
Navigation, Kommunikation, Wettervorhersagen, Rohstoffhandel, Finanzsysteme, Verkehrsströme, Katastrophenhilfe - kaum jemand macht sich klar, wie sehr die heutige Welt von Informationen abhängig ist, die im Weltall gewonnen werden. „Alles, was uns wirklich hilft, Vorgänge in der Welt zu verstehen, basiert auf Satelliteninformationen“, sagte Nicolaus Hanowski, Chef des Missionsmanagement Erdbeobachtung an der Europäischen Weltraumbehörde ESA, in Berlin. „Wir wissen genau, wo sich Schiffe bewegen. Unsere Satelliten messen die Füllstände in Öltanks.“ Und auch die Lebensmittelversorgung in der Ukraine kommt nicht ohne Daten von Satelliten aus, weil diese die Ernteerträge kontinuierlich beobachten. „Wenn ich die Datenströme unterbrechen würde“, so Hanowski, der für das Copernicus-Programm der ESA und der EU zuständig ist, „dann würde das Katastrophenmanagement, Küsten- und Seeüberwachung, Fischerei-, Forst- und Landwirtschaftsmanagement ganz schnell zum Stillstand kommen.“ Die ESA produziere zehnmal soviele Daten wie die NASA. In der Erdbeobachtung sei Europa mit weitem Abstand führend in der Welt.
Hanowski nahm an einer von diplo.news und dem Diplomatic Council organisierten Veranstaltung teil, bei der der frühere deutsche Botschafter Heinrich Kreft das Buch "Space Security: Extending Europe's Defense into Space" (Hrsg: Diplomatic Council Publishing) vorstellte. Kreft sowie 22 weitere europäische Autoren thematisieren darin vor allem die zunehmende Militarisierung des Weltraums. Satelliten dienten nicht mehr ausschließlich zivilen, sondern zunehmend militärischen Zwecken. Dabei seien sie höchst verwundbar, sie zu schützen sei schwierig und kostenträchtig. Sie könnten vom Boden, aus der Luft und aus dem All heraus ausspioniert, geblendet, gestört und zerstört werden. Kreft nannte als Beispiel aus dem vorigen Jahr die „Begleitung“ zweier deutscher Militärsatelliten durch russische Satelliten oder die permanente Störung von GPS-Signalen über der Ostsee. Spätestens mit der Störung von Starlink-Satelliten, die Elon Musk 2022 der Ukraine zur Verfügung gestellt hatte, sei die Verwundbarkeit deutlich geworden. Dadurch war auch ein Kontrollsystem von Windfarmen in der Nordsee deaktiviert. „Wenn Satelliten ausfallen, fallen ganze Gesellschaften aus“, erklärte Kreft.
Die Zeiten friedlicher, rein wissenschaftlicher Kooperation im Weltraum seien weitgehend vorbei. Der Weltraum gewinnt zunehmend strategisch-militärische Bedeutung. Es ist keine Überraschung, wer diese Entwicklung vorantreibt: Die USA, China und Russland. Die USA bleiben nach Aussage von Kreft die führende Macht, technologisch, militärisch und kommerziell. Sie betrachten das Weltall seit der ersten Amtszeit von Donald Trump als Kampfzone, mit klarer Doktrin und dem Ausbau von Fähigkeiten. China hole sehr schnell auf, der Weltraum sei zentral für den Status des Landes als Weltmacht und zur militärischen Modernisierung. Russland sei ein destabilisierender Akteur mit etablierten Fähigkeiten und einem Schwerpunkt auf Verhinderung und Zerstörung. „Und alle drei bereiten sich auf einen Konflikt im All vor. Offen oder indirekt.“
Trotz solcher Flaggschiffe wie dem Erdbeobachtungssystem Copernicus oder dem Navigationssystem Galileo und erheblicher zusätzlicher Investitionen, auch durch die Bundesregierung, die bis 2030 35 Milliarden Euro für sicherheitsrelevante Weltraumprojekte bereit stellen will, hält Kreft Europa für deutlich zu langsam in Reaktion auf solche Entwicklungen. Es gebe keine gemeinsame Doktrin, keine gemeinsame Abschreckungslogik, keine klaren Kommandostrukturen. Europa hänge vor allem bei den Abschussvorrichtungen von anderen, sprich den USA, ab. Elon Musk dominiere den Markt der Abschussraketen, im Prinzip lasse er alle 28 Stunden eine Rakete mit Dutzenden Raketen starten. Europa brauche zudem Startplätze auf dem eigenen Kontinent, der Transport von Raketen nach Guyana in Südamerika dauere viel zu lange, wenn man Satelliten austauschen müsse. Europa müsse auch Abschreckungsfähigkeiten entwickeln, um die Zerstörung von Satelliten zu verhindern. „Europa muss in der Lage sein, Bedrohungen zu entdecken, Angreifer auszumachen und verhältnismäßig zu reagieren – nicht aggressiv aber überzeugend.“
Die gesamte Veranstaltung können Sie unter diesem Link nachlesen: „Sicherheit im All – Wie wir Europa im Weltraum verteidigen“