Interview von Gudrun Dometeit

General Yadlin, erleben wir gerade den Beginn eines Flächenbrandes, der sich über die Grenzen des Nahen Ostens und noch darüber hinaus auszubreiten droht? Wenn man die iranischen Angriffe auf Zypern und in der Türkei betrachtet, die Versenkung von Kriegsschiffen im Indischen Ozean durch die US-Navy, die Blockade der Straße von Hormus und die Drohungen gegen israelische Botschaften und US-Einrichtungen – gerät der Konflikt also außer Kontrolle?
Nein, ganz und gar nicht. Der Kern des Konflikts ist das islamische Regime, das den Nahen Osten mit Atomwaffen, ballistischen Raketen, Drohnen, Stellvertreterkriegen und Terror bedroht hat. Die USA und Israel haben, nachdem der Versuch der USA, eine Einigung zu erzielen, gescheitert war, beschlossen, dieses Problem nun militärisch zu lösen. Was wir sehen, ist der Versuch des Iran, den Rest der Welt Konsequenzen spüren zu lassen. Meiner Ansicht nach gehen sie dabei aber kontraproduktiv vor. Anstatt die USA zum Kriegsende zu drängen, werden die Golfstaaten selbst in den Krieg eintreten. Weil der Iran die Zivilbevölkerung in Abu Dhabi, Dubai, Manama, Doha, Riad, im Grunde also die sunnitischen Araber am Golf terrorisiert, die versucht haben, neutral zu bleiben. Sie wollten die Amerikaner von einem Krieg abhalten und lieber eine Entspannungspolitik mit dem Iran. Stattdessen hat Teheran sie in eine Lage gedrängt, in der sie sich dem Feldzug anschließen werden. Viele Raketenangriffe des Iran sind unverständlich: Warum werden die Türkei und Aserbaidschan angegriffen? Selbst Länder, die gegen das amerikanische Vorgehen sind, beteiligen sich nun zumindest an der Verteidigung gegen den Iran. Daher glaube ich nicht, dass dies ein regionaler oder globaler Krieg wird. Der Iran wird in einem Tempo zurückgeschlagen, das er nicht lange durchhalten kann. Er versucht, denke ich, eine bessere Position für einen Waffenstillstand und die Wiederaufnahme von Verhandlungen zu erreichen.
Militärisch gesehen hat der Iran also keine Chance gegen die vereinten Streitkräfte der USA und Israels?
In einem symmetrischen Krieg keinesfalls, die Iraner rühmten sich aber üblicherweise ihrer asymmetrischen Fähigkeiten. Die Drohnen, die auch in der Ukraine zum Einsatz kommen, kleine Raketen gegen die amerikanische Marine – solche asymmetrischen Taktiken sind allerdings ineffektiv. Sie schaffen keine kritische Masse, die auch nur den Gedanken an ein Kriegsende vor Erreichen der eigentlichen Kriegsziele nahelegen würde.
Ihre Annahme, dass es nicht einmal zu einem regionalen Krieg kommt – wie passt das zu den Berichten, dass die USA und Israel die Kurden im Irak um Hilfe gebeten haben? Und dass diese angeblich eine Bodenoffensive im Iran vorbereiten?
Das ist kein regionaler Krieg. Im Gegenteil, es ist ein fehlendes Puzzleteil im Versuch, ein Regime zu stürzen. Ein Regime lässt sich kaum durch Bombardierungen aus der Luft stürzen. Dazu braucht man Bodentruppen. Weder Israel noch die USA wollen Bodentruppen entsenden. Es ist nicht Deutschland 1945, auch nicht der Irak 2003. Ein Wandel wird hier nur durch einen inneren Aufstand erfolgen. Leider wurde der Aufstand des iranischen Volkes im Januar vom Regime niedergeschlagen. 30.000 Menschen wurden massakriert. Denken Sie jedoch an den Zusammenbruch des Assad-Regimes. Ahmed al-Scharaa, damals noch als Rebellenführer Abu Mohammed al-Dschuliani bekannt, stammt aus der Provinz Idlib und übernahm faktisch die Macht im Assad-Regime. Natürlich gibt es Unterschiede. Das iranische Regime ist immer noch stärker als es das Assad-Regime einst war. Der Iran ist zudem ein viel größeres Land, und die Kurden werden nicht von den Türken unterstützt. Aber dies ist möglicherweise der Beginn eines Regimewechsels. Übrigens haben weder Präsident Trump noch Premierminister Netanjahu das Ziel ihrer Kampagne zum Regimewechsel definiert. Es geht vielmehr darum, die Voraussetzungen zu schaffen und das iranische Regime so weit zu schwächen, dass ein Sturz von innen erleichtert wird oder das Land nicht mehr in der Lage ist, dem Nahen Osten Schaden, Terror und Instabilität zuzufügen.
Heißt das, es hat eine Anfrage von israelischer und amerikanischer Seite gegeben, und die Kurden werden tatsächlich Bodentruppen in den Iran entsenden?
Die einzigen Bodentruppen, die das Regime stürzen können, sollten aus dem Iran kommen.Und es gibt drei Minderheiten dort, die das Regime schlecht behandelt hat: die Kurden im Nordosten, die Belutschen im Osten und die iranischen Araber im Südwesten. Ich vermute, all diese Gruppen erhalten Unterstützung von außen und versuchen, das Regime zu schwächen.
Sie sagten kürzlich in einem Interview, die Zusammenarbeit zwischen Israel und den USA und CIA und Mossad sei noch nie so eng gewesen wie in diesem Krieg. Könnten Sie das erläutern? Worin besteht diese Zusammenarbeit genau?
Es ist das erste Mal in der Geschichte Israels, dass wir mit einer Supermacht in den Krieg ziehen. Und nicht nur mit irgendeiner Supermacht, sondern mit der stärksten Supermacht der Welt. 1956 im Sinai-Konflikt hatten wir eine Art Bündnis mit Großbritannien und Frankreich. Diesmal ist jedoch alles anders. Es gibt Kooperation und strategische Abgleichung der beiden Staatschefs, Präsident Trump und Premierminister Netanjahu. Auch auf höchster militärischer Ebene ist die Strategie koordiniert – durch Israels Generalstabschef, General Eyal Zamir, den US-Generalstabschef, General Caine, und den Kommandeur von CENTCOM (zuständig für den Nahen Osten, Ostafrika und Zentralasien, d. Red.), Admiral Charles Cooper. Israelis und Amerikaner planen gemeinsam, erstellen Kriegspläne und teilen die Aufgaben auf: Ihr nehmt diese Ziele ins Visier, wir jene Zielgruppe. Ihr kümmert Euch um diesen geografischen Sektor, wir um einen anderen. Es ist, als würden zwei Teilstreitkräfte derselben Armee zusammenarbeiten. Und selbst auf taktischer Ebene können unsere Piloten mit den amerikanischen Piloten kommunizieren. Sie können Lagebilder des Schlachtfelds austauschen. So etwas gab es noch nie. Es funktioniert hervorragend und wird auch in Zukunft so bleiben.

Begann die Zusammenarbeit bereits im Juni letzten Sommer mit den ersten Angriffen der USA und Israels und umfasst sie auch Aufgaben bei den sozialen Unruhen im Iran im Januar? Waren sie Teil des Plans?
Die strategische Zusammenarbeit zwischen Israel und den USA reicht bis in die 1980er-Jahre zurück. Damals handelte es sich jedoch hauptsächlich um eine Kooperation zur Abwehr gegen ballistische Raketen, Drohnen und andere Angriffe auf Israel. Diesmal ist es anders. Es ist, wie Sie erwähnten, auch eine verdeckte Operation, die im Wesentlichen die Zerstörung des iranischen Atomprogramms und der ballistischen Raketen zum Ziel hat. Es ist, als ob wir bei jeder Mission gemeinsam agierten - nicht nur bei politisch korrekten. Anders als bei der Sommeroperation, die Israel initiierte und die USA nichts dagegen hatte, haben wir diesmal gemeinsam begonnen und ich denke, wir werden sie auch gemeinsam beenden.
Wie war es möglich, die iranische Führung so schnell und präzise auszuschalten? Ohne Quellen im unmittelbaren Umfeld der iranischen Führung wäre das nicht möglich gewesen, oder irre ich mich?
Dies zeugt von der Effizienz und dem hohen Niveau der israelischen Geheimdienstquellen, die nicht nur aus menschlichen Quellen bestehen. Die Möglichkeit, alle Quellen zu bündeln erlaubt es, den Abschuss von Munition in Echtzeit zu steuern. Ich bin mir nicht sicher, ob viele Armeen dazu in der Lage sind, und zwar innerhalb einer Minute, um den obersten Anführer, 40 seiner Führungskräfte sowie die militärische Führung zu treffen. Das ist eine enorme Leistung aus nachrichtendienstlicher, operativer und strategischer Sicht.
Sie erwähnten einen Regimewechsel als Ziel dieses Krieges. Es gibt jedoch viele verschiedene Erklärungen, was man erreichen will. Unterscheiden sich die amerikanischen und israelischen Ziele, oder decken sie sich?
Sie decken sich. Und es ist erstaunlich, wie sehr sie übereinstimmen, denn ich habe Ihnen ja bereits zwei Ziele für diesen Krieg genannt: Erstens, die Fähigkeit des Iran zu reduzieren, Schaden durch ballistische Raketen, Atomwaffen, Drohnen und Stellvertreterkriege anzurichten. Hier kann man den Erfolg messen. Der Iran verfügte einst über 2.500 ballistische Raketen. Es sind ihnen in etwa 50 geblieben. Im Falles eines Regimewechsels ist das schwieriger. Solange das Regime nicht zusammenbricht, weiß man nicht, wie sehr man es geschwächt hat. Niemand kann einen Regimewechsel mit einer allgemeingültigen Formel prophezeien. Den Zusammenbruch der Sowjetunion oder des Schah-Regimes, das Ende des Mubarak oder Assad-Regimes hat niemand vorhergesagt. Daher müssen wir hier deutlich bescheidener sein. Wir müssen dieses Regime schwächen und hoffen, dass es von innen heraus verändert wird. Denn wir werden nicht in den Iran einmarschieren.

Amos Yadlin gilt als einer der einflussreichsten Sicherheitsberater in Israel. Er flog als Kampfpilot zahlreiche Einsätze unter anderem im Yom Kippur Krieg, im Irak und in Libanon, war Militärattaché an der israelischen Botschaft in Washington. Von 2006 bis 2011 führte er den Militärgeheimdienst seines Landes. Politisch engagierte er sich 2015 im Mittel-Links-Bündnis Zionistische Union, die ihn als Verteidigungsminister vorgesehen hatte. Mit dem von ihm gegründeten Consultingunternehmen MINDISRAEL berät Yadlin Politik und Militär in Fragen der israelischen Sicherheitspolitik.