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Was Deutschland von "China Speed" lernen kann

Nicht längere Arbeitszeiten, sondern kurze Entscheidungswege und eine effiziente Infrastruktur treiben Chinas Innovationsdynamik voran - und sollten Vorbild für die deutsche Industrie sein
March 17, 2026
March 17, 2026

Von Christoph Kirsch und Klaus Mühlhahn

 

Arbeiter eines Unternehmens in Jantai in der chinesischen Provinz Shandong fertigen Teile zur Produktion von Kälteanlagen und Wärmetauschern (Quelle: picture alliance / CFOTO | CFOTO)

 

Nach seiner Chinareise Ende Februar hat Bundeskanzler Friedrich Merz eine Debatte ausgelöst, die inzwischen weit über die Wirtschaft hinaus reicht. Seine Diagnose: Deutschland sei nicht mehr leistungsfähig genug. Mit Blick auf China warnte er, der Wohlstand des Landes lasse sich „mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche auf Dauer nicht erhalten“. Die Botschaft ist klar: Deutschland müsse wieder mehr arbeiten.

Doch diese Erklärung greift zu kurz. Sie reduziert Chinas wirtschaftliche Dynamik – oft als „China Speed“ bezeichnet – auf ein einziges Argument: längere Arbeitszeiten. Tatsächlich wird der Erfolg chinesischer Unternehmen häufig mit dem berüchtigten „996“-Modell erklärt, also Arbeit von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, sechs Tage die Woche. Doch wer die rasante Entwicklung Chinas, etwa in der Automobilindustrie, genauer analysiert, erkennt schnell: Der Erfolg hat weitaus mehr Ursachen. Die Arbeitszeit ist dabei nicht der einzige entscheidende Faktor.

Zweifellos wird in China mehr gearbeitet als in Deutschland. Die Arbeitszeiten sind länger, die Urlaubs- und Krankheitstage signifikant geringer. Doch dieser Umstand allein erklärt nicht den enormen Geschwindigkeitsvorteil bei der Entwicklung neuer Technologien. Ein Blick in die USA zeigt: Auch dort wird viel gearbeitet, häufig mit wenig Urlaub und begrenzter sozialer Absicherung. Dennoch erreichen amerikanische Unternehmen in vielen Industrien nicht die Entwicklungsgeschwindigkeit chinesischer Wettbewerber. Die Fixierung auf Arbeitszeit greift daher zu kurz.

Ein wesentlicher Unterschied liegt vielmehr in der Kommunikationskultur. In vielen westlichen Organisationen ist Kommunikation stark formalisiert und an Arbeitszeiten gebunden. Außerhalb dieser Zeiten wird Erreichbarkeit zunehmend kritisch gesehen. In China hingegen ist die Kommunikation unterstützt durch Plattformen wie WeChat nahtlos und erfolgt in Echtzeit. Probleme (im chinesischen xiao huo-„kleine Brände“ genannt) werden sofort gelöst, bevor sie sich zu unkontrollierbaren Flächenbränden ausweiten, die später immense Ressourcen binden. Während die chinesische Gesellschaft an sich hierarchisch strukturiert ist, verläuft die Kommunikation in erfolgreichen, schnell wachsenden Unternehmen erstaunlich direkt und unbürokratisch. Dieser Faktor der on-time Kommunikation hat einen mindestens ebenso großen Einfluss auf die Entwicklungsgeschwindigkeit wie die reine Arbeitszeit.

Hinzu kommt eine andere Entscheidungs- und Risikokultur. In Deutschland sind wirtschaftliche Entscheidungen häufig von langen Abstimmungsprozessen, regulatorischen Anforderungen und einer ausgeprägten Risikoaversion geprägt. Bevor eine Innovation vorangetrieben wird, müssen oft erst alle erdenklichen Risiken eliminiert werden. In China hingegen werden Entscheidungen schneller und pragmatischer getroffen. Die chinesische Bereitschaft, trotz einer gewissen Ausfallwahrscheinlichkeit Risiken einzugehen, beschleunigt Prozesse enorm. Überspitzt formuliert: In China sucht man nach Chancen – in Deutschland versucht man vor allem, Fehler zu vermeiden.

Besonders deutlich zeigt sich das derzeit in der Automobilindustrie. Jahrzehntelang galten Entwicklungszyklen von drei bis fünf Jahren für neue Modelle als Standard. Doch neue Wettbewerber, insbesondere aus der Technologiebranche, stellen diese Logik infrage. Nun drängen Internet- und Softwaregiganten auf den Markt, die Entwicklungszyklen von Smartphones (sechs bis zwölf Monate) oder kontinuierliche Software-Updates gewohnt sind. Sie übertragen diese Geschwindigkeit zunehmend auch auf industrielle Produkte. In China entstehen so Entwicklungsprozesse, die deutlich schneller und iterativer organisiert sind als in den traditionellen Industrien Deutschlands.

Ein weiterer Faktor ist die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungsketten. In Europa erschweren komplexe Compliance- und Wettbewerbsregeln häufig informelle Kooperationen und flexible Abstimmungen zwischen Unternehmen. Diese Regeln erfüllen wichtige Funktionen, können aber auch Prozesse verlangsamen. In China sind die Grenzen zwischen Unternehmen, Zulieferern und Partnern häufig durchlässiger, was schnelle Problemlösungen erleichtert.

Schließlich spielt auch die gesellschaftliche Haltung zu Technologie eine Rolle. In China herrscht eine bemerkenswerte Offenheit gegenüber neuen Technologien. Digitale Innovationen werden schnell akzeptiert und breit genutzt. In Deutschland dagegen wird technologischer Wandel häufig skeptischer betrachtet. Diese Zurückhaltung kann dazu führen, dass Innovationen langsamer in den Markt gelangen. Vorbehalte und eine gewisse Rückwärtsgewandtheit bremsen die schnelle Skalierung neuer Technologien im heimischen Markt.

Oft unterschätzt wird zudem die Bedeutung der Infrastruktur. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat China massiv in Transport, Logistik, Energieversorgung und digitale Netze investiert – von Hochgeschwindigkeitszügen über urbane Mobilität bis hin zu mobilen Bezahlsystemen und Cloud-Plattformen. Diese leistungsfähige Infrastruktur verkürzt Wege, beschleunigt den Austausch und ermöglicht es Unternehmen, neue Technologien schneller zu entwickeln, zur Anwendung zu bringen und zu skalieren.

Das Fazit: Der „China Speed“ ist nicht das Ergebnis von längeren Arbeitszeiten allein. Er entsteht aus schneller Kommunikation, pragmatischeren Entscheidungen, größerer Risikobereitschaft, einer hohen gesellschaftlichen Offenheit für neue Technologien sowie einer effizienten Infrastruktur. Wenn Deutschland seine wirtschaftliche Dynamik stärken will, sollte es diese strukturellen Faktoren stärker in den Blick nehmen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir mehr arbeiten – sondern ob wir agiler in der Kommunikation werden, mutiger in unseren Entscheidungen, flexibler in unseren Prozessen und offener für technologischen Fortschritt. Passiert das nicht, werden wir den Anschluss tatsächlich verlieren – aber nicht weil zu wenig, sondern weil falsch gearbeitet wird.

 

Die Autoren:

Christoph Kirsch ist Berater im Automobilsektor und war mehr als 35 Jahre international in der Automobilzulieferindustrie tätig, darunter viele Jahre in leitenden Funktionen in China.

Klaus Mühlhahn ist Professor für Chinastudien / Sinologie an der Freien Universität Berlin.