
Jahrelang galt er als einer der einflussreichsten Islamisten-Führer im Nahen Osten, westliche Regierungen betrachteten ihn als Terroristen, und die US-Administration hatte sogar ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar auf ihn ausgelobt. Nun wird Ahmad al-Sharaa als Übergangspräsident der Syrischen Arabischen Republik an diesem Montag offizieller Gast der Bundesregierung sein. Bundeskanzler Friedrich Merz wird mit ihm zu Mittag essen, gleich am Morgen empfängt ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Mehrere Minister, Vertreter von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen werden mit al-Sharaa eineinviertel Jahr nach dem Sturz des autoritären Assad-Regimes über den Wiederaufbau Syriens sprechen, insbesondere über die Energieversorgung und die Integration in das internationale Finanzsystem. Es war al-Sharaa – Kampfname Abu Muhammad al-Dschaulani- , der mit der Islamistenmiliz Hayat Tahrir asch-Scham (HTS) im Dezember 2024 Diktator Baschar al-Assad stürzte und seitdem versucht, eine neue Ordnung im Land herzustellen.
Menschenrechtsgruppen werfen dem 43-Jährigen vor, als Anführer der HTS und zuvor der al-Nusra-Front, einer Untergruppe von al-Qaida, mit brutaler Gewalt gegen die ethnischen Minderheiten Syriens wie Kurden, Alawiten und Drusen vorgegangen zu sein. 2016, heißt es, soll sich al-Sharaa von al-Qaida abgewandt haben. Dennoch waren 2025 Sicherheitskräfte aus Damaskus offenbar an Massakern in den südlichen Gebieten der Drusen beteiligt oder haben sie zumindest nicht verhindert. Und Anfang dieses Jahres drangen Regierungstruppen in kurdische Regionen im Nordosten vor und vertrieben oder töteten dortige Bewohner – inmitten von Waffenstillstandsverhandlungen. Insbesondere aus der kurdischen Gemeinde in Deutschland kommen heftige Proteste gegen den Besuch – wie schon im Januar, als eine geplante Visite al-Sharaas kurzfristig aus innenpolitischen Gründen in Syrien abgesagt wurde. Die Gemeinde wehrt sich dagegen, einen ehemaligen Dschihadisten salonfähig zu machen. „Liebe Bundesregierung: Geht’s noch?!“ schreibt die Aktivistin Düzen Tekkal von der Hilfsorganisation HAWAR.help auf ihrem x-Kanal. Al-Sharaa müsse ausgeladen, auf jeden Fall mehr Druck auf ihn ausgeübt werden, die Menschenrechtssituation zu verbessern. „Keine Legitimation für und schmutzige Abschiebedeals mit Kriegsverbrechern!“
Regierungssprecher Stefan Kornelius hatte am Freitag vor Journalisten im Hinblick auf Kritik an dem Besuch auf wichtige Interessen Deutschlands in der Region verwiesen. "Unser Interesse ist es, dass Syrien stabil und prosperierend aufgebaut wird, auch mit Hilfe der vielen, vielen Syrerinnen und Syrer, die während des Bürgerkriegs hierher nach Deutschland und nach Europa gekommen sind und hier auch Schutz gefunden haben.“ So dürfte eines der Themen der Visite auch die Rückkehr oder Rückführung von Syrern in ihr Heimatland sein. Rund 950 000 leben in Deutschland, wohin sie vor dem 2011 beginnenden Bürgerkrieg geflohen waren. Es ist nach den Ukrainern die größte Gruppe Geflüchteter. Rund 10 000 galten Ende 2025 als ausreisepflichtig. Ein großer Teil der Syrer genießt einen Schutzstatus auf Basis der Genfer Flüchtlingskonvention.
Für Rückkehrer ist die Situation in Syrien allerdings nicht einfach – obwohl die USA, die UN und die Europäische Union mittlerweile die meisten Sanktionen aufgehoben haben - einschließlich des Kopfgeldes auf al-Sharaa. Doch die Sicherheitslage ist fragil – noch immer ist die Terrormilz, der sogenannte Islamische Staat, aktiv, im Land kursieren jede Menge Kleinwaffen, blüht der Schmuggel. Auch die Einmischung ausländischer Staaten, so die Luftangriffe Israels im Süden, tragen nicht zur Stabilität bei. Israel weitete offenbar die Kontrolle auf den 1967 im Sechs-Tagekrieg von Syrien eroberten Golanhöhen aus. Die Regierung bemüht sich nach den Worten von Muriel Asseburg, Nahostexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, darum, ein Gewaltmonopol für eine künftige einheitliche nationale Berufsarmee zu schaffen, steht dabei aber erst am Anfang. Die Integration von rund 130 Milizen sei weitgehend abgeschlossen. Die Eingliederung von ehemaligen übergelaufenen Assad-Offizieren sei dagegen schwierig, verlässliche Zahlen zur Demobilisierung der Assad-Truppen seien zudem kaum zu finden. Der militärische Neuaufbau laufe unter Kontrolle von al-Sharaas HTS.
Für die Bundesregierung sieht Asseburg vor allem Möglichkeiten beim wirtschaftlichen Wiederaufbau, der Hilfe für die Zivilgesellschaft zum Beispiel bei der Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen oder auch in Zukunft beim Aufbau einer Polizei, also bei der Demokratisierung Syriens. Sie glaube, dass es die Vision der Übergangsregierung sei, einen autoritären Präsidialstaat zu schaffen.
Dagegen versucht Interimspräsident al-Sharaa nach Meinung von André Bank vom German Institute for Global and Area Studies (GIGA) Syrien wenigstens weitgehend aus dem Iran-Konflikt herauszuhalten. Noch sei das Land weniger als andere Staaten vom Krieg zwischen dem Iran, Israel und den USA betroffen. Allerdings flohen schon rund 100 000 Syrer aus dem Libanon nach Syrien. Auch stiegen die Lebensmittelpreise für die rund 26 Millionen Einwohner, von denen ohnehin mehr als die Hälfte auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. gd