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Stablecoins: Eröffnen sie eine neue Ära des Geldtransfers?

Wie die globale Landschaft digitaler Währungen entsteht und wie Europa mitgestalten kann / Ein Essay der European School of Marketing and Technology (ESMT)
January 15, 2026
January 15, 2026

Von Christoph Burger und Joachim Wuermeling

Goldreserven, soweit das Auge reicht. Doch Kryptowährungen sieht man nicht. Das Foto (OeNB/Niesner) zeigt Goldbarren im Tresor der Österreichischen Nationalbank

Stablecoins, die an staatlich ausgegebene Währungen oder andere Vermögenswerte gekoppelt sind, verbinden traditionelle Finanzsysteme mit blockchain-basierten Infrastrukturen. Sie bieten mehr Stabilität für digitaleTransaktionen und neue Möglichkeiten, Geld über Grenzen hinweg zu transferieren.

 

Mit dem Wachstum digitaler Märkte stellen Stablecoins bestehende finanzielle Annahmen infrage und werfen Fragen zur Regulierung und zur zukünftigen Rolle digitalen Geldes auf – vor dem Hintergrund expandierender Kryptomärkte und anhaltender Reibungen bei grenzüberschreitenden Zahlungen.

 

Steigendes Interesse an Stablecoins

Die Marktkapitalisierung von Kryptowährungen hat inzwischen 3,6 Billionen US-Dollar überschritten. Gleichzeitig verursachen traditionelle grenzüberschreitende Zahlungen Gebühren von 2 bis 7 Prozent und Verzögerungenvon 2 bis 5 Tagen – ein Hinweis auf strukturelle Ineffizienzen. Diese Schwächen erklären das steigende Interesse an Stablecoins.

 

Klassische Zahlungssysteme wie SWIFT, CHIPS und ACH bleiben zuverlässig, sind jedoch langsam, teuer und nicht für programmierbare oder automatisierte Abwicklung konzipiert. Dadurch entstehen Chancen für digitale Währungen, einschließlich Stablecoins, die globale Zahlungen schneller und kostengünstiger machen könnten.

 

Die Wahl des Geldes auf der Blockchain ist entscheidend: Kryptowährungen sind dezentral, aber volatil; eine digitale Zentralbankwährung (CBDC) ist stabil, könnte aber die Privatsphäre einschränken; ein Stablecoin ist an Fiatgeld gekoppelt und bietet dadurch ein vorhersehbareres On-Chain-Asset.

 

Frühe Blockchains versprachen kontinuierliche, programmierbare Abwicklung, hatten jedoch Probleme mit Skalierbarkeit und regulatorischer Klarheit. Gesetze und Aufsicht sind weltweit weiterhin uneinheitlich.

 

Diese Unsicherheit betrifft alle Formen digitalen Geldes – einschließlich Stablecoins – und beeinflusst deren Einsatz über Grenzen hinweg. Politiker stehen daher vor der Aufgabe, digitale Vermögenswerte in bestehende Rahmen einzubetten und gleichzeitig der Nachfrage nach effizienteren Zahlungen gerecht zu werden.

 

Regulierungsbehörden müssen Missbrauch verhindern

In diesem Kontext treten Stablecoins als Finanzinstrument auf, das mit den Mandaten von Zentralbanken verschmilzt. Sie beeinflussen die Nachfrage nach Fiatgeld, schaffen Risiken, falls Emittenten scheitern, und stellen die monetäre Souveränität infrage. Zentralbanken müssen bedenken, ob Stablecoins die Nachfrage nach physischem Geld schwächen, während Regulierungsbehörden das Risiko von Liquiditätsabflüssen sowie Missbrauch verhindern müssen.

 

Finanzinstitutionen wiederum benötigen Integrationslösungen, um Stablecoins regelkonform in bestehende Systeme einzubetten. Diese Herausforderungen haben in wichtigen Wirtschaftsregionen zu sehr unterschiedlichen regulatorischen Antworten geführt.

 

In den USA haben sich politische Entscheidungsträger dafür entschieden, privaten Stablecoins Vorrang vor einer staatlichen CBDC einzuräumen. Der im Juli 2025 verabschiedete GENIUS Act verpflichtet Stablecoin-Emittenten zur Registrierung bei Bundesbehörden, zur Einhaltung von AML-Regeln und zur Aufrechterhaltung von Eins-zu-eins-Reserven in US-Dollar oder anderen risikoarmen Vermögenswerten.

 

Er adressiert das Risiko von „Bank Runs“ und illegaler Finanzierung durch unabhängige Prüfungen, bietet jedoch keine Einlagensicherung, und die Durchsetzung gegenüber ausländischen Emittenten bleibt schwierig. Das US-Modell spiegelt daher eine Präferenz für privatwirtschaftliche Innovation innerhalb klar definierter Grenzen wider.

 

 

Chinas Politik mit dem digitalen Yuan

 

China steht am entgegengesetzten Ende des Spektrums. Seit 2021 sind Kryptowährungshandel, -emission und -mining verboten, und für Stablecoin-Emittenten gelten in der Greater China Region strenge Lizenzvorgaben. Offshore-Initiativen wurden eingestellt, wenn sie dieAnforderungen nicht erfüllten. Gleichzeitig hat China die Nutzung des digitalen Yuan (e-CNY), der mittlerweile über 260 Millionen Nutzer hat, erheblich ausgeweitet. Diese Politik zeigt Chinas Ziel, die Kontrolle über digitale Zahlungen zu behalten und die internationale Nutzung des Yuan zu fördern.

 

Europa positioniert sich zwischen den US- und China-Modellen und sucht ein Gleichgewicht zwischen technologischer Innovation und Risikomanagement. Die Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCAR), die 2023 verabschiedet wurde und in allen EU-Mitgliedstaaten unmittelbar anwendbar ist, klassifiziert Stablecoins, verlangt Reserven und schreibt EU-weite Lizenzen vor.

 

Bis 2025 wurden 53 Lizenzen vergeben – ein Zeichen zunehmender regulatorischer Klarheit. MiCAR soll zudem die Fragmentierung verringern, die durch die Vielzahl verschiedener Stablecoins über Emittenten und Rechtsräume hinweg entsteht.

 

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) fördert Transparenz und gibt Leitlinien heraus, um die Einhaltung der Regeln sicherzustellen. Gleichzeitig warnt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), dass Stablecoins Geldwäsche oder Sanktionsumgehung erleichtern könnten, und fordert Anpassungen von MiCAR, um Stablecoins mit mehreren Emittenten über mehrere Jurisdiktionen hinweg besser zu regulieren.

 

 

EZB plant Einführung des digitalen Euro ab 2029

 

MiCAR enthält keine expliziten Regeln für Stablecoins, die gemeinsam von EU- und Nicht-EU-Entitäten herausgegeben werden – ein zukünftiges Entwicklungsfeld. Die Skalierung von Stablecoins für kleine und mittlere Unternehmen bleibt ebenfalls herausfordernd, auch wenn große Unternehmen die Technologie zunehmend nutzen. Parallel dazu plant die Europäische Zentralbank (EZB) die Einführung eines digitalen Euro ab 2029.

 

In der Anfangsphase wird dieser nicht als blockchain-basiertes Token funktionieren, sondern auf traditioneller Infrastruktur basieren. Die EZB entwickelt zudem eine „Trigger-Lösung“, die Blockchain-Transaktionen mit Geldübertragungen in Zentralbanksystemen verbindet und damit eine smart-contract-basierte Abwicklung ermöglicht.

 

Banken sehen Potenzial in tokenisierten Einlagen und kontinuierlicher Abwicklung, müssen jedoch Blockchain-Schnittstellen mit bestehenden Systemen integrieren. Unternehmen nutzen Stablecoins verstärkt, auch weil die zunehmende Regulierung Vertrauen in Stabilität und Transparenz schafft – auch wenn die Vielzahl unterschiedlicher Stablecoins und Nachhaltigkeitsbedenken bezüglich des Energieverbrauchs von Blockchains weiterhin große Themen sind.

 

Europa verfolgt damit einen doppelten Ansatz: Unterstützung von Stablecoins im Rahmen von MiCAR, während gleichzeitig der digitale Euro aufgebaut wird – eine Position zwischen dem innovationsgetriebenen US-Modell und dem souveränitätsorientierten China-Modell.

 

Stablecoins legen Ineffizienzen traditioneller Finanzsysteme offen und haben unterschiedliche Reaktionen der großen geopolitischen Akteure ausgelöst. Die USA fördern privatwirtschaftliche Innovation, China setzt auf staatlich kontrolliertes digitales Geld, und Europa sucht einen ausgeglichenen, regelbasierten Mittelweg. Europas Fähigkeit, Innovation, Wettbewerb und monetäre Souveränität in Einklang zu bringen, wird bestimmen, welchen Einfluss es bei der Gestaltung der entstehenden globalen Landschaft digitaler Währungen haben wird.

 

Anmerkungen der Redaktion:

Stablecoins sind digitale Kryptowährungen, die wertstabil sein sollen

Fiatgeld: „Normales“ staatliches Geld ohne eigenen Sachwert, z.B. Euro oder US-Dollar

CBDC (Central Bank Digital Currency) ist die digitale Zentralbankwährung

Autoren:

 

Christoph Burger ist Senior Lecturer an der ESMT Berlin und seit September 2025 Faculty Lead der MBA-Programme. Zuvor war er in der Industrie (Otto Versand, Bertelsmann Buch AG), in der Unternehmensberatung (Arthur D. Little) sowie als selbstständiger Berater im Bereich Private-Equity-Finanzierung von KMU tätig. Er beschäftigt sich mit Energie, Innovation, Blockchain sowie Entscheidungsfindung und Verhandlungsführung.

 

 


Joachim Wuermeling, Executive in Residence am Institute for Deep TechInnovation der ESMT Berlin und Senior Advisor im finanzaufsichtsrechtlichen Team von AO Shearman. Ehemaliger Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sowie Mitglied des Europäischen Parlaments.