Von Lukas Stock

Die Sonne hebt sich langsam über die schroffen Berge von Mukalla an der Küste des Jemen. Vor der morgendlichen Kulisse steigt Rauch auf. Es ist der vorletzte Tag des vergangenen Jahres, und in der Nacht zuvor hat es eine Explosion im Hafen der Stadt gegeben. Fernsehbilder zeigen, wie Männer auf einem roten Lastwagen den offensichtlichen Schaden begutachten, den die Explosion angerichtet hat. Vor ihnen stehen säuberlich aufgereihte Kolonnen von Pick-up-Trucks und gepanzerten Fahrzeugen - viele sind verbogen oder ausgebrannt. Ein Schlag der saudischen Luftwaffe hat sie zerstört.
Saudi-Arabien rechtfertigte das Bombardement später damit, die rund 80 Militärfahrzeuge sowie Waffen und Munition seien per Schiff transportiert worden und für die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) bestimmt gewesen, die damit Separatisten des Southern Transitional Council (STC) im Süd-Jemen unterstützen wollte. Abu Dhabi dementierte die Vorwürfe, bot aber an, seine Rolle im Jemen zu überdenken. Selten zuvor waren die beiden Golfstaaten so direkt in eine Konfrontation verwickelt.
Auch wenn derzeit der Krieg der USA und Israels gegen den Iran die Nachrichten aus dem Nahen Osten dominiert, im Schatten dieses Krieges schwelt ein anderer Konflikt um Macht und Einfluss, der zwischen den Führungsmächten der arabischen Welt, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und er geht ganz besonders zu Lasten eines ohnehin bürgerkriegsgeschüttelten Landes, das zu den ärmsten Staaten der Welt gehört und regelmäßig auch Ziel israelischer Luftangriffe ist. Dabei treten sowohl Riad als auch Abu Dhabi gerne als globale Friedensvermittler auf. Im Irankrieg gelten sie als Opfer von Raketen- und Drohnenangriffen des Mullah-Regimes und demonstrieren gemeinsame Empörung über die Attacken auf US-Basen und Infrastruktur in ihren Ländern. Im Jemen mischen sich indes Saudis und die Emirate selber ein - und wie der Luftschlag auf den Hafen von Mukalla zeigt - wenn nötig auch mit Gewalt.
In der Jemenitischen Republik, die im Norden eine lange Grenze zu Saudi-Arabien und im Osten zum Oman hat, herrscht seit 1960 bis heute in mehr als der Hälfte der Zeit Krieg. Forscher bezeichnen den an wichtigen Schifffahrtsrouten gelegenen Staat als gescheitert, als failed state. In diesem Vakuum messen sich seit Jahrzehnten Länder der Region, die ihre Rolle als Führungsmächte behaupten wollen. Es geht dabei nicht nur um den Zugang zum Roten oder Arabischen Meer, um die Sicherung von Handelswegen oder darum, Brutstätten für Islamisten auszuschalten. Oft geht es schlicht um Macht und Einflusszonen. So zeigt sich im Jemen, wer gerade die Player in der arabischen Welt sind, wer sich eine Intervention leisten und sich durchsetzen kann – alles auf Kosten einer hungernden und verarmten Bevölkerung. Heute kämpfen dort die Golfstaaten, Israel und Iran. Lange Zeit war es Ägypten, das im Süden der Arabischen Halbinsel seine Führungsrolle in der Region ausspielte.
In den 1960ern intervenierte Präsident Gamal Abdel Nasser mit zehntausenden Truppen im Jemen. Er wollte Rebellen helfen, die seine Ideologie teilten. Ihr Gegner war der König von Jemen, damals von Saudi-Arabien unterstützt. Doch die Ägypter verloren bei der Invasion über 10.000 Soldaten und ruinierten mit den hohen Ausgaben ihre Wirtschaft. Der israelische Forscher Jesse Ferris argumentiert, im Jemen hätte der Abstieg von Ägypten als zentrale Führungsmacht in der arabischen Welt begonnen; Nasser selbst nannte den Jemen „Ägyptens Vietnam“. So wie Guerillakämpfer die Amerikaner in den Dschungeln Vietnams aufrieben, zermürbten ortskundige Jemeniten die ägyptischen Truppen. Seine Armee mit ihren Panzern blieb in den vielen Gebirgspässen des Jemen stecken.
Nasser wollte von der Krise ablenken, indem er Soldaten auf der Sinai-Halbinsel südlich Israels aufmarschieren ließ. Er verlor seine Wette – Israel wälzte über seine Truppen hinweg und verdreifachte im Sechstagekrieg sein Territorium auf ägyptische Kosten. Nasser konnte seine Schulden bald nicht mehr begleichen und musste bei den ölreichen Saudis um Geld bitten. Im Tausch zog er seine Truppen aus dem Jemen ab. Die Saudis, die ihre Grenzen bedroht gesehen hatten, atmeten auf. Heute spielt Ägypten im Jemen keine Rolle mehr. Aber noch immer oder schon wieder hängt es von einer auswärtigen Finanzspritze ab. Doch diesmal kommt das Geld - 35 Milliarden Dollar - nicht von den Saudis sondern von den Emiraten.
Schwache Staaten im Visier
Die (sieben) Vereinigten Emirate, entstanden aus einstigen Fischerdörfern am Rande der Wüste, die sich lange bekriegt hatten, haben sich zu einem der erfolgreichsten Staaten am Golf entwickelt, wozu nicht nur der extreme Ölreichtum sondern auch eine liberale Wirtschaftspolitik beitrugen. Mit dem ökonomischen Aufstieg ging der Aufbau einer schlagkräftigen, modernen Armee einher aber auch eine relativ aggressive Außenpolitik.
Die Methode der VAE funktioniert wohl meist so: In bereits geschwächten Staaten wie Libyen, Sudan oder Jemen unterstützt das Land laut Menschenrechtsorganisationen bewaffnete Gruppen, die die Macht übernehmen wollen. Das mutmaßliche Verhalten der Emiratis erinnert an das eines Investors, der auf Start-ups setzt, die etablierte Firmen vom Markt drängen sollen. Der Vergleich mag zynisch klingen, schließlich geht es um Milizen statt Start-ups, um Regierungen statt Firmen und um Menschenleben statt Marktanteile. Doch zeigt der Vergleich das Verhaltensmuster eines Herrschaftshauses, das sich selbst als erfolgreichen Underdog auf der Arabischen Halbinsel sieht. Die VAE dementieren indes vehement, sich in andere Länder einzumischen.
Die Islamforscherin Maysaa Shuja Al-Deen vom unabhängigen jemenitischen Thinktank Sana'a Center For Strategic Studies reagiert überrascht, als sie die Frage nach dem strategischen Hintergrund der Außenpolitik der Emirate hört. Sei das nicht klar? Das Ziel seien Macht und Einfluss. Sie wollten ihre ökonomische Macht in politische Macht umsetzen. Laut anderen Quellen ist damit wirtschaftlicher Profit nicht ausgeschlossen: Im Sudan wollen die Emiratis an besetzten Goldminen verdienen, in Afrika ein Hafennetzwerk aufbauen. Zugleich versuchen die Emirate radikale Islamisten in anderen Ländern zurückzudrängen, die zur Gefahr für das eigene Herrschaftssystem werden könnten.
So bekämpfen sie seit 2015 an der Seite von Saudi-Arabien und anderen Staaten al-Qaida und die radikal-islamischen Huthis, die im Norden große Teile des Landes kontrollieren. Während die Saudis die international anerkannte Regierung Jemens mit Sitz in Aden im Süden unterstützen, setzten die Emirate bislang besonders auf die STC-Milizen, die mit der Regierung lange kooperierten. Sie sind jedoch deutlich radikaler und fordern, den Südjemen, der bis 1990 unabhängig war, wieder abzuspalten.
Rote Linien der Saudis
Anfang Dezember 2025 verbreiteten arabische Nachrichtenseiten ein Foto, das angeblich Kämpfer der STC bei einer Offensive abbildete. Einer der Männer in Camouflage-Kleidung und mit einer Flagge der STC, der andere mit einer braunen Munitionsweste - beide zeigen das Victory-Zeichen. Hinter ihnen beten Uniformierte im Sand, daneben Pick-ups mit aufgeständerten Maschinengewehren. Ende 2025 rückten Truppen des STC plötzlich auf Gebiete der international anerkannten Regierung vor. Sie sollen dort Ölfelder eingenommen haben. Die Islamexpertin Al-Deen glaubt, dass die VAE den Angriff wohl mindestens gebilligt, wenn nicht sogar angestiftet hätten. Kurz zuvor soll der saudische Kronprinz bei US-Präsident Donald Trump dafür geworben haben, gegen emiratische Interessen im Sudan vorzugehen. Dort mischt auch Saudi-Arabien mit.
Nach Meinung von Al-Deen haben die Emiratis jedoch mit dieser Aktion „die roten Linien der Saudis überschritten“. Für Saudi-Arabien war die Offensive nicht mehr bloß ein Schachspiel um Macht, als die STC-Rebellen ihre Grenze erreichten. Es ging um ihre Sicherheit. So griff Riad die mutmaßlichen Waffenlieferungen der Emiratis im Hafen von Mukalla an. Und die Regierung forderte die Emirate auf, das Land innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Tatsächlich zogen die VAE offiziell ihre Truppen ab, obwohl Al-Deen davon ausgeht, dass sie weiterhin teilweise im Land verbleiben. Zugleich starteten Regierungstruppen eine Offensive gegen die STC, die daraufhin völlig überraschend Anfang des Jahres ihre Auflösung erklärte. Anführer der Rebellen, die sich nach Abu Dhabi geflüchteten hatten, riefen wiederum dazu auf, sich nicht aufzulösen. Jüngst griffen bewaffnete Gruppen aus dem Umfeld der STC den Präsidentenpalast in Aden an. „All dies wird nicht ohne die Genehmigung der VAE geschehen“, ist die Thinktankerin al-Deen überzeugt.
Sowohl Saudi-Arabien als auch die Emirate schickten nicht nur Truppen zum Kampfeinsatz in den Jemen. Laut Recherchen der BBC von 2024 sollen die Emirate mit Hilfe von US-Söldnern ab 2015 sogar gezielte Tötungen gefördert haben - Abu Dhabi dementiert das. In der BBC-Dokumentation sagt der Söldner Dale Comstock – muskelbepackte Armee, Tattoos, Glatze – beim Interview in Florida: „Wenn meine Händler sagen: ‚Das ist das Ziel, und das ist der Grund‘, wer bin ich dann, um Fragen zu stellen?“ Seine Händler, seine Vorgesetzten seien die Emiratis gewesen. Sie hätten ihn beauftragt, den jemenitischen Oppositionspolitiker Ansaf Mayo zu ermorden. Mayo gehört der Muslimbruderschaft an, die weder in der EU noch in den USA als Terrororganisation gilt, aber in den Emiraten verboten ist. Mayo erzählte der BBC, wie jemand sein Auto in der Hafenstadt Aden gesprengt habe. Daraufhin floh er nach Saudi-Arabien.