
Von Farborz Saremi u. Mirko Wittwar
Seinen Angriff auf den Iran stellt Trump sich offensichtlich als eine Operation vor, die ähnlich ablaufen soll wie diejenige gegen Venezuela, wenn auch in deutlich größerem Maßstab – ein harter, schneller Schlag, der das Regime kurzfristig zum Einlenken bringt. Dafür spricht auch die Tatsache, dass er sich noch nicht einmal darum bemüht hat, sich die eigentlich von der Verfassung vorgeschriebene Genehmigung des Kongresses für einen Krieg einzuholen. Im Falle der Aktion gegen Venezuela – eher ein groß angelegtes Kommandounternehmen als ein Krieg – hat der Kongress Trumps Vorgehen aus genau diesem Grund hingenommen. Gelingt Trump ein vergleichbarer Erfolg auch im Fall des Iran, darf er darauf hoffen, dass der Kongress auch diesmal schweigt.
Allerdings ist nicht zu erwarten, dass die Dinge einen derartigen Verlauf nehmen. Der anfängliche Enthauptungsschlag, in dessen Verlauf die iranische Führung so weitgehend ausgeschaltet werden sollte, dass das Regime zusammenbricht, hat seine Ziele - zumindest nach jetzigem Stand - nicht erreicht. Das Regime war vorgewarnt und hat seine wichtigsten Führungspersönlichkeiten an sichere Orte verbracht, die nicht alle bekannt sein dürften bzw. so gehärtet sind, dass sie nicht ohne Weiteres zerstört werden können. Israel hat im Sommer 2025 wichtige Angehörige der iranischen Führung gleich in den ersten Stunden des Krieges ausschalten können, ohne das Regime entscheidend zu schwächen.
Ersatz für Chamenei steht längst bereit
Selbst wenn sich entgegen der ersten Meldungen aus dem Iran herausstellen sollte, dass bei dem Angriff auf die Residenz des „Obersten Revolutionsführers“ Ayatollah Chamenei ausgeschaltet wurde, würde dies vermutlich nur dazu führen, dass er zügig ersetzt wird. Angesichts Chameneis hohem Alter und seines angeblich fragilen Gesundheitszustandes ist davon auszugehen, dass ein Ersatz längst in Reserve steht. Ähnliches dürfte für andere Bereiche des Regimes gelten: Israel gelang es zum Beispiel, den Führer der Revolutionsgarden, Hossein Salami, zu töten, doch wurde dieser kurzfristig ersetzt, und die Revolutionsgarden haben seitdem nichts von ihrer Schlagkraft eingebüßt.
Fällt das Regime nicht in den nächsten Tagen, wird es alles dafür tun, den Krieg soweit auszuweiten wie nur irgend möglich.
- Die Straße von Hormuz fällt bereits jetzt für den Ölexport aus, da etliche Reedereien bzw. Ölproduzenten angekündigt haben, dort zunächst keine Transporte mehr durchzuführen. Es ist damit zu rechnen, dass der Iran demnächst die Sperrung der Straße von Hormuz verkünden wird, was den Großteil der Öllieferungen aus den arabischen Ländern endgültig zum Erliegen bringen würde. Die kürzlich stattgefundenen iranischen Manöver dort (einschließlich kurzfristiger Sperrung der Straße von Hormuz) waren ein klares, bewusst gesetztes Signal.
- DieHuthis im Jemen haben bereits angekündigt, erneut gegen die Schifffahrt im Roten Meer vorzugehen.
- Der Iran greift die US-Basen in der Region sowie Israel massiv an.
- In einem weiteren Schritt dürften die iranisch orientierten (meist schiitischen) Milizen der Region mobilisiert werden, um so viel Unruhe zu stiften wie möglich.
Dies hat die Führung in Teheran angekündigt, und es entspricht auch der Situation des Iran: Gerade weil das Regime außenpolitisch mit dem Rücken zur Wand steht, muss es unter allen Umständen verhindern, den Eindruck zu erwecken, es lasse sich von Trump herumkommandieren. Stattdessen muss es Stärke zeigen, wenn es in der Region überhaupt noch ernst genommen werden will.

Der Iran hat zuletzt eine Doppelstrategie betrieben:einerseits versuchte man in Teheran, grundsätzlich Verhandlungsbereitschaft zu zeigen (ohne ernsthafte Zugeständnisse), um Zeit zu gewinnen und einen US-Angriff soweit hinauszuzögern wie möglich. Andererseits wird man nun, reziprok zu Trumps Absicht eines kurzen, entscheidenden Schlages, versuchen, über die Ausweitung des Krieges den Konflikt möglichst in die Länge zu ziehen.
Angesichts dieser Situation stellt der amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran ein erhebliches Risiko dar, nicht nur für die globale (wirtschaftlich-politische) Lage, sondern auch für Trumps Präsidentschaft. Die Ölpreise werden deutlich steigen, was die Inflation in den USA – zuletzt überraschend zurückgegangen – erneut anheizen wird. Darüber hinaus werden steigende Ölpreise die ohnehin schon schwächelnde Weltwirtschaft, und somit auch diejenige der USA, deutlich beeinträchtigen. Dies ist für die im November anstehenden Zwischenwahlen eine aus Trumps Sicht sehr beunruhigende Entwicklung, da US-Wähler sich sehr stark an der wirtschaftlichen Entwicklung der USA, nicht zuletzt an den Preisen für die Lebenshaltung, orientieren – ein Punkt, der Trump schon bisher viel Zustimmung gekostet hat.
Das größte Risiko besteht jedoch darin, dass die USA in einen länger andauernden Krieg im Nahen Osten verwickelt werden könnten, falls das iranische Regime nicht nach den ersten Schlägen unmittelbar zusammenbricht. Die amerikanische Gesellschaft ist nach den langen militärischen Verwicklungen im Irak und in Afghanistan dezidiert kriegsmüde, und sowohl die Opposition als auch weite Teile seiner eigenen Anhängerschaft und Wählerbasis werden Trump Wortbruch vorwerfen. Seine Wahl zum Präsidente verdankt er nicht zuletzt dem Versprechen, keine auswärtigen militärischen Engagements mehr zu beginnen.
Andererseits kann Trump, nachdem er seine Forderungen gegenüber dem Mullah-Regime derart deutlich gemacht hat, nicht ohne Weiteres zurückziehen. Insbesondere seine Reputation als jemand, der die Weltmachtposition der USA auch durch militärische Stärke sichert, würde erheblich Schaden nehmen. Nachdem es ihm nicht gelungen war, einen diplomatischen Erfolg zu erreichen, blieb ihm kaum noch etwas anderes übrig, als den militärischen Drohgebärden der vergangenen Wochen Taten folgen zu lassen. Angesichts der Tatsache, dass ihm seine politischen Gegner ohnehin bereits vorwerfen, sich vom russischen Präsidenten Wladimir Putin allzu sehr hinhalten zu lassen – was gegenüber einer nuklearen Großmacht unter Umständen noch vertretbar wäre – konnte er sich die Hinhaltetaktik der Islamischen Republik Iran unter keinen Umständen bieten lassen, ohne als schwach dazustehen. Dies hätten ihm die amerikanischen Wähler auch nicht verziehen.

Ein weiterer bedeutender Faktor ist Israel. Seit klar war, dass der Sommerkrieg 2025 keine nachhaltigen Ergebnisse erzielt hatte, wollte die Regierung Netanyahu einen erneuten, diesmal endgültigen Krieg gegen den Erzfeind Iran, doch diesmal angesichts der Erfahrungen des Sommers nicht ohne die USA. Das iranische Drohnen- und Raketenarsenal hatte sich 2025 als überraschend effektiv erwiesen und das israelische Abwehrsystem an seine Grenzen gebracht.
Die Hoffnung des Iran, über die Beteiligung Israels an den Angriffen die arabischen Staaten auf seine Seite zu ziehen, indem man ein gemeinsames Feindbild „Israel“ beschwört, scheinen sich nicht auszuzahlen – angesichts der iranischen Gegenschläge auch in arabischen Staaten deutet sich zurzeit eher ein Zusammenrücken der Golfstaaten gegen den Iran an. Saudi-Arabien beispielsweise hat ausdrücklich den Vereinigten Arabischen Emiraten seine Solidarität versichert. Dort war am Samstag ein Mensch getötet worden.Raketen flogen über mehreren Golfstaaten. Auf der berühmten Palmeninsel in Dubai war am Samstag abend eine Explosion zu hören. Auch ist bisher kein ernsthafter Protest arabischer Staaten gegen den amerikanisch-israelischen Angriff zu hören. Selbst die Kritik des Oman, der zuletzt als Mediator bei den amerikanisch-iranischen Nuklearverhandlungen fungierte und sich zu Recht als hintergangen und als nützlicher Idiot missbraucht sehen darf, klang eher resigniert als empört.
Ein längerer Krieg bedeutet Wortbruch vor den amerikanischen Wählern
Trump hofft auf einen kurzen Krieg mit maximalem Ergebnis. Wahrscheinlicher ist, dass es selbst bei einem reinen Luftkrieg und der Fortsetzung der iranischen Angriffe auf regionale US-Basen nicht ohne amerikanische Verluste ausgehen wird. Die US-Regierung hat diese Möglichkeit auch bereits eingeräumt. Darüber hinaus ist nicht auszuschließen, dass sich das Mullah-Regime noch über einen längeren Zeitraum halten kann. In diesem Fall würde der Krieg noch nicht einmal greifbare Ergebnisse erzielen, es sei denn, es gelänge zumindest die nachweisbare, völlige Vernichtung der iranischen Nuklearkapazitäten, was nach den Erfahrungen des Sommerkriegs 2025 alles andere als sicher ist. Die öffentliche Meinung in den USA wird sich in diesem Fall noch stärker gegen einen ohnehin bereits innenpolitisch geschwächten Präsidenten wenden.
Trump hat allerdings jetzt keine Wahl mehr – er muss die Sache ausfechten. Ein Abbruch der Aktion ohne greifbare – und nachgewiesene– Ergebnisse wäre aus seiner Sicht nicht nur eine Blamage, sondern er wäre auch dem Vorwurf ausgesetzt, das Leben amerikanischer Soldaten und Bürger geopfert oder zumindest aufs Spiel gesetzt zu haben, ohne dafür irgendetwas zu erreichen. Trump hat sich in ein nur noch mit viel Glück aufzulösendes Dilemma begeben: Nur wenn es wider Erwarten gelingt, das Mullah-Regime innerhalb der nächsten Tage, maximal Wochen, in die Knie zu zwingen, kann der US-Präsident diesen Krieg als Erfolg darstellen. Gelingt dies nicht, hat er die USA entgegen seinen Versprechungen im Wahlkampf in einen längeren Krieg ausgerechnet im Nahen Osten verstrickt, an den die amerikanische Öffentlichkeit aus der jüngeren Vergangenheit äußerst ungute Erinnerungen hat. Das wird ihn weitere Zustimmung unter den Wählern kosten. Außerdem ist zu erwarten, dass je länger die militärische Auseinandersetzung dauert, auch die Frage der fehlenden Zustimmung des Kongresses aufgeworfen wird. Abgesehen von den erwartbaren politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen regional und weltweit, könnte dies in den USA zu einer Regierungs- oder sogar einer Verfassungskrise führen.