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Trumps Griff nach Grönland ist seine bisher schlechteste Idee

Nichts von dem, was Amerika in diesem Land braucht, erfordert Souveränität oder militärische Gewalt. Von John Bolton
January 22, 2026
January 22, 2026

Grönland, hier Qaanaaq (Thule) im äußersten Norden der Insel, ist zum Objekt amerikanischer Begierde geworden (Quelle: Visit Greenland)

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat US-Präsident Donald Trump versichert, Grönland nicht gewaltsam vereinnahmen zu wollen. Er kündigte eine Vereinbarung mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte über einen angeblichen "Rahmen" für einen künftigen Deal zu der zu Dänemark gehörenden Insel an. Er komme den USA und allen anderen Nato-Staaten zugute. Die zusätzlichen Zölle von zehn Prozent, die er gegen Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Niederlande, Norwegen, Schweden und Großbritannien zum 1. Februar verhängt hatte, zieht Trump zumindest zunächst zurück. Unabhängig davon, wie die Lösung genau aussieht - laut Trumps ehemaligem Nationalem Sicherheitsberater John Bolton, inzwischen ein scharfer Kritiker des Präsidenten, haben die Drohungen gegen die Verbündeten jahrzehntelang aufgebautes Vertrauen zerstört. diplo.news druckt einen Beitrag, der in der Londoner Zeitung "The Telegraph" erschienen ist.  

Von John Bolton

Donald Trumps außerordentliche Drohung, Großbritannien und anderen Ländern Zölle aufzuerlegen wegen irgendwelcher DInge, die sie in Bezug auf Grönland gesagt oder getan haben, ist zweifellos seine gefährlichste und zerstörerischste Behauptung in den fünf Jahren seiner Präsidentschaft (2017-21 und seit 2025, d. Red.). Zu sagen, sie sei ohne Beispiel, untertreibt jedoch total, wie töricht und wie sehr sie grundlegenden amerikanischen Interessen zuwiderläuft.

Abgesehen von der historischen Unkenntnis und der inhaltlichen Inkohärenz von Trumps Social-Media-Beitrag sind die Folgen für die besondere Beziehung und das Nato-Bündnis – ja, für die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen, die die Vereinigten Staaten über Jahrzehnte hinweg versucht haben aufzubauen – unermesslich. Viele Trump-Anhänger versuchen, seine rhetorischen Ausbrüche herunterzuspielen, indem sie sagen: „So redet er eben.“ Allzu oft jedoch meint Trump tatsächlich, was er sagt. Andere sagen, man müsse Trump „ernst, aber nicht wörtlich“ nehmen – doch auch das bietet keinerlei Trost. Keine dieser Erklärungen kann seine erschreckenden Aussagen entschärfen.

Es gibt allen Grund zur Sorge um die Sicherheit Grönlands und aller Nato-Gebiete rund um den Arktischen Ozean. Tatsächlich ist der Hohe Norden zur weichen Unterseite der Nato geworden, so wie Winston Churchill das Mittelmeer im Zweiten Weltkrieg bezeichnete. Russland ist bereits eine arktische Macht, und China beabsichtigt, eine zu werden. Man stelle sich die Folgen vor, wenn eine chinesische Flotte durch die Beringstraße in den Arktischen Ozean einläuft und anschließend im Nordatlantik wieder auftaucht. Man kann sicher sein, dass Peking darüber nachdenkt.

Die USA, Kanada, Dänemark und Norwegen – und damit die gesamte Nato – haben ein großes Interesse daran, unsere kollektiven Verteidigungs- und Abschreckungsanstrengungen entlang der arktischen Küsten deutlich zu verstärken. Dazu gehören ernsthafte Maßnahmen zur Überwachung von Vorstößen russischer und chinesischer Über- und Unterwasserstreitkräfte sowie deren Luftaufklärung durch Satelliten, Drohnen und sogar „Wetterballons“.

Dabei geht es weniger um eine feindliche Invasion, wie Trump offenbar befürchtet, sondern um Geheimdienstaktivitäten zur Absicherung gegen künftige aggressive Handlungen. Unmittelbarer noch ist die berechtigte Sorge, dass Peking und Moskau versuchen könnten, durch finanzielle Initiativen nach dem Muster der „Neuen Seidenstraße“ Kontrolle über Grönland zu erlangen – so wie es bereits in Südasien, Afrika und Lateinamerika geschehen ist.

All dies lässt sich durch Verhandlungen unter Nato-Verbündeten regeln und erfordert weder amerikanische Souveränität über Grönland noch militärische oder wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen. Ich wäre begeistert, wenn die Grönländer frei und fair dafür stimmen würden, ein US-Commonwealth zu werden, doch Trumps polterndes Auftreten im vergangenen Jahr hat dafür gesorgt, dass dies nicht geschehen wird. Dennoch gibt es zahlreiche Alternativen, angefangen beim US-dänischen „Verteidigungsvertrag über Grönland“ von 1951.

John Bolton (Foto: United States Government, Public domain)

Auf Grundlage dieses Vertrags kann Washington im Wesentlichen den Bau sämtlicher militärischer Einrichtungen auf Grönland beantragen, die es benötigt. Dänische Regierungsvertreter können nicht verstehen, warum Trump nicht einfach fragt – denn sie sind bereit, „Ja“ zu sagen. Der Vertrag spiegelt frühere Kooperationsmuster wider. Im Zweiten Weltkrieg etwa unterhielten die USA 17 Militärbasen in Grönland. Während des Kalten Krieges bildete Grönland das östliche Ende der „Distant Early Warning“-Linie zur Erkennung anfliegender sowjetischer ballistischer Raketen. All dies wäre heute erneut möglich.

Der Widerspruch gegen Trump unter Republikanern im Kongress ist in den vergangenen drei Monaten deutlich gewachsen. Sollte er versuchen, seine Zolldrohungen umzusetzen, glaube ich, dass es zu einer umfassenden republikanischen Revolte gegen ihn kommen wird. Hoffentlich greift der Oberste Gerichtshof bald ein und erklärt den Großteil von Trumps Zöllen für ungültig und möglicherweise sogar für verfassungswidrig.

Doch wenn Trump nicht daran gehindert wird, seinen jüngsten bizarren Ausbruch in die Tat umzusetzen, besteht kaum Zweifel daran, dass sich die Beziehungen zwischen Washington und London sowie allen anderen verbündeten Hauptstädten dramatisch verschlechtern werden. Und wir alle werden in einer zunehmend bedrohlichen Welt weniger sicher sein.

© John Bolton / Telegraph Media Group Holdings Limited 2025