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„Wir stehen an einem unumkehrbaren Wendepunkt der Weltgeschichte“

Thailands Vizeaußenminister Vijavat Isarabhakd im Interview mit diplo.news über die Balance zwischen den USA und China, die Zukunft von ASEAN, das Freihandelsabkommen mit Europa und die Kritik an seinem Land
May 21, 2026
May 20, 2026
Vijavat Isarabhakd (r.), Vizeaußenminister des Königreichs Thailand, hier im Gespräch mit Andreas Scheuer, eh. Bundesverkehrsminister und Präsident der Asienbrücke (Fotos: Panchapa Wattanasiri / Königlich Thailändische Botschaft)

Thailand gehört zu den größten Volkswirtschaften Südostasiens und ist ein wichtiges Gründungsmitglied der Vereinigung südostasiatischer Staaten (Association of Southeast Asian Nations, ASEAN). Die Organisation wird im kommenden Jahr 60 Jahre alt, besteht aus elf Mitgliedern und dient der wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Die thailändische Diplomatie versucht, in regionalen Konflikten zu vermitteln – besonders in Myanmar, dessen autoritäre innenpolitische Entwicklung zehntausende Menschen außer Landes getrieben hat. Wegen seiner langen Grenze zu Myanmar und seiner politischen Beziehungen hat Thailand eine Brückenfunktion innerhalb der ASEAN. Der Karrierediplomat Vijavat Isarabhakd, der Berlin schon kurz vor dem Mauerfall als Student besucht hatte, war am Mittwoch Gast im Politischen Dialog Forum im Ritz Carlton, veranstaltet von der Königlich Thailändischen Botschaft, in diesem Jahr mit den Partnern Konrad-Adenauer-Stiftung und Asienbrücke e.V.

Nach den Besuchen von US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin in Peking: Wie positioniert sich Thailand heute zwischen den USA und China? 

Thailands Außenpolitik wird von strategischer Autonomie, Ausgewogenheit und Pragmatismus geleitet. Unser Ansatz besteht darin, konstruktive Beziehungen zu allen wichtigen Partnern auf Grundlage gemeinsamer Interessen zu pflegen. Letztlich wird regionale Stabilität am besten gewährleistet, wenn Länder frei ihren eigenen Kurs bestimmen können. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch China sind wichtige Partner für Thailand. Wir begrüßen die genannten Besuche in China und hoffen, dass diese hochrangigen Begegnungen zu größerer politischer und wirtschaftlicher Stabilität in der Region beitragen werden.

Wie groß ist das Risiko, dass Thailand wirtschaftlich zu abhängig von China wird? 

Eine zu starke Konzentration auf einen einzelnen Markt oder eine einzelne Lieferkette stellt eher ein Risiko als eine Chance dar. Thailands Strategie konzentriert sich daher auf Diversifizierung, Resilienz und die Erweiterung strategischer Handlungsmöglichkeiten. Dies entspricht der Realität vieler Länder im Indopazifik, wo wirtschaftliche Interdependenz ein strukturelles Merkmal ist. Vor diesem Hintergrund bauen wir unsere wirtschaftlichen Partnerschaften mit der Europäischen Union weiter aus und vertiefen sie, unter anderem durch die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen Thailand und der EU, ebenso wie mit Deutschland, Japan, Indien, den Vereinigten Staaten und weiteren Partnern. Gleichzeitig stärken wir die Wettbewerbsfähigkeit Thailands in Zukunftsindustrien.

Unser Ziel ist daher nicht, das Engagement mit einem Partner zugunsten eines anderen zu reduzieren, sondern sicherzustellen, dass Thailand wirtschaftlich widerstandsfähig, strategisch flexibel und offen für eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit mit allen bleibt.

Welche Rolle möchte Thailand innerhalb der ASEAN spielen? 

ASEAN bildet seit Langem eine Grundlage für die langfristige Stabilität in dieser Region. In einem zunehmend turbulenten Umfeld wird diese Rolle noch wichtiger. Gerade jetzt brauchen wir mehr ASEAN, nicht weniger. Dieser Staatenbund muss sich kontinuierlich anpassen, da sich die Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, ständig weiterentwickeln. Die zukünftige Ausrichtung von ASEAN sollte sich an drei miteinander verknüpften strategischen Imperativen orientieren:

Erstens: Regionalismus, indem die gemeinsamen regionalen Interessen ASEANs priorisiert und die Zentralität ASEANs bewahrt werden.

Zweitens: Resilienz, durch die Stärkung der ASEAN-Mechanismen, um geopolitischen Unsicherheiten und externen Schocks besser standzuhalten.

Drittens: Relevanz, indem ASEANs wichtige Rolle als glaubwürdiger und vertrauenswürdiger Partner innerhalb und außerhalb der Region erhalten bleibt.

Wie kann der südostasiatische Staatenbund effektiver auf Krisen reagieren? 

ASEAN selbst sowie seine Mitgliedstaaten müssen mit größerer Agilität, Geschlossenheit und Weitsicht handeln, indem sie sich auf gemeinsame regionale Interessen verständigen und Koordination sowie Entscheidungsprozesse verbessern – insbesondere in Krisenzeiten. Unsere Widerstandsfähigkeit hängt davon ab, wie externe Spannungen und strategischer Wettbewerb bewältigt werden. Wir stärken die praktische Zusammenarbeit, verbessern die Krisenkoordination und bauen Vertrauen auf, um eine Eskalation von Spannungen zu verhindern. ASEAN muss innerhalb und außerhalb der Region relevant bleiben, indem es ein glaubwürdiger und vertrauenswürdiger Partner ist, Multilateralismus und eine regelbasierte Ordnung unterstützt und sicherstellt, dass regionale Integration echte Vorteile und Chancen für unsere Bevölkerung bringt.

Hat ASEAN im Umgang mit seinem krisengeschüttelten Co-Mitglied Myanmar versagt?

In vielerlei Hinsicht vereint unser westlicher Nachbar die Herausforderungen, die ich beschrieben habe. Es ist ein Test für die Einheit, Resilienz und Relevanz der ASEAN. Jüngste Entwicklungen – darunter die Wahlen sowie die Begnadigung des ehemaligen Präsidenten U Win Myint und die Verlegung von (Demokratieverfechterin und Friedensnobelpreisträgerin, d. Red.) Daw Aung San Suu Kyi in eine Residenz – sind positive Schritte. Ich wäre aber nachlässig, wenn ich nicht erwähnen würde, dass die Wahl keineswegs perfekt war. Dennoch eröffnen diese Fortschritte, so begrenzt sie auch sein mögen, ein Zeitfenster für ein günstigeres Umfeld für Dialog und Versöhnung. Zugleich bietet sich ASEAN die Möglichkeit, durch ein abgestuftes und schrittweises Wiederengagement mit Myanmar einen pragmatischen Weg zur Umsetzung des Fünf-Punkte-Konsenses (u.a. Einstellung der Gewalt, humanitäre Hilfe, d. Red.) zu verfolgen.

Doch lassen Sie mich klarstellen: Ein solches Engagement muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Myanmar muss ebenfalls seinen Teil dazu beitragen und den Erwartungen der ASEAN sowie der internationalen Gemeinschaft gerecht werden. Wir hoffen, dass diese Entwicklungen zu mehr humanitärem Handlungsspielraum, Deeskalation, einer Verringerung der Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und Fortschritten im Friedensprozess führen werden.

Wie kann Südostasien trotz wachsender globaler Spannungen geopolitisch stabil bleiben?

Die kurze Antwort lautet: Eine starke, geeinte und inklusive ASEAN ermöglicht es der Region, stabil zu bleiben.

Was bedeutet das konkret? 

Wenn wir unseren Regionalismus vorantreiben, unsere Resilienz stärken und unsere Relevanz in einer sich wandelnden Welt bewahren, wird ASEAN nicht nur die kommenden Herausforderungen bewältigen, sondern auch weiterhin eine stabilisierende Kraft in unserer Region sein. Seine Regeln und Normen steuern die Interaktionen zwischen den Akteuren und Partnern der Region. Seine Initiativen ermöglichen allen Beteiligten, gemeinsame Interessen voranzubringen. Und seine Mechanismen dienen dazu, bestehende und unvorhergesehene regionale Herausforderungen zu bewältigen.

Gleichzeitig wird ASEAN zunehmend durch externe geopolitische Entwicklungen auf die Probe gestellt. Nehmen wir beispielsweise die anhaltende Situation im Nahen Osten. Diese wirkt sich weiterhin auf die Energiesicherheit und die allgemeine wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Region aus. Initiativen wie das ASEAN Power Grid und die Trans-ASEAN-Gaspipeline werden zusammen mit Thailands strategischem Energiemanagement und robusten Raffineriekapazitäten nicht nur die regionale Energiesicherheit und die Solidarität innerhalb ASEANs stärken, sondern Thailand auch ermöglichen, stabile Produktionsniveaus anderer essenzieller Erdölprodukte aufrechtzuerhalten. Dies trägt direkt zur Energiesicherheit unseres Landes bei. Es handelt sich dabei um eine Win-win-Situation für Thailand und ASEAN.

Thailand profitiert stark vom Tourismus. Wie groß ist Ihre Sorge, dass politische Instabilität dem internationalen Ansehen des Landes schaden könnte?

Die Bhumjaithai-Partei erhielt nach einem klaren Wahlsieg im Februar 2026 ein starkes Mandat. Obwohl die Regierung als Koalition arbeitet, gewährleistet ihre deutliche parlamentarische Mehrheit Stabilität und Kontinuität in Thailands aktiver Diplomatie und Regierungsführung. Persönlich bin ich der Ansicht, dass dieser Wahlsieg den Wunsch der Bevölkerung nach Stabilität in einem zunehmend turbulenten Umfeld widerspiegelt. Die Wähler haben der Bhumjaithai-Partei eindeutig das Vertrauen ausgesprochen, die Arbeit fortzusetzen, die sie während ihrer kurzen Zeit als führende Regierungspartei zum Jahreswechsel begonnen hat.

Auch wenn politische Veränderungen in einer Demokratie wie Thailand niemals vollständig ausgeschlossen werden können, bleibt unser Land eine grundsätzlich offene Gesellschaft. Unabhängig von innenpolitischen Entwicklungen wird Thailand Besucher stets willkommen heißen und Vielfalt respektieren. Diese Offenheit zeigt sich auch in den starken zwischenmenschlichen Beziehungen zu Deutschland. Wir freuen uns sehr, dass im Jahr 2025 mehr als 960.000 deutsche Touristen Thailand besucht haben – ein Anstieg von 10,6 Prozent gegenüber 2024. Damit ist Deutschland die größte Touristengruppe aus der Europäischen Union.

Welche Chancen sieht Thailand in der Zusammenarbeit mit Europa und insbesondere Deutschland? Wie möchte Thailand mehr ausländische Investitionen anziehen?

Europa ist seit Langem ein wichtiger strategischer Partner für Thailand. Unsere diplomatischen Beziehungen zu vielen europäischen Ländern reichen Jahrhunderte zurück. In der heutigen geopolitischen und geoökonomischen Lage ist diese Partnerschaft noch bedeutender – nicht nur als wichtiger Handels- und Investitionspartner, sondern auch als Quelle von Technologie, Innovation, Nachhaltigkeitskompetenz und verlässlicher langfristiger wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Thailand sieht großes Potenzial für eine vertiefte Zusammenarbeit mit Europa.

In welchen Bereichen?

In Bereichen wie fortschrittlicher Fertigung, sauberer Energie, digitaler Transformation, resilienten Lieferketten, Klimawandel-Transformation und Kompetenzentwicklung. Deshalb misst Thailand auch den Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen Thailand und der EU große Bedeutung bei. Denn diese würden das Vertrauen von Investoren und die wirtschaftliche Vernetzung stärken. Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas und wichtigster Handelspartner Thailands innerhalb der EU ist dabei ein besonders bedeutender Partner. Wir sehen starke komplementäre Potenziale in Hochtechnologiebranchen, grünen Technologien, beruflicher Bildung, industrieller Modernisierung sowie möglicherweise auch bei strategischer Infrastruktur- und Logistikvernetzung.

Um mehr ausländische Investitionen anzuziehen, konzentriert sich Thailand auf die Schaffung des richtigen Ökosystems: eine starke industrielle Basis, eine strategische Lage im Herzen ASEANs, bessere Konnektivität, wettbewerbsfähige Investitionsanreize, die Entwicklung qualifizierter Arbeitskräfte sowie größere regulatorische Bereitschaft für Zukunftsindustrien.

Wie besorgt sind Sie über die politische Polarisierung im Land? 

Thailand bekennt sich zu demokratischer Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit, erkennt jedoch zugleich an, dass Rechte auch mit Verantwortung einhergehen und innerhalb des gesetzlichen Rahmens ausgeübt werden müssen – wie in jeder demokratischen Gesellschaft. Thailand verfügt über eine gewählte Regierung, ein aktives Parlament, eine unabhängige Justiz, eine lebendige öffentliche Debatte und eine engagierte Zivilgesellschaft. Wie viele Demokratien entwickelt sich auch unsere demokratische Ordnung kontinuierlich weiter.

Wie reagiert Ihre Regierung auf internationale Kritik hinsichtlich Demokratie und Meinungsfreiheit? Hält Ihre Regierung diese Kritik für gerechtfertigt? 

Wir respektieren die Ansichten und Anliegen unserer internationalen Partner, insbesondere unserer engen Partner in Europa und den Vereinigten Staaten, und bleiben offen für einen konstruktiven Dialog. Ob solche Kritik „gerechtfertigt ist, hängt oft von der jeweiligen Perspektive ab. Manche Beobachtungen spiegeln echte Besorgnis wider, die wir ernst nehmen. Gleichzeitig berücksichtigen bestimmte Einschätzungen nicht immer vollständig den rechtlichen, verfassungsrechtlichen und gesellschaftlichen Kontext Thailands oder die Komplexität, mit der demokratische Gesellschaften bei der Balance zwischen Freiheitsrechten, öffentlicher Ordnung und institutionellen Prozessen konfrontiert sind.

Warum reagiert Ihre Regierung häufig sensibel auf internationale Kritik aus Europa oder den USA? Welche konkreten Schritte unternehmen Sie, um ausländischen Beobachtern zu zeigen, dass Thailand eine offene Demokratie ist?

Ich würde die Reaktion Thailands auf Kritik nicht als „sensibel“ bezeichnen. Allerdings nehmen wir Stimmen und Ansichten sehr aufmerksam wahr, wenn wir der Auffassung sind, dass Klarstellungen notwendig sind. Wie jedes souveräne Land glauben wir, dass Diskussionen über innenpolitische Fragen am konstruktivsten sind, wenn sie auf gegenseitigem Respekt, ausgewogenem Verständnis und Dialog beruhen – und nicht auf Annahmen oder unvollständigen Informationen.

Welche globalen Herausforderungen bereiten Ihnen persönlich die größten Sorgen?

Der Trend zu zunehmender globaler Fragmentierung – oder zumindest die wachsende Wahrnehmung davon – steht im Mittelpunkt meiner Sorgen. Paradoxerweise dominierten geopolitische Themen die Diskussionen beim Weltwirtschaftsforum 2026 und verdeutlichten, wie Herausforderungen für die internationale regelbasierte Ordnung mittlerweile jeden Bereich des täglichen Lebens betreffen: nicht nur die traditionelle Sicherheitspolitik, sondern auch globale Lieferketten, die Regulierung von KI, die grüne Transformation, Menschenrechte, die Achtung der Rechtsstaatlichkeit und weitere sozioökonomische Themen.

Ich glaube, dass dieses Gefühl der Dringlichkeit uns die Möglichkeit bietet, das Völkerrecht als Fundament von Harmonie und Wohlstand noch stärker zu festigen und zugleich Blockdenken zu überwinden, das uns daran hindert, die entscheidenden Herausforderungen unserer Zeit anzugehen. Wir befinden uns an einem prägenden und wahrscheinlich unumkehrbaren Wendepunkt der Weltgeschichte – einem Punkt, an dem uns nicht mehr bloße Bündnisse leiten sollten, sondern ein gemeinsamer Wille, eine widerstandsfähigere, inklusivere und kooperativere globale Zukunft zu gestalten.

Die Fragen stellte Ewald König.