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In der Eskalationsfalle

Der Pearl-Harbor-Effekt und warum Gesichtswahrung im Krieg so gefährlich werden kann, wie wichtig Politiker sind, die über ihren Schatten springen, und warum die USA als Weltordnungsmacht ausgedient haben könnten. Ein Gespräch mit Erich Vad, dem ehemaligen sicherheitspolitischen Berater von Angela Merkel, über die Kriege der Gegenwart
April 6, 2026
April 6, 2026

Von ihm hängt der Weltfrieden ab: US-Präsident Donald Trump bei einer Rede an die Nation im Weißen Haus in der vorigen Woche (Foto:picture alliance/Zumapress.com/Wh Tv/White House)

Interview von Gudrun Dometeit

Sehen wir gerade den Anfang vom Ende der Nato?  Donald Trump droht mit dem Ausstieg der USA oder erpresst die Allianzmitglieder, indem er die Unterstützung der Ukraine von Hilfe im Iran-Krieg abhängig macht. Auch wenn die USA nicht austreten, erschüttert das alles nicht die Glaubwürdigkeit der USA als zuverlässiger Nato-Partner?



Aus strategischer Sicht werden die Amerikaner Europa niemals links liegen lassen. Sie brauchen die logistische Plattform Deutschland für weltweite Militärinterventionen. Nicht nur im Iran, das war auch in allen Kriegen zuvor so, im Irak, in Syrien, in Libyen. Die US-Basis Ramstein ist eine wichtige Drehscheibe für den gesamten Mittleren Osten. Sie könnten sie zwar woanders aufbauen, aber das kostet Zeit. Wenn Trump von der Nato als Papiertiger spricht, geht es vor allem um ein besseres Jobsharing, auch um einen höheren europäischen Verteidigungsanteil. Ein Großteil dieser Ausgaben fließt durch Waffeneinkäufe wieder zurück in die USA. Das hat übrigens Tradition. Im Zweiten Weltkrieg hatten fast 30 Staaten Abkommen über wirtschaftliche und militärische Hilfe der USA gegen die sogenannten Achsenmächte (Lend-Lease-Act 1941), die auf Heller und Pfennig zurückgezahlt wurde, zuletzt 2006 von Großbritannien und von Russland. Das wird so weitergehen in Europa, wenn wir unsere Sicherheit nicht in die eigene Hand nehmen.

Aber die Nato ist ein Verteidigungsbündnis, das seinen Mitgliedern Beistand leistet im Falle eines Angriffs.  Im Iran haben die Amerikaner jedoch selbst einen Krieg begonnen, für den plötzlich die Europäer einstehen sollen. Das führt doch die Idee der Nato ad absurdum. War die Äußerung von Kanzler Friedrich Merz, dass dies nicht unser Krieg sei, nicht auch in diesem Sinne zu verstehen?

Das stimmt. Das deutsche Rational einer Mitgliedschaft in der Nato ist ja, dass dies ein Verteidigungsbündnis ist und nicht zu einem Transmissionsrahmen weltweiter amerikanischer Einsätze degeneriert. Im Irankrieg hat es keine Absprache  mit der Nato gegeben, und die Begründung mit einem Verteidigungskrieg ist weit hergeholt. Aber denken wir an den Krieg der Nato 1999 gegen Serbien ohne UN-Mandat. Nach strengen Maßstäben war er auch nicht völkerrechtskonform, trotzdem haben wir ihn mitgetragen und sind sogar mitgeflogen. Es war der erste Kampfeinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg und ist rechtlich brisant, weil es ein Angriffskrieg war, so ähnlich wie im Iran. Für Deutsche ist dieser laut Grundgesetz verboten. Am völkerrechtswidrigen Irakkrieg 2003 beteiligten sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer zwar nicht. Was viele aber nicht mitbekamen: Deutschland hat logistisch den Amerikanern alles gegeben, was nötig war. Es gab schon immer Grenzbereiche und Versuchungen, die Nato auch anderweitig zu nutzen. Diese Tendenz hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt.



Nochmal die Frage:  Sehen wir das Ende der Nato – jedenfalls, wie wir sie kennen?

Die Amerikaner könnten ihre militärische Machtprojektion aus Europa heraus auch bilateral, zum Beispiel mit Staaten in Osteuropa, regeln. Wenn die US-Truppen, wie neulich von AfD-Co-Chef Tino Chrupalla gefordert, aus Deutschland abzögen, würden sie eben nach Polen gehen. Die USA brauchen vielleicht nicht unbedingt die NATO, aber weiterhin die geostrategische Kontrolle über Europa. Die werden sie nicht aufgeben, alleine schon mit Blick auf Russland und China. Wenn wir auf Augenhöhe kommen wollen, müssen wir Europäer strategisch autonomer und militärisch stärker werden. Davon sind wir meilenweit entfernt. In den Kriegen in der Ukraine und im Iran spielen wir weder politisch noch militärisch eine Rolle.



Die Sicherheitsexpertin Claudia Major spricht von einem “European Way of War”. Und nach dem iranischen Angriff auf die britische Militärbasis in Zypern wurde auch wieder der Beistandsartikel 42 des EU-Vertrages thematisiert.  Ist da nicht doch etwas in Gang gekommen – auch wenn man beispielsweise die jüngsten Vorschläge des französischen  Präsidenten Emmanuel Macron zur nuklearen Teilhabe betrachtet? Sie sind deutlich konkreter, und erstmals gibt es darüber Gespräche auch mit Deutschland.



Einen European Way of War werden wir wahrscheinlich erleben, wenn wir die Ukraine zum Beispiel in die EU aufnähmen. Viele unterschätzen die Bindewirkung des Artikels 42 des EU-Vertrages. Wir würden uns damit den Krieg mit Russland nach Europa holen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass  wir so einen europäischen Krieg auslösen. Ich hoffe da sehr auf einen vernünftigeren Weg der Anbindung der Ukraine an Europa, etwa über eine privilegierte Partnerschaft, jedenfalls solange, bis wir einen Waffenstillstands- und Friedensvertrag der Ukraine mit Russland haben.  

Der Nuklearschirm der Amerikaner war und ist nach meiner persönlichen Einschätzung eher eine Fiktion als Realität. Sie werden niemals "all in” gehen für Europa, wenn das Sanktuarium USA durch nukleare Gegenschläge Russlands oder Chinas in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Deshalb sind sie ja auch dabei, ihre Mittelstreckenraketen, Marschflugkörper und Hyperschallwaffen in Deutschland aufzustellen.

Und Frankreich wird nie die politische Kontrolle über den Einsatz von Nuklearwaffen aus der Hand geben. Es bleibt da eigentlich nur der nationale Weg Deutschlands, d. h. eigene Atomwaffen und eine vertiefte Kooperation mit Frankreich und Großbritannien. Ich bezweifle jedoch, dass deutsche Nuklearwaffen hierzulande mehrheitsfähig wären.

Im fünften Kriegsjahr: Die Überbleibsel einer russischen Kampfdrohne zeugen von einem der jüngsten russischen Dauerangriffe auf Kyiv und die Umgebung. Sie ging zwischen einem Kindergarten und einer Schule in Vyshneve nieder und zerstörte dort Gebäude (Foto: picture alliance/Photoshot)

Ein estnischer Sicherheitspolitiker hat gerade erneut von einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit eines russischen Angriffs auf Deutschland gesprochen. Die Deutschen seien bloß so naiv zu glauben, dass das nicht passieren werde.  Für die Russen sei solch ein Angriff daher einfach, weil die Deutschen im Gegensatz zu den Osteuropäern  darauf nicht vorbereitet seien.  Ist das Panikmache oder der Versuch, Deutschland in Sachen Verteidigung bei der Stange zu halten?  



Richtig ist, dass Deutschland Nachholbedarf hat, was die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung anbelangt. Und es ist auch richtig, die Bundeswehr wieder in einen Zustand zu versetzen, bei dem man von Kriegstüchtigkeit überhaupt reden kann. Eine Armee, die nicht kriegstüchtig ist, kann man sich getrost sparen. Das schließt nicht aus, dass man gleichzeitig auf politischen Dialog und Interessenausgleich setzt. Aber die verbreitete Dominotheorie - zuerst der Donbass, dann die ganze Ukraine und dann die Nato - ist meines Erachtens weit weg von den politischen Absichten und vor allen Dingen von den militärischen Fähigkeiten Russlands. Im fünften Jahr des Krieges haben sie Mühe, überhaupt den Donbass zu erobern. Und nach einem Waffenstillstand bleiben an der Grenze zur Ukraine starke militärische Kräfte gebunden. Für andere Operationen werden sie derzeit keine Kapazitäten haben.  

Russland bereitet sich aber natürlich auf einen großen Krieg vor. Das machen die Nato und Deutschland genauso. Man muss sich nur den Operationsplan Deutschland anschauen.  Allerdings - wenn es zu einem europäischen Krieg kommt, hätten wir mit Blick auf die deutsche Interessenlage politisch alles falsch gemacht. Aus US-Sicht wäre es eine rationale Option, aus deutscher Sicht wäre es fatal. Aufgrund unserer geografischen Mittellage in Europa haben wir ein Sicherheitsproblem seit 500 Jahren, seit dem Dreißigjährigen Krieg, als sich ausländische Mächte auf deutschem Boden geschlagen haben. Dabei ging fast die Hälfte der Bevölkerung drauf. Einen Krieg mit Russland kann man nur durch starke Abschreckungsfähigkeiten in Kombination mit Dialog und Interessenausgleich verhindern. Die Amerikaner reden seit anderthalb Jahren auf allen Kanälen mit den Russen, während wir stolz darauf sind, mit niemandem zu reden.

Welches Interesse sollte eigentlich Russland an einem Angriff auf Europa haben?

Ja, keins. Das ist absolut gegen die Interessenlage Russlands. Wir haben jede Menge Hotspots im Ostseeraum, Kaliningrad, Moldawien,  an der gesamten ukrainischen Frontlinie. Da kann sehr schnell etwas eskalieren zu einem allgemeinen Krieg. Aber egal, aus welchen Gründen er geführt wird: Deutschland kann keinen europäischen Krieg mit Russland wollen. Die Amerikaner führten und führen jede Menge Kriege, aber seit dem Sezessionskrieg nie auf eigenem Boden. Unsere Kanzler haben das in der Vergangenheit immer so eingeschätzt und in ihrer Politik gut hingekriegt. 1955, zehn Jahre nach dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sind wir Mitglied der Nato geworden. Das war ein starker Brocken aus Moskauer Perspektive. Im gleichen Jahr ist Adenauer nach Moskau geflogen, mit einer 150 Mann starken Delegation, und hat den Grundstein für die deutsch-russischen Beziehungen gelegt. Das war genial. So schwer es jetzt fällt - aus deutscher Sicht ist dies der einzige politisch kluge Weg, denn Russland wird ja nicht von der Landkarte verschwinden, sondern uns auch nach dem Ukraine-Krieg als schwieriger, mithin auch gefährlicher Nachbar erhalten bleiben.  

Also muss eine Art Befreiungsschlag des Kanzlers her?

Ich war 2008 mit Kanzlerin Angela Merkel in Bukarest, als es um die Aufnahme der Ukraine in die Nato ging, die sie damals stoppen wollte. Aber die Allianz hat sich anders entschieden. Die Amerikaner haben die Aufrüstung der Ukraine vorangetrieben, sie waren mit Nachrichtendiensten und Militärberatern permanent im Land und nicht unbeteiligt am Regierungswechsel in Kyiv. Sie sind Meister in Regime-Change-Operationen. Das ist in den USA wissenschaftlich aufgearbeitet worden und eben Ausdruck ihres Verständnisses als Weltordnungsmacht. Ich bin kein Antiamerikaner, aber man muss diesen Mechanismus sehen. Die Russen haben mit Blick auf den postsowjetischen Raum bis heute damit ein Problem.Sie wollen nicht, dass die Ukraine aus ihrem Einflussbereich in den westlichen transferiert wird. Das können sie aus ihrer Sicht genauso wenig zulassen wie die USA einen Kontrollverlust in Lateinamerika.

Trump will den Krieg in der Ukraine beenden, nicht um Europa zu stärken, sondern um China zu schwächen, weil er Russland aus dem Bündnis mit Peking herauslösen will. Wir als Europäer führen ihn aber brav fort, so als wäre US-Präsident Joe Biden noch im Amt. Klüger wäre es, das Zeitfenster bis zu den US-Zwischenwahlen zu nutzen und die Waffenstillstandsbemühungen Trumps zu unterstützen und nicht zu konterkarieren. Deutschland muss da in Führung gehen.  



Um eine Lösung für den Ukraine-Krieg zu finden, muss man sich also mehr mit dessen Genese auseinandersetzen?  

Man kann sicherlich die Vorgeschichte nicht ausblenden und so tun, als sei der Krieg mit der russischen Aggression losgegangen. Man muss schon die russischen Bedenken sehen, was eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine und westliche Truppenstationierungen dort anbelangt. Daher sollte man einen Weg finden, einerseits der Ukraine Sicherheitsgarantien zu geben, und andererseits dabei russische Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen.



Das heißt, ohne den Verzicht der Ukraine auf den Nato-Beitritt und Gebietsabtretungen wird es aus Ihrer Sicht keinen Frieden geben?  

Ja,  den Donbass werden die Russen nicht mehr aufgeben. Die Frage ist, ob die Ukrainer aus den letzten noch gehaltenen Gebieten freiwillig abziehen oder nicht. Aber dass die Amerikaner das mit Moskau und Kyiv alleine über unsere Köpfe hinweg verhandeln, finde ich, wie gesagt, schade. Europa hat sich aus den politischen Verhandlungen herauskatapultiert, weil es eindimensional nur auf die Ukraine gesetzt hat.  



Und wie kommen wir nun wieder ins Gespräch? Soll der Kanzler nach Moskau reisen und mit Wladimir Putin reden?  

Ich weiß nicht, ob  das jetzt noch etwas bringt. Deutschland ist außenpolitisch eine lame duck - mit Blick auf den Iran- und den Ukraine-Krieg. Ob der Kanzler nach Moskau kommt oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Das ist ja das Dramatische. Ich habe sehr früh gesagt und bin dafür auch sehr angegriffen worden, dass es keine militärische Lösung für den Ukraine-Konflikt gibt. Das ist übrigens im Iran-Krieg ähnlich. Ein Regime Change aus der Luft funktioniert nicht. Und man kann den Iran auch nicht einfach so militärisch besetzen wie den Irak.  



Welchen Sinn macht es dann, einen dritten Flugzeugträger und schnelle Eingreiftruppen an den Persischen Golf zu schicken? Auch von einer Bodenoffensive ist die Rede.  

Eine groß angelegte Landkriegsoperation ist nicht möglich gegen den Iran. Das Land hat eine ähnliche Topografie wie Afghanistan, nur dass es rund dreimal so groß ist. Sie haben dort nicht Stammeskrieger wie die Taliban, sondern organisierte Streitkräfte und fanatisierte, ideologisch fixierte Revolutionsgarden, die - ähnlich wie die militärischen Eliteeinheiten des Dritten Reiches - bis zur letzten Patrone kämpfen werden. Man müsste zudem Hunderttausende von Soldaten zusammenziehen, aus dem Indo-Pazifik zum Beispiel. Man kann die Straße von Hormus auch nicht einfach auf See freikämpfen ohne flankierende Landoperationen entlang einer 2000 Kilometer langen Küstenlinie oder die Mullahs aus dem Land holen wie den venezolanischen Ex-Präsidenten Nicolás Maduro, um sie in New York vor Gericht zu stellen. Genau das alles hat der US-Generalstabschef Dan Caine seinem Oberbefehlshaber Trump gesagt. Das sollte man ernst nehmen. Überhaupt sollte man militärischen Sachverstand ernster nehmen.



Gerade ist offenbar das Gegenteil der Fall. In den USA wurde soeben der Heereschef abgesetzt. Wie interpretieren Sie das?



Es gab offenbar Diskussionen über die Rolle von Landstreitkräften. Ich vermute, dass das einer der Gründe war. Für Trump ist es gefährlich, wenn er in einen lang andauernden Krieg hineingezogen würde. Das kann schnell passieren durch sogenannte Pearl-Harbor-Effekte. Wenn beispielsweise ein amerikanisches Kriegsschiff versenkt würde, käme er ohne gesichtswahrende Reaktion aus diesem Konflikt nicht mehr heraus. Dann steckte er mittendrin in der Falle der Eskalation. Die meisten Amerikaner sind gegen den Krieg. Auch wenn die israelische Lobby in den USA noch zu Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu steht und die Sicherheit Israels wichtig ist. Wenn Trump das überzieht oder nicht mehr gesichtswahrend aus dem Krieg herauskommt, ist sein politisches Schicksal entschieden. Und das der Republikaner auch.

Mousa Raoufi-Nia besucht das Grab seines Sohnes Mohammed in Minab in der iranischen Provinz Hormozgan. Der Junge wurde bei einem US-Luftangriff auf eine Schule am 28. Februar getötet. Mit ihm starben mindestens weitere 100 Kinder (Foto:picture alliance/Anadolu/Hamid Vakili)



Hat Sie die militärische Stärke des Iran überrascht? Jetzt heißt es sogar, dass er US-Kampfjets abgeschossen haben soll.  

In Katar haben sie eine zentrale Radarstation der Amerikaner ausgeschaltet, um sie damit in der gesamten Region blind zu machen. Die Munitionsvorräte sowie die Luftabwehr- und Raketenabwehrfähigkeiten der USA gehen zur Neige. Sie müssen bereits Systeme aus Südkorea dorthin bringen. Die iranischen Streitkräfte sind natürlich technologisch unterlegen, aber ich würde mir sehr gut überlegen, ob ich in das Land einmarschiere. Eine Bodenoperation stünde in keinem Verhältnis zu den Folgen, mal abgesehen von den Flüchtlingsbewegungen, die uns das in Europa bescheren würde und den wirtschaftlichen Schäden.  

Der ehemalige iranische Außenminister Mohammad-Dschawad Sarif hat ein "nachhaltiges" Friedensabkommen zwischen USA und Iran vorgeschlagen, bei dem der Iran auf einen Teil seines Atomprogramms verzichten und die Blockade in der Straße von Hormus aufgeben sollte, die USA im Gegenzug die Sanktionen aufheben müssten. Könnte sich Trump auf so ein Abkommen einlassen - gegen den Willen Israels?  

Das ist schwierig. Er muss einen Weg finden, der israelische Sicherheitsbedenken, aber auch iranische Interessen berücksichtigt.

Was ist aus Ihrer Sicht tatsächlich das strategische Ziel der Israelis? Und warum haben sich die Amerikaner wirklich eingelassen auf diesen Krieg?



Das strategische Ziel Israels, gerade unter Netanjahu, seit Jahrzehnten ist es, die staatlichen Gegenspieler des Landes aus dem Weg zu räumen. Das waren früher der Irak, Syrien, auch Libyen in gewisser Weise. Der Iran ist der letzte große, gefährliche staatliche Gegenspieler Israels, und das Ziel ist, ihn auf jeden Fall so zu schwächen, dass von ihm keine Aggression mehr ausgeht. Zurzeit läuft es aus strategischer Sicht gut für Israel. Und im Gegensatz zu den Ukrainern haben die Israelis eine starke Sicherheitsgarantie der USA. Ein Angriff auf Israel ist immer auch ein Angriff auf die USA.  


 
Wie kommt es eigentlich, dass global betrachtet Diplomatie und Dialog so sehr gegenüber der Anwendung von Gewalt ins Hintertreffen geraten sind? Militarisierung und Aufrüstung setzen sich überall durch. Laut SIPRI haben die weltweiten Verteidigungsausgaben 2025 den Rekordwert von fast 3 Billionen Dollar erreicht. CDU-Politiker sprechen inzwischen vom “naiven Glauben”, mit Gesprächen zum Weltfrieden beizutragen.

Aus deutscher Interessenlage heraus brauchen wir eine Sicherheitspolitik, die Krieg verhindert - nicht aus Pazifismus oder Träumerei sondern aus realpolitischen Gründen. Ein europäischer Krieg würde zerstören, was verteidigt werden soll. Mit dem Feind zu verhandeln statt zu kämpfen - ist nach wie vor das Prinzip deutscher Sicherheitspolitik, Ausdruck von Realpolitik und unserer geostrategischen Lage im Zentrum Europas. Militärische Stärke widerspricht dem gar nicht sondern gehört dazu. Ich finde Bemerkungen von Politikern, die die Ukraine mit allen Mitteln militärisch unterstützen und alles, selbst einen europäischen Krieg, riskieren wollen, naiv oder besser gesagt grob fahrlässig.  



Der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter spricht von einer erweiterten Selbstverteidigung Israels und rechtfertigt damit den Iran-Krieg.

Der Begriff ist in diesem Kontext einfach rechtlich falsch. Erweiterte Selbstverteidigung bedeutet, dass ich präventiv losschlagen kann, wenn ein Angriff unmittelbar bevorsteht. Damit ist nicht gemeint, dass man Selbstverteidigung inhaltlich so erweitern kann, dass man im Grunde genommen alles machen kann, was man will. Aber es gibt natürlich berechtigte strategische Interessen Israels gegenüber dem Iran. Völkerrechtskonform ist das Vorgehen der USA und Israels dennoch nicht. Der Irakkrieg mit Hunderttausenden Toten war es auch nicht, und der russische Krieg gegen die Ukraine ebenfalls nicht. Aber es ist schon spitzfindige Kasuistik, wenn man sagt, die Amerikaner und Israelis haben sich verteidigt, und die Russen sind die bösen Angreifer.



Welche Folgen wird insbesondere der Irankrieg für die USA als globale Führungsmacht haben? Stärkt er die USA, oder schwächt er sie?



China spielt gerade eine konstruktivere Rolle zusammen mit Pakistan, weil sie versuchen, den Krieg möglichst schnell durch Verhandlungen zu beenden. Im Mittleren Osten ist das Land ein recht starker Faktor geworden, auch weil es Peking gelang, das feindselige Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und Iran zu kitten und die beiden Staaten zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu bewegen. China braucht den Mittleren Osten auch aus wirtschaftlichen und energiepolitischen Gründen. Ich glaube, dieser Krieg, je nachdem wie lange er dauert, hat das Potenzial, den Anfang vom Ende der amerikanischen Weltmachtposition einzuleiten. Intervention in Venezuela, Drohungen gegen Grönland, Dänemark und Kanada, dann der Angriff auf den Iran. Viele fragen sich, wer als Nächster dran sein könnte. Amerika ist dabei, seine frühere Glaubwürdigkeit als Weltordnungsmacht aufs Spiel zu setzen. Dabei will China eigentlich eher zusammen mit den USA als gegen die USA Weltgestaltung übernehmen.  



Mit Europa jedenfalls nicht … Wann ist der Zug für die Europäer eigentlich abgefahren?   Warum konnte es bisher seine diplomatischen Stärken nicht ausspielen?

Der frühere israelische Premier Shimon Peres hat mal gesagt: There is no political leadership without risk. Man braucht Menschen, die Dinge in Gang bringen, die Frieden schaffen. Das kommt nicht von selbst. Ich denke an Moshe Dayan, für mich ein militärisches Idol. Das war ein sehr tougher General, der als Außenminister Israels 1978 das Friedensabkommen von Camp David mit auf den Weg gebracht hat. Oder an Yitzhak Rabin, auch ein tapferer Offizier, der mit Arafat, einem Terroristen, 1993 das Oslo-Abkommen abgeschlossen und dafür mit seinem Leben bezahlt hat. Auch Dayan wurde damals von seinen Generalskameraden heftig angegriffen. Aber er hatte den Grundsatz: Wenn du Frieden willst, reicht es nicht, mit deinen Freunden zu reden. Du musst mit deinem Feind reden. Dazu gehört Stärke. Ronald Reagan, der die Sowjetunion das Reich des Bösen nannte, beendete mit Michail Gorbatschow den Kalten Krieg. Meine ehemalige Chefin Angela Merkel, die deswegen viel Gescholtene, hat in Bukarest 2008 gewarnt, dass die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine eine rote Linie für Russland ist und faktisch Krieg bedeutet. Mit den Minsk-Vereinbarungen hat sie versucht,  einen politischen Prozess voranzutreiben. Es hat am Ende nicht funktioniert, aber sie hat es wenigstens versucht. Das ist für mich politische Stärke.

Es muss politische Führer geben, die im Sinn von Shimon Peres risikobereit sind. Die sehe ich in Europa nicht. Ich bin kein Pazifist, aber ich habe etwas gegen unsinnige Kriege. Und der Ukraine-Krieg ist für mich ein unsinniger Krieg, in dem ein ganzes Land verheizt wird. Gerade von deutschen Politikern erwarte ich, dass sie primär die Welt aus der nationalen Interessenlage heraus sehen, genauso wie Herr Selenskyj  aus der ukrainischen Sicht und wie Herr Trump aus der amerikanischen Perspektive die Welt betrachtet.

Sie  kennen als ehemaliger Berater Frau Merkel gut. Käme sie noch als Vermittlerin in Frage?

Angela Merkel hat ja kein politisches Amt mehr. Das bräuchte sie, um vermitteln zu können. Ich glaube auch nicht, dass sie sich das antun würde. Wir hatten mit Russland immer eine besondere Beziehung seit der Zeit von Adenauer, die heute als “Moskau Connection” oft schlechtgeredet wird. Für unser Land wäre sie dennoch weiterhin wichtig. In  der letzten Ampelregierung wurde sie über Bord geworfen, diese Linie wird so fortgesetzt. Das ist nicht gut für unser Land und sollte geändert werden.




Erich Vad, promovierter Historiker und Brigadegeneral a. D. der Bundeswehr, war Gruppenleiter im Bundeskanzleramt und Sekretär des Bundessicherheitsrates. Er ist Autor der Bestseller »Ernstfall für Deutschland. Ein Handbuch gegen den Krieg« sowie zusammen mit Klaus von Dohnanyi "Krieg oder Frieden. Entscheidung für Deutschland".