netz calivinistischer Kirchen, die die USA in eine Gesellschaft nach biblischem Bild umformen wollen. Mit der Schöpfungsgeschichte verbindet sich der Anspruch, dass damit ein für alle Mal auch alle Ordnungen und Hierarchien geschaffen wurden: Die Ordnung von Völkern über andere, die Ordnung von Rassen über andere, die Ordnung von Männern über Frauen und klare Hierarchien in Familien. So wurden auch Sklaverei und Rassentrennung begründet. Christliche Privatschulen und Homeschooling wurden gefördert, damit Kinder und Jugendliche nicht mehr mit der Evolutionslehre in Berührung kommen. Dieses wissenschaftliche Weltbild wird deshalb so bekämpft, weil es solche ewigen Ordnungen bestreitet und offen ist für Veränderungen in der Zukunft.

Geschichtsrevisionismus ist also ein wesentliches Merkmal des christlichen Nationalismus?
Gerade jetzt zum 250-jährigen Jubiläum der USA ist das ein entscheidendes Element. Im vergangenen Jahr gab es die klare Ansage an die großen Stiftungen und Museen, alles aus ihren Ausstellungen zu entfernen, was das Bild einer strahlenden, leuchtenden Geschichte trüben könnte. Im Militär sorgt Hegseth dafür, dass die Rolle der konföderierten Südstaatler wieder heroisiert werden darf und alles, was an die Rolle von Minderheiten und Schwarzen in der Armee erinnert, ausgeblendet wird. Zugleich findet eine Rehabilitierung der Sklaverei statt, etwa in dem Kirchenbund, zudem Hegseth gehört. Man leugnet sie nicht, verweist aber darauf, dass es ja schon zu biblischen Zeiten gab und angeblich auch guten Seiten gehabt habe. Zugleich benutzen Trump und Hegseth Vernichtungsdrohungen und Racheschwüre aus der Bibel, um den Krieg gegen den Iran religiös aufzuladen. Dieser “Biblizismus” verbindet sich auf verheerende Weise mit dem Geschichtsrevisionismus.
Gegen die Evolutionstheorie wurde in den USA immer wieder gekämpft, ohne dass die Gegner endgültig durchgedrungen wären. Gibt es Widerstand gegen die jüngste Radikalisierung? Was ist mit den berühmten checks and balances?
Die Grenzen hat in der Vergangenheit meist der Oberste Gerichtshof gesetzt. Das Land war ja immer gespalten zwischen den Blue States, den demokratischen Küstenstaaten mit ihren Metropolen, und den konservativen Red States im Landesinneren. Die letzten Gesetze, die die Evolutionslehre im Unterricht unter Strafe stellten, hat der Oberste Gerichtshof erst 1967 aufgekündigt. 1987 hat er erklärt, die Schöpfungslehre im Biologieunterricht verstoße gegen die Trennung von Staat und Religion. Das war der Moment, in dem die Bewegung christlicher Privatschulen entstand, massiv unterstützt von den damaligen Fernsehpredigern. Im staatlich finanzierten Bereich gilt weiterhin die Trennung von Staat und Kirche. Die konservative Mehrheit am Supreme Court argumentiert jetzt aber, die Bundesstaaten sollten selber entscheiden. Damit ist das Scheunentor wieder weit aufgerissen für einen Überbietungswettbewerb unter repu-blikanischen Staaten und Gouverneuren, wer das Trennungsgebot am entschiedensten einreißt.
Aber zum Beispiel die Unterordnung von Frauen – ist das in einem Land, in dem mehr Frauen in zentralen Schaltstellen von Politik und Wirtschaft sitzen als in Europa, überhaupt realistisch?
Mindestens die Hälfte der Bevölkerung lebt in ländlichen und kleinstädtischen Gebieten. Da ist ein Rollback im Gange, der in New York oder Chicago nicht sichtbar ist, aber in kleinen und mittleren Städten massiven Druck aufbaut. Dazu gehören die sogenannten Trad Wives, die in den sozialen Medien ein ultra-konservatives Rollenbild der Frauen verbreiten. Aber auch der ermordete Konservative Aktivist Charlie Kirk und seine Frau haben an den Colleges im Landesinnern rückwärtsgewandte Familienbilder propagiert. Bereits die Tea Party, aus der sich die Maga-Bewegung entwickelt hat, hat gezielt für die Schulausschüsse der Kommunen kandidiert, um auf Lehrpläne oder die Buchauswahl in Bibliotheken in ihrem Sinne Einfluss auszuüben.
Welche Rolle spielt der christliche Nationalismus in der Außenpolitik und vor allem im Iran-Krieg?
Ich kann mich an keinen Krieg erinnern, der so wenig rational begründet worden ist wie dieser. Das liegt nicht nur an der Persönlichkeit von Trump. Niemand hat bisher den Versuch gemacht, kohärente Gründe, Ziele oder Instrumente zu nennen. Vom ersten Tag an wurde der Krieg in einer religiös überprägten Weise inszeniert, als Kampf zwischen gut und böse. Vor dem Krieg trat Hegseth beim National Prayer Breakfast praktisch als Prediger und nicht als Minister auf und versprach allen, die "für ihre Einheit, ihr Land und ihren Erlöser sterben, das ewige Leben". Solche Grenzüberschreitungen hat es nach meiner Kenntnis bei früheren republikanischen Regierungen nicht gegeben. In dieser apokalyptisch aufgeladenen Rhetorik erzählen nun auch Kommandeure ihren Einheiten, sie seien Teil der endzeitlichen Schlacht von Armageddon, und es gehe um die Wiederkunft des Messias. Das heißt, man inszeniert sich im Heiligen Krieg gegen den Iran.
Spielt bei dieser Betrachtung Israel und seine Beteiligung an diesem Krieg eine besondere Rolle? Unter den Evangeliken ist doch auch die Ansicht verbreitet, die Gründung des Staates Israel entspreche einem göttlichen Fahrplan.
In der MAGA-Bewegung gab es immer tektonische Spannungen zwischen zwei Strömungen. Zur einen gehören die über zehn Millionen christlichen Zionisten, die neben dem eigenen Nationalismus immer einen besonderen Blick auf Israel hatten und glauben, dass die endzeitlichen Auseinandersetzungen im Heiligen Land stattfinden. In diesem Weltbild ist es gerade nicht das Ziel, Stabilität zu schaffen, ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und ihren Nachbarn zu organisieren, sondern es herrscht – platt gesagt - die Vorstellung: Je mehr es knallt, umso näher kommt man dem Messias. Dieses Lager hat schon bei früheren Präsidenten massiv darauf gedrängt, an der Seite Israels den Iran als Reich des Bösen anzugreifen. Andererseits ist Trump mit der klaren Ansage gewählt worden, alle Kriege zu beenden und keine neuen anzufangen. Damit hat er eine Gruppe angesprochen, die mindestens genauso groß aber nicht interventionistisch sondern isolationistisch orientiert ist. Die "America First"-Bewegung hat ihre Wurzeln in der Opposition gegen den Eintritt der USA in die Anti-Hitler-Koalition im II. Weltkrieg. Das war eine sehr Nazi-freundliche, zutiefst antisemitische Strömung, die sich pazifistisch gerierte. Dazu gehören heute einflussreiche Influencer wie Tucker Carlson aber auch offene Holocaustleugner wie Nick Fuentes. Diese Spannungen entladen sich jetzt mit diesem Krieg.
Worauf hat sich die Welt denn da einzustellen? Die Instrumentalisierung des mächtigen US-Militärs für weitere heilige Kriege? Immerhin scheinen sich Offiziere dagegen zu wehren.
Es gibt in allen Bereichen starke Resilienzkräfte, auch beim Militär. In den vergangenen Monaten wurden viele Admiräle, Generäle und andere Top-Offiziere ausgetauscht, die offen widersprochen haben. Es gab massive Widerstände auf der Entscheidungsebene gegen die Auswahl der Kriegsziele im Iran und gegen die Ansage von Trump, den Iran als Zivilisation zu vernichten. Viele frühere Top-Generäle machen öffentlich klar: Der Eid der Militärs gilt der Verfassung und nicht einzelnen Präsidenten und erst recht nicht einem übergriffigen Präsidenten, der die Verfassung missachtet.

Gehört es zur Ideologie des christlichen Nationalismus, in Europa zu missionieren? Wie stark sind da die Netzwerke?
Es gab immer schon immer eine Internationale der Nationalisten. Die Fernsehprediger haben schon unter Reagan die riesigen Gewinne ihrer Satellitenkirchen in den Aufbau evangelikaler Strukturen in Brasilien investiert. Der frühere Präsident Jair Bolsonaro ist im Grunde ein klassisches Produkt dieser strategischen Arbeit aus den 1980er Jahren. Das Antischwulengesetz in Uganda, das unter bestimmten Umständen auch die Todesstrafe vorsieht, ist massiv von christlichen Nationalisten aus den USA beeinflusst worden. In Europa gibt es natürliche Verbündete zum Beispiel in der russisch orthodoxen Kirche oder unter den polnischen Nationalkatholiken.
Und in Deutschland?
Ich denke nicht, dass sie versuchen werden, eine MAGA-Bewegung in Deutschland aufzubauen, aber sie werden Opfernarrative unterstützen, die den Eindruck erwecken, als seien die wahren Verteidiger von Meinungs und Religionsfreiheit Kräfte wie die AfD oder andere rechtsextreme Parteien in Europa, die sie ideologisch und finanziell unterstützen müssen. In der kommenden Woche findet in Bremen eine große Veranstaltung über eine angebliche "Christenverfolgung in Deutschland" statt. Veranstalter ist die "Alliance for the Defense of Freedom", eine klassische Organisation der religiösen Rechten in den USA, mit einem starken Ableger in Europa. Da findet also eine Selbstviktimisierung von Kräften statt, die angeblich von einem säkularen Staat verfolgt werden - organisiert von einer amerikanischen Organisation, die in Europa mit Millionenbeträgen eine Struktur aufgebaut hat, die Lobby- und Medienarbeit mit Rechtshilfe verbindet.
Gibt es eine religiöse Gruppe innerhalb Deutschlands, an die solche Organisationen versuchen anzudocken? Schließlich gibt es auch in der Katholischen Kirche erzkonservative Splittergruppen.
Das Wahlprogramm der AfD für Sachsen Anhalt fordert, Staatsleistungen für die großen Kirchen komplett zu streichen und dafür Freikirchen und religiöse Gruppen an den Rändern zu unterstützen. Wesentliche Gruppen der Freikirchen wie die Baptisten haben sich davon scharf distanziert. Das zeigt, dass es gar nicht so leicht ist, hier etwas aufzubauen. Aber auch Pfarrer von ganz kleinen Freikirchen können mit entsprechender Unterstützung zu Heroen der Meinungs- und Religionsfreiheit stilisiert werden, wenn sie sich für eine Opfererzählung eignen. Zur Deligitimierung des Rechtsstaates, der großen Kirchen und der Gesellschaft, die bei Hass und Hetze Grenzen zieht, reicht das.
Sind die USA auf dem Weg zum Gottesstaat?
Wenn es nach den führenden Leuten des radikalen Teils der christlichen Nationalisten geht, ja. Es gibt aber auch ein positives Szenario: Mit ihrer Radikalisierung haben sie im Grunde jede Brücke zur Mehrheit der Gesellschaft, auch zum moderat konservativen Teil, eingerissen. Das sieht man an den Reaktionen auf die brutalen Aktionen der US-Einwanderungsbehörde ICE und der Grenzpolizei. Und vermutlich wird es, wenn die Zwischen-Wahlen im November frei ablaufen, auch wieder eine etwas besser funktionierende Gewaltenteilung geben. Wenn der Kongress wieder demokratisch geführt wird, können auch Instrumente von Machtkontrolle wieder greifen. Ich blicke im Moment sehr viel hoffnungsvoller in die Zukunft als vor einem halben Jahr. Es gibt starke Resilienzkräfte bei den Gerichten, in der Zivilgesellschaft, in den föderalen Strukturen der USA, die ich in dieser Eindeutigkeit nicht erwartet hatte.
Wir neigen gerade auch in Deutschland dazu, alles Übel der Person Trump zuzuschreiben. Aber ist es nicht so, dass die Tendenzen, die Sie selber beschrieben haben, fortdauern, weil sie viel tiefer verwurzelt sind? Könnte sich die christliche nationalistische Bewegung nicht schlichtweg ein anderes Aushängeschild oder einen anderen willfährigen Vollstrecker suchen?
Im vergangenen Jahrhundert gab es immer Phasen, in denen die religiöse Rechte vor Kraft kaum gehen konnte, und dann wieder in Selbstmitleid, interne Kämpfe und Resignation verfiel. Für mich spricht daher vieles eher dafür, dass nach Trump die wahrscheinlich noch säkularer gewordene Mehrheit der Gesellschaft zusammen mit den Mainline Churches daran arbeiten wird, dass sich Bündnisse wie 2024 bei der Wahl von Trump so schnell nicht wiederholen. Darüberhinaus gibt es keinen Kronprinzen für Trump. J. D.Vance ist in der eigenen Bewegung unpopulär geworden, mit seiner Kritik am Irankrieg hat er seine Stellung im Inner Circle schwer geschädigt. Außenminister Marco Rubio, der als Interventionist auftritt, hat auch keine Botschaft, die im MAGA-Milieu anschlussfähig wäre. Daher sehe ich derzeit keinen starken Nachfolger am Horizont, der mit weniger Personenkult und Irrationalität die Bewegung nach vorne bringen könnte. Allerdings bleibt die konservative Mehrheit am Supreme Court noch eine Generation erhalten. Mit der religiösen Rechten müssen wir immer rechnen, auch hier in Europa. Sie wird stets einen gewissen politischen Einfluss haben, auch durch ihre wirtschaftliche Möglichkeiten. Auch wenn sie das Bündnis mit dem Weißen Haus verliert, wird sie in den konservativen Staaten der USA immer noch eine dominierende Rolle spielen.
Ist die religiöse Rechte eigentlich eine explizit antimuslimische Bewegung oder spielt das eher eine untergeordnete Rolle?
Das Antimuslimische ist immer ein Faktor, aber da sich die Rhetorik in den vergangenen Jahren sehr gegen die Migranten aus dem Süden der USA richtete, spielte das zuletzt nur regional eine Rolle - etwa gegenüber den Somalis in Minnesota. Bei den Hispanics ist das Paradox, dass Trump in dieser Gruppe noch ungewöhnlich gut abgeschnitten hat. Viele glaubten, vor den angekündigten Deportationen sicher zu sein, haben sich teilweise als aktive Wahlkämpfer engagiert und wurden dann plötzlich von ICE und Border Patrol deportiert.
Dann ist die Beschimpfung des in den USA geborenen Papstes Leo durch Trump in den vergangenen Tagen also kein Widerspruch zum christlichen Nationalismus.
Unter den weißen Evangelikalen gab es immer ein antikatholisches, ein anti-jüdisches und ein anti-muslimisches Ressentiment. Die leise, klare Sprache von Papst Leo ist der absolute Gegenpol zu Trumps Rhetorik. Er hat es geschafft, die lange tief gespaltene katholische Kirche von den kulturkämpferischen Thematiken wegzuführen und auf zwei Themen zu fokussieren, die Ablehnung der Deportationspolitik und des Krieges. Die Wutposts von Trump sind eigentlich das Beste, was dem Papst passieren konnte. Trump hat einen Machtkampf an einer Stelle entzündet, an der er nur verlieren kann. Die weißen Katholiken, die ihn mit großer Mehrheit gewählt haben, gehen ihm damit als Unterstützer verloren.
