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"Die Reinkarnation des Dalai Lama wird das große Thema in den nächsten Jahren"

Der frühere Regierungschef der Exil-Tibeter, Lobsang Sangay, über die Auseinandersetzung mit China, die Fehler vieler Exilgruppen und die wichtigste Frage für sein Volk, die Nachfolge des Dalai Lama
February 25, 2026
February 25, 2026

Interview von Gudrun Dometeit

Gläubige beten für den Dalai Lama (Mitte) bei einer Zeremonie an seinem Exilstandort im indischen Dharamsala. Mönche stützen den 90-jährigen geistigen Führer der tibetischen Buddhisten (Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Shailesh Bhatnagar)

 

In Berlin hat vor kurzem ein “Dissidenten-Rat” getagt, den Sie geleitet haben. Was hatte es damit auf sich?  


Es haben sich über 40 Dissidenten aus der ganzen Welt, unter anderem aus Mauretanien, Somalia, Venezuela, Syrien, Afghanistan, Aserbaidschan, Russland und Belarus, versammelt, um Erfahrungen auszutauschen. Wie kann man Druck auf autokratische Regime ausüben? Was kann man als einzelner bewirken? Wie können andere Staaten helfen? Grundlage war mein Buch über Demokratie im Exil, das demnächst erscheint. Ich empfehle darin nach dem Modell Tibets allen Exilgemeinschaften, Regierungen, Parlamente, Parteien oder wenigstens Koordinationsbüros aufzubauen, damit sie auf einen Regimewechsel vorbereitet sind. Die Uneinigkeit iranischer Dissidenten zum Beispiel ist ein Problem auch für auswärtige Regierungen: Wer könnte eigentlich Ajatollah Khamenei nachfolgen, falls sein Regime fällt?

Inwiefern kann das tibetische Modell als Blaupause für andere dienen?

90 Prozent der Exilgruppen scheitern an Uneinigkeit und fehlendem Geld. Ihre Gastländer unterstützen sie oft nicht oder nicht ausreichend, weil sie den Missbrauch von Fonds fürchten. Und Autokraten herrschen in der Regel, weil es ihnen gelingt, die Elite zu spalten. Die einzige Option, demokratische Verhältnisse zu schaffen: Man muss sich zusammentun und kämpfen, eine vereinte Front bilden. Aber das passiert sehr oft nicht. Dabei bedeutet Einheit ja nicht ideologische Konformität, aber man muss sich unbedingt auf ein Ziel, d.h. in erster Linie die Ablösung des Regimes, einigen. Vielleicht kann man sich noch auf Demokratie oder ein säkulares System verständigen. Ob man aber nun wie im Iran Monarchist ist oder nicht – solche Fragen sind sekundär und verwirren andere Staaten nur. Wenn die tibetische Regierung gefragt wird, gibt sie eine einheitliche Antwort.

Aber so erfolgreich waren die Tibeter trotz Einigkeit ja bisher nicht – zu einer Veränderung der politischen Situation in China hat sie jedenfalls nicht geführt.

Wir kennen das Ende ja noch nicht. Natürlich haben wir auch interne Meinungsverschiedenheiten, aber wir haben uns eben auf eine Stimme geeinigt, die für uns spricht.


Ist so eine Exilregierung auch eine Art Labor, um Demokratie zu üben?

Ja, wir führen unsere eigenen Schulen, Krankenhäuser, Klöster. Wir haben eine Bank und diplomatische Vertretungen in der ganzen Welt. Wir funktionieren wie eine richtige Regierung, und das ziemlich effizient. Andere Exilgemeinschaften haben oft Probleme, die Anliegen ihrer eigenen Leute zu vertreten. Manchmal gibt es jede Menge Helfergruppen, die unkoordiniert alle das gleiche tun. Wir haben die ganze Palette, ob Außen-, Finanz-, Kultur- oder Energiepolitik, in den vergangenen 60 Jahren durchexerziert. Venezolaner und Iraner verfügen nicht über ein solches Wissen, weil sie eben keine vereinigte Front gebildet haben.


Fallen Ihre Ratschläge auf fruchtbaren Boden?


Ich habe mit Iranern, Afghanen, Venezolanern, Kambodschandern gesprochen. Viele sind interessiert.  


Zur Zeit schwelen viele schwere Konflikte, in der Ukraine, in Gaza, im Iran, in Venezuela. Donald Trumps Politik ist Dauerthema.  Die aggressive Chinapolitik in Tibet ist dagegen fast völlig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Sprechen Politiker überhaupt noch mit Ihnen?    


Ich klage niemanden an. In der Ukraine tobt schließlich ein richtiger Krieg, und was in Gaza, Hongkong, Venezuela, Iran oder Taiwan passiert, das ist alles real und dringlich. In den vergangenen 65 Jahren gab es immer wieder Ups und Downs, aber wir Tibeter bleiben gut vorbereitet. Meine afghanischen Freunde sind gerade frustriert, weil sie nicht mehr in den Nachrichten vorkommen. Aber die Tibeter werden nicht aufgeben. Wann immer wir wieder auftauchen in den News, stehen wir mit unserer ganzen Infrastruktur und unserem weltweiten Netzwerk bereit.  

 

Früher haben viele prominente Politiker oder Künstler in der Welt demonstrativ den Dalai Lama empfangen.  Machen sie das noch?


Es ist weniger geworden. Der Dalai Lama ist in den vergangenen vier, fünf Jahren auch nicht mehr viel gereist. Mit dem wachsenden, vor allem ökonomischen Einfluss Chinas haben sich viele auch zurückgezogen. Zwischen 2000 und 2016 wollte jeder Geschäfte mit dem Land machen. Mit der sogenannten Wolfskrieger-Diplomatie gerierte sich China jedoch immer aggressiver besonders gegenüber den Nachbarländern, und Covid hat das einst eher positive Bild von China vermutlich dauerhaft gewandelt. Selbst Deutschland hat jetzt einen realistischen oder skeptischen Blick auf das Land. Wenn man jetzt nach China geht - wie in diesen Tagen Bundeskanzler Friedrich Merz - macht man das zu dessen Bedingungen. Man unterwirft sich, und China wird das ausnutzen. Peking lädt niemanden ein, der sich nicht unterwirft. Denken Sie an den deutschen Außenminister, als er dort jüngst nicht empfangen wurde.


Bitten Sie China-Besucher, das Problem politischer Gefangener aus Tibet anzusprechen?

Wir bitten darum, auf zwei Dinge aufmerksam zu machen: Eine Million tibetischer Kinder werden in Internaten durch chinesische Propaganda und Sprache indoktriniert. Sie sollen zu Chinesen erzogen werden. Das zweite Anliegen betrifft den Dalai Lama selber, der immer wieder klar macht, dass seine Reinkarnation außerhalb Chinas in der freien Welt geboren wird. So drängen wir europäische oder amerikanische Führungspersonen, den Chinesen zu sagen, dass die Wiedergeburt einzig und allein eine persönliche Entscheidung des Dalai Lama ist. Um ein religiöser Lehrer zu bleiben, muss man die Freiheit der Religionsausübung haben. In Tibet erlaubt man aber nicht, Religion zu praktizieren. Sogar das Foto des Dalai Lama ist verbannt. Wie kann man in einem Land wiedergeboren werden, in dem das eigene Foto verboten ist?

Ein Mönch wirft seinen Wahlzettel in eine Urne - mit der Stimme für den Chef der Exilregierung. 103 Kandidaten waren Anfang Februar angetreten, bestätigt wurde der bisherige Sikyong, der Wirtschaftswissenschaftler Penpa Tsering. Alle fünf Jahre wählen die Tibeter, im April auch ihr Exilparlament (Foto: picture alliance/Anadolu/Yousuf Sarfaraz)


Was genau hat es mit der Reinkarnation auf sich?

Der jetzige  Dalai Lama ist der 14. 14 Mal haben die Tibeter also nach einem neuen gesucht, nach dem Jungen, in dem wir die Person des Dalai Lama erkannt haben – es ist die buddhistische Vorstellung von Bewusstsein und Karma.


Aber wie findet man den neuen?


Da muss man das Buch des Dalai Lama “My Land and My People” lesen. Dort gibt es ein Kapitel darüber, wie der 13. den 14. Dalai Lama gefunden hat – mit Hilfe von vielen spirituellen Ritualen und Praktiken. Es gibt immer mehrere Kandidaten, normalerweise Jungen, bei denen zwei oder drei, wiederum durch Rituale und Gebete, in die engere Auswahl gelangen. Das machen wir so lange, bis wir den Dalai Lama identifizieren können.  

Gibt es schon eine engere Auswahl?  


Noch nicht. Der jetzige Dalai Lama muss erst gestorben sein. Dann beginnt der Prozess. Aber er hat schon Schritte unternommen, in seinem Umfeld eine Person oder ein Findungskomitee zu benennen, die für den Reinkarnationsprozess verantwortlich sein werden. China dagegen hat niemanden dazu autorisiert, hält sich also nicht an die religiösen Procedere.


Und wenn China nach dem Tod des Dalai Lama plötzlich dessen Reinkarnation präsentiert?  


Die Tibeter betrachten die Nachfolgefrage als eine spirituelle und persönliche Angelegenheit. Und als eine des Glaubens. Wenn der Dalai Lama die Richtung vorgibt und der Junge schließlich gefunden wird, dann folgen wir ihm. Einen Fake-Dalai-Lama der chinesischen Regierung wird kein Tibeter und kein Buddhist anerkennen. Der 11. Panchen Lama, den der Dalai Lama ausgesucht hatte (und der eine wichtige Rolle bei der Reinkarnation spielen sollte, d. Red.), ist ja gekidnappt worden und seit 30 Jahren verschwunden. Wir haben versucht, ihn zu finden, er ist noch in China, bewegt sich offenbar von einem Militärcamp zum nächsten. Niemand darf ihn treffen oder sehen. Aber er ist der Auserwählte. Der von China bestimmte Panchen Lama ist dagegen irrelevant. Der Dalai Lama hat entschieden, außerhalb Chinas wiedergeboren zu werden, damit er nicht entführt wird. Wir versuchen diesem Wunsch zu entsprechen, aber es ist schwierig, weil China auf Länder wie Russland, Kambodscha oder Laos Druck ausüben wird, um seinen Dalai Lama anzuerkennen. Bis jetzt allerdings hat keines dieser Länder den Fake-Panchen Lama eingeladen.


Dann kann der nächste Dalai Lama auch aus Europa kommen?

Alle Orte außerhalb von China sind zumindest aus spiritueller Sicht gut für uns. Aber er muss auch an einem sicheren Ort geboren werden.  

Das heißt, Sie überlassen die Reinkarnation nicht dem Schicksal, sondern steuern den Prozess?  

Wir steuern das nicht, es ist am Dalai Lama, das zu entscheiden. Aber wenn Sie sich die Geschichte der Reinkarnationen ansehen, dann wird der nächste Dalai Lama immer dort geboren, wo der vorherige die meiste Zeit verbracht hat. Der dritte Dalai Lama hat zum Beispiel meist in der Mongolei gelebt, so wurde der vierte in der Mongolei geboren. Der jetzige hat die meiste Zeit in Indien verbracht, sodas die Wahrscheinlichkeit, dass er in Indien reinkarniert wird, hoch ist.    


Dann würde es vermutlich schwierig für Tibet, wenn sich Indien und China allzu sehr annähern.


Seit den Auseinandersetzungen zwischen Indien und China im Grenzgebiet zu Bhutan hat Peking dort Truppen stationiert. Der militärische Grenzkonflikt 2020, bei dem indische und chinesische Soldaten gestorben sind, hat das Verhältnis auf Dauer beschädigt. Im Kaschmirkonflikt unterstützt China zudem Pakistan, Indien aber Kaschmir. China wird in jedem Fall politischen und ökonomischen Druck ausüben, um uns zu schaden. Deshalb kann es sein, dass Nepal oder Kambodscha nicht sicher genug für uns sind. Aber am Ende des Tages muss der Dalai Lama bestimmen. Der komplexen geopolitischen Situation ist er sich absolut bewusst.  


Mit welchen Problemen ist die tibetische Bewegung konfrontiert?  


Über seine Konfuzius-Institute übt China an vielen Universitäten weltweit Einfluss aus. Die Free Tibet-Bewegung hat mit ihren Protesten erreicht, dass einige geschlossen wurden. Chinesische Studenten werden häufig von den Botschaften angestiftet, Druck auf uns auszuüben, unsere Aktivitäten einzustellen. Im vorigen Oktober sollte ich vor dem Harvard Club von Frankreich einen Vortrag halten. Der Präsident des Clubs musste zehn Mal den Ort der Veranstaltung ändern, weil der Termin dort immer wieder wegen mir gecancelt wurde. Am Ende stellte sich ein christliches Kolleg als Gastgeber zur Verfügung. Die Adresse wurde erst 24 Stunden vor Beginn des Vortrags bekanntgegeben, weil man fürchtete, die chinesische Botschaft könnte dafür sorgen, dass auch dieser Ort gecancelt würde.  

Die US-Regierung hat ihre weltweite humanitäre Hilfe zusammengestrichen. Auch für die Tibeter?

2020 haben Demokraten und Republikaner im Kongress das “Tibet-Politik- und Unterstützungsgesetz” verabschiedet, unterzeichnet von Präsident Donald Trump. Und zu Beginn der zweiten Amtszeit von Trump bekam unsere Exilregierung trotz der Beendigung von USAid fast die gesamte Unterstützung, aber vor kurzem wurde die Hilfe von 7,5 Millionen Dollar pro Jahr um die Hälfte gekürzt.  

Wie ist die humanitäre Lage zur Zeit in Tibet? Vor einigen Jahren protestierten verzweifelte Mönche mit Selbstverbrennungen gegen die Unterdrückung.

Während meiner Amtszeit ist das 133 Mal passiert. Aber seit 2022 hat es keine mehr gegeben. Die chinesische Regierung hat hart durchgegriffen, auch gegen die Familien der Selbstmörder oder die Dörfer, aus denen sie kamen. Ich selber habe appelliert an die Mönche, dass sie leben und kämpfen sollten. Die Selbstverbrennungen zeigten, wie unglücklich die Menschen über die Repressionen sind. China versucht die tibetische Kultur und den Buddhismus zu “sinisieren”, wie es heißt. Der Buddhismus muss auf chinesisch gelehrt werden. Das Schlimmste ist die Umweltpolitik. China hat rund 300 mittlere und kleine Dämme in Tibet gebaut – zur Energieversorgung chinesischer Fabriken und zunehmend auch für Datenzentren. Den größten Damm der Welt bauen sie am Fluss Brahmaputra zwischen Indien und Tibet, direkt an der Grenze, mit einer Produktionskapazität von 60.000 Megawatt. Das bedeutet gewaltsame Vertreibungen von Menschen, Überschwemmung von Dörfern. China beutet zudem den Reichtum an kritischen Mineralien aus. 75 Prozent seiner Lithium-Vorräte lagern in Tibet.

Und deshalb will China unbedingt die Kontrolle über die Region behalten?

Natürlich. Man muss auch wissen, dass sich 90 Prozent der seltenen Erden in der Inneren Mongolei befinden, 40 Prozent an Eisen und Öl in Xinjiang. Und alle diese Regionen folgen dem Dalai Lama, sogar in den russischen Regionen Burjatien, Tuwa und Kalmückien. Es ist ein regelrechter Himalaya-Gürtel mit einer großen Landmasse. Wenn man also den Dalai Lama kontrolliert, kontrolliert man dieses ganze Gebiet.

China baut gewaltige Staudämme zur Energieversorgung von Fabriken und Datenzentren in Tibet, hier das Yebatan Wasserkraftwerk an der Grenze zur Provinz Sichuan. Umweltschützer befürchten massive Folgen der Eingriffe in die Natur (Foto: picture alliance/dpa/HPIC)



Sie sagten, der Dalai Lama, der als charismatischer Religionsführer immer sehr viele Menschen anzog, reist kaum noch. Wie verbreiten Sie jetzt Ihre Standpunkte und Ideen?

Tja, das ist eine Herausforderung. Wir  übernehmen alle mehr Termine, aber ihn kann niemand ersetzen. Im vergangenen September war ich zum Beispiel an 23 Tagen unterwegs, hauptsächlich in Indien, habe in sieben Bundesstaaten Vorlesungen gehalten und eine Menge Leute getroffen. In anderen Monaten ist es ähnlich. Ein Semester lang reise ich, im anderen schreibe und lehre ich.  


Plant die Exilregierung eine besondere Kampagne, um mehr Aufmerksamkeit zu erringen?


Wie sind alle mit der Reinkarnation des Dalai Lama beschäftigt. Das wird das große Thema in den nächsten Jahren, weil China dadurch seine globalen Interessen beeinträchtigt sieht. Deshalb wollen wir Aufmerksamkeit schaffen und erklären, was der Prozess bedeutet und wie er abläuft. Wir wollen das Narrativ kontrollieren – in sozialen Medien, über Videos, Konferenzen und Meinungsartikel. Das muss man organisieren. Unsere Organisation heißt übrigens “108” – wir werden 108 Ausstellungen, Videos etc. haben. Es ist eine symbolische, eine heilige Zahl im tibetischen Buddhismus.

2023 hat es einen Skandal um den Dalai Lama gegeben, nachdem er bei einer öffentlichen Veranstaltung einen Jungen auf den Mund geküsst hatte. Wie sehr hat das Ihrer Bewegung geschadet?

Nach der Veranstaltung haben ihm Mutter und Großeltern des Jungen für das Treffen gedankt, alle haben applaudiert. Niemand hat sich etwas dabei gedacht. Der Dalai Lama ist immer zu Scherzen aufgelegt. Jemanden mit langer Nase zwickt er in die Nase, an einem langen Bart zupft er. Auch das mit dem Jungen haben wir als Scherz betrachtet. Aber chinesische YouTuber haben aus dem anderthalbstündigen Treffen 40 Tage später einen Sechs-Sekunden-Clip gemacht und gemeinsam mit pro-russischen YouToubern gesendet. Der ist viral gegangen, und niemand hat nachgeprüft, wer ihn verbreitet hat. Dann hat das Büro des Dalai Lama den Fehler begangen, einen Entschuldigungsbrief zu veröffentlichen. Warum sollte man sich entschuldigen, wenn gar nichts passiert ist? Das hat wiederum neue Schlagzeilen produziert.  


Haben Sie Ihre Kommunikation daraufhin verändert? Haben Sie Anhänger verloren?


Ja, man muss sich offenbar gegen solche Vorfälle wappnen, dagegen, dass manche eine Situation für ihre Zwecke missbrauchen. In der ersten Woche nach der Veröfffentlichung haben viele gefragt, was da los war, aber als wir es erklärt haben, haben sie gelacht.  

Wie steht es um die Gesundheit des Dalai Lama?


Seine Heiligkeit ist 90 Jahre alt, er hatte eine Knie-OP und geht langsam. Und er leidet unter einem kleinen Hörproblem. Aber er trifft immer noch bis zu 300 Menschen an einem Tag. Er mag einfach Menschen.


Er war zumindest lange eine Art religiöser Superstar. Was wird die tibetische Bewegung ohne ihn machen?  


Er ist, wie ich schon sagte, unersetzbar. Wir können jetzt nur alle gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das ist übrigens auch seine Vision. Deshalb hat er die Demokratie im Exil gegründet.  


Könnte der nächste  Dalai Lama auch eine Frau sein?


Technisch wäre das möglich, aber da alle bisherigen Männer waren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste auch ein Mann wird, hoch. Wir kennen aber auch weibliche Reinkarnation.  


Gerade ist  Penpa Tsering, seit 2021 Ihr Nachfolger als Regierungschef, wiedergewählt worden. Wird sich am politischen Kurs der Exilregierung etwas ändern?


Wir werden die Politik des “Mittleren Weges” fortsetzen – die eine wirkliche Autonomie innerhalb Chinas fordert.  

(Foto: Berlin Freedom Conference)


Lobsang Sangay hat von 2011 bis 2021 die tibetische Exilregierung geführt. Er folgte als politischer Führer dem Dalai Lama, der sich auf seine spirutellen Aufgaben konzentrieren wollte. Der Jurist Sangay lehrt als Gastwissenschaftler an der Harvard Law School in Cambridge, Massachusetts. Sein neues Buch beschäftigt sich mit Demokratiebildung im Exil. Beiträge erscheinen regelmäßig in US-Medien wie der New York Times oder dem Wallstreet Journal